#11 Versäumte Gelegenheiten

5. März 2010 at 17:15 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , )

Ich schrieb meinen ersten Liebesbrief im zarten Alter von neun Jahren. An Lilly, vielleicht nicht das hübscheste, aber das eleganteste, anmutigste Mädchen, das ich kannte. Ich wusste nicht, ob es der Ballettunterricht oder die Reitstunden waren, die ihre Grazie verursachten. Möglicherweise lag es aber auch einfach in ihrer Natur.
Obwohl ich mit meinen neun Jahren nicht viel von der Liebe verstand, war ich mir sicher: Ich wollte mit ihr zusammen sein.

 Mit vierzehn tat es mir plötzlich Leid, dass ich über Simons Liebesgeständnis gelacht hatte, vor fünf Jahren. Erst jetzt, viel zu spät, merkte ich, dass er anders war, als die anderen Jungen in seinem Alter. Nicht so kindisch und unreif, irgendwie erwachsener und nachdenklicher. Er war einer der wenigen, die es schafften, normal mit Mädchen zu reden. Er fand keinen Spaß daran, uns zu ärgern und aufzuziehen oder seinen Mut und seine Stärke vor uns zu beweisen. Er schien die Pubertät übersprungen zu haben. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass es mir einen Stich gab, wenn er mit anderen Mädchen redete und dass mein Herz schneller schlug, wenn er mit mir ein paar Worte wechselte. 

Mit vierzehn hatte ich meine erste Freundin. Sie war um zwei Jahre älter als ich – mit den Mädchen in meinem Alter konnte ich nicht viel anfangen. Wenn ich versuchte, normal mit ihnen zu reden, wurden sie rot, begannen zu stottern oder kicherten ununterbrochen. Ich verbrachte drei tolle Jahre mit Sarah. Bis sie sich dazu entschloss, ein Jahr im Ausland zu studieren. Wir entschieden uns, uns für diese Zeit zu trennen, unsere Beziehung erst wieder aufzunehmen, wenn sie zurück war.

Das letzte Schuljahr war viel zu schnell gekommen. Und ich wusste, dass es vielleicht meine letzte Chance war, Fehler in meiner Vergangenheit auszumerzen. Nach dem Abschluss würden wir uns vielleicht aus den Augen verlieren. Trotz meines Beschlusses fand ich erst am letzten Schultag den Mut, mit Simon zu reden und ein Treffen für den Sommer zu vereinbaren.

Als wir uns in einer lauen Sommernacht zum ersten Mal küssten, wusste ich wieder, warum ich mich schon mit neun Jahren in sie verliebt hatte. Jedoch hätte unser Timing nicht schlechter sein können – Sarahs begeisterte Erzählungen von ihren Erlebnissen in Amerika hatten mich neugierig gemacht. Also verließ ich einen Tag später meine Heimat, und Lilly, um selbst Erfahrungen in der großen weiten Welt zu sammeln. 

Es war hart, ihn gehen zu lassen, aber ich wusste tief in meinem Herzen, dass er zu mir zurückkommen würde. Was ich jedoch nicht erwartet hatte, war, dass ich mich während seiner Abwesenheit aus lauter Traurigkeit mit einem anderen Mann ablenken würde. Und nicht einmal im Traum hätte ich gedacht, dass ich schwanger werden würde, von einem anderen Mann als Simon. Eine einzige gedankenlose Nacht… 

Ich kam voller Hoffnung von meiner Reise zurück – Hoffnung, dass ich mein Leben zuhause von dort weiterleben könnte, wo es geendet hatte. Der Brief, der auf mich wartete, zerschlug diese Illusion. Lilly lebte jetzt mit dem Vater ihres ungeborenen Kindes zusammen. Enttäuscht stürzte ich mich in die Bemühungen, meine Beziehung mit Sarah wieder aufzuwärmen, während mein Herz lautstark protestierte. 

Ich sah ihn nur ein einziges Mal wieder, in der U-Bahn. Er war in ein Buch vertieft, die drängenden Menschenmassen um ihn herum schienen seine Konzentration nicht zu stören. Ich zögerte, doch dann versuchte ich, mich durch die eng zusammengepressten Körper zu quetschen, die quengelnden Kinder an meiner Hand. Als ich erneut zu ihm hinsah, war er schon bei der Tür und stieg aus. Er hatte mich nicht gesehen oder wollte mich nicht sehen. 

Ich sah sie nur ein einziges Mal wieder, im Park. Das junge Gesicht, das ich in Erinnerung hatte, war um so viel gealtert, in all den Jahren, dass ich mir zuerst nicht sicher war. Doch die Grazie, mit der sie sich auch jetzt noch bewegte, ließ keinen Zweifel zu. Als Zaungast sah ich eine Weile dabei zu, wie sie mit den vergnügten Enkelkindern spielte. Ich betrachtete für einen Augenblick ihr Leben, in dem ich keine Rolle mehr spielte, bevor ich mich umdrehte und den Weg zurückging, den ich gekommen war.

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3 Kommentare

  1. Annabell M. said,

    Eine sehr bewegende und traurige Geschichte, die mir glatt eine Träne ins Auge gezaubert hat. Die Liebe kann wirklich grausam mit dem Herzen spielen und nimmt leider keine Rücksicht auf Befindlichkeiten. Dennoch hoffe ich, dass Du Deine Zeit mit Lilly und Simon, die Gedanken, Erinnerungen und Träume, immer fest verschlossen in Deiner Seele trägst und sie als Bereicherung Deines Lebens empfindest, auch wenn sich Eure Wege getrennt haben mögen ^^

    • loveanddeathandeverythinginbetween said,

      Danke für deinen lieben Kommentar, Annabell! =) Auch wenn Lilly und Simon nur eine kurze gemeinsame Zeit hatten, so tragen sie doch für immer in ihren Herzen die Erinnerung, an das was war und an das, was sein hätte können…

  2. Annabell M. said,

    Solange sie die Erinnerung in ihrem Herzen tragen und ihr nicht hinterher trauern, eine wundervolle Erfahrung für beide Menschen ^^

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