#40 Sommerregen

26. Juni 2011 at 16:14 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , )

Der Geruch von Sonnencreme auf der Haut, Meersalz, das in der Mittagshitze getrocknet war und sich in den Haaren verklebte und Sand zwischen den Zehen (und überall dort, wo er nicht hingehörte): So fühlte sich Sommer an. Zumindest bis zu jenem Sommer, als ich vierzehn wurde. Dann kam der Regen und wusch alles weg: Sonnencreme, Meersalz, Sand und Ausgelassenheit. Selbst die alte Holzhütte, in der wir so viele fröhliche, sonnentrunkene Stunden verbracht hatten, riss er in einem wallenden Hochwasser mit sich fort, mitsamt den Korbsesseln, die auf ihre Be-Sitzer warteten. Der Regen.

Der Regen ist eine Frau. Nach all den Jahren weiß ich noch immer nicht, wie sie aussieht. Ich stelle sie mir groß, blond und schlank vor – ein bisschen so wie Mama, als sie noch jünger war.
Sie kam und riss alles mit sich weg. Zerbrach meine Familie. Meinen Sommer, meinen Winter – „mein Leben“ wäre vielleicht übertrieben. Irgendwann findet man in seine Umlaufbahn zurück, zieht seine Kreise wieder so wie vorher, als sei nichts passiert. Obwohl ein Stück von einem abgebrochen ist. Ich bin eben ein Planet mit Ecken und Kanten, der ein wenig schief seinen vorgegebenen Kurs verfolgt und hier und da einen anderen streift und auch den ein bisschen aus der Bahn wirft.

Die Regenfrau hat mich mit Angst in meinem sommerlosen Leben zurückgelassen. Es ist die Furcht, dass auch in mir die dicken, schweren Regenwolken wachsen könnten. Tag für Tag würden sie ein bisschen größer, ein bisschen dunkler. Bis eines Tages die ersten Tropfen niederprasseln, meinen Körper und meine Gedanken überschwemmen, bis die Fluten aus mir herausbrechen und alles mit sich reißen, was sich ihnen in den Weg stellt.

Mama weinte, als sie mir am Beginn jenes Sommers, in dem ich vierzehn wurde, sagte, dass unser Strandhaus von einem starken Regen weggeschwemmt worden war. Solche verheerenden Gewitterstürme waren an der Westküste nicht ungewöhnlich. Ich verstand nicht, bauen wir es wieder auf, sagte ich, das wird lustig. Es ist zu spät, sagte sie.
Es ist nie zu spät, wollte ich sagen, doch ich schwieg. Papa ist auch fort, sagte Mama, fing noch heftiger an zu weinen und zog mich an sie heran. Ihre Umarmung machte mich mit ihrem Schluchzen zittern. Meine Tränen kamen erst viel später. Als ich verstand, dass der Regen eine Frau war. Eine Frau, die mit Papa meinen Sommer gestohlen hatte, im Strandhaus.

Seitdem bohrt die Angst tief in meinem Herzen, dass dasselbe in mir schläft wie in meinem Vater. Der Hunger nach mehr. Vielleicht ist er genetisch bedingt und ich kann mich nicht dagegen wehren. Muss einfach von einem Tag auf den anderen meine Zelte ab- und woanders wieder aufbauen. Ohne jemals zurückzublicken.

Irgendwann werde ich zum Strandhaus gehen, auch wenn es weh tut. Nur um zu sehen, dass manche Dinge doch beständiger sind als der Regen. Irgendwann werde ich eine Familie haben und sie an den Strand mitnehmen. Sie werden nach Sonnencreme riechen und getrocknetes Meersalz wird ihre Haare verkleben. Sie werden heißen Sand zwischen den Zehen fühlen und in einem alten Strandhaus wohnen. Und ich werde sagen: So lange ich lebe kann uns der Regen nichts anhaben.

Foto Credits: loveanddeathandeverythinginbetween.wordpress.com

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