#30 Im Waschsalon

18. Oktober 2010 at 22:47 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - lustig) (, , , , , , , , , , )

Als ich nach New York kam, nachdem sich meine Freundin von mir getrennt und ich meinen Job verloren hatte (unglücklicherweise war mein Chef ihr Vater), war ich mir bei vielen Dingen unsicher. Würde ich mit meinen Ersparnissen lange genug auskommen, bis ich einen neuen Job gefunden hatte? Schmeckten Hot Dogs im Land der unbegrenzten Möglichkeiten besser als zuhause? Würde ich meine Angst vor möglicherweise auf mich stürzenden Wolkenkratzern überwinden können?

Doch es gab eine Sache, bei der ich mir ganz sicher war. Irgendwie hatte Hollywood die Botschaft in mein Hirn gemeißelt, dass der Waschsalon der perfekte Platz war, um die große Liebe zu finden. Ich wusste nicht einmal mehr, in welchem Film dem Protagonisten so etwas widerfahren war, es war für mich einfach eine unabänderliche Tatsache.

Bereits an meinem zweiten Tag in New York ging ich, noch leicht vom Jetlag beeinträchtigt, müde und dennoch aufgeregt zum nächsten Waschsalon. Ich hatte kaum Wäsche zu waschen, schließlich war ich erst seit Kurzem hier, aber nach dem abrupten und für mich völlig unvorhersehbaren Ende meiner Beziehung sehnte ich mich nach etwas Nähe, Zuneigung und Liebe.

Hoffnungsvoll betrat ich also den Raum, in dem zahlreiche Waschmaschinen munter vor sich hin schleuderten. Der Anblick, der sich mir bot, war mehr als enttäuschend. Harte Klappstühle waren an den kahlen Wänden aufgereiht und wirkten nicht gerade als ob sie dazu einladen wollten, sich hinzusetzen und darauf zu warten, dass die Wäsche fertig gewaschen war. Und es roch penetrant nach Waschmittel, was mich aber nicht allzu sehr verwundern hätte dürfen. Das Publikum wirkte ebenfalls ernüchternd auf meine Wunschträume.

Im Waschsalon befanden sich:
Ein älterer Herr, der gleich zwei Waschmaschinen mit einer überproportional großen Menge an Socken befüllte. Ausschließlich Socken. Vielleicht einer jener in Amerika berüchtigten Socken-Dealer, der Socken an all die Verzweifelten verkaufte, die nach dem Waschen mit nur einem Socken der gleichen Farbe dastanden, statt mit den zweien, die sie in die Waschmaschine gefüllt hatten?

Dann war da noch eine rüstige alte Dame, die mir hilfsbereit erklärte, wie ich meine Wäsche zu sortieren hätte, damit sie sich nicht verfärbte. Ich wollte ihr meinerseits gerne erklären, dass es ein Klischee war, dass Männer nicht Wäsche waschen konnten, aber dann ließ ich es doch bleiben. Vielleicht weckte ich ja sonst den Beschützer-Instinkt des ohne Zweifel gefährlichen Socken-Dealers.

Erfreut stellte ich fest, dass ich jemanden übersehen hatte: In der Ecke saß ein kleiner weißer Pudel. Er schien niemandem zu gehören, deswegen packte ich ihn in die Tasche mit meiner schmutzigen Wäsche, die ich lieblos wieder aus den beiden Waschmaschinen herausgezogen hatte, in die sie meine freundliche Gehilfin farblich sortiert gelegt hatte und machte mich vom Acker. Das Hündchen schien es nicht zu stören.
Mit einem Hund mehr und einer von Hollywood fabrizierten Illusion weniger machte ich mich auf den Weg zu meinem bescheidenen Heim.

Ein Jahr später kann ich folgendes Fazit ziehen: Meine Ersparnisse reichten aus. Hot Dogs schmecken immer gut, egal wo. Wolkenkratzer haben mehr Angst vor dir als du vor ihnen. Und man kann im Waschsalon doch die große Liebe finden.

Zumindest in der Art von Etablissement, das ich konzipiert hatte: Einem Dating-Waschsalon. Während die Wäsche vor sich hin wäscht, können meine Kundinnen und Kunden Cocktails trinken und auf gemütlichen roten Plüschsofas sitzen und plaudern. Und natürlich in ungezwungener Atmosphäre der Unterwäsche ihres Gegenübers beim In-die-Waschmaschine-gepackt-Werden zusehen.
Mein Dating-Waschsalon ist für alle gedacht, die auf der Suche sind: Nach einem Date, einem festen Partner, einem guten Freund, einem kleinen Pudel – oder einer Waschmaschine.

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#29 Schräge Vögel

10. Oktober 2010 at 13:01 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - lustig) (, , , , , , )

„Wenn ich noch einen Pieps höre, ist die Prüfung beendet und ihr könnt eure Lizenz vergessen!“, plusterte sich der Lehrer auf.
Es wurde sofort mucksmäuschenstill. Die lange Vorbereitung auf diesen Tag sollte nicht umsonst gewesen sein.
„Okay, letzte Aufgabe: Sucht auf eurem Stadtplan die Rosengasse 13. Wer sie als erstes findet, bekommt gleich seine Lizenz und darf losstarten. Auf geht’s!“

Nach kurzer konzentrierter Suche platzte Randy heraus: „Ich hab sie!“
Mit stolzgeschwellter Brust nickte der Lehrer, der das angezeigte Ergebnis auf der Karte betrachtete. „Sollen wir noch einmal die gefährlichen Situationen durchgehen, bevor du dich auf den Weg machst?“
„Nein, nein, ich schaff das schon“, schüttelte Randy den Kopf.
„Gut“, nickte der Lehrer, dann lass dir gleich den Brief geben, es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit.“

Randy prägte sich ein letztes Mal den Weg ein, übernahm seine Lizenz und den Brief und startete in den sonnigen Montagmorgen. Die Adresse war nicht weit entfernt und so gestaltete sich der erste Arbeitstag recht unbeschwerlich. Randy klopfte zufrieden beim richtigen Haus an die Scheibe.
Statt ein freundliches Gesicht zu sehen, sprang aber eine hässliche, struppige Katze auf das Fensterbrett. Randy schrak ein wenig zusammen, als ihn unvermutet die giftgrünen Augen feindselig durch die Glasscheibe hinweg anstarrten.

Doch da kam auch schon die rechtmäßige Eigentümerin des Briefes und nahm ihn entgegen. Das garstige Katzenvieh verschwand wieder im Wohnraum, während Randy sich den Kopf verdrehte, um die Worte auf dem Brief lesen zu können:

„Süß wie Honig klingt dein helles Lachen,
drum will ich dich zu meiner Ehefrau machen.
Dein Gesicht strahlt täglich wie die Sonne,
dich anzusehen ist eine Wonne.
Verzeih, dass ich so schleime,
ich weiß nur keine bess’ren Reime.
Voll Hoffnung wart ich auf die Antwort dein,
ich bitte dich, meine Frau zu sein!
Es herzt und drückt dich inniglich,
dein Prinz, der ist verliebt in dich!“

Randy beobachtete die lächelnde Leserin und nickte glücklich mit dem Kopf während sie die Adresse und ihre Antwort fein säuberlich auf ein kleines Zettelchen schrieb:

„Du brauchst nicht bangen, keine Frage,
ich will mit dir verbringen alle meine Tage!
Bevor es kitschig wird, hör ich nun auf,
und hoff du eilst zu mir im Dauerlauf!
Es küsst dich ohne Unterlass,
die Prinzessin aus der Rosengass‘!“

Randy gurrte und ließ sich die Nachricht ans Beinchen binden. Manche Kunden waren schon schräge Vögel, dachte er bei sich, während er zum Taubenschlag zurückflog, um die Adresse des Antwortbriefes auf dem Stadtplan ausfindig zu machen.

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