#27 Neuanfang

10. September 2010 at 14:56 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , )

Zurückzukommen war schwierig, schwieriger als ich gedacht hatte. Aber immer noch bei Weitem einfacher, als mich meinen Eltern zu stellen. Drei Jahre hatte ich ihnen Karten von da und dort geschickt, ohne jemals anzurufen und ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, mich zu kontaktieren. Ich hatte Angst vor ihrem Urteil über das, was ich aus meinem Leben gemacht hatte.

Zaghaft klopfte ich an die Tür meines Patenonkels. Ich hatte mich immer gut mit ihm verstanden, seine Frau war wie eine Mutter zu mir gewesen, wenn ich auf Besuch gewesen war, und mit den beiden Söhnen hatte ich Abfangen und Computer gespielt. Ich konnte nur hoffen, dass Robert und Martha die Vermittlerposition einnehmen würden, um meinen Eltern zu erklären, wie es um mich stand.
Die Tür wurde mir geöffnet und Robert stand in Pantoffeln, Jogginghosen und kariertem Hemd vor mir und sah mich fragend an.

„Doreen“, sagte ich und streckte ihm die Hand entgegen. Er schüttelte sie verwundert, unsicher darüber, was ich von ihm wollte.
„Bei unserem letzten Treffen war mein Name noch David.“ Er sah mich immer noch skeptisch an. „David Heckhouse.“

Roberts Blick wanderte nun ungläubig über meine geschminkten Augen und Lippen, das schulterlange Haar, meine Brüste bis hin zu den rot lackierten Zehennägeln, die aus den Sandalen hervorlugten.
„David Heckhouse“, murmelte er und schüttelte dabei den Kopf.
„Du weißt ja, dass ich mich nie richtig wohlgefühlt habe, in meinem Körper?“, setzte ich zu einer Erklärung an.

„Wer ist an der Tür, Schatz?“, rief Martha aus dem Hintergrund.
„Besuch. Wir kommen gleich, Liebling!“, schrie Robert zurück.
„Wissen deine Eltern davon?“, wandte er sich wieder mir zu. Er reihte seine Worte vorsichtig aneinander, so als könnte eine unbedachte Aussage mich dazu bringen, Amok zu laufen.
Ich schüttelte den Kopf. „Ich hatte gehofft, ihr könntet es ihnen vielleicht schonend beibringen?“

Robert nickte langsam. „Gehen wir in die Küche und besprechen wir das mit Martha.“ Er griff nach meiner Tasche, die mit den wenigen Besitztümern, die ich seit meinem Ausbruch aus dem Familienleben angesammelt hatte, gefüllt war.
Unschlüssig blieb ich auf der Türschwelle stehen und zupfte mein T-Shirt zurecht. „Könnten wir vielleicht noch warten, bis wir Steve und Richard davon erzählen?“
Wieder nickte Robert langsam, bevor ich ihm ins Haus folgte.

Auch Martha trug meine Offenbarung mit Fassung. Sie hielt es sogar für eine gute Idee, ihren Söhnen vorerst nicht zu sagen, wer ich wirklich war. Sie sollten mich erst als nette junge Frau kennenlernen, ehe sie erfahren würden, dass ich früher der nette junge Bursche gewesen war, mit dem sie in ihrer Kindheit gespielt hatten.
Wir lachten sogar ein bisschen, als wir eine neue Übergangsidentität für mich erfanden und entschlossen uns schließlich doch dagegen, mich als Doreen aus Aberdeen vorzustellen. Ich würde schlicht und einfach die Tochter einer alten Bekannten von der Westküste sein.

Wahrscheinlich hätte ich stutzig werden müssen, als Richard darauf bestand, mir den Sessel zurechtzurücken und während unserem ersten gemeinsamen Abendessen immerzu mit mir scherzte. Ich fühlte mich geschmeichelt, ich wurde von ihm als Frau akzeptiert und so übersah ich geflissentlich Marthas warnende Blicke.
Wie hätte er auch wissen können, dass ich sein einstiger Spielgefährte war? Ich hatte immer schon einen sehr zarten, eher weiblichen Körperbau gehabt, wegen dem ich in der Schule gehänselt worden war, und die Hormontherapie hatten die letzten Anzeichen von Männlichkeit verwischt.

Ich musste mir außerdem eingestehen, dass ich mich schon immer zu Richard hingezogen gefühlt hatte. Er war zwei Jahre älter als ich, ging mittlerweile zur Universität und spielte im dortigen Football-Team. Er hatte dazu schließlich auch den passenden Körper: groß, athletisch und muskulös. Und nun hatte ich endlich auch den richtigen Körper, um einen kleinen Flirt mit ihm zu wagen.

Ich hätte seinem Werben Einhalt gebieten müssen, als er abends leise an meine Zimmertür klopfte, aber ich hatte zu lange auf diesen ersten Kuss in einem Körper, in dem ich mich wirklich zuhause fühlte, warten müssen. Wie konnte ich auch ahnen, dass Martha, die stets besorgte liebevolle Mutter noch kommen würde, um mir eine gute Nacht zu wünschen?

Früh am nächsten Morgen bat mich Robert mit einem enttäuschten Ausdruck im Gesicht, sein Haus zu verlassen. Er hatte meine Eltern angerufen, das Auto wartete bereits vor der Tür. Der Schritt in mein eigenes, selbstbestimmtes Erwachsenenleben war nicht geglückt. Am Ende war ich wieder ein gescholtenes Kind, das nirgends so recht hingehörte.

Ich fühlte, wie ich in ein tiefes, schwarzes Loch aus Selbstzweifel zu sinken begann. Ich konnte mich meinen Eltern und ihren Fragen nicht stellen, ich konnte nur auf meinem Bett liegen und die weiße Zimmerdecke meiner Kindheit anstarren.
Tagelang brütete ich vor mich hin und tat nur das Nötigste, essen, Zähne putzen, aufs WC gehen. Auf einmal wusste ich nicht mehr, was ich mit dem neuen Leben machen wollte, dass ich mir durch viele Entbehrungen erkämpft hatte.

Am fünften Tag saß Richard plötzlich auf meiner Bettkante. Er beugte sich über mich, um mich zu küssen. Ich drehte den Kopf zur Seite.
„Ich bin keine richtige Frau“, flüsterte ich müde.
„Doch, ich habe nachgedacht und für mich bist du es“, antwortete er und startete einen zweiten Versuch.

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