#12 Draußen

12. März 2010 at 18:32 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , )

Er hob die Nase ein wenig an und schnupperte. Er sog die Frühlingsluft in sich auf. Es war ungewohnt, die Vögel so nahe zwitschern zu hören, die Sonne so warm auf der Haut zu spüren. Er hatte nach diesem jahrelangen Winter vergessen, wie sich der Frühling anfühlte.
Er war ein freier Mann, er konnte tun und lassen, was er wollte. Natürlich nichts, das gegen die Bewährungsauflagen verstieß. Aber er konnte Freunde besuchen, einen Kaffee trinken gehen, Bungee-jumpen, wenn er die Lust dazu verspürte.

Er stand noch eine ganze Weile regungslos in der Sonne, vor den Gefängnistoren, hinter denen jahrelang sein Zuhause gewesen war. Die Gedanken rasten in seinem Kopf, jagten einander in unglaublichem Tempo.
Wie es den Jungs wohl ging? Sie waren alle später als er in Haft gekommen, sie würden noch ein paar Jahre absitzen müssen. Ob er sie wohl einmal besuchen gehen könnte?
Und wo würde Rita jetzt wohnen? Würde sie ihn nach all der Zeit sehen wollen? Hatte sie ihm verziehen? Vermutlich nicht, immerhin hatte er die Person getötet, die sie noch mehr geliebt hatte, als ihn selbst.

Er klimperte mit dem Schlüssel, den man ihm gegeben hatte. Eine Sozialwohnung am Stadtrand, die ihm die Reintegration in die Gesellschaft erleichtern sollte. Helfen sollte, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Ebenso wie der Job in einer Autowerkstatt, den man ihm beschafft hatte. Eine Ablenkungstherapie, damit er nicht wieder rückfällig wurde und auf dumme Gedanken kam, so wie damals, als er arbeitslos, verlassen, allein und verzweifelt gewesen war.

Langsam setzte er sich in Bewegung, stieg in einen überfüllten Bus, kaufte eine Fahrkarte. Alltägliche Handlungen, die ihm so seltsam fremd erschienen, ungewohnt und ungeübt. Er sackte hilflos in einem Sitz zusammen. Die schwankenden Menschenkörper, die immer wieder an ihm streiften, unabsichtlich seine Haut, seine Kleidung und seine Tasche berührten, waren ihm unangenehm. Er war diese körperliche Nähe nicht mehr gewohnt, er fühlte sich bedrängt, schloss die Augen und zog sich gedanklich in den hintersten Winkel seines Kopfes zurück, wo er sich von dieser verwirrenden Welt abkapseln konnte.

Die Wohnung war spärlich eingerichtet, in einer grauen Wohnsiedlung, die wohl schon aus den Fünfzigern stammen musste. Er schnupperte wieder. Es roch nach Staub und Mottenkugeln. Hier hatte wohl länger niemand mehr gewohnt.
Er ging zum Telefon, das in der Diele auf einem kleinen Tischchen stand und hielt seine Hand lange Zeit unentschlossen über dem schwarzen Hörer. Schließlich ergriff er ihn und lauschte minutenlang dem monotonen „tuuut“ des Freizeichens. Mit zittrigen Fingern wählte er die einzige Nummer, die er noch auswendig wusste. Eine Tonbandstimme teilte ihm mit, dass es unter dieser Nummer keinen Anschluss gab.
Was tat er eigentlich hier? Was war das für ein Leben? Es würde ja doch nie wieder so werden, wie früher. Er spürte, dass auf seinem ganzen Körper mit tausend heißen Eisen „Mörder“ eingebrannt stand. Jeder musste das doch sehen. Und Rita würde ihm nicht vergeben. Sie hatte ja sogar ihre Nummer geändert.

Er hatte es in Filmen gesehen, er wusste, wie man es machte. Ob das Leder seines Gürtels stark genug sein würde? Würde es sein Gewicht so lange halten, bis er erstickt war, sein Herz aufgehört hatte, zu schlagen? Er war sich nicht sicher, doch er würde es probieren, er stieß den wackeligen Schemel unter sich weg und spürte mit Genugtuung, wie seine Kehle zugeschnürt wurde und er keine Luft mehr bekam.

Er hatte sich nie Gedanken über ein Leben nach dem Tod gemacht. Wozu auch, sein Platz wäre sowieso nicht im Himmel gewesen. Wenn man starb, sah man die Menschen wieder, die man liebte. Aber er hatte nicht gedacht, dass diese altern würden. Er musterte das Gesicht, das besorgt auf ihn herabsah. Es war so vertraut, aber doch so anders. Älter, reifer und irgendwie bedrückter als früher. Er konnte seinen Augen nicht trauen.
„Rita?“

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1 Kommentar

  1. Annabell M. said,

    Wieder ein Schutzengel, der durch das Fenster steigt ^^. Ich stelle mir gerade die Frage, wie schwer es für einen Menschen fallen muss sich in der heutigen Gesellschaft zurecht zu finden, nachdem er vielleicht sogar Jahrzehnte von der Entwicklung abgeschnitten war: Handy, Internet, Euro, alles fremd. Welche schwierige Bürde neben der Last, die er ohnehin schon zu tragen hat…

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