#39 Der Prinz und die Hexe

9. Mai 2011 at 20:41 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - Märchen) (, , , , , , )

Die alte Holztüre öffnete sich knarrend und jemand trat vorsichtig ein.
„Ihr solltet nicht hier sein“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.
„Wusstet Ihr, dass ich es bin?“, fragte er in der Erwartung, dass sie sich nun doch überrascht umdrehen würde.
„Natürlich wusste ich das“, gab sie schroff zur Antwort. „Was sucht Ihr hier?“

Immer noch kehrte sie ihm den Rücken zu und rührte in einem großen Topf, der am Herd stand. Dampfschwaden stiegen auf, ein gefährliches Brodeln schwoll an und wieder ab. Eine schwarze Katze saß in einem grünen Lehnstuhl und betrachtete den Eindringling argwöhnisch.
„Wenn Ihr wusstet, dass ich zu Euch kommen werde, wusstet Ihr bestimmt auch, was mein Begehr ist“, erwiderte der junge Mann frech. Flüssigkeit schwappte über den Topf und verdunstete zischend auf der heißen Herdplatte.

„Ich kann Taten kommen sehen, aber nicht Gedanken lesen“, gab sie grimmig zurück. „Aber ich kann es bestimmt erraten. Wahrscheinlich wollt Ihr einen Trank, der Euer blondes Haar zum Glänzen bringt, ein Gebräu, dass Euch unverwundbar macht oder eine Mixtur, die einem Mädchen den Kopf für Euch verdreht.“ Sie rümpfte die Nase. „Ich braue keine Zaubertränke für dahergelaufene Jungen wie Euch. Schlagt Euch alleine durch, so wie alle anderen auch und kommt erst wieder, wenn Ihr meine Künste braucht, um jemand anderem als Euch selbst zu helfen.“

„Ihr liegt falsch, Petrella. Wenn Ihr meine Bitte erhört, so ist uns beiden geholfen“, lächelte er schelmisch vor sich hin.
„Der Prinz aus reichem Hause spricht. Euer Gold und Eure Juwelen haben keinen Wert für mich, meine Dienste könnt Ihr damit nicht aufwiegen. Ich helfe, wenn ich es für angemessen halte und nun geht.“ Die schwarze Katze räkelte sich genüsslich im Sessel und sah den Prinzen triumphierend an.
„Die fürchterliche Petrella aus dem finsteren Zauberwald will also mein Angebot nicht hören? Ich habe nicht vor, Eure Dienste mit Gold und Silber aufzuwiegen. Es gibt auch überhaupt keine Dienste, vielmehr erhoffe ich Euer Vertrauen.“

Sie warf ihm nun doch einen skeptischen Blick über die Schulter zu. „Nun denn, so spreche Er.“
„Schon lange reise ich von Nord nach Süd und Ost nach West, habe Drachen besiegt und junge Damen aus Türmen befreit – doch nirgends habe ich eine Maid gefunden, die meine Liebe wert ist…“
„Ich soll Euch also doch in der Liebe helfen“, unterbrach die Hexe, „ich wusste es doch…“

„Lasst mich ausreden, Petrella“, fuhr der Prinz unbehelligt fort. „Wo war ich stehengeblieben? … Keine Frau die es zu lieben lohnt, weder hier noch dort. Ich holte mir Rat bei vielen Männern, wo man denn eine Frau fürs Leben fände, doch weder in der Kneipe noch am Kirtag wurde ich fündig, egal wie viel Gerstensaft ich auch trank…“ Die schwarze Katze war aus dem Sessel gesprungen und umschmeichelte die Beine des Prinzen.

„…Doch ich hörte in dieser Zeit so manche Geschichte. Von der Hexe Petrella, die versteckt im finsteren Wald wohnt und die ein düsteres Geheimnis hütet…“ Er nahm die Katze auf den Arm und fuhr ihr sanft über den Rücken, während er die erschaudernde Gestalt am Herd genau beobachtete.
„…Stark und eigensinnig und unglaublich selbstbewusst sei die Hexe, niemanden lasse sie an sich heran. Ihre Magie übe sie nur noch selten aus, zu viel Angst habe sie vor ihrer eigenen Zauberkraft…“ Nun drehte sie sich um, hob drohend den Zauberstab und schritt langsam auf ihn zu.

„Kein Wort mehr“, raunte sie mit ihrer tiefen, kehligen Stimme, „oder ich verwandle Euch in die lästige Mücke, die Ihr seid und sehe schadenfroh dabei zu, wie Euch eine hässliche, haarige Spinne auffrisst!“
„Ich habe keine Angst vor Euch, nicht so lange ich Euer Liebstes auf dem Arm trage“, antwortete er furchtlos und hielt die schnurrende Katze fest an seiner Brust. „Ihr Herz schlägt im selben Takt wie das meinige und Ihr wisst, dass sie ein Teil von Euch selbst ist, den Ihr schmerzlich vermisst. Sie ist Eure weiche, schöne, zärtliche Seite, die danach lechzt, mit mir vereint zu sein“, sagte er und wie zum Beweis leckte ihm die schwarze Katze mit ihrer rauen Zunge die Finger.

„Ihr wisst den Zauberspruch“, ermutigte er sie, „nehmt meine Hand und habt keine Angst!“
Zum ersten Mal hob sie die Kapuze ihres schwarzen Mantels, so dass sie einander in die Augen sehen konnten. „Ich habe keine Angst mehr vor meiner Zauberkraft, denn Ihr habt sie durchschaut. Ich bin nicht das, was ich nach außen hin zu sein scheine, dies ist nur eine Maske für die Unwissenden. Ihr seid würdig, um meine Hand anzuhalten.“

Mit diesen Worten nahm sie die schwarze Katze an sich, wirbelte in rasender Geschwindigkeit wie ein Kreisel um ihre eigene Achse, ein Tosen und Brausen erfüllte den Raum, wobei zwischendurch das Fauchen der Katze zu hören war. Der schwarze Mantel fiel in Fetzen von dem Hurrikan ab und als er zur Ruhe kam, blieb eine wunderschöne junge Frau im schwarzen Kleid und ohne Katze vor dem Prinzen stehen. Er verneigte sich tief und nahm ihre Hand fest in seine und drückte einen Kuss auf die zarten Finger der schönen Hexe.

Permalink 1 Kommentar