Adventsgeschichte: Teil 24

24. Dezember 2010 at 13:01 (Adventsgeschichte) (, , , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen. Der 24. Abschnitt ist der letzte Teil. 

Drei Jahre später führte das Schicksal Jana und Marcel wieder zusammen. Es war der Vormittag des Heiligen Abends, an dem sie bei Fredrik im Greißlerladen zufällig aufeinandertrafen, als sie die letzten Lebensmittel fürs Weihnachtsfest besorgten. Sie hatten wegen dem Haus telefoniert, Jana wusste, dass Marcel und seine Mutter die Weihnachtsfeiertage zum ersten Mal seit dem Tod des Vaters wieder dort verbringen würden.

Sie schüttelten sich erfreut die Hände und blickten sich so tief in die Augen, dass Jana von ihrer Begleitung zwinkernd in den Arm gekniffen wurde. „Das ist Pedro“, stellte sie ihn entschuldigend vor. „Er ist letztes Jahr auf Besuch gekommen und dann hiergeblieben“, sagte sie und fuhr ihm liebevoll durch die Haare.

„Ich möchte dir auch jemanden vorstellen“, sagte Marcel lächelnd und trat mit ihr vor die Tür. Da stand eine blonde Frau mit einem ebenso blonden kleinen Mädchen auf dem Arm, das mit seinen rosa behandschuhten Fingerchen fasziniert nach einem Eiszapfen griff, der von der Regenrinne herunterwuchs. „Jana, das sind meine Frau Elizabeth und meine Tochter Anja.“

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Adventsgeschichte: Teil 23

23. Dezember 2010 at 09:58 (Adventsgeschichte) (, , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen. 

„Na gut“, fügte Marcel hinzu und hob hilflos die Schultern. Er hasste Abschiede. Er hatte immer Angst, dass die Frauen wie seine Mutter zu weinen begannen. „Dann war’s das wohl. Auf Wiedersehen, Jana.“ Er blickte ihr ein letztes Mal in die braunen Augen.
„Auf Wiedersehen, Marcel“, antwortete sie und hielt seinem Blick stand. Er konnte nicht anders, er musste sich nach vor beugen und sie küssen.
Aber Jana kam ihm zuvor und presste ihm den Zeigefinger auf die Lippen. „Nicht“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Wenn das Schicksal es will, dann werden wir uns wiedersehen. Aber jetzt wartet unser neues Leben auf uns.“

So trennten sich Janas und Marcels Wege nach dem Schneesturm wieder.
Marcel reiste gleich am nächsten Tag ab, um für sich und seine Mutter eine Wohnung in der Stadt zu suchen. Es war Marcels Mutter, die zu Jana und ihren Eltern kam, um ihnen die Hausschlüssel zu übergeben. Jana ließ sich ihre Enttäuschung nicht anmerken.

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Adventsgeschichte: Teil 22

22. Dezember 2010 at 10:53 (Adventsgeschichte) (, , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen. 

Zwei Nächte verstrichen, ehe sich der Schneesturm legte. Am Mittwochmorgen wachten Jana und Marcel auf und es war draußen still. Der Wind hatte damit aufgehört, lautstark ums Haus zu pfeifen.
Sie öffneten die Tür und blinzelten einander im gleißenden Sonnenlicht, das den Schnee glitzern ließ, freundlich an. In der Zeit, die sie gemeinsam im Greißlerladen verbracht hatten, waren einige ältere und neuere Wunden geheilt und sie fühlten sich irgendwie mit sich und der Welt im Reinen.

„Soll ich dich nach Hause bringen?“, fragte Marcel Jana. Sie lachte nur, schüttelte den Kopf und deutete auf den riesigen Schneehaufen, unter dem sein Auto begraben war. „Nicht nötig“, sagte sie. „Aber gib mir Bescheid, wenn deine Mutter sich entschieden hat, ob sie uns euer Haus zur Verfügung stellen will.“
„Ja“, sagte er, „das mache ich.“

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Adventsgeschichte: Teil 21

21. Dezember 2010 at 10:56 (Adventsgeschichte) (, , , , )

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„Ich mag deine roten Haare“, sagte er und er wusste, dass das vielleicht der einzige Moment war, der sich ihm bieten würde, um sie zu küssen. Er ließ den Moment verstreichen, ohne ihn zu nutzen. Er wollte nicht, dass es sich für sie wie ein Kuss aus Mitleid anfühlte.
„In der Stadt, in der ich studiert habe, gibt es eine Fernuniversität. Du kannst dir die Unterlagen zuschicken lassen und brauchst nur zu den Prüfungen in die Stadt fahren. Und die Matura kannst du an der Dorfschule nachholen. Das wäre doch was, oder?“

Sie runzelte die Stirn. Vielleicht war das gar keine schlechte Idee. Wenn sie einen ordentlichen Abschluss hätte, könnte sie viel besser die Kosten für etwaige Renovierungen oder Erweiterungen ihres Hotels berechnen. Ihre Eltern hatten sich damals ziemlich verschätzt und jetzt mussten sie mühsam die Kredite abzahlen.
Während es draußen stürmte und schneite, schmiedeten Jana und Marcel Zukunftspläne.

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Adventsgeschichte: Teil 20

20. Dezember 2010 at 11:17 (Adventsgeschichte) (, , , , )

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Bildung war Janas wunder Punkt. „Nein“, sagte sie, „ich habe nicht studiert.“ Sie wollte das Thema wechseln, aber Marcel ließ nicht locker.
„Das ist aber eine Verschwendung! Du bist noch jung, dir stehen alle Türen offen, du kannst in die Stadt gehen und studieren, es würde dir sicher leicht fallen.“ Irgendwie hatte das Mädchen ihm die Augen für seine eigene Zukunft geöffnet, jetzt wollte Marcel ihr helfen.
„Ich kann nicht fort von hier. Meine Eltern brauchen mich. Und ich brauche kein Wirtschaftsstudium, um mich um ein paar Touristen und ein paar Pferde zu kümmern.“ Sie blickte zu Boden. „Außerdem habe ich nicht mal die Matura.“

Und so kam es, dass sie ihm auch ihre Lebensgeschichte erzählte. Sie hatte anfangs gerne gelernt, aber die Kinder in der Schule hatten sie gemobbt, wegen der roten Haare und wegen ihrem Nordstaatenakzent und sie schimpften sie als Streberin, wenn die Lehrer ihre guten Noten lobten. Ihre Tante war keine große Hilfe gewesen, sie hatte nicht verstanden, warum sie sich das so zu Herzen nahm und meinte, sie müsste sich eben mehr durchsetzen. Jana fand aber keinen anderen Ausweg, als so wenig wie möglich aufzufallen und machte absichtlich Fehler in ihren Arbeiten, um nicht mehr gelobt zu werden. Doch die roten Haare und der Akzent blieben und damit auch die beständigen Sticheleien.

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Adventsgeschichte: Teil 19

19. Dezember 2010 at 11:02 (Adventsgeschichte) (, , , , )

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Jana hörte aufmerksam zu, ohne ihn zu unterbrechen. Als er fertig war, sagte sie sanft: „Du hast Recht, du gehörst nicht hier her. Und für deine Mutter wäre es auch besser, Abstand zu gewinnen. Warum nimmst du sie nicht mit in die Stadt? Sie war den Großteil ihres Lebens allein und hier wird sie es auch bleiben. In der Stadt kann sie einen Handarbeitskurs besuchen oder eine Literaturrunde – sie wird schnell neue Bekannte finden. Und du kannst endlich das machen, was dir gefällt.“

„So einfach ist es nicht“, warf er ein. „Sie wird das Haus nicht verkaufen wollen. Und wir haben kein Geld…“
Jana überlegte kurz. „Ihr könntet es vermieten. Das Geschäft mit den Touristen läuft gut, ich könnte euer Haus gut gebrauchen, dann könnten wir noch mehr Leute unterbringen. Und wenn ihr auf Besuch kommen wollt, dann vermieten wir euer Haus eben in dieser Zeit nicht.“
Marcel blickte auf, sah ihr fest in die Augen und sagte: „Du bist klug. Hast du Wirtschaft studiert?“

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Adventsgeschichte: Teil 18

18. Dezember 2010 at 10:39 (Adventsgeschichte) (, , , )

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„Was mache ich eigentlich hier?“, fragte er Jana, ohne eine Antwort zu erwarten. „Ich hasse dieses Land, ich hasse den Winter und das Einzige, das ich gut kann, funktioniert hier nicht.“ Als er die Worte aussprach, war er sich selbst nicht sicher, ob er damit seine Arbeit als Computertechniker meinte, oder das Bezaubern von jungen Damen. Er seufzte und schlürfte ein wenig von dem heißen Tee.

„Aber geh“, sagte sie, „so schlimm ist es doch hier gar nicht. Aber wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh doch zurück in die Stadt. Du kommst ja offensichtlich nicht von hier“, sagte sie und machte dabei seinen Akzent nach.

Er lächelte ein wenig. Er wusste nicht, was in ihn gefahren war, aber plötzlich erzählte er einer Wildfremden seine Lebensgeschichte. Dass er seinen Vater stolz machen hatte wollen und dass dieser nun gestorben war, bevor er selbst ein erfolgreicher Computertechniker geworden war. Dass er sich hier nicht mehr zuhause fühlte und dass er den Bezug zu seiner Mutter verloren hatte und sie nicht trösten konnte. Und dass er anscheinend nicht in der Lage war, länger andauernde Beziehungen zu führen.

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Adventsgeschichte: Teil 17

17. Dezember 2010 at 08:26 (Adventsgeschichte) (, , , , , )

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Marcel riss die Tür ein zweites Mal auf und starrte verdrossen in den Flockenschwall. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Dieser verdammte Schnee. Das Mädchen hatte wohl Recht, er konnte im dichten Schneegestöber nicht einmal sein Auto sehen, obwohl es nur fünf Meter entfernt geparkt war. Er würde wohl hier bleiben müssen, bei dem abweisenden Mädchen.

Jana bearbeitete inzwischen den Holzofen. Ein paar glühende Holzscheite lagen noch darin, die nicht verlöschen durften. Sie fachte die Glut wieder an und legte noch ein wenig Holz obenauf. Sie goss Wasser aus dem Kanister in den Kessel und hängte ihn über das Feuer, so wie Fredrik das immer machte.

Marcel hatte sich auf die alte Holzbank in der Ecke gesetzt und sah gedankenverloren aus dem Fenster, als Jana sich mit zwei Tassen Tee zu ihm setzte. Der Groll von vorhin war vergessen, als sie ihn so verzweifelt dasitzen sah.

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Adventsgeschichte: Teil 16

16. Dezember 2010 at 07:47 (Adventsgeschichte) (, , , , )

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Als Marcel die Tür aufgemacht hatte und Jana das Pfeifen des Windes in seiner vollen Lautstärke hören konnte, wusste sie, dass es schon zu spät war, um nach Hause zu gehen. Ein fachmännischer Blick auf die tanzenden Flocken und den grauen Winterhimmel sagte ihr, dass sie mindestens eine, wenn nicht zwei Nächte im Greißlerladen verbringen würden müssen, bevor der Schneesturm abflaute.

Das würde sie ihm aber nicht sagen. Er hatte nicht den typischen Akzent ihres Landes, er schien aus der Stadt zu kommen und die Städter tickten für gewöhnlich aus, wenn man ihnen sagte, dass sie eingeschneit werden würden.

„Ich muss aber nach Hause“, sagte er mit betretener Miene, „meine Mutter wartet auf mich. Wenn ich nicht pünktlich zurückkomme, stirbt sie vor Sorge.“
„Tut sie nicht. Wenn sie schon länger hier lebt, kennt sie das Land und seine Tücken. Wenn du jetzt rausgehst, wirst du unterwegs eingeschneit und erfrierst. Ich glaube, dass deine Mutter das schlimmer finden würde“, gab sie nüchtern zurück.
Trotz ihrer Warnung blieb er bei der Tür stehen und streckte die Hand erneut nach der Klinke aus.

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Adventsgeschichte: Teil 15

15. Dezember 2010 at 10:05 (Adventsgeschichte) (, , , , )

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Jana wandte ihm den Rücken zu und widmete sich wieder den Waren, die sich in den Regalen türmten. Sie packte Konservendosen und geräucherten Schinken, Mehl, Zucker und Kartoffeln in den großen Rucksack, den sie für den Heimweg am Schlitten festbinden würde.

Marcel zuckte ein letztes Mal mit den Schultern. Dem Mädchen war wohl nicht zu helfen. Auch er arbeitete seine Einkaufsliste ab und packte dies und das in die Jutetasche, die er mitgebracht hatte. Nur raus hier, lautete die Devise.
Die beiden schwiegen, nur der Wind pfiff gefährlich laut um den Greißlerladen.

„Ich geh dann mal“, sagte Marcel und zog die schwere Holztür auf. Ein heftiger Windstoß ließ einen Schwall Schneeflocken bei der Tür herein tanzen. Jana drehte sich zu ihm um und antwortete: „Das geht nicht. Erstens hast du noch nicht gezahlt und zweitens wirst du in diesem Schneesturm nicht weit kommen.“

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