#38 Hannes und die Tiere

29. April 2011 at 17:25 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , )

„Na du“, würde er sagen, „was hat dich denn dermaßen von den Socken gehaut?“ Dann würde er behutsam den auf den Rücken gedrehten zappelnden Käfer mit Daumen und Zeigefinger packen und wieder auf die winzigen Füßchen stellen.

An Regentagen war besonders viel zu tun. Denn sobald es nicht mehr wie aus Kübeln goss, wagten sich die Regenwürmer aus dem feuchten Erdreich, um die Welt zu erkunden. Leider verirrten sie sich dabei allzu oft auf die Straße oder den Gehsteig, wo ihr Leben zerquetscht und plattgedrückt endete. Aber Hannes war ja da. Er scheute sich nicht davor, die Würmer in die bloßen Hände zu nehmen und wieder zur nächstgelegenen Wiese zu transportieren, wo sie sich dankbar wieder zwischen den Halmen ihrer Heimat entgegen wanden.

Obwohl Hannes großes und kleines Getier mochte, hatte er keine Haustiere, weil er es ungerecht empfand, sie so einzusperren. Einige Spinnen durften bei ihm ihre Netze an der Decke schlagen, Asseln und Ameisen waren gern gesehene Gäste. Ab und zu huschte ein Mäuschen über die knarrenden Holzdielen, aber ansonsten hauste Hannes allein in seiner Hütte am Waldrand.

Für Igel, Katzen und andere hungrige Besucher standen stets Schälchen mit Milch, Trockenfutter und anderen Leckereien bereit, die gerne in Anspruch genommen wurden. Diese Fütterungsaktionen wurden von den wenigen Nachbarn in der Umgebung nicht gerne gesehen – sie meinten, er locke damit Tiere an, die in Siedlungsgebieten nichts zu suchen hätten und nur Schaden anrichteten.

Hannes fuhr nicht Auto. Er konnte nicht damit leben, dass Insekten an seiner Windschutzscheibe verendeten und er mit den Reifen, die ihren Weg unbarmherzig über die Straße walzten, Kleingetier zermalmte. Er fuhr nicht einmal Rad. Er ging immer zu Fuß, ganz vorsichtig trat er auf, setzte bedächtig einen Fuß nach dem anderen auf den Boden, um ja keinem Erdbewohner weh zu tun. Er war so leise, dass man ihn nicht kommen hörte. Manchmal schreckten spielende Kinder auf, wenn er sich so anschlich und plötzlich sein Schatten auf die Kleinen herabfiel. Er lächelte sie an, während sie sich von dem Schock erholten, die Jüngsten manchmal den Tränen nahe.

Alle, die ihn kannten, hielten Hannes für einen verrückten Eigenbrötler. Hannes selbst wollte bloß ein guter Mensch sein. Er wusste, dass sich niemals eine der von ihm geretteten und beschützten Kreaturen bei ihm bedanken würde – dafür suchte er sich die falschen aus. Aber eines Tages würde er seinen Körper ja doch zwischen Würmern und anderen Erdbodenbewohnern zur letzten Ruhe betten. Und da war es doch schön, zu alten Freunden zurückzukehren.

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