#24 Wie Hund und Katz

29. Juli 2010 at 21:24 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - lustig) (, , , , , )

„…Und so habe ich mein ganzes Leben mit Warten verbracht“, beendete er die tragische Erzählung über sein Leben.
„Was ist mit diesem Mädchen? Glaubst du wirklich, dass du sie wiedersehen wirst? Ich meine, es sind fünf Jahre vergangen…“ Sie sah in skeptisch an.
„Die Hoffnung stirbt zuletzt, oder?“ Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Menschen zu, die an ihm vorbeizogen. Alle waren sie auf der Suche nach etwas, aber niemand suchte ihn.

„Vielleicht würde es helfen, wenn du dich nicht so in Selbstmitleid suhlen würdest“, gab sie zu bedenken und grinste ihn frech an.
„Du hast leicht reden. Du stehst ja auch nicht schon fünf Jahre hier und wartest. Aber du wirst schon sehen: In einem Jahr wirst du ähnlich denken wie ich. Und ganz ehrlich, solche wie dich gibt’s an jeder Ecke.“

Sie starrte ihn ungläubig an: „Ist nicht dein Ernst, oder? Also das ist das Gemeinste, das man mir je an den Kopf geworfen hat… Okay, ich bin vielleicht erst seit Kurzem hier, aber zumindest leide ich nicht so schrecklich, wie du. Würdest du ein einziges Mal lächeln, würde dich vielleicht jemand mitnehmen.“ Sie lächelte und hob die Pfote.
„Ist ja nicht so, als könntest du dir aussuchen, wem du winkst und wem nicht“, knurrte er.
„Wir müssen auch nicht reden“, zischte sie und hob wieder die Pfote.

Er betrachtete sie aus dem Augenwinkel. Ja, sie war hübsch, gold-schwarz-rote Bemalung und ein breites weißgezähntes Lächeln. Aber es machte ihn verrückt, dass diese chinesische Plastikkatze andauernd die Pfote hob. Und, auch wenn sie es nicht wissen wollte, er hatte Recht. Diese billigen Staubfänger gab es in jedem Asia-Shop zu kaufen.
Wohingegen er etwas Besonderes war. Immerhin hatte er zehn Jahre den Eingang des Restaurants „Blühender Lotus“ bewacht. Gut, vielleicht war es ungewöhnlich für ein chinesisches Restaurant einen weißen Porzellanhund aufzustellen, dessen Fell eine Reihe goldener Kirschblüten zierten, die ihm einen leicht japanischen Touch verliehen. Feuerspeiende Drachen waren vielleicht cooler als Türsteher, aber der Hund war doch schließlich der beste Freund des Menschen? Er knurrte unhörbar.

„Was, noch immer schlecht drauf? Was ist dir denn jetzt wieder für eine Laus über die Leber gelaufen?“, fragte die Katze beleidigt.
„Ich hab’s einfach satt, hier rumzuhängen und darauf zu warten, dass mich jemand mitnimmt. Flohmärkte sind ätzend. Außerdem werde ich bestimmt unter meinem Wert verkauft. Und ich vermisse Lian…“
„Wirst du jemals über sie hinwegkommen? Ist doch lächerlich, du hast sie fünf Jahre nicht mehr gesehen. Vielleicht gefällt sie dir gar nicht mehr? Sie wird sich verändert haben, weißt du, bei Menschen passiert das“, belehrte die Katze ihn und hob die Pfote. Schon wieder.

„Du warst noch nie verliebt, oder? Da geht’s nicht darum, wie jemand aussieht. Es geht um das Gefühl, das du hast, wenn du mit der Person zusammen bist, die du liebst. Bei ihr habe ich mich einfach immer sicher gefühlt und sie hat mir vertraut, sie hat mir alles erzählt. Du weißt wohl nicht wie das ist, wenn dir jemand vertraut? Wir sind stundenlang auf der Türschwelle gesessen und sie hat mir von ihrem Leben erzählt und ab und zu ihre heiße Stirn an meinem Kopf gekühlt…“ Er blickte verträumt in die Ferne.

„Aber sie ist jetzt fünf Jahre älter und hat bestimmt einen Freund. Oder sie ist verheiratet. Würde es dir nicht das Herz brechen?“, fragte ihn die Katze mit leicht besorgtem Blick.
„Nein. Ich würde mich für sie freuen. Ich weiß ja, dass unsere Freundschaft eine rein platonische ist, ich bin ja kein Vollidiot. Ich will sie einfach glücklich sehen“, seufzte er.

„Armer verliebter Hund“, maunzte die Katze mitfühlend. Sie hatte nicht erwartet, dass Hunde so tiefgründige Gefühle hegen konnten. Eigentlich fand sie das ziemlich attraktiv. Sie klimperte ein wenig mit den Wimpern. „Weißt du“, setzte sie an, „da wir schon mal hier sind…“
„Oh mein Gott, da ist sie!“, unterbrach der Porzellanhund sie aufgeregt. „Da ist Lian! Wink mal, damit sie rüberkommt!“ Widerwillig hob die Katze ihre Pfote. „Oh, sie sieht uns, sie kommt!“

Zwei Minuten später teilten sie sich einen Pappkarton. „Scheint, als gäbe es bald eine Restaurant-Neueröffnung“, grinste die Katze. „Zum goldgeblümten Porzellanhund.“
„Oder: Zur winkenden Katze“, grinste er zurück und gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze, als das Auto an der Ampel scharf bremsen musste.

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1 Kommentar

  1. Kornelia said,

    Die Geschichte find ich total entzückend. Wenn man sich das bildlich vorstellt …
    Tolle Idee.

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