#15 Der Hauptgewinn

3. April 2010 at 13:51 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , )

Wie gewöhnlich waren meine Freunde zu spät dran. Ich wartete also vor der Spielhalle auf sie, so wie jeden Donnerstag. Meine Finger kribbelten – ich wollte endlich hinein und mein Glück versuchen – diesen Donnerstag würde ich den Jackpot knacken.
Ich machte es mir auf der Bank vor der Spielhalle gemütlich. So wie ich meine Freunde kannte, würde ich wohl noch ein wenig warten müssen.

Ein Mann tauchte plötzlich neben mir auf. Er fragte, ob er sich setzen dürfte. Ich nickte, rutschte ein Stück beiseite und starrte weiter den Boden an. Erst dann merkte ich, dass der Mann stark nach Alkohol roch und ungepflegt aussah. Ich hielt die Luft an.
„Ich war mal so wie du“, lallte er jetzt und strich sich mit der rechten Hand über sein mit Bartstoppeln übersätes Kinn.
Das konnte ich mir nicht vorstellen. War unter diesem vom Alkohol aufgequollenen Gesicht tatsächlich einmal ein junger Mann zu erkennen gewesen? Oder war er nicht nur einer dieser Obdachlosen, der nur keine Lust zum Arbeiten hatte? Ich würde schließlich etwas aus mir machen, einen Beruf erlernen und reich und glücklich werden – so würde ich auf keinen Fall enden.

„Ich beobachte dich und deine Freunde jetzt schon eine ganze Zeit lang“, sagte er und mir lief ein Schauer über den Rücken. Was wollte dieser Mann von mir?
Seine Augen wanderten ruhelos umher, sie fixierten mich nie länger als ein paar Sekunden.
„Jeden Donnerstag seid ihr hier, nicht wahr?“, fragte er mich mit seiner rauen Stimme.
Ich wollte aufstehen und gehen, doch er hielt eine Hand entschuldigend in die Höhe und bedeutete mir mit der anderen, sitzen zu bleiben.
„Ich war mal so wie du“, wiederholte er, so als ob das eine Erklärung wäre. Ich nickte nur und rückte so unauffällig wie möglich ein paar Zentimeter von ihm weg.
„Ich war oft hier“, fuhr er fort und umkreiste mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand den Ringfinger der rechten Hand, dort wo vielleicht einmal ein Ehering gewesen war.
„Viel zu oft“, fügte er hinzu.

Er griff in die innere Brusttasche seiner Jacke und tastete dort nach etwas. Mein Herz begann rascher zu klopfen. Hatte er dort eine Pistole versteckt? Wollte er mich umbringen, ehe ich so wurde wie er? Ich kam mir vor wie in einem schlechten Krimi. Zum Glück war es nur eine Schnapsflasche, die er aus seiner Tasche zog. Ich atmete auf.
Ich sah meine Freunde am anderen Ende der Straße. Der Mann folgte meinem Blick und sprach nun schnell und ohne abzusetzen. Ich musste mir Mühe geben, ihn zu verstehen: „Hör auf, so lang du noch kannst. Es ist eine Sucht. Du kannst nicht gewinnen, nur alles verlieren, mehr als du denkst. Ich war so wie du…“ Damit stand er auf und wankte davon, einige Sekunden, bevor meine Freunde bei mir ankamen und sich über meine neue Bekanntschaft lustig machten.

Übelkeit stieg in mir hoch, als ich an all das Geld dachte, das ich hier schon verspielt hatte. Vielleicht war der Mann doch auch eines Tages ein junger, unbekümmerter Mann gewesen, wie ich. Ich verabschiedete mich unter einem Vorwand von meinen Freunden und ging nach Hause, bevor es zu spät war.

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