#28 Ein Prinz auf Abwegen

22. September 2010 at 20:35 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - lustig, Kurzgeschichten - Märchen) (, , , , , , , , )

„Eine wunderschöne Prinzessin ist in einem hohen Turm eingesperrt“, teilte der Bote dem Prinzen mit. „Reite schnell und befreie sie!“
Sogleich warf sich der edle Ritter in sein bestes Gewand, sattelte seinen weißen Schimmel und gab ihm die Sporen. „Harlekingasse 537, 10. Stock, Fräulein Perchteder!“, rief ihm der Bote nach.

Schnell wie der Wind ritt der Prinz seinem Ziel entgegen, doch ein Hindernis stellte sich ihm in den Weg. Ein Mann in blauem Kostüm versperrte ihm den Weg und er musste scharf an den Zügeln reißen, um seinen sich aufbäumenden Schimmel im Zaum zu halten.
„Hearn’S, da derfen’S net reiten und so schnö scho goar net!“, blaffte ihn der Ordnungshüter an. „Steigen’S owa, des kost sonst an Fuffzger!“
Befremdet von dem flegelhaften Verhalten stieg der edle Ritter von seinem Ross und band es einige Meter weiter an einen Baum. „Warte hier, mein Hengst, ich schaffe den Weg auch alleine“, flüsterte er dem Gaul zu.

Zu Fuß galoppierte der Prinz weiter, doch nirgendwo war ein Schloss mit hohem Turm in Sicht. Er musste die Hilfe von niederem Fußvolk in Anspruch nehmen.
„Ich bin auf der Suche nach Prinzessin Perchteder, die ihm hohen Turm in der Harlekingasse 537, 10. Stock, eingeschlossen ist“, verriet er dem nächstbesten Gesellen, der ihm hilfsbereit den Weg wies.
„Als Dank für deine Hilfe werde ich dir einen Juwel vom Schaft meines Schwertes schenken“, versprach der edle Ritter dem Untertan und zog sein Schwert. Dieser riss erschrocken die Hände hoch, stammelte: „Tuan’S de Woffn weg!“ und ergriff die Flucht. Der Prinz schüttelte den Kopf über so viel Schreckhaftigkeit und machte sich wieder auf den Weg.

Bald sah er den Turm, in dem die holde Jungfrau eingesperrt war, ein hässliches Gebilde aus Stahl und Glas, gleich einem Käfig.
„Prinzessin, ich bin hier um dich zu retten!“, rief er lautstark in Richtung des 10. Stocks. Sicherheitshalber fügte er noch ein „Fräulein Perchteder!“ hinzu, da viele Köpfe sich neugierig aus den Fenstern zu recken begannen.
„Das bin ich!“, rief eine helle Stimme dem Prinzen zu.

„Lass dein Haar herunter!“, befahl der edle Ritter gebieterisch. Doch sie hatte eine Kurzhaarfrisur.
„Nehmen’S doch den Lift“, riet ihm eine ältere Frau, als er sich daran machte, an der glatten Fassade hinaufzuklettern.
„10. Stock, Appartement 7“, informierte die hübsche Maid ihn noch. Nach dem Ritt mit dem höllischen metallenen Gaul zehn Stockwerke in die Höhe fand der Prinz das Appartement 7 des Fräuleins Perchteder.

„Tritt zurück, holde Jungfrau, ich werde dich retten!“, rief er ihr zu, nahm Anlauf und rammte die Holztür mit einem gezielten Fußtritt und unter Einsatz seiner Schulter und seiner gesamten Kraft ein.
Die Prinzessin stand mit offenem Mund vor ihm und betrachtete erst die ausgehängte Tür, die nun auf dem Boden lag und dann ihn. „Keine Sorge, du bist gerettet“, teilte er ihr mit und lächelte sie aufmunternd an. Er kannte diesen Anblick, wenn es den jungen Damen vor lauter Faszination über seinen Heldenmut die Sprache verschlug.

Doch sie fand ihre Worte bald wieder: „Na das ersetzen Sie mir aber! Und Ihren Schlüsseldienst bestelle ich auch nie wieder!“

Advertisements

Permalink 3 Kommentare

#27 Neuanfang

10. September 2010 at 14:56 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , )

Zurückzukommen war schwierig, schwieriger als ich gedacht hatte. Aber immer noch bei Weitem einfacher, als mich meinen Eltern zu stellen. Drei Jahre hatte ich ihnen Karten von da und dort geschickt, ohne jemals anzurufen und ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, mich zu kontaktieren. Ich hatte Angst vor ihrem Urteil über das, was ich aus meinem Leben gemacht hatte.

Zaghaft klopfte ich an die Tür meines Patenonkels. Ich hatte mich immer gut mit ihm verstanden, seine Frau war wie eine Mutter zu mir gewesen, wenn ich auf Besuch gewesen war, und mit den beiden Söhnen hatte ich Abfangen und Computer gespielt. Ich konnte nur hoffen, dass Robert und Martha die Vermittlerposition einnehmen würden, um meinen Eltern zu erklären, wie es um mich stand.
Die Tür wurde mir geöffnet und Robert stand in Pantoffeln, Jogginghosen und kariertem Hemd vor mir und sah mich fragend an.

„Doreen“, sagte ich und streckte ihm die Hand entgegen. Er schüttelte sie verwundert, unsicher darüber, was ich von ihm wollte.
„Bei unserem letzten Treffen war mein Name noch David.“ Er sah mich immer noch skeptisch an. „David Heckhouse.“

Roberts Blick wanderte nun ungläubig über meine geschminkten Augen und Lippen, das schulterlange Haar, meine Brüste bis hin zu den rot lackierten Zehennägeln, die aus den Sandalen hervorlugten.
„David Heckhouse“, murmelte er und schüttelte dabei den Kopf.
„Du weißt ja, dass ich mich nie richtig wohlgefühlt habe, in meinem Körper?“, setzte ich zu einer Erklärung an.

„Wer ist an der Tür, Schatz?“, rief Martha aus dem Hintergrund.
„Besuch. Wir kommen gleich, Liebling!“, schrie Robert zurück.
„Wissen deine Eltern davon?“, wandte er sich wieder mir zu. Er reihte seine Worte vorsichtig aneinander, so als könnte eine unbedachte Aussage mich dazu bringen, Amok zu laufen.
Ich schüttelte den Kopf. „Ich hatte gehofft, ihr könntet es ihnen vielleicht schonend beibringen?“

Robert nickte langsam. „Gehen wir in die Küche und besprechen wir das mit Martha.“ Er griff nach meiner Tasche, die mit den wenigen Besitztümern, die ich seit meinem Ausbruch aus dem Familienleben angesammelt hatte, gefüllt war.
Unschlüssig blieb ich auf der Türschwelle stehen und zupfte mein T-Shirt zurecht. „Könnten wir vielleicht noch warten, bis wir Steve und Richard davon erzählen?“
Wieder nickte Robert langsam, bevor ich ihm ins Haus folgte.

Auch Martha trug meine Offenbarung mit Fassung. Sie hielt es sogar für eine gute Idee, ihren Söhnen vorerst nicht zu sagen, wer ich wirklich war. Sie sollten mich erst als nette junge Frau kennenlernen, ehe sie erfahren würden, dass ich früher der nette junge Bursche gewesen war, mit dem sie in ihrer Kindheit gespielt hatten.
Wir lachten sogar ein bisschen, als wir eine neue Übergangsidentität für mich erfanden und entschlossen uns schließlich doch dagegen, mich als Doreen aus Aberdeen vorzustellen. Ich würde schlicht und einfach die Tochter einer alten Bekannten von der Westküste sein.

Wahrscheinlich hätte ich stutzig werden müssen, als Richard darauf bestand, mir den Sessel zurechtzurücken und während unserem ersten gemeinsamen Abendessen immerzu mit mir scherzte. Ich fühlte mich geschmeichelt, ich wurde von ihm als Frau akzeptiert und so übersah ich geflissentlich Marthas warnende Blicke.
Wie hätte er auch wissen können, dass ich sein einstiger Spielgefährte war? Ich hatte immer schon einen sehr zarten, eher weiblichen Körperbau gehabt, wegen dem ich in der Schule gehänselt worden war, und die Hormontherapie hatten die letzten Anzeichen von Männlichkeit verwischt.

Ich musste mir außerdem eingestehen, dass ich mich schon immer zu Richard hingezogen gefühlt hatte. Er war zwei Jahre älter als ich, ging mittlerweile zur Universität und spielte im dortigen Football-Team. Er hatte dazu schließlich auch den passenden Körper: groß, athletisch und muskulös. Und nun hatte ich endlich auch den richtigen Körper, um einen kleinen Flirt mit ihm zu wagen.

Ich hätte seinem Werben Einhalt gebieten müssen, als er abends leise an meine Zimmertür klopfte, aber ich hatte zu lange auf diesen ersten Kuss in einem Körper, in dem ich mich wirklich zuhause fühlte, warten müssen. Wie konnte ich auch ahnen, dass Martha, die stets besorgte liebevolle Mutter noch kommen würde, um mir eine gute Nacht zu wünschen?

Früh am nächsten Morgen bat mich Robert mit einem enttäuschten Ausdruck im Gesicht, sein Haus zu verlassen. Er hatte meine Eltern angerufen, das Auto wartete bereits vor der Tür. Der Schritt in mein eigenes, selbstbestimmtes Erwachsenenleben war nicht geglückt. Am Ende war ich wieder ein gescholtenes Kind, das nirgends so recht hingehörte.

Ich fühlte, wie ich in ein tiefes, schwarzes Loch aus Selbstzweifel zu sinken begann. Ich konnte mich meinen Eltern und ihren Fragen nicht stellen, ich konnte nur auf meinem Bett liegen und die weiße Zimmerdecke meiner Kindheit anstarren.
Tagelang brütete ich vor mich hin und tat nur das Nötigste, essen, Zähne putzen, aufs WC gehen. Auf einmal wusste ich nicht mehr, was ich mit dem neuen Leben machen wollte, dass ich mir durch viele Entbehrungen erkämpft hatte.

Am fünften Tag saß Richard plötzlich auf meiner Bettkante. Er beugte sich über mich, um mich zu küssen. Ich drehte den Kopf zur Seite.
„Ich bin keine richtige Frau“, flüsterte ich müde.
„Doch, ich habe nachgedacht und für mich bist du es“, antwortete er und startete einen zweiten Versuch.

Permalink Schreibe einen Kommentar

#26 Für immer jung

3. September 2010 at 14:38 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , )

„Pippi!“, rief ich in die Stille des großen Hauses hinein, während ich die Eingangstür hinter mir zuzog. „Wo bist du?“
Ich hörte es leise im Wandschrank kichern und sah durch einen Spalt, wie Leni zwischen Jacken und Mänteln kauerte und sich in die Faust biss, um nicht laut loszuprusten.
„Hmm… Hier ist sie nicht, ich werde sie mal in ihrem Zimmer suchen gehen“, verkündete ich lautstark und trampelte die Treppe hinauf, damit sie wusste, dass sie aus ihrem Versteck kommen konnte.

„Wo ist denn bloß die Pippi?“, wunderte ich mich, als ich ihr farbenfroh dekoriertes Zimmer wieder verließ. Langsam trottete ich die Stiegen wieder hinunter ins Vorzimmer, schaute mal links, mal rechts, bloß nicht geradeaus.
„Dann werde ich wohl wieder gehen, wenn sie nicht da ist…“, überlegte ich laut und war schon fast bei der Tür angekommen, als Leni, die auf der Türmatte gesessen hatte, plötzlich vor mir aufsprang. Ich griff mir ans Herz und tat so, als hätte ich mich fürchterlich erschrocken, bevor ich Leni umarmte und ganz kurz hochhob.
Das alles gehörte zu unserem kleinen Ritual, das sich jeden Donnerstag, wenn ich sie nach der Arbeit besuchen kam, abspielte. Es war mit den Jahren immer schwieriger geworden, sie zu übersehen und mit dem Hochheben hatte ich auch zunehmend Probleme.

Leni nahm mich an der Hand und zog mich in die Küche. Ihre Mutter saß am Küchentisch, wo sie stets ihre Kreuzworträtsel löste und begrüßte mich freundlich.
„Na Mädels, wollt ihr einen Kakao und Kekse?“, bot sie uns an.
„Jaa!“, rief Leni und klatschte in die Hände. Sie holte ihre zwei Lieblingstassen für uns aus dem Schrank, eine mit Winnie the Pooh darauf, die andere zeigte Pippi Langstrumpf.
„Sie hat heute kein Mittagsschläfchen gemacht, es kann sein, dass sie schnell müde wird“, warnte mich ihre Mutter unterdessen leise.

„Und was willst du heute machen?“, fragte ich Leni, während ich vorsichtig das Tablett mit Kakao und Keksen über die Stiegen und hinauf in ihr Kinderzimmer trug.
„Liest du mir vor?“, fragte sie und holte schon ihr Lieblingsbuch aus dem Regal. Pippi Langstrumpf. Ihre Vorliebe für das freche Mädchen mit den rot-orangen Haaren war nicht der einzige Grund, warum wir sie Pippi nannten.

Wir machten es uns auf ihrem großen Bett gemütlich und sie legte den Kopf in meinen Schoß, ihr Lieblingsplüschtier, ein Pferd wie das von Pippi Langstrumpf, im Arm. Ich begann zu lesen und gemeinsam schauten wir die Bilder an, so lange, bis Leni langsam die Augen zufielen.

Ich betrachtete ihr hübsches Gesicht, während sie friedlich schlummerte. Sie war eine gutaussehende junge Frau geworden, in den letzten dreiundzwanzig Jahren. Wir kannten uns praktisch seit unserer Geburt, doch sie war auf dem geistigen Niveau einer Sechsjährigen steckengeblieben.
„Gute Nacht, Pippi“, flüsterte ich, als ich ihre Kuscheldecke über ihren erwachsenen Körper zog und an den Seiten feststeckte, bevor ich das Licht löschte und meine große kleine Freundin schlafen ließ.

Permalink Schreibe einen Kommentar