#33 Regentag

26. Januar 2011 at 19:34 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Regentropfen klatschten gegen die Scheibe als der Wind sich drehte. Das Wasser lief in kleinen Rinnsalen am Glas entlang, wand sich mal hierhin und mal dorthin. Der Regen prasselte auf das Pflaster. Es hörte sich an wie ein Trommelwirbel.

Ich zog die Beine aufs kalte Fensterbrett, winkelte sie an und legte den Kopf auf meine Knie. Ich schloss die Augen. Der Trommelwirbel war für mich. Auf meinem Pony ritt ich in die Manege und tosender Applaus wogte durch das Zirkuszelt. Ich fuhr dem kleinen Pferdchen durch die lange Mähne, in die bunte Strähnen geflochten waren, um es zu beruhigen. Es war unser erster Auftritt. Ich trug ein wunderschönes rot-goldenes Kostüm, das mit Perlen bestickt war. Ich ritt eine Runde bevor ich mit meinen Figuren begann. Ich stemmte mich mit einer Hand vom Rücken meines trabenden Ponys ab und streckte die Beine in die Luft, machte Sprünge und einen Salto, eine Übung an den Ringen, während das Pony weitertrabte und als es wieder unter mir war, landete ich graziös im Sattel. Die Menge jubelte, als ich mich zum Abschluss verneigte.

Ich hatte nicht gemerkt, wie eine Schwester ins Zimmer gekommen war. „Du verkühlst dich doch, wenn du da auf dem kalten Sims sitzt“, tadelte sie mich. Ich reagierte nicht und versuchte sie auszublenden. Sie nahm mich einfach hoch und trug mich ins Bett zurück, weg von meinem Trommelwirbel. Ich schloss die Augen, während sie weiter auf mich einredete und Fragen stellte. Schließlich gab sie auf und deckte mich zu.

Ich öffnete die Augen wieder und starrte die regennasse Scheibe an. Wenn ich mich lange genug fest darauf konzentrierte und die Augen zusammenkniff, war ich wieder im Auto, mit meiner Familie auf dem Weg nach Spanien. Die Schatten, die sich hinter der Scheibe bewegten, waren die anderen Autos.

Ich dachte an Spanien. Den Strand, der teils felsig und teils sandig war, und meine Familie, die sich auf farbenfrohen Badetüchern im Schatten vom Schwimmen erholte. Mama und Papa auf den großen Handtüchern und meine Schwester und ich auf kleineren dazwischen. Wir würden Karten spielen und Wassermelonen essen und uns für das abendliche Dinner im Restaurant fein zurecht machen. Wir würden spazieren gehen und lustige Andenken kaufen. Eine glückliche Familie.

Es klopfte und der Arzt kam herein. Ich stellte mich tot und ließ mir kein Wort entlocken. Ich stellte mir vor, dass er mich mit zu sich nach Hause nahm. Er hatte bestimmt viel Geld und eine schöne Villa mit Swimmingpool. Vielleicht war ja die hübsche Krankenschwester, die ihn bei der Visite begleitete seine Freundin, die in der luxuriösen Küche einen Kuchen für mich backen würde? Bestimmt würde ich ein Pony geschenkt bekommen und der Arzt würde mich mit seinem schwarzen Cabrio zu den Reitstunden bringen. Die anderen Mädchen würden staunen.

„Ich bin ganz alleine auf der Welt“, sagte ich und setzte dabei meinen Dackelblick auf. Der Arzt sah mich verdutzt an, das war sicher nicht die richtige Antwort auf seine Frage gewesen. Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen und fragte: „Kann ich bei dir wohnen?“
Jetzt lachte der Arzt freundlich und tätschelte mir die Wange. Wie ein Vater.

„Aber, aber“, sprach er beruhigend auf mich ein, „du bist doch nicht allein auf der Welt! Bald kannst du wieder bei deinen Eltern und deiner Schwester sein. Du wirst sehen, ihnen wird es im Nu besser gehen und wenn du deinen Verband hinunter bekommst, könnt ihr gemeinsam nach Hause!“
Damit ließ er mich wieder alleine in dem weißen, kalten Bett. Die Chancen, dass er mich jetzt noch adoptierte waren wohl gering. Wenn mir doch irgendjemand hier die Wahrheit sagen würde…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: