#29 Schräge Vögel

10. Oktober 2010 at 13:01 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - lustig) (, , , , , , )

„Wenn ich noch einen Pieps höre, ist die Prüfung beendet und ihr könnt eure Lizenz vergessen!“, plusterte sich der Lehrer auf.
Es wurde sofort mucksmäuschenstill. Die lange Vorbereitung auf diesen Tag sollte nicht umsonst gewesen sein.
„Okay, letzte Aufgabe: Sucht auf eurem Stadtplan die Rosengasse 13. Wer sie als erstes findet, bekommt gleich seine Lizenz und darf losstarten. Auf geht’s!“

Nach kurzer konzentrierter Suche platzte Randy heraus: „Ich hab sie!“
Mit stolzgeschwellter Brust nickte der Lehrer, der das angezeigte Ergebnis auf der Karte betrachtete. „Sollen wir noch einmal die gefährlichen Situationen durchgehen, bevor du dich auf den Weg machst?“
„Nein, nein, ich schaff das schon“, schüttelte Randy den Kopf.
„Gut“, nickte der Lehrer, dann lass dir gleich den Brief geben, es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit.“

Randy prägte sich ein letztes Mal den Weg ein, übernahm seine Lizenz und den Brief und startete in den sonnigen Montagmorgen. Die Adresse war nicht weit entfernt und so gestaltete sich der erste Arbeitstag recht unbeschwerlich. Randy klopfte zufrieden beim richtigen Haus an die Scheibe.
Statt ein freundliches Gesicht zu sehen, sprang aber eine hässliche, struppige Katze auf das Fensterbrett. Randy schrak ein wenig zusammen, als ihn unvermutet die giftgrünen Augen feindselig durch die Glasscheibe hinweg anstarrten.

Doch da kam auch schon die rechtmäßige Eigentümerin des Briefes und nahm ihn entgegen. Das garstige Katzenvieh verschwand wieder im Wohnraum, während Randy sich den Kopf verdrehte, um die Worte auf dem Brief lesen zu können:

„Süß wie Honig klingt dein helles Lachen,
drum will ich dich zu meiner Ehefrau machen.
Dein Gesicht strahlt täglich wie die Sonne,
dich anzusehen ist eine Wonne.
Verzeih, dass ich so schleime,
ich weiß nur keine bess’ren Reime.
Voll Hoffnung wart ich auf die Antwort dein,
ich bitte dich, meine Frau zu sein!
Es herzt und drückt dich inniglich,
dein Prinz, der ist verliebt in dich!“

Randy beobachtete die lächelnde Leserin und nickte glücklich mit dem Kopf während sie die Adresse und ihre Antwort fein säuberlich auf ein kleines Zettelchen schrieb:

„Du brauchst nicht bangen, keine Frage,
ich will mit dir verbringen alle meine Tage!
Bevor es kitschig wird, hör ich nun auf,
und hoff du eilst zu mir im Dauerlauf!
Es küsst dich ohne Unterlass,
die Prinzessin aus der Rosengass‘!“

Randy gurrte und ließ sich die Nachricht ans Beinchen binden. Manche Kunden waren schon schräge Vögel, dachte er bei sich, während er zum Taubenschlag zurückflog, um die Adresse des Antwortbriefes auf dem Stadtplan ausfindig zu machen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: