#41 Ein unbeschriebenes Blatt

23. Juli 2011 at 23:00 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , )

Ich spitze den Bleistift. Krrrtsch. Krrrrrtsch. Bei jeder Umdrehung rieseln braune Holzgirlanden und ein bisschen Graphit in den Mistkübel. Ich prüfe die geschärfte Spitze mit dem Zeigefinger. Vorsichtig, damit kein Eckchen abbricht. Ich mache einen Strich auf der Schreibtischunterlage. Zu fest aufgedrückt. Die Prozedur beginnt von Neuem.
Die Spitze ist nun so scharfkantig, dass ich jemanden damit verletzen könnte. Vielleicht ein Auge ausstechen. Achtsam sein. Mit dem Stift und mit meinen Gedanken.

Vielleicht nehme ich doch lieber einen Kugelschreiber. Bleistiftschrift wirkt unseriös. Erinnert mich irgendwie an Hausaufgabenschreiben in der Volksschule. Immer schön auf der Linie bleiben, Buchstabe neben Buchstabe setzen, dann gibt es ein Lob von der Lehrerin. Ich male große Kringel mit dem Kugelschreiber auf das Papier. Bald werde ich die Schreibtischunterlage wechseln müssen. Jetzt mache ich kleinere Kringel. Ich will, dass der Stift gut schreibt. Er darf nicht versagen, bei den Worten, die ich zu schreiben habe. Es darf nicht wirken, als hätte ich jemals gezögert, auch nur für einen Moment den Schreibfluss unterbrochen und überlegt, was ich da tue.

Die Worte weiß ich genau. Ich habe sie mir exakt zurechtgelegt und könnte sie im Schlaf aufsagen. Sie ergeben eine schöne Melodie. Ein Takt Gefühle, ein Takt Vorwürfe, zwei Takte Selbstmitleid. Auf ein sanft ansteigendes Crescendo folgt ein abruptes Decrescendo, das Ende ist fast versöhnlich, aber hinterlässt beim Leser das Verlangen, erneut zu beginnen. Da capo al fine. Möglicherweise ist ihm ja etwas entgangen, hat er die Melodie nicht ganz verstanden. Ein Musikstück muss man mehrmals hören, bevor man die Essenz und die Gefühle des Komponisten auch nur annähernd erahnen kann.

Ich nehme einen Bogen Briefpapier aus der Lade. Ganz weiß, ohne Schnörkel und Verzierungen. Darunter lege ich ein liniertes Blatt. Damit die Zeilen schön gerade werden, die Buchstaben die Wörter zu schnurgeraden Ketten verbinden, die sich ebenmäßig über das Papier ausbreiten. Eigentlich wäre es egal, der Leser wird nicht darauf achten. Er wird sich auf den Inhalt konzentrieren müssen. Aber es soll alles seine Ordnung haben.

Kurz bevor der Kugelschreiber auf dem blütenweißen Papier aufsetzt, lege ich ihn wieder hin. Noch einen Schluck Wasser trinken. Das Fenster öffnen. Draußen ist es kühl, vielleicht regnet es heute noch. Nachts wahrscheinlich. Dann wird der Staub weggewaschen, der sich über den Tag angesammelt hat und am nächsten Morgen erscheint die Welt in neuem Glanz. Nur damit sie wieder von Neuem den ganzen Schmutz und Dreck unseres Lebens in sich aufsagt, die sie eines Tages zerstören werden.

Ich stelle mein Wasserglas auf die Schreibtischunterlage. Es macht einen nassen Ring auf dem Papier, das später beim Trocknen Wellen schlagen wird. Ich rücke noch einmal das weiße Blatt zurecht, damit es genau mit den Kanten der linierten Vorlage abschließt. Wie spät ist es eigentlich? Ich sehe auf die Uhr. Die Zeiger verschwimmen kurz vor meinen Augen, dann sehe ich klar. Gleich beginnt das Hauptabendprogramm. Der Brief wird warten müssen.

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