#18 Das Ende eines langen Tages

28. April 2010 at 23:39 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - Märchen) (, , , , , )

Das Auto fuhr ungewöhnlich langsam die dunkle Straße entlang. Beinahe in Schritttempo rollte es neben ihr her. Die beiden Herren, die darin saßen, musterten sie neugierig. Ob noch jemand im Auto saß, konnte sie nicht erkennen – die hinteren Scheiben waren abgedunkelt.
Dann bog das Fahrzeug um die Ecke und die spärlich beleuchtete Straße war wieder leer, bis auf zwei einsame Gestalten, die eilig nach Hause hasteten.

Miriam quengelte an ihrer Hand. Sie war müde, es war ein langer Tag gewesen und sie wollte nicht zu Fuß nach Hause gehen. Sie versuchte, die Kleine abzulenken und erzählte ihr die Geschichte vom kleinen Schneemann, der seine Nase verloren hatte.
Wieder näherte sich ein Auto. Es war dasselbe wie vorhin. Sie fröstelte und Miriam sah sie verwundert an, als sie das Zittern in ihrer Hand spürte. Der Wagen blieb stehen, das Fenster an der Beifahrerseite glitt hinab und ein gepflegter Mann in ihrem Alter lächelte sie an.

„Dürfen wir Sie nach Hause bringen?“ fragte er mit einer sanften, melodischen Stimme. Miriam jauchzte und zerrte an ihrer Hand. Sie zögerte. Sie würden noch mindestens eine halbe Stunde zu gehen haben. Aber zu zwei fremden Männern ins Auto steigen?
Der Fahrer war unterdessen ausgestiegen, hatte das Auto von hinten umrundet und öffnete nun die Hintertür für die Frau und das Kind. Einladend wies er mit der Hand auf die glänzenden Ledersitze. Miriam bettelte mit den Augen. Seufzend nickte sie, nichts Gutes ahnend und half der Kleinen hinein. Der Fahrer schloss die Tür hinter ihnen.
„Wo soll es denn hingehen?“, fragte der Beifahrer. Sie nannte ihm eine Adresse einige Häuser von der eigenen entfernt. Sie würde die sofort in tiefen, friedlichen Schlaf gesunkene Miriam das letzte Stück tragen. Sie vertraute diesen beiden Männern nicht ganz. Und sie wollte nicht, dass sie ihr schäbiges kleines Häuschen zu Gesicht bekamen.

Trotzdem hielt der Wagen einige Minuten später direkt vor ihrer kleinen Bleibe.
„Hier ist es richtig, oder?“, fragte der Fahrer mit leiser, beruhigender Stimme. Sie nickte und schluckte. Was hatte es mit diesen Männern auf sich?
„Darf ich Sie morgen wieder sehen?“, fragte der Beifahrer und drehte sich halb in seinem Sitz um, um ihre Reaktion sehen zu können. Sie zog Miriam fester an sich und griff nach dem Türöffner.

Jahre später würde Miriam ihren eigenen Kindern vor dem Einschlafen regelmäßig ein Märchen erzählen. Von einer Frau und einem kleinen Mädchen, die sehr arm waren und kaum genug zum Leben hatten. Und von einem Prinzen, der sich in die bitterarme Frau verliebte und sie und ihr Kind in sein Schloss aufnahm, wo sie glücklich bis an ihr Lebensende lebten.

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2 Kommentare

  1. Margit Fleischer said,

    Die Geschichte von dem kleinen Schneemann, der seine Nase verloren hat, würde mich natürlich auch sehr interessieren. Ob sie vielleicht nachgeliefert werden könnte?

  2. loveanddeathandeverythinginbetween said,

    Gerne erzähle ich dir die Geschichte vom kleinen Schneemann, der seine Nase verloren hatte:

    „Am Ende eines eisig kalten und schneereichen Winters wurde ein kleiner Schneemann geboren. Ein kleines Mädchen rollte unter größten Anstrengungen Kugeln aus Schnee zusammen, die sie vorsichtig aufeinander setzte. Sie formte ihrem kleinen Schneemann zwei Arme, so dass er einen Besen in der einen und einen Kochlöffel in der anderen halten konnte.
    Von ihrer Mutter hatte sich das Mädchen einen silbrigen Kochtopf mit zwei Henkeln ausgeborgt, der wurde der Hut des kleinen Schneemanns. Kohlestücke aus dem Kohlenkeller verwendete sie als Augen und Mund und zu guter Letzt steckte sie dem kleinen Schneemann eine Karotte als Nase mitten ins Gesicht.
    Das Mädchen war nach getaner Arbeit müde und durchgefroren und so ließ sie ihren kleinen Schneemann auf der großen schneebedeckten Wiese zurück.

    Die Nacht war sehr kalt und sternenklar. Der kleine Schneemann war einsam und weinte ein bisschen. Da hoppelte ein Häschen durch den hohen Schnee. Es hielt vor dem Schneemann inne und legte den Kopf schief. „Warum weinst du, kleiner Schneemann?“, fragte es.
    „Ich bin so alleine auf der Welt und habe Angst vor der Dunkelheit“, seufzte der kleine Schneemann.
    „Ich leiste dir Gesellschaft“, sagte das Häschen und blieb die ganze Nacht beim kleinen Schneemann. Als es Morgen wurde, verabschiedete sich das Häschen. Als Dank für seinen Beistand schenkte der kleine Schneemann dem Häschen seine Karottennase.

    Als das kleine Mädchen ihren Schneemann besuchen kam, war es sehr traurig. Er hatte seine Karottennase verloren und sie konnte ihm keine neue bringen, da es die letzte gewesen war. Aber der kleine Schneemann tröstete sie. Er deutete stumm auf die Spuren der Hasenpfoten im Schnee. Das kleine Mädchen verstand.
    Als es Nacht wurde, fürchtete sich der kleine Schneemann wieder schrecklich. Da kamen zwei Krähen herangeflogen. „Warum schaust du so traurig, kleiner Schneemann?“, krächzten sie mitleidig.
    Der kleine Schneemann klagte ihnen sein Leid. So blieben die zwei Krähen die ganze Nacht bei ihm. Als es Morgen wurde, verabschiedeten sie sich vom kleinen Schneemann. Als Dank für ihre Gesellschaft schenkte er den beiden Vögeln den Topf von seinem Kopf, den sie als wetterfestes Nest benutzen konnten. Sie packten den Topf mit ihren Krallen an den Henkeln und flogen davon.

    Als das kleine Mädchen nachmittags ihren Schneemann besuchen kam, stellte es traurig fest, dass nun auch sein Hut fehlte. Doch der kleine Schneemann deutete auf die Spuren der Krähenkrallen im Schnee und das Mädchen verstand.
    Als es Nacht wurde, hatte der Schneemann schon viel weniger Angst. Gespannt wartete er, wer ihn heute besuchen kommen würde. Drei kleine Mäuschen huschten durch den Schnee. „Wohin lauft ihr denn so eilig?“, fragte der kleine Schneemann freundlich.
    Die Mäuschen hielten inne. „Unsere Schwester ist in ein Loch im Schnee gefallen und kommt nicht mehr heraus!“, rief eines der Mäuschen verzweifelt. Die drei wollten schon weiterhuschen, als der kleine Schneemann noch nachdenklich seine schneeigen Brauen runzelte. „Wartet!“, rief er den Mäuschen zu. Er streckte ihnen seinen Kochlöffel entgegen. Die Mäuschen kletterten dankbar auf seinen Arm und nahmen das Geschenk an, um ihrem Schwesterchen aus dem Schneeloch zu helfen.
    Ruhig blinzelte der kleine Schneemann den Sternen entgegen. Er hatte keine Angst mehr vor der Dunkelheit.

    Das kleine Mädchen war nicht traurig, als es am nächsten Tag den kleinen Schneemann ohne seinen Kochlöffel vorfand. Es sah gleich die winzigen Pfotenspuren, die quer über den Körper des kleinen Schneemanns verliefen, und dachte sich seinen Teil.
    Als es Abend wurde, betrachtete der kleine Schneemann zufrieden die funkelnden Sterne. Er hatte beinahe alle seine Schätze verschenkt. Da watschelte eine Biberfamilie durch den Schnee auf ihn zu. „Wir haben gehört, dass du sehr freundlich bist“, sprach der Bibervater zum kleinen Schneemann. „Der Damm, den wir gebaut haben ist durch das viele Schmelzwasser gefährdet, er kann dem Druck kaum standhalten…“, erklärte er weiter.
    Der kleine Schneemann wusste, was zu tun war. „Nehmt meinen Besen, der starke Stiel wird euren Damm stützen.“ Beglückt watschelten die Biber mit ihrem Geschenk davon. Der Schneemann lächelte mit seinem Kohlenmund versonnen vor sich hin.

    Der nächste Tag war außergewöhnlich warm. Die Schneeschmelze begann nun auch in dem Tal, in dem der kleine Schneemann lebte. Er schwitzte und spürte, wie das Wasser in kleinen Bächlein über seinen Körper rann. Das kleine Mädchen kam ihn besuchen und redete ihm gut zu, er möge doch noch ein wenig durchhalten.
    Als die Nacht kam, war der kleine Schneemann um Einiges geschrumpft. Seine Arme berührten nun den Boden, sein kugeliger Bauch hatte viel abgenommen und sein Kopf war ein wenig flacher als zuvor. Doch seine Kohleaugen glitzerten noch und sein Kohlenmund lächelte freundlich.

    Ein Jäger streifte in der Nacht durch das Tal. Er hatte sich verirrt und fror erbärmlich. Da sah er den Schneemann mitten auf der schon vom Schnee befreiten Wiese stehen, der ihm mit einem Kohleauge zuzuzwinkern schien. Und so nahm der Jägersmann die Kohlenstücke aus dem Gesicht des kleinen Schneemanns, und machte sich daraus ein kleines Feuerchen, an dem er sich wärmen konnte.
    Als der kleine Schneemann am nächsten Tag unter den warmen Sonnenstrahlen zu einer kleinen Wasserpfütze zerfloss, war er nicht traurig. Sein kurzes Leben war schön gewesen.“

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