#17 Schuldig

20. April 2010 at 23:16 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , )

Es begann mit einem gefalteten Zettel, der auf meiner Türmatte lag. Ich hob ihn auf und las, was darauf stand: „Wir wissen, was Sie getan haben.“ Die Buchstaben waren in bester Erpressermanier aus der Zeitung ausgeschnitten und nebeneinander geklebt.
Insgeheim hatte ich gewusst, dass dieser Tag kommen würde, der Tag, an dem mich jemand zur Verantwortung ziehen würde. Die letzten Wochen und Monate war ich jedem Menschen mit der Furcht begegnet, dass er derjenige sein könnte, der es wusste, der mich anschreien und fragen würde, was ich mir dabei gedacht hatte. Tagsüber lebte ich in ständiger Angst. Und nachts waren da diese schrecklichen Bilder, das Mädchen, blutüberströmt…
Ich musste mich am Türstock festhalten, mir wurde leicht schwarz vor Augen. Auf zittrigen Beinen wankte ich nach drinnen und verriegelte die Tür fest hinter mir. Ich verließ den ganzen Tag das Haus nicht.

Am nächsten Morgen lag ein neuer Zettel vor meiner Tür. Darauf waren nur vier Worte: „Schämen Sie sich nicht?“ Oh doch, und wie ich das tat. Die letzte Nacht hatte ich kaum geschlafen, die Bilder in meinen Alpträumen waren intensiver als je zuvor. Doch das Schlimmste war dieser flehende Blick des Mädchens, ehe ich mich von ihr abwandte und sie ihrem Schicksal überließ.
Wieder blieb ich zuhause. Wer waren diese Erpresser? Und was wollten sie von mir? Meinen Tod? Oder nur Geld? Ich würde warten müssen, bis sie ihr grausames Spiel auf die Spitze getrieben hatten.

Eine schlaflose Nacht, ein neuer Morgen, ein neuer Brief. „Was haben Sie sich dabei gedacht?“ Ich konnte nicht mehr, ich war am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Ich tat das Einzige, das mein Gewissen erleichten konnte, damit ich diesen Erpressern den Wind aus den Segeln nehmen konnte. Ich stellte mich der Polizei. Wie viele Jahre konnte man für einen Unfall mit Fahrerflucht denn bekommen? Und vielleicht würde ich dann endlich wissen, ob das Mädchen noch lebte…

Am Tag der Einvernehmung lag ein letzter Zettel vor meiner Tür. Was wollten sie denn noch, ich hatte mich doch schon gestellt? Dieser Brief war aber nicht so, wie die anderen. Er war in blauer Tinte und Schreibschrift verfasst:
„Lieber Herr Nachbar! Ich muss mich herzlichst bei Ihnen entschuldigen, eben habe ich meine Söhne dabei erwischt, wie Sie einen weiteren „Erpresserbrief“ für Sie gebastelt haben. Ich hoffe, Sie haben diesen kindischen Scherz nicht allzu ernst genommen! Meine Söhne werden Sie jedenfalls nicht wieder belästigen. Vielen Dank für Ihr Verständnis, mit freundlichen Grüßen, Helga“

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