#8 Opapa, erzähl mir vom Krieg!

4. Februar 2010 at 18:34 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Märchen, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , )

„Opapa, warum ist dein Bein aus Holz?“, fragte die kleine Sabine und kletterte auf den Schoß ihres Großvaters.
„Wegen dem Krieg, Bienchen“, antwortete er und fuhr ihr mit der Hand liebevoll übers Haar.
„Aber warum bekommt man da ein Holzbein? Opapa, erzähl mir vom Krieg!“, sah sie ihn mit großen Augen an.
„Ich werde dir eine kleine Geschichte erzählen, dann wirst du es vielleicht verstehen“, sagte der Großvater und seine Enkelin machte es sich auf seinem Schoß bequem.

„Es waren einmal viele Schafherden, die lebten auf einer großen Wiese. Jede Herde hatte ihr eigenes umzäuntes Gehege. Manchmal stritten die Schafe miteinander, doch im Großen und Ganzen lebten sie friedlich miteinander.
Eines Tages sprang ein Schaf über den Zaun in ein anderes Gehege. Das Tier begann dort zu erzählen, dass es bessere und schlechtere Schafe gab. Es erklärte, dass nur die guten Schafe es verdient hätten, zu überleben. Die anderen Schafe verstanden nicht ganz, was gemeint war, aber sie blökten und nickten. Sie dachten, sie gehörten zu den Guten.
Bald begann das Schaf, das aus dem anderen Gehege gekommen war, Freunde auszuwählen. Es gab ihnen den Auftrag, nach Schafen zu suchen, deren Fell etwas anders gefärbt war, nicht ganz weiß. Und zu diesen Schafen sollten sie schrecklich gemein sein.
Eines der Tiere wollte das aber nicht tun und sagte das auch. Das gefiel dem führenden Schaf aber gar nicht und so wollte es das widerspenstige Schaf davonjagen.
Und so geschah es. Die neuen Freunde des Schafes aus dem anderen Gehege jagten und hetzten das Tier, das sich gegen sie gestellt hatte. Es musste über Zäune springen und so schnell laufen, wie der Wind und irgendwo auf dem Weg verletzte es sich das Bein. Es fiel hin und stellte sich tot und endlich hörten die anderen mit ihrer wilden Jagd auf und kehrten zu ihrem Anführer-Schaf zurück.
‚Mäh‘, sagte dieses und streckte ein Bein triumphierend in die Luft. ‚Mäh, mäh, mäh‘, antworteten die anderen Schafe und taten es ihm gleich…“

„Opapa“, unterbrach die kleine Sabine, „das ist aber keine schöne Geschichte…“
„Nein, meine Kleine, der Krieg ist nicht schön.“
„Bist du in der Geschichte das Schaf mit dem verletzten Bein?“
„Ja, Schätzchen, das hast du gut verstanden.“
„Machen Schafe so etwas wirklich?“, fragte sie und sah ihren Großvater ängstlich an.
„Manchmal, Bienchen, manchmal. Und auch wir Menschen müssen uns vor denjenigen in Acht nehmen, die behaupten, dass es unter uns Bessere und Schlechtere gibt und nur die ‚Guten‘ Rechte haben.“

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