#10 Candle-Light Dinner

18. Februar 2010 at 17:27 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - lustig) (, , )

Ich saß auf der Couch und sah ihm dabei zu, wie er eifrig Vorbereitungen für den Abend traf. Er stellte zwei Teller auf das blütenweiße Tischtuch, legte jeweils eine rote Serviette daneben und ordnete das frisch polierte Silberbesteck ordentlich an.
Ich genoss es, ihm zuzusehen. Es war einfach alles so perfekt. Noch dazu hatte er sich richtig schick gemacht. Sein kurzes Haar hatte er mit einer ganzen Menge Gel dazu gebracht, in alle Richtungen wegzustehen, er war frisch rasiert und hatte sich in ein weißes Hemd und eine schwarze Anzughose geworfen. Er trug sogar eine schwarze Fliege – bestimmt nur, um sie sich mit fortschreitendem Abend wieder vom Leib zu reißen.

Nun streute er ein paar rote Rosenblätter auf den Tisch, glänzende Weingläser flankierten jetzt die Teller und mit einem leisen „plopp“ entkorkte er eine Flasche Rotwein. Zu guter Letzt stellte er noch einen Kerzenständer auf den Tisch und entzündete die Kerze. Was für ein Romantiker. Ich überlegte, wann sich jemand zum letzten Mal so für mich ins Zeug gelegt hatte.
Er betrachtete sein Werk zufrieden, als es an der Tür läutete. Er geleitete eine wunderschöne Frau mit langem, rötlichen Haar und herzallerliebsten Sommersprossen im Gesicht in den Raum. Ich blickte sie mit eiskalter Miene an und hasste sie zutiefst.

Er nahm ihr den Mantel ab und bat sie, Platz zu nehmen. Von dem zuckersüßen Lächeln, das sie ihm jetzt schenkte, befürchtete ich, Karies zu bekommen.
Ich konnte nicht länger zusehen, wie sie diesen schönen Mann, der mir doch so gut gefiel, um den Finger wickelte. So hatte ich mir den Abend bestimmt nicht vorgestellt. Diese blöde Kuh aber auch. Ich stand genervt auf und schaltete den Fernseher aus.

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#9 Bilder der Vergangenheit

11. Februar 2010 at 22:05 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe) (, , , , )

„Sebastian?“, fragte ich und sah dabei zu, wie der Mann vor mir innehielt und seine Hand von dem Milchpäckchen zurückzog, das er eben in seinen Einkaufswagen stellen wollte. Er runzelte kurz seine von Sorgenfalten durchzogene Stirn, bevor ein Lächeln sein Gesicht erhellte.
„Hannah!“, freute er sich und strich sich sein langes, inzwischen graumeliertes Haar zurück. Als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, ein paar Monate nach unserer Matura, hätte er noch ein atemberaubendes Männer-Model sein können. Jetzt waren seine schönen Züge verhärtet, er wirkte um Jahre älter als er wirklich war. Während wir Smalltalk austauschten, musterte ich ihn unauffällig von Kopf bis Fuß. Er trug ein Paar abgewetzte Jeans, T-Shirt und Hemd, alles von Farbflecken übersät und nicht besonders gepflegt.

Es hätte mich also nicht überraschen dürfen, als er mir erzählte, dass er malte. Er sagte nicht, er sei Künstler, er sagte nur, dass er malte. Mein verdutzter Blick brachte ihn zum Lachen. Ja, ich hätte mir nie träumen lassen, dass er jemals einen kreativen Beruf ausüben würde. Richter, Anwalt, Bankbeamter – alles, wobei man einen Anzug tragen musste, hätte für ihn gepasst. Aber Künstler?
„Was malst du denn?“, fragte ich neugierig.
„Es ist zu unterschiedlich, um es in Worte zu fassen“, lächelte er. Er kramte in der Brusttasche seines Hemds und brachte eine kleine Visitenkarte zum Vorschein. Er strich ein Eselsohr glatt, bevor er sie mir reichte und sagte, ich solle mir doch selbst einmal ein Bild machen. Ich versprach, mir seine Ausstellung anzusehen.

Ich gebe es zu, ich vergaß schnell auf das kleine Kärtchen, das für die nächsten zwei Wochen sein stummes Dasein in meiner unordentlichen Handtasche fristete. Erst als ich einen Tag bevor ich meine Heimatstadt wieder für lange Zeit verließ hektisch alles auf den Kopf stellte, um mein Flugticket wieder zu finden, stieß ich wieder auf die Visitenkarte. Mit schlechtem Gewissen stellte ich fest, dass gerade an diesem Tag der letzte Ausstellungstag war. In einigen Stunden würden die Bilder in der kleinen Mühle abgebaut werden und wieder zurück ins Atelier kommen, ohne dass ich sie gesehen hätte.

Obwohl ich eigentlich packen sollte, raffte ich mich auf und fuhr mit dem Bus an den Stadtrand, wo die kleine Mühle stand. Es dämmerte bereits, die Sonne versank glutrot hinter den Bergen und färbte die Wolken orange und rosa. Der Wind rauschte in den Blättern der Bäume des umgebenden Waldes und das Bächlein, das sich um die alte Mühle wand, gluckste leise vor sich hin. Der hölzerne Boden knarrte, als ich eintrat. Eine junge Frau verlangte gelangweilt den Eintritt und ermahnte mich ebenso unenthusiastisch, nichts anzugreifen. Während die letzten Sonnenstrahlen durch die Fenster krochen, war ich wie verzaubert von Sebastians Bildern. Landschaften, Menschen und Fantasiewelten breiteten sich vor mir aus, in kräftigen Farben mit sanften Pinselstrichen auf die Leinwände gebannt.

Ich stieg die leise unter meinem Gewicht ächzenden Stiegen hinauf, in die kleine Dachkammer, wo ebenfalls einige Bilder hingen. Ich sog die Schönheit in mich auf. Das letzte Gemälde, vor dem ich nun stand, zeigte eine junge Frau. Sie hatte ebenholzfarbenes Haar, das ihr seidig über die Schultern floss. Weiße Blumen waren hineingeflochten und ihr rehäugiger Blick sah traurig in die Ferne. Ich schaute auf das Datum. Es war eines von Sebastians ersten Werken, kurz nach unserem Schulabschluss, vor über zwanzig Jahren.
„Gefällt es dir?“, fragte mich Sebastian. Er hatte sich unbemerkt von hinten genähert und legte jetzt seine Hand sanft auf meine Hüfte.
„Ja“, war das Einzige, das ich hervorbrachte, während ich mir, plötzlich nervös wie ein Schulmädchen, mein langes ebenholzfarbenes Haar aus dem Gesicht strich und ihn verwundert aus rehbraunen Augen musterte.

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#8 Opapa, erzähl mir vom Krieg!

4. Februar 2010 at 18:34 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Märchen, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , )

„Opapa, warum ist dein Bein aus Holz?“, fragte die kleine Sabine und kletterte auf den Schoß ihres Großvaters.
„Wegen dem Krieg, Bienchen“, antwortete er und fuhr ihr mit der Hand liebevoll übers Haar.
„Aber warum bekommt man da ein Holzbein? Opapa, erzähl mir vom Krieg!“, sah sie ihn mit großen Augen an.
„Ich werde dir eine kleine Geschichte erzählen, dann wirst du es vielleicht verstehen“, sagte der Großvater und seine Enkelin machte es sich auf seinem Schoß bequem.

„Es waren einmal viele Schafherden, die lebten auf einer großen Wiese. Jede Herde hatte ihr eigenes umzäuntes Gehege. Manchmal stritten die Schafe miteinander, doch im Großen und Ganzen lebten sie friedlich miteinander.
Eines Tages sprang ein Schaf über den Zaun in ein anderes Gehege. Das Tier begann dort zu erzählen, dass es bessere und schlechtere Schafe gab. Es erklärte, dass nur die guten Schafe es verdient hätten, zu überleben. Die anderen Schafe verstanden nicht ganz, was gemeint war, aber sie blökten und nickten. Sie dachten, sie gehörten zu den Guten.
Bald begann das Schaf, das aus dem anderen Gehege gekommen war, Freunde auszuwählen. Es gab ihnen den Auftrag, nach Schafen zu suchen, deren Fell etwas anders gefärbt war, nicht ganz weiß. Und zu diesen Schafen sollten sie schrecklich gemein sein.
Eines der Tiere wollte das aber nicht tun und sagte das auch. Das gefiel dem führenden Schaf aber gar nicht und so wollte es das widerspenstige Schaf davonjagen.
Und so geschah es. Die neuen Freunde des Schafes aus dem anderen Gehege jagten und hetzten das Tier, das sich gegen sie gestellt hatte. Es musste über Zäune springen und so schnell laufen, wie der Wind und irgendwo auf dem Weg verletzte es sich das Bein. Es fiel hin und stellte sich tot und endlich hörten die anderen mit ihrer wilden Jagd auf und kehrten zu ihrem Anführer-Schaf zurück.
‚Mäh‘, sagte dieses und streckte ein Bein triumphierend in die Luft. ‚Mäh, mäh, mäh‘, antworteten die anderen Schafe und taten es ihm gleich…“

„Opapa“, unterbrach die kleine Sabine, „das ist aber keine schöne Geschichte…“
„Nein, meine Kleine, der Krieg ist nicht schön.“
„Bist du in der Geschichte das Schaf mit dem verletzten Bein?“
„Ja, Schätzchen, das hast du gut verstanden.“
„Machen Schafe so etwas wirklich?“, fragte sie und sah ihren Großvater ängstlich an.
„Manchmal, Bienchen, manchmal. Und auch wir Menschen müssen uns vor denjenigen in Acht nehmen, die behaupten, dass es unter uns Bessere und Schlechtere gibt und nur die ‚Guten‘ Rechte haben.“

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