#19 Tanzen gehen

7. Mai 2010 at 20:08 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

„Oma“, atmete ich auf und griff nach ihrer faltigen Hand. „Wohin gehst du denn? Es gibt Mittagessen.“
„Mittagessen?“, fragte Oma und sah mich verwirrt an. „Aber es ist doch noch Vormittag…“
„Nein Oma, sieh mal.“ Ich zog meine linke Hand aus ihrer rechten, um ihr meine Armbanduhr hinzuhalten. Der kurze dicke Zeiger mit der rosaroten Fee war auf der Eins, der lange dünne mit dem silbernen Zauberstab auf der Zwölf. Ich runzelte die Stirn und dachte kurz nach. „Ein Uhr!“, rief ich dann triumphierend.

„Aber ich muss doch zum Fluss, Wäsche waschen…“, zögerte Oma. In der linken Hand hielt sie ein paar Strümpfe und ein spitzenbesetztes Unterleibchen.
„Bis zum Fluss ist es weit, Oma. Und du hast doch auch gar kein Waschmittel dabei! Wir geben das Mama, die tut das in die Waschmaschine.“ Ich zog an Omas Hand. Wir würden zehn Minuten gehen müssen, bevor wir zuhause waren und ich hatte schon einen Bärenhunger. Oma war ein ganzes Stück weit von daheim weggewandert.

Sie ließ sich von mir mitzerren. Wir gingen langsam, sie konnte nicht mehr so schnell. Sie blieb stehen, um zu reden. „Ich brauche das Gewand aber heute Abend, ich gehe doch zum Tanzen.“
Ich lachte. „Oma, du bist doch schon zu alt zum Tanzen!“
„Zu alt?“, sie sah mich fragend an und flüsterte ein wenig verängstigt: „Wie alt bin ich denn?“
Ich rechnete. Oma war dreiundsiebzig Jahre älter als ich, das hatte mir Papa gesagt. „Neunundsiebzig.“
„Neunundsiebzig?“, jetzt lachte sie. „Du irrst dich, Schwesterchen, neunzehn bin ich. Das Zählen müssen wir noch üben“, lächelte sie gütig auf mich hinab.

Ich sagte nichts. Oma spielte wieder. Jetzt war sie neunzehn und ich war ihre Schwester. In letzter Zeit spielte Oma öfter und anders als sonst. Mama hatte gesagt, ich solle ruhig mitspielen.
„Kann ich mit zum Tanzen?“, fragte ich. Vielleicht durfte ich dann abends mein schönes Kleid anziehen und Omas Perlenkette tragen.
„Nein, du bist noch zu klein. Außerdem…“ Sie zögerte. „Außerdem treffe ich mich heute mit Theo.“ Versonnen lächelte sie in die Ferne.
„Mit Opa?“, fragte ich. Opa war doch schon lange tot.
„Opa?“ Sie lachte. „So alt ist Theo auch nicht, dass du ihn Opa nennen kannst. Obwohl, mit seinen fünfundzwanzig Jahren ist er wohl fast ein Opa für dich…“ Sie lächelte weiter vor sich hin und schüttelte den Kopf.
Nach Omas Spielregeln zu spielen machte nicht immer Spaß. Früher hatte ich immer die Rollen bestimmen dürfen.

Wir waren zuhause angekommen. Mama wartete schon mit dem Essen. Sie schimpfte ein bisschen mit Oma, weil sie so weit weggegangen war. Oma verschränkte die Arme trotzig vor der Brust. „Ich gehe heute trotzdem zum Tanzen, Hausarrest gibst du mir keinen“, sagte sie, und ihre Stimme bekam ein gefährliches Zittern.
„Gut, dann gehst du eben tanzen“, sagte Mama und seufzte. Oma freute sich und verschüttete in der Aufregung die Hälfte ihrer Suppe.

Abends brachte Oma mich ins Bett. Sie war aufgeregt und schnaufte, als sie die Bettdecke um mich herum feststeckte. „Ich gehe heute mit Theo tanzen, Schwesterchen“, flüsterte sie mir zu. Ich nickte nur. Ich war müde und die Augen fielen mir schon zu.
„Lass dir morgen Früh eine Ausrede für die Eltern einfallen, falls ich noch nicht wieder da bin“, zwinkerte Oma mir verschwörerisch zu und küsste mich zur guten Nacht.

Am nächsten Morgen saß Oma noch nicht beim Frühstückstisch, als ich in die Küche kam. Mama weinte, Papa redete sanft auf sie ein und streichelte ihren Rücken.
„Wo ist Oma?“, fragte ich. Ich hatte vergessen, was sie mir am Vorabend aufgetragen hatte, als ich schon halb in tiefen Schlummer versunken war.
„Sie ist nicht vom Tanzen zurückgekommen“, sagte Papa bloß und strich mir sanft über den Kopf. Sie war also bei ihrem Theo geblieben.

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1 Kommentar

  1. Kornelia said,

    So traurig, aber so schön …

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