#26 Für immer jung

3. September 2010 at 14:38 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , )

„Pippi!“, rief ich in die Stille des großen Hauses hinein, während ich die Eingangstür hinter mir zuzog. „Wo bist du?“
Ich hörte es leise im Wandschrank kichern und sah durch einen Spalt, wie Leni zwischen Jacken und Mänteln kauerte und sich in die Faust biss, um nicht laut loszuprusten.
„Hmm… Hier ist sie nicht, ich werde sie mal in ihrem Zimmer suchen gehen“, verkündete ich lautstark und trampelte die Treppe hinauf, damit sie wusste, dass sie aus ihrem Versteck kommen konnte.

„Wo ist denn bloß die Pippi?“, wunderte ich mich, als ich ihr farbenfroh dekoriertes Zimmer wieder verließ. Langsam trottete ich die Stiegen wieder hinunter ins Vorzimmer, schaute mal links, mal rechts, bloß nicht geradeaus.
„Dann werde ich wohl wieder gehen, wenn sie nicht da ist…“, überlegte ich laut und war schon fast bei der Tür angekommen, als Leni, die auf der Türmatte gesessen hatte, plötzlich vor mir aufsprang. Ich griff mir ans Herz und tat so, als hätte ich mich fürchterlich erschrocken, bevor ich Leni umarmte und ganz kurz hochhob.
Das alles gehörte zu unserem kleinen Ritual, das sich jeden Donnerstag, wenn ich sie nach der Arbeit besuchen kam, abspielte. Es war mit den Jahren immer schwieriger geworden, sie zu übersehen und mit dem Hochheben hatte ich auch zunehmend Probleme.

Leni nahm mich an der Hand und zog mich in die Küche. Ihre Mutter saß am Küchentisch, wo sie stets ihre Kreuzworträtsel löste und begrüßte mich freundlich.
„Na Mädels, wollt ihr einen Kakao und Kekse?“, bot sie uns an.
„Jaa!“, rief Leni und klatschte in die Hände. Sie holte ihre zwei Lieblingstassen für uns aus dem Schrank, eine mit Winnie the Pooh darauf, die andere zeigte Pippi Langstrumpf.
„Sie hat heute kein Mittagsschläfchen gemacht, es kann sein, dass sie schnell müde wird“, warnte mich ihre Mutter unterdessen leise.

„Und was willst du heute machen?“, fragte ich Leni, während ich vorsichtig das Tablett mit Kakao und Keksen über die Stiegen und hinauf in ihr Kinderzimmer trug.
„Liest du mir vor?“, fragte sie und holte schon ihr Lieblingsbuch aus dem Regal. Pippi Langstrumpf. Ihre Vorliebe für das freche Mädchen mit den rot-orangen Haaren war nicht der einzige Grund, warum wir sie Pippi nannten.

Wir machten es uns auf ihrem großen Bett gemütlich und sie legte den Kopf in meinen Schoß, ihr Lieblingsplüschtier, ein Pferd wie das von Pippi Langstrumpf, im Arm. Ich begann zu lesen und gemeinsam schauten wir die Bilder an, so lange, bis Leni langsam die Augen zufielen.

Ich betrachtete ihr hübsches Gesicht, während sie friedlich schlummerte. Sie war eine gutaussehende junge Frau geworden, in den letzten dreiundzwanzig Jahren. Wir kannten uns praktisch seit unserer Geburt, doch sie war auf dem geistigen Niveau einer Sechsjährigen steckengeblieben.
„Gute Nacht, Pippi“, flüsterte ich, als ich ihre Kuscheldecke über ihren erwachsenen Körper zog und an den Seiten feststeckte, bevor ich das Licht löschte und meine große kleine Freundin schlafen ließ.

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