#44 Blauäugig

9. Oktober 2011 at 13:57 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , , )

Als ich ihn zum ersten Mal sah, erschrak ich fürchterlich. Ich war auf dem Heimweg von einer Feier, ich hatte Kopfschmerzen vom schweren Wein und musste für die morgendliche Acht-Uhr-Teambesprechung aber wieder voll auf Zack sein, um dem Chef erklären zu können, warum die Monatsbilanz so schlecht war. Ich wollte nur noch schlafen. Eine heiße Dusche, zwei Aspirin, ein großes Glas Leitungswasser und endlich, endlich die schrecklich fußfeindlichen High Heels in den Schuhschrank zurückstellen.

Aber dann. Mein Unterbewusstsein schien trotz (oder wegen?) des Alkoholeinflusses auf Hochtouren zu arbeiten. Eine schwarze Gestalt auf einem Sofa, wo normalerweise keine schwarzen Gestalten hausen, vor allem nicht nachts. Vielleicht hatte er sich gerade in dem Moment bewegt, als ich vorbeistöckelte und so meine Aufmerksamkeit erregt, vielleicht aber auch nicht. Als ich hinsah, lag er jedenfalls ganz ruhig da. Der Stiftabsatz meines rechten Schuhs verhakte sich an einem hervorstehenden Element des Kopfsteinpflasters, das ich normalerweise zu umgehen wusste und ich musste mich kurz an der Schaufensterscheibe abstützen, um mein Gleichgewicht wiederzuerlangen. Meine Hand brachte die glatte Oberfläche leise zum Quietschen.
Die Gestalt auf dem Sofa im gut ausgeleuchteten Möbelstudio öffnete für einen Moment die Augen. Das durchdringende Blau hypnotisierte mich und ich war dankbar, dass er die Augen schnell wieder schloss und er mich aus dem Bann entließ.

In dieser Nacht schlief ich schlecht. Ich träumte von einem Husky mit durchdringenden blauen Augen, der durch den Schnee lief. Er drehte sich immer wieder um und sah mich auffordernd an – ich sollte ihm folgen. Plötzlich war er weg und ich schreckte aus dem Schlaf hoch. Er geisterte mir auch noch bei der morgendlichen Besprechung im Kopf herum.

Jedes Mal, wenn ich abends heimging, machte ich einen Umweg, um an dem Möbelstudio vorbeizukommen. Manchmal war er da, aber viel öfter blieb das Sofa leer. Und jeden Morgen, wenn ich durch das Schaufenster blickte, war derselbe Verkäufer ohne huskyblaue Augen dort und sortierte Mappen mit Stoffmustern und Produktnummern.

Ich versuchte, einer Freundin von dem geheimnisvollen Mann zu erzählen. „Du spinnst doch“, sagte sie, „verliebst du dich etwa wegen seiner Augen in den Kerl?“ Ich zuckte die Schultern. „Normalerweise ruft man die Polizei, wenn man seltsame Gestalten nachts in Geschäften sieht“, tadelte sie mich. Sie verstand mich nicht. Ich hatte keine Ahnung was er war, aber er war kein Einbrecher.

Zwei Wochen vergingen, ohne dass ich ihn sah. Ich konnte nicht anders, ich musste den Verkäufer nach ihm fragen. Er sah mich erschrocken an und fuhr sich nervös durchs braune Haar. Er winkte mich näher an sich heran und flüsterte mir mit heißem Atem ins Ohr: „Bitte behalten Sie das für sich. Das ist mein Bruder, er ist auf der Durchreise.“ Ich sah ihn erstaunt an und wollte nachhaken, aber er legte den Finger auf den Mund, da gerade eine alte Dame mit einem Pudel hereinspazierte. „Vielen Dank für Ihren Besuch“, sagte er laut zu mir und eilte der Frau mit einem „Wie kann ich Ihnen helfen?“ entgegen.

Noch verwirrter als zuvor verließ ich das Geschäft. Ich begann, den Verkäuer jeden Tag zu besuchen und irgendetwas über den Bruder auf der Durchreise zu erfahren. Ich war lästig genug, dass er eines Tages ein Angebot machte: „Ich schalte heute Nacht die Alarmanlage aus. Kommen Sie um elf durch die Hintertür herein.“
Mein Blut musste mit Lichtgeschwindigkeit durch meine Adern fließen, so schnell klopfte mein Herz, als ich mich der Hintertür im schummrigen Hof näherte. Ich wusste nicht, was mich erwartete – ich wusste nicht einmal, was ich mir selbst von diesem nächtlichen Unterfangen erwartete.

Er saß im Schneidersitz auf dem Parkettboden, genau gegenüber von mir, Rücken an Rücken mit seinem Schlafsofa. Einladend tätschelte er die Holzdielen neben sich und obwohl sein Gesicht durch den Schatten des Sofas im Halbdunkel lag, schienen seine Augen zu glänzen. Meine Knie wurden ganz weich, auf wackeligen Beinen stakste ich zu ihm hinüber und setzte mich vorsichtig neben ihn. Was tat ich hier bloß? Er streckte mir seine Hand entgegen und als ich sie ergriff, war ich wie elektrisiert.

Er stellte sich vor. Für einen Moment dachte ich, ich hätte meinen Namen vergessen. Nie zuvor hatte ich so eine Anziehungskraft erlebt. „Komm mit mir“, flüsterte er, „lass dein altes Leben zurück…“ Ich atmete schwer. Mein schwacher Körper wollte sich ihm hingeben, aber mein benebelter Geist ließ die Alarmglocken schrillen. Mein Unterbewusstsein rumorte mal wieder und brachte einen Ausschnitt aus einem Film zutage, Liebe, Tod… Ich bekam eine Gänsehaut. Er streckte die Hand aus, um sie auf meinen Arm zu legen, doch ich stand abrupt auf und eilte zur Hintertür hinaus, ohne einen Blick zurück.

Ich mied das Möbelgeschäft seitdem, aber als ich einmal mit Bekannten unterwegs war, Wochen später, und mir keine andere Wahl blieb, sah ich, dass das Geschäft leer war und ein „Zu vermieten“-Schild an der Tür hang. Mir schauderte. Am nächsten Tag holte ich mir aus dem Tierheim einen Husky, der mich täglich daran erinnerte nicht blauäugig zu sein.

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