#21 Flashback

2. Juni 2010 at 20:44 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Das Kind weinte. Was sollte ich tun? Was hatte mein Vater immer getan, wenn ich als Kind geweint hatte? Er hatte mir Schokolade gegeben, als Ablenkung. Ich war ein dickliches kleines Mädchen gewesen. Seither aß ich immer Schokolade wenn ich traurig war. Aber genau heute hatte ich keine dabei.
Das Kind schluchzte laut auf.
„Schhh…“, machte ich und hockte mich wieder neben dem Mädchen auf den nassen Asphalt. „Schhh…“

Das Weinen hörte auf. Das Kind hielt inne, starrte mich verständnislos an, bevor es wieder losplärrte. Jetzt wusste ich wieder, warum ich keine eigenen Kinder haben wollte.
Ich stupste das Kind sanft an und versuchte, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken – es sollte nicht dauernd zum Unfallsort schauen müssen. Das Kind drehte sich nur noch weiter weg von mir. Es sah heulend den Feuerwehr- und Rettungsmännern bei der Arbeit zu. Warum hatten sie mich mit dem Kind alleine gelassen? Ich hatte doch gar keine Ahnung von Kindern…

„Wie heißt du?“, versuchte ich mit der Kleinen ins Gespräch zu kommen.
„Lara“, schniefte sie.
„Möchtest du deinen Papa anrufen, Lara?“, fragte ich sie freundlich. Ich hielt mein Handy, mit dem ich vorhin die Rettung verständigt hatte, immer noch in der Hand und streckte es ihr nun entgegen.
„Ich habe keinen Papa“, brachte sie keuchend hervor. Auch das noch.
„Willst du vielleicht mit deinen Großeltern reden? Hast du ältere Geschwister, Tanten, Onkel?“, fragte ich, während die Verzweiflung langsam in mir hochstieg, während sie unentwegt den Kopf schüttelte. Sie zog lautstark auf, bevor sie „hab ich nicht“ murmelte.

Ich spürte, wie meine Augen begannen, feucht zu werden. Ich hatte immer gedacht, ich hätte eine schlimme Kindheit gehabt, mit nur einer einzigen Bezugsperson, die noch dazu ziemlich ungeschickt im Umgang mit Kindern war. Aber dieses Mädchen hier hatte auf einen Schlag alles verloren.
Ich sah verschwommen vor meinem inneren Auge eine Frau mit streng zurückgebundenem Haar und ebenso strenger Stimme. „Sollen wir sie mitnehmen?“, fragte sie meinen Vater. „Wir suchen eine neue Familie für sie.“ Mein Vater schüttelte langsam den Kopf und schickte die Frau von der Fürsorge weg. Wie hätte mein Leben ausgesehen, wenn sie mich damals mitgenommen hätte? Vielleicht hätte ich eine liebevolle neue Mami gehabt, einen Papi der mich zum Ponyreiten brachte und eine herzige Babyschwester. Vielleicht hätte ich aber auch immerzu Geschirr abwaschen und auf meine schlimmen kleinen Geschwister aufpassen müssen. Ich war froh, dass ich bei meinem Vater bleiben hatte dürfen, in der gewohnten Umgebung, auch wenn Papa sich nach Mamas Tod in einen stillen, traurigen und apathischen Mann verwandelt hatte, der mir kaum den nötigen Trost und Halt schenken konnte.

Endlich kam ein Sanitäter zu uns am Straßenrand kauernden einsamen Gestalten herüber. Er stellte mir einige Fragen und ich beschrieb ihm, was ich gesehen hatte, sagte, was ich wusste. Lara schwieg neben mir, wiegte ihren kleinen Körper hin und her und drückte ihre Hände gegen den kalten Asphalt. Flüsternd erklärte ich dem Sanitäter, dass das Mädchen jetzt anscheinend niemanden mehr hatte.
„Sollen wir mal schauen, ob wir im Auto noch einen Lutscher finden?“, fragte der junge Mann Lara freundlich und streckte ihr die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen. Sie warf mir einen langen Blick zu, nahm seine Hand und ließ sich von ihm mitziehen. Ich blieb am Straßenrand hocken und sah zu, wie die beiden langsam durch den Nieselregen auf den bereitstehenden Rettungswagen zu gingen. Auf halbem Weg drehte sich Lara um und warf mir einen letzten Blick zu.

Es war dieser Blick, dieser verwirrte und hilflose Blick, der mich so sehr daran erinnerte, wie ich mich damals gefühlt hatte, der mich aus meiner Erstarrung aufweckte. Wenn es jemanden gab, der wissen musste, was man sich als Kind wünschte, wenn man eben seine Mutter verloren hatte, dann war ich es.

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