#35 Traumwelten

8. März 2011 at 22:42 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , , )

Ich schlief in dieser Nacht unruhig, denn meine Gedanken konnten nicht richtig zur Ruhe kommen und wirbelten durch die müden Gehirnwindungen, die sich nach erlösendem Schlaf sehnten. Als ich aufwachte, war ich müder als zuvor und gleichzeitig hellwach.

Träumen hatte ich nie große Bedeutung zugemessen. Für mich waren sie einfach eine Beschäftigungstherapie für das Bewusstsein, das auch wenn der Körper Entspannung braucht unbeirrt weiterarbeitet. Ich hörte mir die weitschweifigen Traumdeutungen von Bekannten für gewöhnlich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich fand es schrecklich, wenn mir erklärt wurde, dass ihnen im Traum die Lösung für ein Problem eingefallen war. Ich vertrat die Ansicht (die ich aber nicht äußerte, um ihre Illusionen nicht zu zerstören), dass die Lösung bestimmt schon vorher da gewesen war und sie sie einfach übersehen hatten und irgendwann hatte sie ihnen ja einfallen müssen, zufällig eben als sie aufgewacht waren. Schließlich finden wir ja auch untertags Lösungen für Probleme.

Langer Rede kurzer Sinn: Nach jener unruhigen Nacht, aus der ich unendlich müde und zugleich hellwach erwachte, änderte ich meine Meinung über Träume. Während ich den ersten Sonnenstrahlen entgegen blinzelte, die sich durch die Jalousien zwängten und eine einzelne Amsel auf der Birke vor meinem Fenster den Morgen lautstark begrüßte, versuchte ich hektisch die Traumfetzen zu erhaschen und wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen, die schneller verblassten, als mein Gehirn Betriebstemperatur erreichen konnte.

Ein Mann, dessen Gesicht ich nicht sehen konnte und der mich sanft an der Schulter berührte, als er mir einen Umschlag mit schwarzem Rand überreichte. Ein Kind, das über eine Wiese lief, hinfiel und weinte, bis es von einem Mann ohne Gesicht in den Arm genommen wurde. Ein gerahmtes Bild, das von der Kommode kippte und in Zeitlupe seinen Weg dem Linoleum entgegen antrat. Ich streckte meine Hand danach aus, aber als ich das tat, beschleunigte sich die Geschwindigkeit und das Glas, hinter dem das Bild war, das mir den Rücken zuwendete, zerschellte in tausend kleine Splitter. Eine Autotür, die vor meiner Nase zuschlug, ein davonbrausendes Auto ohne Fahrer.

Ich rieb mir die Augen und öffnete sie, meine Augen waren geöffnet, hoffentlich nicht zu spät. Die Traumfetzen verblassten mit jeder Sekunde und ließen mich in meinem Schlafzimmer mit sonnengestreiftem Linoleumboden allein, allein mit dem Bild eines Mannes auf meiner Kommode, mit dem ich schon lange nicht mehr glücklich war, es vielleicht nie gewesen war und mit dem Bild eines Mannes im Herzen, der einfach, wie soll ich es anders sagen, ein Traum war.

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