Ich schreibe wie…

17. August 2011 at 21:20 (Blog) (, , , , , , , , , , , , , , )

Mein Schreibstil ähnelt… Ja wem denn eigentlich? Zufällig bin ich beim Onlinemedien-Zappen auf eine Seite gestoßen, wo ich genau das herausfinden kann – Thomas Glavinic hat’s ausprobiert, ich auch. Und die Ergebnisse sind wirklich sehenswert: Am öftesten schreibe ich wie Sibylle Berg (zwei Literaturpreise, ihr erstes Buch verkaufte sich laut Wikipedia über 100.000 Mal), danach kommt Alexa Hennig von Lange (gewann den „Deutschen Jugendliteraturpreis“) und Daniel Kehlmann (sein Roman „Die Vermessung der Welt“ wurde allein im deutschsprachigen Raum ca. 1,5 Millionen Mal verkauft). Große Vorbilder, oder?

Anscheinend schreibe ich aber auch ab und zu wie Peter Handke oder Charlotte Roche (vor allem in der Spätphase), Ildiko von Kürthy oder Thomas Bernhard – mein Favorit bleibt aber Karl Marx, obwohl er mit nur einer vom Schreibstil her angeblichen passenden Geschichte zu den Eintagsfliegen zählt. Für Goethe und Shakespeare muss ich wohl noch ein bisschen üben 😉

Euch wünsche ich viel Spaß beim Schmökern und Nachprüfen, ob wirklich stilistische Ähnlichkeiten zwischen meinen Werken und denen der vielen, vielen deutschsprachigen Autoren bestehen. Wer es selbst versuchen will, kann das auf der F.A.Z.-Seite tun.

Die Ergebnisse (in order of appearance):

Edit: Da mir Unklarheiten rückgemeldet wurden: Die Zahlen stehen für die jeweiligen Geschichten, die in dem Stil des betreffenden Autors/der betreffenden Autorin geschrieben sind.

Peter Handke: #42, #39, #4

Charlotte Roche: #41, #40

Sibylle Berg: #38, #21, #18, #17, #15, #12, #3, #2, #1

Ildiko von Kürthy: #37, #24, #14

Alexa Hennig von Lange: #36, #33, #29, #26, #19

Albert Ostermaier: #35

Uwe Tellkamp: #34, #27, #25

Theodor Storm: #32

Karl Marx: #31

Melinda Nadj Abonji: #30

Alfred Döblin: #28, #6

Thomas Bernhard: #23, #11

Hermann Hesse: #22

Daniel Kehlmann: #20, #13, #9, #7

Ingo Schulze: #16

Maxim Biller: #10

Georg Klein: #8

Kurt Tucholsky: #5

Permalink Schreibe einen Kommentar

#42 Kurzbesuch

14. August 2011 at 23:16 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , )

Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass sich eine Frau mittleren Alters meinem Haus nähert. Um die fünfzig, würde ich schätzen. Sie ist nicht von hier. Frauen wie sie gibt es hier nicht. Ich strecke die Beine lang aus. Meine Zehenspitzen berühren die Grenze, wo der Schatten des Hausdaches auf die sonnenbeschienen Holzdielen trifft.
Sie geht bestimmt vorbei. Ich bekomme selten Besuch. Manchmal taucht der Vermieter auf, wenn ich nicht rechtzeitig das Geld überweise. Meist bei Anbruch der Dämmerung klopft er an die Tür, die unter seinem resoluten Faustschlag fast aus den Angeln fällt. Mit Einbruch der Dunkelheit erwachen die bösen Geister.

Zielstrebig hat sich die Frau ihren Weg über die morsche Holztreppe gebahnt, die zu meiner winzigen Terrasse führt, die zurzeit meine einzige Freude ist. Hier kann ich im Schatten sitzen und Leute beobachten, während die heiße Mittagssonne unnachgiebig das Gras in meinem mickrigen Vorgarten versengt. Den Traum von einem Rasensprenger habe ich schon lange aufgegeben.
Endlich steht sie vor mir. Ich blicke ihr nicht ins Gesicht, das tue ich bei niemandem. Wenn ich mit jemandem rede, fixiere ich einen Punkt über der rechten Schulter meines Gegenübers und spreche ins Leere. Ich weiß nicht genau warum, irgendwann habe ich damit angefangen.

Sie hält mir ein Bild unter die Nase und sagt etwas. Ich verstehe erst nicht, sie hat einen starken italienischen Akzent. Ich bitte sie widerwillig, ihren Satz zu wiederholen. Ohne sie oder das Foto eines Blickes zu würdigen. Ob ich das Mädchen kenne. Diesmal spricht sie langsamer, artikuliert die Wörter schöner. Und spricht lauter, vielleicht glaubt sie, ich würde schlecht hören.
Ich zwinge mich, das schwarz-weiße Foto zumindest oberflächlich zu mustern. Ich schätze das Mädchen auf zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig – aber ich bin mir nicht sicher, ich konnte noch nie gut das Alter anderer Leute einschätzen. Und die Bildqualität ist auch schlecht. Was geht mich das alles an?

Sobald ich wegsehe, habe ich die Gesichtszüge der jungen Frau schon wieder vergessen. Hier verschwinden oft Leute. Meist Mädchen, keine achtzehn Jahre alt. Der ganze Ort ist ein einziges Drecksloch, da passieren eben solche Dinge. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Wer nicht, der versauert hier.
Wir haben sogar eine Polizeiwache im Ort, aber eigentlich ist sie umsonst. Seit Jahren werden die Fälle nicht mehr aufgeklärt. Es interessiert ja doch niemanden. Für die Eltern ein Drama, natürlich, aber es gehört schon zum Alltag. Ich kann der Frau nicht helfen.
„Carabinieri“, sage ich und deute vage in die Richtung, wo sie einen schlafenden Polizisten hinter einem schäbigen Schreibtisch vorfinden wird. Irgendwann einmal konnte ich ein paar Brocken Italienisch. Aber das war in einem anderen Leben.

Ich lehne mich zurück und schließe die Augen. Der Stuhl knarrt und ächzt unter meinem Gewicht. Die Frau soll jetzt gehen, ich will keine Gesellschaft.
Aber sie lässt nicht locker. Sie rüttelt mich sanft an der Schulter und zwingt mich wortlos, sie anzusehen. Keiner von uns lächelt. Sie erinnert mich irgendwie an jemanden. An ein lange vergessenes Gesicht, ich kann es nicht zuordnen. Jetzt redet sie auf mich ein und gestikuliert wild mit den Armen. Ich verstehe nicht. Ich will nicht verstehen. Mit der Hand versuche ich, sie wegzuscheuchen, wie eine lästige Fliege.

Mit ihrem unnachahmbaren Akzent sagt sie nur ein Wort. Ich wiederhole es, ungläubig, auf Italienisch. Vielleicht habe ich sie falsch verstanden, oder sie wollte eigentlich ein anderes Vokabel verwenden. „Figlia?“, frage ich.
Sie nickt nur. Eine späte Vaterschaft.

Permalink Schreibe einen Kommentar