#36 Am Anfang ist der Zweifel

19. März 2011 at 13:26 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - lustig) (, , , , , )

An einem gewissen Punkt im Leben haben wir, davon bin ich überzeugt, alle einmal diese Fantasie: Was wäre, wenn das nicht meine leibliche Familie wäre. Adoptiert. Nach der Geburt vertauscht. Oder durch irgendeinen anderen Zufall in der falschen Familie gelandet.

Dieser Gedanke muss nichts mit Unzufriedenheit zu tun haben. Manchmal ist es nur dieses ungewisse Gefühl, nicht dazuzugehören. Anders zu sein. Dieses Gefühl überkam mich erst spät, ich war bereits 30 Jahre alt geworden, ohne jemals Zweifel über meine Herkunft gehegt zu haben. Aber dann brachen sie mit aller Heftigkeit über mich herein. Ein Auslöser ist für mich im Nachhinein jedoch relativ exakt auszumachen. Es war, als meine damalige Freundin darauf bestand, das Familienfotoalbum durchzublättern. Nach peinlichen Babyfotos, schrecklichem Kleidungsstil in der Volksschulzeit und beträchtlichen Hautproblemen im Teenageralter, brachte sie es endlich auf den Punkt. Außenseiter sind oft die schärfsten Beobachter.

„Eigentlich siehst du niemandem aus deiner Familie ähnlich.“ Nach einer halben Stunde von Körperbau-, Haar- und Augenfarbenvergleichen, sowie verzweifelter Suche meinerseits nach Ähnlichkeiten bei Nase, Fingern und Ohrläppchen konnte ich ihr Urteil nur bestätigen. Ich war anders.

„Ist ja nicht schlimm, so etwas kommt vor“, beruhigte mich die Ex und erfand eine haarsträubende Geschichte über die Großtante der Freundin einer Arbeitskollegin ihres Bruders (oder so), die auch niemandem ähnlich sah, aber bei der es gar keinen Zweifel gab, weil sie zuhause mit Hilfe einer Hebamme geboren worden war und gar nicht verwechselt werden hatte können (oder so). Also alles ganz normal (oder so).

Für mich war klar: Ein Vaterschaftstest musste her. Da ich aber bedauerlicherweise nicht so gut lügen konnte wie meine Ex-Freundin (oder so), schaffte ich es nicht, meinem Vater unauffällig eine Speichelprobe zu entlocken. Nun ja, er war erzürnt darüber, was mich plötzlich dazu brachte, die Familienverhältnisse zu hinterfragen und meine Mutter des Fremdgehens zu bezichtigen. Drei Monate kein Taschengeld. Dass ich das Argument aufgriff und im Sinne der Gleichbehandlung auch einen Mutterschaftstest einfordern wollte, machte die Sache nicht gerade besser.

Meine Mutter war in Tränen aufgelöst, als sie auch nur das Wort „Test“ hörte und fragte sofort, ob ich denn keine schöne Kindheit gehabt hätte. Natürlich machten mich ihre Worte noch misstrauischer. Wenn ich ihr eigen Fleisch und Blut war, gab es ja kein Problem damit, das auch durch einen Test zu beweisen, dachte ich trotzig.
Vermutlich wurde meine Wissbegier über meine biologischen Eltern noch dadurch verschärft, dass ich gerade an meiner Doktorarbeit schrieb und so gar keine Lust hatte, sie fertigzustellen. Ich wollte lieber etwas anderes erforschen, als das Paarungsverhalten von Tse-Tse-Fliegen: Meine Herkunft. Ich machte es zu meinem Projekt.

Meine Doktorarbeit ist mittlerweile fertiggeschrieben und das Rätsel um meine Herkunft geklärt. Im Endeffekt stellte sich jedoch heraus, dass das Paarungsverhalten von Tse-Tse-Fliegen bei Weitem spannender war, als die Aufdeckung der Identität meiner biologischen Eltern. Nach monatelanger Recherche rückten meine vergrämten Eltern, die den Schmerz überwanden, um mir jeden Vorwand zu nehmen, meine Doktorarbeit nicht fertigstellen zu müssen (was Eltern eben so für einen tun), mit ihrem Speichel heraus.

Das ernüchternde Resultat raubte mir jeden Funken von geheimnisumwobener Faszination, weswegen mich wohl auch meine Freundin verließ. Oder, weil ich einfach anders war.

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#35 Traumwelten

8. März 2011 at 22:42 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , , )

Ich schlief in dieser Nacht unruhig, denn meine Gedanken konnten nicht richtig zur Ruhe kommen und wirbelten durch die müden Gehirnwindungen, die sich nach erlösendem Schlaf sehnten. Als ich aufwachte, war ich müder als zuvor und gleichzeitig hellwach.

Träumen hatte ich nie große Bedeutung zugemessen. Für mich waren sie einfach eine Beschäftigungstherapie für das Bewusstsein, das auch wenn der Körper Entspannung braucht unbeirrt weiterarbeitet. Ich hörte mir die weitschweifigen Traumdeutungen von Bekannten für gewöhnlich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich fand es schrecklich, wenn mir erklärt wurde, dass ihnen im Traum die Lösung für ein Problem eingefallen war. Ich vertrat die Ansicht (die ich aber nicht äußerte, um ihre Illusionen nicht zu zerstören), dass die Lösung bestimmt schon vorher da gewesen war und sie sie einfach übersehen hatten und irgendwann hatte sie ihnen ja einfallen müssen, zufällig eben als sie aufgewacht waren. Schließlich finden wir ja auch untertags Lösungen für Probleme.

Langer Rede kurzer Sinn: Nach jener unruhigen Nacht, aus der ich unendlich müde und zugleich hellwach erwachte, änderte ich meine Meinung über Träume. Während ich den ersten Sonnenstrahlen entgegen blinzelte, die sich durch die Jalousien zwängten und eine einzelne Amsel auf der Birke vor meinem Fenster den Morgen lautstark begrüßte, versuchte ich hektisch die Traumfetzen zu erhaschen und wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen, die schneller verblassten, als mein Gehirn Betriebstemperatur erreichen konnte.

Ein Mann, dessen Gesicht ich nicht sehen konnte und der mich sanft an der Schulter berührte, als er mir einen Umschlag mit schwarzem Rand überreichte. Ein Kind, das über eine Wiese lief, hinfiel und weinte, bis es von einem Mann ohne Gesicht in den Arm genommen wurde. Ein gerahmtes Bild, das von der Kommode kippte und in Zeitlupe seinen Weg dem Linoleum entgegen antrat. Ich streckte meine Hand danach aus, aber als ich das tat, beschleunigte sich die Geschwindigkeit und das Glas, hinter dem das Bild war, das mir den Rücken zuwendete, zerschellte in tausend kleine Splitter. Eine Autotür, die vor meiner Nase zuschlug, ein davonbrausendes Auto ohne Fahrer.

Ich rieb mir die Augen und öffnete sie, meine Augen waren geöffnet, hoffentlich nicht zu spät. Die Traumfetzen verblassten mit jeder Sekunde und ließen mich in meinem Schlafzimmer mit sonnengestreiftem Linoleumboden allein, allein mit dem Bild eines Mannes auf meiner Kommode, mit dem ich schon lange nicht mehr glücklich war, es vielleicht nie gewesen war und mit dem Bild eines Mannes im Herzen, der einfach, wie soll ich es anders sagen, ein Traum war.

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