#48 Nachsitzen

29. Februar 2012 at 23:32 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , , , , , , )

Die Uhr tickte unhöflich langsam. Sie tickte jede Sekunde ab, ließ keine einzige aus, und starrte ihn dabei hämisch an. Die Zeiger bewegten sich, zogen ihre Kreise, während er regungslos dasaß. Jedes „tick“ war eine verlorene Sekunde, eine Sekunde in der er leben hätte können. Ab und zu hielt er die Luft an, dann bekamen die „ticks“ und die „tacks“ einen Sinn, sie spornten ihn an, machten einen Wettbewerb aus dem Atmen. Ein, aus und stopp. Eins, zwei, drei…

Der Stuhl war hart. Das nackte Holz grub sich in seinen Rücken. Eine Stelle, rechts, auf Höhe des Schulterblattes, war schon seit einigen Minuten eingeschlafen. Er saß schief auf seinem Sessel, damit er die Uhr besser im Blick behalten konnte, zu schief für seinen Rücken, der durch die ungleichmäßige Belastung einfach eingeschlafen war. „Gerade sitzen“, hieß es immer, „sonst bekommst du einen Buckel!“ Er glaubte nicht, dass er jemals so alt würde, dass er einen Buckel bekam. Nur alte Leute hatten verkrümmte Rücken. Dann gingen sie auf der Straße, mit viel zu kurzen Stöcken, die über das Kopfsteinpflaster raspelten, mit schlurfenden Schritten und süßen Zuckerln in den Taschen, für süße Kinder. Er hatte noch nie ein Zuckerl von einer fremden Person bekommen. Er war aber auch ganz und gar nicht süß.

Er presste seine Zehenspitzen fest gegen den Parkettboden. Einmal belastete er den einen Fuß mehr, dann den anderen. Der Boden war alt und knackte, also hörte er lieber wieder damit auf. Es könnte ja sein, dass unter den Holzdielen ein Loch war, durch das er bis nach China fallen würde. Kein Wunder, dass ihm dieser Platz zugeteilt worden war. Die Lehrerin hasste ihn und wenn er frech war, würde sie einfach mit den hochhackigen Schuhen, für die sie viel zu alt war und über deren Ränder die bestrumpften, geschwollenen Füße quollen, aufstampfen. Das Parkett würde bersten, ein riesiges Loch würde sich unter ihm auftun und weg wäre er.

Vielleicht wäre das gar nicht mal so schlecht. Er kannte keinen einzigen Chinesen und hatte sich immer schon gefragt, ob sie wirklich gelb im Gesicht waren. In der Stadt gab es zwar ein China-Restaurant, wo es immer nach Frühlingsrollen, knuspriger Ente und gebratenem Reis duftete, aber nicht einmal dort arbeiteten Chinesen. Durften eigentlich Nicht-Chinesen China-Restaurants führen? Wenn Nicht-Amerikaner Fast Food verkaufen durften, war das wohl auch erlaubt.

Seine Zunge fühlte sich schon ganz trocken an. Wenn er sie gegen den Gaumen drückte, blieb sie beim Ablösen ein bisschen zu lang kleben. Und er hatte Zwiebelgeschmack im Mund. In der Kantine hatte es Erdäpfelsalat gegeben, mit Zwiebeln. Dabei hasste er Zwiebeln. Er mochte es nicht, wenn er auf die rohen, weißen Würfel biss und dann der eklige Saft mit all seinen ätherischen Ölen in seinem Mund zerrann. Zwiebeln waren das Einzige, das ihn zum Weinen brachte. Vielleicht mochte er sie nicht, weil er ihnen das übel nahm. Sein Vater sagte immer: „Ein echter Mann weint nicht“, also hatte er schon vor Jahren damit aufgehört. Er wollte ja schließlich ein echter Mann sein. Seither produzierte sein Körper gerade genug Tränenflüssigkeit, dass seine Augen nicht wie getrocknete Zwetschken aus seinem Kopf fielen.

Die Uhr tickte noch immer. Nur noch fünf Minuten, dann war er frei. Dann konnte er nach Hause gehen, wo seine Mutter vorwurfsvoll am Tisch sitzen würde, vor zwei Tellern kaltem Mittagessen. Obwohl er doch schon in der Kantine zu Mittag gegessen hatte. Wahrscheinlich war es etwas, das man nicht wieder aufwärmen konnte, irgendetwas Aufwändiges. Sie war sicher den ganzen Tag am Herd gestanden, hatte gerührt, geschnitten, paniert, gebacken, gebraten. Und dann kam er zu spät und sie würde die Köstlichkeiten, die auf den Tellern aufgetürmt waren, vor seinen Augen in den Mistkübel schaben. Mit einem gemächlichen „pflaaatsch“ würde das Essen die Gemüseschalen und das überflüssige Mehl zudecken. Gute Nacht, Müll. Dann würde er ohne Mittagessen auf sein Zimmer geschickt. Obwohl er doch schon in der Kantine zu Mittag gegessen hatte.

Mutter würde so lange nichts essen, bis Vater heimkam und sich bei Vater über unartigen Sohn beschweren. „Dein Sohn“, würde sie sagen. „Dein Sohn musste schon wieder nachsitzen.“ Vater würde ihm eine Ohrfeige geben. Er würde nicht weinen.

Knarrend öffnete sich die Tür. Die Lehrerin war pünktlich wie die Uhr. „Du kannst jetzt gehen“, sagte sie. Er sah ihr fest in die Augen und marschierte auf die von ihr für ihn offen gehaltene Tür zu. Die Dielen knarzten. Vielleicht klappte der Trick mit dem Aufstampfen und Kinder-nach-China-schicken doch an jeder Stelle im Klassenzimmer, weil die Lehrerin alle Schüler hasste. Vor der Schwelle hielt er inne, streckte seinen linken Fuß ganz langsam aus und stupste sanft den Mistkübel an. Er fiel um. Bananenschalen, Alufolie und Jausenbrotreste und zu seiner Freude auch etwas Joghurt verteilten sich mehr oder weniger gleichmäßig über den Parkettboden. Irgendjemand würde heute noch putzen müssen. Er sah seiner Lehrerin weiterhin ohne zu Zwinkern direkt in die blauen Augen hinter der strengen, schwarz umrahmten Brille. Erwartungsvoll.

„Nachsitzen!“, sagte sie und deutete mit dem Zeigefinger auf den Platz, von dem er sich eben erst erhoben hatte. Sie enttäuschte ihn niemals.

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