#3 Der Tod kommt leise

27. Dezember 2009 at 16:17 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - traurig) (, , )

Als ich abends nach Hause kam, begrüßte mich nicht wie üblich der köstliche Duft frisch gekochten Essens. Kein gebratenes Fleisch, kein gedünsteter Fisch. Nichts.
Hilde ließ nach, in letzter Zeit. Wir wurden beide nicht jünger, natürlich. Aber bis jetzt hatte sie meine Wünsche doch immer respektiert. Wie eben meine Vorliebe dafür, mich nach einem langen Tag zu meinem fix und fertig vorbereiteten Essen zu setzen.

Wahrscheinlich war Hilde wieder einmal vor dem Fernseher eingeschlafen. Die Stimmen hallten mir schon entgegen, während ich den Flur entlang ging. Als ich das Wohnzimmer betrat und mich der Couch von hinten näherte, hielt ich kurz inne. Sie zeigten in den Nachrichten gerade, wie eine Katze von der Feuerwehr aus einem brennenden Haus gerettet wurde. Gab es denn nichts Wichtigeres zu berichten?

Der Raum war abgedunkelt, wie immer, wenn Hilde fernsah. Ich hatte das Licht nicht angeknipst, als ich hereingekommen war, versteht sich. Ich wusste ja, wie unangenehm es war, plötzlich von grellem Licht geweckt zu werden. So zuckten nur die bunten Fernsehbilder über den Boden und warfen ihre Schatten an die Wände.

Ich hatte die Couch nun umrundet und da lag Hilde, in ihrer typischen Pose. Den Kopf in die Armbeuge gelegt, die Fernbedienung vor sich, die Augen geschlossen. Ganz friedlich.
Doch etwas war anders als sonst. Ihre Brust hob und senkte sich nicht im Takt ihres Atems. Ich erschrak nicht, als mir das klar wurde, wahrscheinlich war die Realität noch nicht bis zu mir vorgedrungen.
Ich hielt mein Gesicht ganz nah an ihres, berührte sie sanft an der Wange – doch sie regte sich nicht.

Als ich morgens aus dem Haus gegangen war, war es ihr doch noch gut gegangen? Oder hatte ich etwas übersehen?
Nun war sie tot. Und ich wusste nicht, ob sie mit der Gewissheit eingeschlafen war, dass ich sie auch liebte. Sie selbst war ein sehr liebesbedürftiger Mensch gewesen, sie mochte den Körperkontakt und hatte mich regelmäßig liebkost. Aber mir war das manchmal zu viel geworden und ich war einfach gegangen, ohne Erklärung. Und tagelang nicht wiedergekommen.
Ich hatte ihr wohl des Öfteren weh getan. Was für ein Dank für alles, das sie für mich getan hatte.

Im nächsten Leben würde ich es besser machen. Blieben ja noch acht.
Ich miaute zum Abschied leise und verschwand in der dunklen Nacht.

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#2 Heimkehr

22. Dezember 2009 at 16:46 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe) (, )

„Ferdinand, geh jetzt bitte! Ich kann das nicht mehr, ich halte das nicht länger aus…“ Er machte Anstalten, ihr ins Wort zu fallen, doch sie schüttelte nur den Kopf. „Ich will es nicht hören, ich hab es lang genug mit Geduld versucht, aber es klappt einfach nicht, das siehst du doch selbst. Geh, und komm erst wieder, wenn du dich im Griff hast!“
Wortlos nahm er den gepackten Koffer entgegen, den sie ihm hinhielt, und ließ leise die Tür hinter sich ins Schloss fallen. 

Abends bereute sie, was sie ihm an den Kopf geworfen hatte. Sie tat in der Nacht kein Auge zu und hoffte, es würde jeden Moment an der Tür klopfen und sie könnte ihrem Ferdinand um den Hals fallen. Doch er kam nicht.
Auch am nächsten Tag nicht. Annelie fragte, wann Papa wiederkäme. Doch ihre Mutter wusste es nicht.
Auch am Tag darauf nicht.
Am dritten Tag brach der Krieg aus und die ersten Bomben fielen.

Österreich – Schweiz – USA. Und überall die Hoffnung, sie würde ihn eines Tages wiedersehen, er würde einfach vor ihr stehen und alles wäre gut. Jeden Mann, den sie auf der Straße traf, musterte sie genau. Das Schicksal würde sie wieder zusammenführen. In ihr brannte eine unbekannte Sehnsucht, die kein anderer Mann stillen konnte.

Nach sechzig Jahren die Rückkehr nach Österreich.
„Ich will in der Stadt sterben, in der ich geboren wurde“, hatte sie zu Annelie gesagt. Und um einen Platz in einem Seniorenheim angesucht.

Vierundzwanzig Augenpaare, die sie aus verrunzelten Gesichtern heraus anschauten, als sie vorgestellt wurde. Und dann ein unscheinbarer Mann im Rollstuhl, der plötzlich seine Gleichgültigkeit abwarf und zum Leben erwachte. Er fragte: „Monika? Monika Grabmeier?“
Verblüfft musterte sie den alten Mann, sie erkannte ihn nicht wieder.
„Ferdinand, Ferdinand!“, rief er und ihr Herz schlug schneller, „ich kannte ihn!“ Er nahm sein Portemonnaie aus der Hosentasche. „Und endlich habe ich Sie gefunden“, fuhr er fort und reichte ihr ein vergilbtes Blatt Papier, das zu einem kleinen Rechteck zusammengefaltet war. Auf diesem stand: „Für Monika, die Liebe meines Lebens.“

Zwei Tage später konnte Monika ihrem Ferdinand selbst für den schönsten Brief danken, den sie je erhalten hatte.

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#1 Abschied

8. Dezember 2009 at 00:42 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , )

Als ich erfuhr, dass ich sterben würde, weinte ich um mein Leben. Das, das ich hatte und das, das ich nie erleben würde. Ich dachte an meine Freunde und meine Familie, an all die Menschen, die ich zurücklassen würde. Ich dachte sogar an die wenigen, die ich nicht ausstehen konnte und ob es jetzt an der Zeit wäre, sich mit ihnen zu versöhnen oder sie wenigstens mit all ihren Macken so gut kennenzulernen, dass es mir unmöglich war, sie zu hassen. 

Gerne würde ich sterben und alles „in Ordnung“ hinterlassen, so dass jeder, der mich gekannt hatte, sagen würde: „Sie war eine fabelhafte junge Frau.“ Doch dann entschied ich mich dagegen – ich würde den Menschen meine Zeit widmen, die mich ohnehin schon liebten. 

In maximal – und maximal heißt, dass es auch morgen schon so weit sein könnte, wie der Arzt mehrmals betonte – in maximal drei Wochen also sollte es zu Ende sein. Die Schmerzen würden zunehmen, von Tag zu Tag ein bisschen mehr oder auch in Schüben. Wenn ich Glück hatte, so sprach der Doktor, würde es kürzer als drei Wochen dauern, schnell und schmerzlos über die Bühne gehen.

Glück nannte er das. 

Nein, ich wollte es auskosten, ich hatte mein Leben bewusst gelebt, also wollte ich auch bewusst sterben. Krank? In der Tat, ich bin krank, darüber besteht kein Zweifel. Lebensmüde? Bestimmt nicht. 

Ich dachte an all die Dinge, die ich noch erleben wollte – oder erleben hatte wollen.
Eine Weltreise machen.
Ein Buch schreiben.
Eine Familie gründen.
Im Lotto gewinnen.
Das Nordlicht sehen.
Von einem Mann auf dem Eiffelturm geküsst werden.
Einen Sonnenuntergang am Meer sehen.
Mit den Delfinen schwimmen… 

Ich hatte aufgehört zu weinen. Kurz schloss ich die Augen und machte meine Weltreise: Ich ging im Central Park in New York mit George Clooney spazieren, trank Tequila in Mexiko mit Männern mit ausladenden Sombreros auf dem Kopf, fuhr fröhlich mit finsteren Mafiosi auf einer Gondel durch Venedigs Kanäle, kletterte mit dem Kaiser von China auf der Chinesischen Mauer, streckte mit Nelson Mandela die Zehen ins Meer vor der Elfenbeinküste… 

Auf meiner Weltreise erledigte ich noch schnell einige andere Dinge auf meiner Liste. Schade war nur, dass ich keine Fotos machen konnte. Aber mit der richtigen Software würde sich da wohl etwas zusammenschneiden lassen.
Ich öffnete die Augen wieder. Ich war etwas müde nach meiner Weltreise, der Jetlag machte mir ein wenig zu schaffen, aber ich war nicht mehr traurig. 

Wenn du weißt, dass du sterben wirst, verlieren die materiellen Dinge an Wichtigkeit. Was zählt, sind die Erinnerungen, die du in der Welt zurücklässt. Da waren Momente, die bleiben würden, auch wenn ich ging. 

Der Abend in Kindertagen, an dem meine beste Freundin und ich uns Geschichten erzählt hatten, bis wir einschliefen, als die ersten Sonnenstrahlen uns an der Nase kitzelten. 

Der Tag, an dem mein Vater mir das Fahrradfahren beibrachte und am Ende erschöpfter war als ich, weil er immer hinter mir her laufen hatte müssen.

Der Morgen, an dem meine Mutter mich weckte, indem sie mir eine kleine Katze aufs Bett setzte, die im Nu ein fixer Bestandteil unserer kleinen Familie war.

Die Viertelstunde, die ich mich an meinen Bruder festkrallte, als er mich letzte Woche in waghalsigem Tempo auf seinem klapprigen alten Moped zum Bahnhof brachte. 

Der Vormittag, als ich mit meiner kleinen Schwester das Lesen übte, mit meinem Lieblingskinderbuch. 

Mein erster Kuss in irgendeinem verrauchten Partykeller mit einem Jungen, der nun schon lange keine Zahnspange mehr hatte. 

Und schließlich der Tag, an dem wir alle zusammen Omas Geburtstag gefeiert hatten, draußen im Garten, und es plötzlich so stark zu regnen begonnen hatte, dass wir alle klatschnass waren und uns vor lauter Lachen nicht mehr einkriegen konnten.

Ob sich meine Liebsten an dieselben Dinge erinnern würden, wie ich? Vermutlich nicht. Es würden andere Momente sein, die sie an mich erinnerten. Vielleicht würden sie an mich denken, wenn sie einen Kirschkuchen buken, einen Spaziergang durch den Herbstwald machten oder sich den Kopf an der Autotür stießen. Wer weiß. 

Ich lächelte. Und lebte glücklich und zufrieden bis an mein Lebensende, weil ich wusste, dass ich in den Gedanken derer die mich liebten weiterleben würde.

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Endlich ist es so weit!

8. Dezember 2009 at 00:38 (Blog)

Ja, tatsächlich, ich habe Zeit gehabt, den ersten kleinen Text abzutippen.

Ernst gemeinte Kommentare sind natürlich erwünscht! =)

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