#20 Der letzte Zug

20. Mai 2010 at 15:56 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , )

Seit ich mich erinnern konnte, wohnten wir in einem kleinen Häuschen direkt neben dem Bahnhof. Wir waren dort hingezogen, weil mein Vater bei der Bahn arbeitete. Er war dafür verantwortlich, dass aus den Schloten der Züge so schöner schwarzer Rauch herausqualmte. Er schaufelte die Kohlen.
Das Rattern der Züge bestimmte Mamas und meinen Alltag. Jede Stunde hielt ein Zug oder fuhr los. Das Puffen und Pfeifen der alten Züge gefiel mir, es beruhigte mich in seiner Regelmäßigkeit und wiegte mich nachts wieder in den Schlaf, wenn ich schlecht geträumt hatte.

Im Sommer stand ich oft in meinem Sommerkleidchen am Zaun und wartete, bis mein Vater nach Hause kam. Währenddessen winkte ich den Städtern, die in unseren Ort auf Sommerfrische kamen. Manchmal kamen sie heran um mich zu begrüßen, viele redeten in fremdländischen Sprachen mit mir. Ab und zu bekam ich Schokolade oder Bonbons von den Sommergästen zugesteckt.

An meinem siebten Geburtstag verrieten Mama und Papa mir, dass Mama ein Kind erwartete. Ich durfte an ihrem Bauch fühlen, wie es trat und sich bewegte.
Papa war die letzten Jahre kaum zuhause gewesen, er hatte oft gearbeitet, manchmal war er tagelang nicht von seinen Reisen zurückgekehrt. Als das Baby da war, wurde alles anders. Etwas stimmte nicht mit ihm. Es sei krank und könnte sich nicht richtig bewegen, vielleicht niemals gehen, erklärten meine Eltern mir.
Papa war fortan öfter zuhause. Er spielte mit dem kleinen Mädchen, das immer lustig mit den Augen rollte. Ich war traurig. Mit mir hatte Papa nie so viel gespielt. Ich blieb draußen und winkte den Zügen nach.

Meine Schwester und ich wuchsen heran. Nicht nur mit ihrem Körper war etwas falsch, auch ihr Kopf funktionierte nicht richtig, sagte mir Papa. Er verbrachte viel Zeit mit ihr. Er wollte sie wieder gesund machen, mit ihr gehen und reden üben, sagte mein Vater verzweifelt. Mein Vater hatte auf seinen Reisen viel gehört, schlimme Dinge. Er wollte nicht mit uns darüber reden, nicht einmal mit Mama. Er sagte nur, er müsste meine Schwester gesund machen, bevor es zu spät war. Ich war nicht mehr eifersüchtig auf sie.

Der darauffolgende Sommer war seltsam. Statt den fröhlichen Sommerfrischlern blickten verängstigte Menschen aus den Zügen. Sie standen dicht an dicht in zerlumpten Kleidern nebeneinander. Die Züge hielten für gewöhnlich nicht mehr, sondern fuhren durch die Station. Ich winkte, manche winkten verzagt zurück, doch niemand schien sich wirklich zu freuen, Zugfahren zu dürfen.

Eines Morgens flatterte ein Brief in unser Haus. Darin stand, dass meine kleine Schwester in ein Krankenhaus fahren sollte, wo ihr geholfen werden konnte. Mein Vater wurde kreidebleich. Ich verstand nicht, was er hatte – ich hielt das mit meinen elf Jahren für eine gute Idee. Die Ärzte würden ihr vielleicht helfen können. Aber mein Vater weigerte sich, sie gehen zu lassen. Tage späte klopfte es an unsere Tür. Mama öffnete, ich war gleich hinter ihr. Ich war neugierig, denn wir bekamen nur selten Besuch.

Zwei Männer standen da und lächelten nicht. Sie kämen um meine kleine Schwester jetzt abzuholen, für die Kur im Krankenhaus. Mama zitterte. Das Zittern war auch in ihrer Stimme, als sie meinen Vater rief. Er kam, mit seiner Tochter auf dem Arm. Sie rollte lustig mit den Augen.
„Ist das denn wirklich notwendig?“, flehte mein Vater und drückte sein Kind fest an sich. „Sehen Sie sie doch an, sie tut keiner Fliege etwas zuleide…“
„Aber sie ist krank“, gab einer der Männer harsch zurück und streckte die Hand nach dem kleinen Mädchen aus. Mama schluchzte in ihre Schürze hinein.

„Wenn sie gehen muss, gehe ich mit ihr“, erwiderte mein Vater mit fester Stimme.
„Das ist eine Dummheit“, gab der zweite Mann zurück. Ohne ein weiteres Wort zu den Männern beugte sich mein Vater zu meiner Mutter herunter und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Er flüsterte ihr beruhigende und entschuldigende Worte zu.
Dann strich er mir sanft übers Haar und sagte: „Pass gut auf deine Mama auf.“
Ich lief ihm bis zum Zaun nach, sah, wie er aufrecht und würdevoll in den wartenden Zug stieg, der zum ersten Mal seit langem in der Station hielt. Darin saßen die traurigen Menschen. Papa winkte, während eine Träne seine Wange hinunterrollte. Meine kleine Schwester hielt er sicher auf dem Arm.

Er winkte. Ich winkte zurück, während sich der Zug langsam in Bewegung setzte, über die Schienen losratterte, einem unbekannten Ziel zu. Ich winkte und winkte immer noch, als der Zug längst verschwunden war. Es war das letzte Mal, dass ich meinen Vater und meine Schwester sah. Züge sah ich noch viele, doch ich winkte nicht mehr.
Der letzte Zug war abgefahren.

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#19 Tanzen gehen

7. Mai 2010 at 20:08 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

„Oma“, atmete ich auf und griff nach ihrer faltigen Hand. „Wohin gehst du denn? Es gibt Mittagessen.“
„Mittagessen?“, fragte Oma und sah mich verwirrt an. „Aber es ist doch noch Vormittag…“
„Nein Oma, sieh mal.“ Ich zog meine linke Hand aus ihrer rechten, um ihr meine Armbanduhr hinzuhalten. Der kurze dicke Zeiger mit der rosaroten Fee war auf der Eins, der lange dünne mit dem silbernen Zauberstab auf der Zwölf. Ich runzelte die Stirn und dachte kurz nach. „Ein Uhr!“, rief ich dann triumphierend.

„Aber ich muss doch zum Fluss, Wäsche waschen…“, zögerte Oma. In der linken Hand hielt sie ein paar Strümpfe und ein spitzenbesetztes Unterleibchen.
„Bis zum Fluss ist es weit, Oma. Und du hast doch auch gar kein Waschmittel dabei! Wir geben das Mama, die tut das in die Waschmaschine.“ Ich zog an Omas Hand. Wir würden zehn Minuten gehen müssen, bevor wir zuhause waren und ich hatte schon einen Bärenhunger. Oma war ein ganzes Stück weit von daheim weggewandert.

Sie ließ sich von mir mitzerren. Wir gingen langsam, sie konnte nicht mehr so schnell. Sie blieb stehen, um zu reden. „Ich brauche das Gewand aber heute Abend, ich gehe doch zum Tanzen.“
Ich lachte. „Oma, du bist doch schon zu alt zum Tanzen!“
„Zu alt?“, sie sah mich fragend an und flüsterte ein wenig verängstigt: „Wie alt bin ich denn?“
Ich rechnete. Oma war dreiundsiebzig Jahre älter als ich, das hatte mir Papa gesagt. „Neunundsiebzig.“
„Neunundsiebzig?“, jetzt lachte sie. „Du irrst dich, Schwesterchen, neunzehn bin ich. Das Zählen müssen wir noch üben“, lächelte sie gütig auf mich hinab.

Ich sagte nichts. Oma spielte wieder. Jetzt war sie neunzehn und ich war ihre Schwester. In letzter Zeit spielte Oma öfter und anders als sonst. Mama hatte gesagt, ich solle ruhig mitspielen.
„Kann ich mit zum Tanzen?“, fragte ich. Vielleicht durfte ich dann abends mein schönes Kleid anziehen und Omas Perlenkette tragen.
„Nein, du bist noch zu klein. Außerdem…“ Sie zögerte. „Außerdem treffe ich mich heute mit Theo.“ Versonnen lächelte sie in die Ferne.
„Mit Opa?“, fragte ich. Opa war doch schon lange tot.
„Opa?“ Sie lachte. „So alt ist Theo auch nicht, dass du ihn Opa nennen kannst. Obwohl, mit seinen fünfundzwanzig Jahren ist er wohl fast ein Opa für dich…“ Sie lächelte weiter vor sich hin und schüttelte den Kopf.
Nach Omas Spielregeln zu spielen machte nicht immer Spaß. Früher hatte ich immer die Rollen bestimmen dürfen.

Wir waren zuhause angekommen. Mama wartete schon mit dem Essen. Sie schimpfte ein bisschen mit Oma, weil sie so weit weggegangen war. Oma verschränkte die Arme trotzig vor der Brust. „Ich gehe heute trotzdem zum Tanzen, Hausarrest gibst du mir keinen“, sagte sie, und ihre Stimme bekam ein gefährliches Zittern.
„Gut, dann gehst du eben tanzen“, sagte Mama und seufzte. Oma freute sich und verschüttete in der Aufregung die Hälfte ihrer Suppe.

Abends brachte Oma mich ins Bett. Sie war aufgeregt und schnaufte, als sie die Bettdecke um mich herum feststeckte. „Ich gehe heute mit Theo tanzen, Schwesterchen“, flüsterte sie mir zu. Ich nickte nur. Ich war müde und die Augen fielen mir schon zu.
„Lass dir morgen Früh eine Ausrede für die Eltern einfallen, falls ich noch nicht wieder da bin“, zwinkerte Oma mir verschwörerisch zu und küsste mich zur guten Nacht.

Am nächsten Morgen saß Oma noch nicht beim Frühstückstisch, als ich in die Küche kam. Mama weinte, Papa redete sanft auf sie ein und streichelte ihren Rücken.
„Wo ist Oma?“, fragte ich. Ich hatte vergessen, was sie mir am Vorabend aufgetragen hatte, als ich schon halb in tiefen Schlummer versunken war.
„Sie ist nicht vom Tanzen zurückgekommen“, sagte Papa bloß und strich mir sanft über den Kopf. Sie war also bei ihrem Theo geblieben.

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