#47 Ein Koffer voller Liebe

29. Januar 2012 at 23:10 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , )

Der Koffer stand nun schon seit drei Tagen auf dem Gehsteig vor der Haustüre mit der Nummer zwölf. Der beständige Regen hatte erst die dunkelgraue Außenhülle durchweicht, inzwischen war auch das Innenleben von einer klammen Feuchtigkeit durchdrungen.
Niemand hatte den Koffer geöffnet. Der Schlüssel war in einer anderen Tasche. Und er würde auch nicht zurückkommen.

Wenn man über die Nässe und den leicht muffigen Geruch hinwegsah, war der Koffer vor dem Zwölfer-Haus noch gut brauchbar. Ein Fön und ein wenig Parfüm könnten ihn wieder zu einem treuen Begleiter auf Reisen machen. Nur ein Reißverschluss klemmte. Und die restlichen würden auch zu rosten beginnen, wenn der Koffer nicht bald aus dem Regen geholt würde.
Aber all jene, die etwas von der Geschichte des Koffers wussten, wollten nichts damit zu tun haben. Und alle, die nichts davon ahnten, schienen auch kein Bedürfnis danach zu haben, in das Geheimnis eingeweiht zu werden. So stand der Koffer wie ein graues Mahnmal auf dem Gehsteig und zog verwunderte Blicke von Passanten auf sich.

Der Koffer wünschte, er würde umfallen und aus allen Nähten platzen, von einem Lastwagen überfahren oder von einem Betrunkenen mit einem Messer aufgeschlitzt werden. Er wollte seinen Inhalt auf den Gehsteig erbrechen, am besten über die ganze Straße.
Der Wind würde die Liebesbriefe, Geburtstags- und Glückwunschkarten in alle Himmelsrichtungen zerstreuen. Vielleicht würde ein Vogel aus der roten Spitzenunterwäsche ein weiches Nest bauen. Ein Kind könnte den Stoffteddy mit dem aufgestickten Herz mit nach Hause nehmen und ihn zum Kaffeekränzchen mit der Giraffe und dem Känguru einladen. Ein Obdachloser könnte möglicherweise die schwarzen Herrensocken gut gebrauchen, wenn der Regen sich entschließen würde, für eine Weile aufzuhören und sie die Chance bekamen, wieder zu trocknen.
Außerdem warteten noch eine herzförmige Tasse, alte Konzert- und Kinokarten, Fotos, ein paar T-Shirts und etwas Schmuck im Bauch des Koffers auf baldige Erlösung.

Eines Morgens, gerade als er die Hoffnung schon aufgegeben hatte, dass jemals etwas passieren würde, war es so weit: Er wurde abgeholt. Bevor er seufzend und ächzend im Schlund des Müllwagens verschwand, um seine letzte Reise anzutreten, erinnerte er sich noch einmal an die schönen Momente in seinem Leben: An den Tag, an dem er von einem jungen Pärchen im Geschäft ausgesucht worden war. An jenen Abend, als er für die erste gemeinsame Reise seiner Besitzer gefüllt worden war. An jenes Weihnachtsfest in London, an dem ein Ring mit einem winzigen Diamanten in seinem Bauch mitgeflogen war. An die ruhigen Wochen, die er im dunklen Kasten verbracht hatte, wo ihn ab und zu die Katze auf ein Nickerchen besuchen kam.
An die letzten Tage wollte er sich nicht erinnern, obwohl ihm das wütende Geschrei und die knallenden Türen noch in den Ohren hallten. Nein, er wollte bei seinem Abschied von der Welt das bleiben, was er immer gewesen war – ein Koffer voller Liebe.

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#46 Der Prinz als Kerkermeister

8. Januar 2012 at 00:34 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - Märchen) (, , , , , , , , )

„So, das war der Letzte“, sagte der Prinz und schloss die Zellentür. „Werdet Ihr mir nun verraten, was all diese jungen Männer verbrochen haben?“, fragte er die Prinzessin und klimperte ein wenig ungeduldig mit den Schlüsseln. Zwölf rostige Schlüssel hielt er in Händen, die zwölf Zellen im düsteren Kerker verschlossen, in denen zwölf junge Männer verständnislos ihr Schicksal erwarteten.
„Nein“, sagte die Prinzessin und machte auf dem Absatz kehrt. „Du hast die erste Aufgabe bestanden. Ich werde mich in meine Gemächer zurückziehen, raste auch du dich aus, denn morgen folgt der zweite Teil der Prüfung“, fuhr sie im Gehen fort, ohne sich auch nur umzudrehen.
„Wie Ihr wünscht“, antwortete der Prinz und zog bei der Verbeugung, die er ihrem holden Rücken schenkte, seinen Hut. „Gute Nacht, Prinzessin!“, rief er der Davoneilenden zu. Er dachte aber nicht daran, schlafen zu gehen.

Er wandte sich nun dem jungen Ritter zu, dessen Zelle er zuletzt abgeschlossen hatte: „Warum musste ich Euch mitten in der Nacht aus Eurem Anwesen zerren und Euch in diesen Kerker werfen? Was habt Ihr verbrochen, dass die Prinzessin wünscht, Euch hier festzuhalten?“
„Ach Prinz“, seufzte der Ritter, „wenn ich das nur wüsste. Ich kannte die Prinzessin früher gut, von Kindesbeinen an waren wir unzertrennlich. Und eines Tages verliebte ich mich in die Prinzessin aus der Nachbarstadt und seitdem sprach sie kein Wort mehr mit mir…“ Der Prinz nickte und murmelte ein paar aufmunternde Worte. Danach schloss er die Zelle auf und ließ den Ritter frei.
Der Prinz schritt zur nächsten Zelle und fragte den stumpfsinnig vor sich hin starrenden jungen Edelmann danach, wie es ihn hierher verschlagen hatte. „Meine Geschichte werdet Ihr nicht für wahr halten können, Prinz, denn ich liebte die Prinzessin so sehr und doch verließ sie mich“, begann der Edelmann. „Ich kam vor Eifersucht fast um, wenn ein anderer ihre hübsche Gestalt mit Blicken umschmeichelte und verteidigte sie vor jedem möglichen Freier mit Zähnen und Klauen… Und eines Tages eröffnete sie mir, sie könnte nicht meine Frau werden, ich weiß bis heute nicht warum…“ Der Prinz tätschelte ihm mitleidig die Schulter, ließ ihn gehen und wandte sich dem nächsten Insassen zu.

So sammelte er bis in die frühen Morgenstunden die Geständnisse und Geschichten der jungen Edelmänner ein und schenkte einem nach dem anderen die Freiheit. Dann zog er sich in seine Kammer zurück und wartete darauf, dass der Bote ihm gleich nach dem ersten Hahnenschrei die nächste Aufgabe übermittelte.
„Guten Morgen, Prinz“, sagte der Bote, nachdem er höflich um Einlass gebeten hatte, „die Prinzessin überträgt Euch hier die nächste Prüfung.“ Er reichte dem Prinzen einen versiegelten Brief. Dieser brach das blutrote und mit dem Wappen des Königshauses verzierte Wachs auf und las die folgenden Worte: „Foltere die Eingekerkerten so lange, bis sie weinend um Vergebung betteln. Führe dann jeden einzelnen in meine Gemächer, damit er seine Schuld begleichen kann.“

Der Prinz seufzte, während der Bote ihn neugierig musterte, zückte Feder und Pergament und schrieb eine Antwort, die er mit dem Boten zur Prinzessin zurückschickte. Dann setzte er sich. Er musste sich nicht lange gedulden. Wenig später hörte er schon die Schritte der Prinzessin, die bereits am Flur so wutentbrannt zeterte, dass ihre Stimme im ganzen Schloss widerhallte.
„Was erlaubst du dir?“, schrie sie, bevor sie noch die Tür zur Kammer des Prinzen ganz aufgestoßen hatte, „was erlaubst du dir, mir einen Rat zu geben? Diese Männer haben ihr Schicksal verdient, sie haben es verdient, verletzt, gepeinigt und gedemütigt zu werden, so wie sie mich verletzt, gepeinigt und gedemütigt haben! Erlaube dir kein Urteil über mein Leben, denn du hast keinen blassen Schimmer davon, was ich fühle!“

Während sie geredet hatte, war die Prinzessin immer näher an den Prinzen herangekommen. Der Prinz hatte sich inzwischen ebenfalls von seinem Schreibpult erhoben und als sie geendet hatte und wütend mit dem Fuß aufstampfte, war sein Gesicht nur mehr eine Nasenspitze von dem der Prinzessin entfernt. Er breitete die Arme aus und drückte die Prinzessin fest an sich. Anfangs kämpfte sie noch dagegen an, aber schließlich ließ sie es zu.
„Es ist Zeit, erwachsen zu werden, Prinzessin“, flüsterte er ihr ins Ohr und drückte ihr einen Kuss auf die mit ärgerlichen Runzeln bedeckte Stirn.

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