#2 Heimkehr

22. Dezember 2009 at 16:46 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe) (, )

„Ferdinand, geh jetzt bitte! Ich kann das nicht mehr, ich halte das nicht länger aus…“ Er machte Anstalten, ihr ins Wort zu fallen, doch sie schüttelte nur den Kopf. „Ich will es nicht hören, ich hab es lang genug mit Geduld versucht, aber es klappt einfach nicht, das siehst du doch selbst. Geh, und komm erst wieder, wenn du dich im Griff hast!“
Wortlos nahm er den gepackten Koffer entgegen, den sie ihm hinhielt, und ließ leise die Tür hinter sich ins Schloss fallen. 

Abends bereute sie, was sie ihm an den Kopf geworfen hatte. Sie tat in der Nacht kein Auge zu und hoffte, es würde jeden Moment an der Tür klopfen und sie könnte ihrem Ferdinand um den Hals fallen. Doch er kam nicht.
Auch am nächsten Tag nicht. Annelie fragte, wann Papa wiederkäme. Doch ihre Mutter wusste es nicht.
Auch am Tag darauf nicht.
Am dritten Tag brach der Krieg aus und die ersten Bomben fielen.

Österreich – Schweiz – USA. Und überall die Hoffnung, sie würde ihn eines Tages wiedersehen, er würde einfach vor ihr stehen und alles wäre gut. Jeden Mann, den sie auf der Straße traf, musterte sie genau. Das Schicksal würde sie wieder zusammenführen. In ihr brannte eine unbekannte Sehnsucht, die kein anderer Mann stillen konnte.

Nach sechzig Jahren die Rückkehr nach Österreich.
„Ich will in der Stadt sterben, in der ich geboren wurde“, hatte sie zu Annelie gesagt. Und um einen Platz in einem Seniorenheim angesucht.

Vierundzwanzig Augenpaare, die sie aus verrunzelten Gesichtern heraus anschauten, als sie vorgestellt wurde. Und dann ein unscheinbarer Mann im Rollstuhl, der plötzlich seine Gleichgültigkeit abwarf und zum Leben erwachte. Er fragte: „Monika? Monika Grabmeier?“
Verblüfft musterte sie den alten Mann, sie erkannte ihn nicht wieder.
„Ferdinand, Ferdinand!“, rief er und ihr Herz schlug schneller, „ich kannte ihn!“ Er nahm sein Portemonnaie aus der Hosentasche. „Und endlich habe ich Sie gefunden“, fuhr er fort und reichte ihr ein vergilbtes Blatt Papier, das zu einem kleinen Rechteck zusammengefaltet war. Auf diesem stand: „Für Monika, die Liebe meines Lebens.“

Zwei Tage später konnte Monika ihrem Ferdinand selbst für den schönsten Brief danken, den sie je erhalten hatte.

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