#34 Ausgestorben

2. Februar 2011 at 21:49 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , )

Der Hotel-Schriftzug auf der Fassade des grauen Gebäudes blinkt schon lange nicht mehr. Der Verputz blättert stellenweise ab und hinterlässt schmutzig-weiße Flecken. Anfangs hatten sich noch ab und zu Touristen hierher verirrt und auf die mit „Nachtportier“ gekennzeichnete Klingel gedrückt. Es hatte niemand geöffnet und irgendwann hatten auch die letzten Reiselustigen gemerkt, dass das nicht mehr die Stadt war, die ihnen Freunde vor Jahren zu besuchen empfohlen hatten.

Die Wirtschaftskrise war ebenso schnell und unerwartet gekommen wie damals der Wirtschaftsaufschwung. Die Menschen, die zurückgezogen und niedergeschlagen in ihren Häusern wohnten, konnten sich kaum noch an die Zeit vor den fetten Jahren erinnern. Das beschauliche Leben, das sie vor dem Aufschwung gelebt hatten, war für immer verdorben, nachdem sie einmal vom Luxus gekostet hatten.

Angefangen hatte es mit einer Fabrik. Nichts Großartiges; Fischkonserven. Die Bewohner gaben bereitwillig ihre Jobs im Umland auf, um als Arbeitskräfte in der Fabrik zur Verfügung zu stehen. Sie arbeiteten fleißig, sie waren harte und eintönige Arbeit gewohnt. Die Manager waren zufrieden. Und da die Fabrik Teil einer riesigen Verpackungsfirma war, wurden mehr Arbeitsplätze geschaffen. Eine zweite Fabrik wurde gebaut; Essiggurken. Schließlich eine dritte und letzte; Mais. Die Stadt wuchs, Siedlungen für neu zugewanderte Arbeiter wurden gebaut. Schulen für die Kinder, Einkaufszentren, ein kleiner Vergnügungspark, eine Bowlinghalle, ein Badesee – das hart verdiente Geld musste wieder ausgegeben, die arbeitsfreie Zeit gewinnbringend genutzt werden.

Irgendwann wurde das erste Wohnhaus zu einem Hotel umgebaut, groß und grau, mit einem leuchtenden Schriftzug. Die ersten Touristen kamen zögerlich, dann in Strömen. Der Vergnügungspark erfreute sich größter Beliebtheit, es war der einzige weit und breit und der extra ausgehobene Badesee hatte den landesweiten Status eines Familienparadieses erreicht. Entspannung, man gönnt sich ja sonst nichts. Den Kindern etwas bieten können. Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut.

Mitten im Hochsommer dann ein Kind mit Ausschlag. Von der Sonne, bestimmt. Juckende, verätzte Haut. Ein zweiter Fall, ein dritter, der Badesee wurde gesperrt und die Touristen fuhren nach Hause. Die Arbeiter blieben, die Fabriken waren verlassen. Rückzug, bevor Verbindungen hergestellt werden, wo keine entstehen sollen. Die Fabrikstore öffneten sich am anderen Ende des Kontinents wieder, weit weg von Badeseen.

Zurück bleiben Enttäuschung und Verbitterung, die sich so tief in die Seelen der Bewohner fressen, dass keine Lebensfreude mehr übrig bleibt. Eine Reihe von Selbstmorden, dann nur noch Teilnahmslosigkeit. Die Arbeiten im Umland werden wieder aufgenommen, aber es ist nicht mehr so wie früher. Es fühlt sich nach Ausbeutung an, die Arbeit ist nichts wert, man bekommt nichts für die Anstrengung geboten. Was ist von der Blütezeit der Stadt geblieben…

Der Wind rüttelt an den Fensterläden, eine zerrissene Zeitung wird ein Stück am Gehsteig entlang geweht. Nichts Neues auf der Titelseite, nichts Neues in der Welt. Nur der Straßenkünstler macht unbekümmert weiter. Vielleicht hat er nicht gemerkt, was passiert ist. Seine Kreiden neben sich, ein Bild im Kopf, ein Teil davon schon zwischen Randstein und Hausmauer aufgemalt. Vielleicht ist es ihm auch egal.
Der Hotel-Schriftzug glänzt rot im Abendlicht, fast so als wäre er beleuchtet.

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