#5 Neue Nachbarn

10. Januar 2010 at 18:28 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , )

„Schatz, nimmst du bitte noch den großen Koffer? Dann sind wir fertig“, rief Frau Müller ihrem Ehemann über die Schulter zu.
„Ja“, schnaufte er und schlug die Autotür zu.
„Oh, sieh mal Schatz, in der leer stehenden Wohnung brennt ja Licht!“, sagte sie überrascht.
Er fluchte. „Kaum sind wir zwei Wochen weg, vermieten sie die Wohnung… Dabei war doch ausgemacht, dass alle Mieter mit den neuen Nachbarn einverstanden sein müssen!“, knirschte er erbost mit den Zähnen. „Das darf doch nicht wahr sein!“
„Aber Schatz“, beschwichtigte sie ihn, „vielleicht sind sie ja ganz nett, reg dich doch nicht so auf…“

Als sie an der Wohnung vorbeigingen, hörten sie fröhliches Kindergeschrei, Toben und Lachen. Er musterte das Türschild und murmelte abfällig „Ausländer!“. Sie hörten das vergnügte Lärmen immer noch, als sie in ihrer Wohnung im Stock darüber angekommen waren.

„Jetzt ist das Maß voll! Ich will meine Ruhe!“, schimpfte Herr Müller und griff zum Telefon. „Ja, guten Tag, Müller am Apparat. Ich möchte gerne eine Anzeige wegen Ruhestörung erstatten…“ Seine Frau hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Was? Aber es ist doch schon Abend… Ich bin mir sicher, dass der Lärm anhalten wird… Wie, Sie können nichts tun?… Na gut, da ist aber noch etwas anderes… Es ist ein Kindergeburtstag und ich glaube ehrlich gesagt, dass der Vater seine Kinder missbraucht. Und da wäre er ja eine Gefahr für die lieben Kleinen… Naja, sicher kann man sich da ja nie sein, aber ich habe da so einen Verdacht. So wie er mit seinen Kindern umgeht… Sie können sofort kommen? Ausgezeichnet, ich gebe Ihnen die Adresse…“, sagte er und gab die Adresse an, während seine Frau ihn entgeistert anstarrte.
„Schatz, was hast du getan?“, fragte sie und konnte nur den Kopf schütteln.
„Einer muss ja für Ruhe und Frieden sorgen“, lächelte er grimmig. „Ich werde die Polizei unten erwarten.“

Auf dem Weg hinunter begegnete er einer anderen Nachbarin, die ihn freundlich begrüßte: „Herr Müller, sind Sie wieder aus dem Urlaub zurück? Ich soll Ihnen von der neuen Familie ausrichten, dass es heute etwas lauter werden könnte, die Tochter feiert Geburtstag. Die Familie ist soo nett, sie sind extra von Wohnung zu Wohnung gegangen, um sich zu entschuldigen… Aber Sie waren ja noch auf Urlaub“, lächelte sie ihn an.
„Aha“, brummte Herr Müller, „aber entschuldigen Sie mich bitte, ich muss weiter.“ 

Wenig später klickten die Handschellen.
Es klingelte an der Wohnungstür der Müllers und Frau Müller öffnete. Eine tränenüberströmte junge Frau mit zwei kleinen Mädchen an der Hand stand vor ihr – die neuen Nachbarn. Die Frau stammelte in gebrochenem Deutsch: „Ihr Mann… Ihr Mann… hat gesagt, mein Mann tut Kinder… wie sagt man?… ist nicht gut zu Kindern… Ist jetzt in Gefängnis, weil mein Mann ist tot, seit einem Jahr…“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: