#1 Abschied

8. Dezember 2009 at 00:42 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , )

Als ich erfuhr, dass ich sterben würde, weinte ich um mein Leben. Das, das ich hatte und das, das ich nie erleben würde. Ich dachte an meine Freunde und meine Familie, an all die Menschen, die ich zurücklassen würde. Ich dachte sogar an die wenigen, die ich nicht ausstehen konnte und ob es jetzt an der Zeit wäre, sich mit ihnen zu versöhnen oder sie wenigstens mit all ihren Macken so gut kennenzulernen, dass es mir unmöglich war, sie zu hassen. 

Gerne würde ich sterben und alles „in Ordnung“ hinterlassen, so dass jeder, der mich gekannt hatte, sagen würde: „Sie war eine fabelhafte junge Frau.“ Doch dann entschied ich mich dagegen – ich würde den Menschen meine Zeit widmen, die mich ohnehin schon liebten. 

In maximal – und maximal heißt, dass es auch morgen schon so weit sein könnte, wie der Arzt mehrmals betonte – in maximal drei Wochen also sollte es zu Ende sein. Die Schmerzen würden zunehmen, von Tag zu Tag ein bisschen mehr oder auch in Schüben. Wenn ich Glück hatte, so sprach der Doktor, würde es kürzer als drei Wochen dauern, schnell und schmerzlos über die Bühne gehen.

Glück nannte er das. 

Nein, ich wollte es auskosten, ich hatte mein Leben bewusst gelebt, also wollte ich auch bewusst sterben. Krank? In der Tat, ich bin krank, darüber besteht kein Zweifel. Lebensmüde? Bestimmt nicht. 

Ich dachte an all die Dinge, die ich noch erleben wollte – oder erleben hatte wollen.
Eine Weltreise machen.
Ein Buch schreiben.
Eine Familie gründen.
Im Lotto gewinnen.
Das Nordlicht sehen.
Von einem Mann auf dem Eiffelturm geküsst werden.
Einen Sonnenuntergang am Meer sehen.
Mit den Delfinen schwimmen… 

Ich hatte aufgehört zu weinen. Kurz schloss ich die Augen und machte meine Weltreise: Ich ging im Central Park in New York mit George Clooney spazieren, trank Tequila in Mexiko mit Männern mit ausladenden Sombreros auf dem Kopf, fuhr fröhlich mit finsteren Mafiosi auf einer Gondel durch Venedigs Kanäle, kletterte mit dem Kaiser von China auf der Chinesischen Mauer, streckte mit Nelson Mandela die Zehen ins Meer vor der Elfenbeinküste… 

Auf meiner Weltreise erledigte ich noch schnell einige andere Dinge auf meiner Liste. Schade war nur, dass ich keine Fotos machen konnte. Aber mit der richtigen Software würde sich da wohl etwas zusammenschneiden lassen.
Ich öffnete die Augen wieder. Ich war etwas müde nach meiner Weltreise, der Jetlag machte mir ein wenig zu schaffen, aber ich war nicht mehr traurig. 

Wenn du weißt, dass du sterben wirst, verlieren die materiellen Dinge an Wichtigkeit. Was zählt, sind die Erinnerungen, die du in der Welt zurücklässt. Da waren Momente, die bleiben würden, auch wenn ich ging. 

Der Abend in Kindertagen, an dem meine beste Freundin und ich uns Geschichten erzählt hatten, bis wir einschliefen, als die ersten Sonnenstrahlen uns an der Nase kitzelten. 

Der Tag, an dem mein Vater mir das Fahrradfahren beibrachte und am Ende erschöpfter war als ich, weil er immer hinter mir her laufen hatte müssen.

Der Morgen, an dem meine Mutter mich weckte, indem sie mir eine kleine Katze aufs Bett setzte, die im Nu ein fixer Bestandteil unserer kleinen Familie war.

Die Viertelstunde, die ich mich an meinen Bruder festkrallte, als er mich letzte Woche in waghalsigem Tempo auf seinem klapprigen alten Moped zum Bahnhof brachte. 

Der Vormittag, als ich mit meiner kleinen Schwester das Lesen übte, mit meinem Lieblingskinderbuch. 

Mein erster Kuss in irgendeinem verrauchten Partykeller mit einem Jungen, der nun schon lange keine Zahnspange mehr hatte. 

Und schließlich der Tag, an dem wir alle zusammen Omas Geburtstag gefeiert hatten, draußen im Garten, und es plötzlich so stark zu regnen begonnen hatte, dass wir alle klatschnass waren und uns vor lauter Lachen nicht mehr einkriegen konnten.

Ob sich meine Liebsten an dieselben Dinge erinnern würden, wie ich? Vermutlich nicht. Es würden andere Momente sein, die sie an mich erinnerten. Vielleicht würden sie an mich denken, wenn sie einen Kirschkuchen buken, einen Spaziergang durch den Herbstwald machten oder sich den Kopf an der Autotür stießen. Wer weiß. 

Ich lächelte. Und lebte glücklich und zufrieden bis an mein Lebensende, weil ich wusste, dass ich in den Gedanken derer die mich liebten weiterleben würde.

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