#13 Schnurre

20. März 2010 at 17:13 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , )

Schnurre trat ebenso plötzlich in unser Leben, wie sie wieder daraus verschwand. Sie saß einen ganzen Tag und eine ganze Nacht auf dem Fensterbrett und starrte mit großen grünen Augen in unsere Küche. Das Schälchen Milch, das wir ihr hinausstellten, rührte sie nicht an. Sie blieb einfach ganz still sitzen, die samtigen Pfoten ordentlich nebeneinander gestellt und verfolgte akribisch all unsere Bewegungen. Das Einzige, das sich außer ihren Augen bewegte, waren die Ohren, die sich ständig nach den verschiedenen Geräuschen richteten und der leicht zuckende Schweif.

Es war schon ein wenig unheimlich, wie die orange-rote Tigerkatze so regungslos auf unserem Fensterbrett saß und uns anstarrte. Nach einem Tag hatten wir die Prüfung bestanden: Sie neigte das Köpfchen und leckte das Milchschälchen leer, das wir ihr morgens frisch hingestellt hatten. Sie hatte unser gemeinsames Frühstück als Zeitpunkt für ihre Freundschaftserklärung gewählt, so dass es auch keinem Familienmitglied entgehen konnte.
Ich öffnete das Fenster und streckte freudig die Hand nach Schnurre aus, um ihr glänzendes Fell zu streicheln. Doch sie war zu solchen Annäherungen noch nicht bereit und sprang graziös vom Fensterbrett, um in schnellem Lauf und mit erhobenem Schweif Reißaus zu nehmen.
Einige bange Stunden vergingen, bevor sie es sich wieder auf dem Fensterbrett gemütlich machte. Vorsichtig stellte ich ihr als versöhnliche Geste ein neues Schüsselchen mit Milch hin. Ihre raue Zunge leckte einmal kurz über meinen Handrücken, als ich meine Hand von dem Schälchen zurückzog, so als ob sie meine Entschuldigung annehmen würde.

Drei weitere Tage vergingen so, bis ich einen neuerlichen Annäherungsversuch wagte. Diesmal ließ sie es zu, dass ich sie berührte – mehr sogar, sie schnurrte so laut, dass wir nicht anders konnten, als sie auf den Namen „Schnurre“ zu taufen. Fortan war unser Haus auch ihr Reich und auf leisen Pfoten durchquerte sie Zimmer für Zimmer, ehe sie ihren Schlafplatz in der kleinen Hängematte in meinem Kinderzimmer, wo die Stofftiere ihr Zuhause hatten, wählte.
Schnurre war eine angenehme Zimmergenossin. Das laute Brummen, das aus ihrer Brust drang, beruhigte mich und wirkte besser als Schäfchen zählen und sobald ich eingeschlafen war, verließ sie leise das Zimmer durch die stets offene Tür und ging ihren Nachtaktivitäten nach.

Umso ungewöhnlicher war es, als Schnurre einige Wochen später mitten in der mondlosen Nacht auf mein Bett sprang. Sie stolzierte eilig auf meinem müden Körper auf und ab, lief und kratzte an der ohnehin offenen Tür und stupste mich schließlich mit der Nase, als ich immer noch nicht aufwachen wollte.
Ich ignorierte sie und versuchte sie vom Bett zu schubsen, ich wollte meinen schönen Traum noch nicht verlassen. Doch sie ließ nicht locker und maunzte mir in dringlichem Tonfall ins Ohr.
Missmutig öffnete ich die Augen und starrte Schnurre feindselig an. Das konnte sie nicht beeindrucken. Sie sprang vom Bett und wartete an der Tür, von wo aus sie mir einen trotz der Dunkelheit erkennbaren bedeutungsvollen Blick zuwarf. Wieder maunzte sie, in einem eindeutigen Befehlston.
Seufzend tastete ich mit nackten Füßen nach meinen Schlapfen. Ich rümpfte die Nase – irgendetwas roch hier komisch. Als ich Schnurre ins Stiegenhaus folgte, schlug mir Rauch entgegen.

Als die Feuerwehr uns im letzten Moment aus dem brennenden Haus befreite, war Schnurre noch bei uns. Als wir aber einige Minuten später ins Auto steigen wollten, um zu Verwandten zu fahren, wo wir uns einquartieren konnten, war Schnurre verschwunden. So lange wir auch riefen und suchten, nirgends konnten wir die rot-orange Tigerkatze finden.
Wir sahen Schnurre nie wieder, wir hatten nie die Gelegenheit, uns bei ihr zu bedanken. Sie muss wohl weitergezogen sein, um eine andere Familie vor dem sicheren Tod zu bewahren.

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2 Kommentare

  1. Annabell M. said,

    Wow, eine wahnsinnig schöne Geschichte, die mir glatt die Tränen in die Augen getrieben hat. Du hast einen wudnervollen Schreibstil, ich konnte förmlich in Deinen Worten baden! Danke ^^.

    Was mich noch interessieren würde: Beruht die Geschichte vom samtenen Schutzengel auf einer wahren Begebenheit? ^^

    Liebe Grüße
    Annabell

  2. loveanddeathandeverythinginbetween said,

    Dankeschön für dein Feedback, freut mich, wenn sie dir gefallen hat =)

    Nein, wie eigentlich fast alles hier (bis auf ein paar klitzekleine Denkanstöße aus der Realität), ist das ein pures Konstrukt meiner Fantasie 😉

    Liebe Grüße!

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