#9 Bilder der Vergangenheit

11. Februar 2010 at 22:05 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe) (, , , , )

„Sebastian?“, fragte ich und sah dabei zu, wie der Mann vor mir innehielt und seine Hand von dem Milchpäckchen zurückzog, das er eben in seinen Einkaufswagen stellen wollte. Er runzelte kurz seine von Sorgenfalten durchzogene Stirn, bevor ein Lächeln sein Gesicht erhellte.
„Hannah!“, freute er sich und strich sich sein langes, inzwischen graumeliertes Haar zurück. Als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, ein paar Monate nach unserer Matura, hätte er noch ein atemberaubendes Männer-Model sein können. Jetzt waren seine schönen Züge verhärtet, er wirkte um Jahre älter als er wirklich war. Während wir Smalltalk austauschten, musterte ich ihn unauffällig von Kopf bis Fuß. Er trug ein Paar abgewetzte Jeans, T-Shirt und Hemd, alles von Farbflecken übersät und nicht besonders gepflegt.

Es hätte mich also nicht überraschen dürfen, als er mir erzählte, dass er malte. Er sagte nicht, er sei Künstler, er sagte nur, dass er malte. Mein verdutzter Blick brachte ihn zum Lachen. Ja, ich hätte mir nie träumen lassen, dass er jemals einen kreativen Beruf ausüben würde. Richter, Anwalt, Bankbeamter – alles, wobei man einen Anzug tragen musste, hätte für ihn gepasst. Aber Künstler?
„Was malst du denn?“, fragte ich neugierig.
„Es ist zu unterschiedlich, um es in Worte zu fassen“, lächelte er. Er kramte in der Brusttasche seines Hemds und brachte eine kleine Visitenkarte zum Vorschein. Er strich ein Eselsohr glatt, bevor er sie mir reichte und sagte, ich solle mir doch selbst einmal ein Bild machen. Ich versprach, mir seine Ausstellung anzusehen.

Ich gebe es zu, ich vergaß schnell auf das kleine Kärtchen, das für die nächsten zwei Wochen sein stummes Dasein in meiner unordentlichen Handtasche fristete. Erst als ich einen Tag bevor ich meine Heimatstadt wieder für lange Zeit verließ hektisch alles auf den Kopf stellte, um mein Flugticket wieder zu finden, stieß ich wieder auf die Visitenkarte. Mit schlechtem Gewissen stellte ich fest, dass gerade an diesem Tag der letzte Ausstellungstag war. In einigen Stunden würden die Bilder in der kleinen Mühle abgebaut werden und wieder zurück ins Atelier kommen, ohne dass ich sie gesehen hätte.

Obwohl ich eigentlich packen sollte, raffte ich mich auf und fuhr mit dem Bus an den Stadtrand, wo die kleine Mühle stand. Es dämmerte bereits, die Sonne versank glutrot hinter den Bergen und färbte die Wolken orange und rosa. Der Wind rauschte in den Blättern der Bäume des umgebenden Waldes und das Bächlein, das sich um die alte Mühle wand, gluckste leise vor sich hin. Der hölzerne Boden knarrte, als ich eintrat. Eine junge Frau verlangte gelangweilt den Eintritt und ermahnte mich ebenso unenthusiastisch, nichts anzugreifen. Während die letzten Sonnenstrahlen durch die Fenster krochen, war ich wie verzaubert von Sebastians Bildern. Landschaften, Menschen und Fantasiewelten breiteten sich vor mir aus, in kräftigen Farben mit sanften Pinselstrichen auf die Leinwände gebannt.

Ich stieg die leise unter meinem Gewicht ächzenden Stiegen hinauf, in die kleine Dachkammer, wo ebenfalls einige Bilder hingen. Ich sog die Schönheit in mich auf. Das letzte Gemälde, vor dem ich nun stand, zeigte eine junge Frau. Sie hatte ebenholzfarbenes Haar, das ihr seidig über die Schultern floss. Weiße Blumen waren hineingeflochten und ihr rehäugiger Blick sah traurig in die Ferne. Ich schaute auf das Datum. Es war eines von Sebastians ersten Werken, kurz nach unserem Schulabschluss, vor über zwanzig Jahren.
„Gefällt es dir?“, fragte mich Sebastian. Er hatte sich unbemerkt von hinten genähert und legte jetzt seine Hand sanft auf meine Hüfte.
„Ja“, war das Einzige, das ich hervorbrachte, während ich mir, plötzlich nervös wie ein Schulmädchen, mein langes ebenholzfarbenes Haar aus dem Gesicht strich und ihn verwundert aus rehbraunen Augen musterte.

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1 Kommentar

  1. loveanddeathandeverythinginbetween said,

    An dieser Stelle möchte ich mich bei den beiden Damen, mit denen ich letztens im Zug gefahren bin, bedanken. Hätten sie nicht über eine Ausstellung in einer Mühle geredet, wäre mir die Idee zu dieser Geschichte wohl nicht gekommen 😉

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