#49 Einsamkeit mit Kater

18. März 2012 at 21:33 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Im Alter von siebenundsechzig Jahren, drei Tage nach seinem Geburtstag, den er wie schon seit langer Zeit in seinem Appartement mit Blick auf den großen immergrünen Park verbrachte, mit einem Stück Marillenkuchen und einer einzelnen rosa Nelke vor sich, die die Bäckerin für ihn zu diesem speziellen Anlass aus der Vase auf der Theke gezupft und ihm mit einem mitleidigen Lächeln in die Hand gedrückt hatte, stellte er fest, dass niemand ihn vermissen würde, wenn er eines Tages – vielleicht in gar nicht allzu ferner Zukunft – diese Welt verlassen würde.
Sicher, Kater Parzival würde schrecklich laut mit seiner schrillsten Katzenstimme miauen und seine Krallen an der Tür wetzen, wenn er sein Futter nicht pünktlich bekam. Manchmal war er sich nicht sicher, ob der Kater nicht in seinem letzten Leben ein Hund gewesen war, so wie er sich manchmal benahm. Er sabberte jedenfalls wie einer. Aber Parzival würde ihn nicht vermissen, es gab keine loyalen Kater, der würde nur den Gourmetstückchen vom Rind nachtrauern.

Wenn er an die alten Leute dachte, die er früher, Jahrzehnte früher, besucht hatte, als er noch nicht selbst entscheiden durfte, was er tun wollte und was nicht, dann hatten die zwischen den verstaubten Häkeldeckchen, alten Kaffeetassen, Porzellanfiguren und uralten, vergilbten Büchersammlungen immer Fotos stehen. Gerahmte Bilder in Schwarz-Weiß oder Farbe, mit glücklichen, lachenden Menschen darauf, die Hochzeiten und Taufen feierten oder einfach nur, dass sie am Leben waren. Die Einsamkeit legte sich wie ein schwarzes Tuch um seine Schultern und ließ ihn frösteln.
Er drückte sich tiefer in den Lehnsessel, aus dem er sich später mühsam heraushieven würde müssen, wenn er zum gefühlten zwanzigsten Mal an diesem noch jungen Tag auf die Toilette gehen musste und betrachtete sein bilderloses Wohnzimmer. Er durfte einfach keinen Kaffee mehr trinken. Allein wegen seinem Blutdruck. Aber wozu sollte er seinen Blutdruck niedrig halten?
Manchmal stellte er sich vor, dass er so viel von der schwarzen, starken Brühe (mit viel Zucker, versteht sich) trinken würde, dass seine Adern platzten. Alle gleichzeitig, in seinem Leben musste alles schnell gehen, er hatte noch nie Zeit zum Warten gehabt.

Der Fernseher glotzte ihm stumm entgegen. Er war der einzige hier, der Bilder von bekannten Menschen zeigte. Bekannt, aber keine Freunde. Er hatte nur ein einziges Mal eine Schauspielerin getroffen und das war ein großer Fehler gewesen. Fast hätte er sich in sie verliebt und dann hätte sie seinen ganzen Lebensplan durcheinander gebracht. Von einem Tag auf den anderen hätte sich Chaos breitgemacht und er hätte nie die Karriereleiter in dieser beachtlichen Geschwindigkeit erklommen.
Dabei war sein Lebensplan vielleicht gar nicht so gut gewesen, wie er anfangs gedacht hatte. Das kam ganz darauf an, was man sich vom Leben eigentlich erwartete. Natürlich war es nett gewesen, nie Geldsorgen haben zu müssen, sich immer alles leisten zu können, schöne Frauen zum Essen oder zu einer Reise einladen zu können. Aber dafür hatte er ja auch hart gearbeitet. Man musste ja Prioritäten setzen.

Gutgemeinte Ratschläge und die Personen, die sie ihm gaben, strich er aus seinem Leben. Wenn sie ihm sagten, dass Geld allein nicht glücklich machte, sah er den Neid in ihren Augen aufblitzen, sie waren ihm den kleinen Reichtum, den er angesammelt hatte, nicht vergönnt. Zu spät erkannte er, dass das Blitzen in ihren Augen dasselbe war, das aus den hellblauen Augen der Bäckerin strahlte, wenn sie ihm an seinem Geburtstag eine Blume überreichte.
Aber wenn man wirklich erfolgreich sein wollte, musste man über Leichen gehen, man durfte keine Frau, keine Kinder, keine Hobbys, keine Freunde haben, die einem wie ein Klotz am Bein hingen und den Weg verstellten. Man musste frei sein, frei wie ein Vogel. Nur waren die unendlichen Weiten des Himmels ziemlich einsam, wenn man sie alleine durchflog.

Er erhob sich stöhnend aus dem Sessel. Seine Knie drohten kurz einzuknicken, aber dann stand er. Im Bad ließ er sich lange das Wasser kalt über die Hände rinnen. Er hätte gerne die Zeit zurückgedreht, zu einem Zeitpunkt, wo er noch nicht zu stolz gewesen war, den Lauf seines Lebens zu ändern.
Der kleinkarierte Teppichboden verschluckte das Geräusch seiner Schritte. Vorsichtig ließ er sich in den Sessel zurücksinken. Kater Parzival strich ihm mit erhobenem Schwanz um die Beine und sah ihn aus seinen grünen Schlitzaugen erwartungsvoll an. Er klopfte sich auf die Oberschenkel und wie ein dressiertes Hündchen tat der dicke Tiger einen Sprung und machte es sich schnurrend auf den mageren Beinen seines Herrchens bequem.

Er nahm die Tasse mit dem mittlerweile kalt gewordenen Kaffee vom Beistelltischchen und trank einen Schluck. Er hatte vergessen, wie es sich anfühlte, glücklich zu sein. Vielleicht konnte er noch etwas von Parzival lernen, der mit gutem Essen und einem warmen Schoßplatz schon zufrieden war.

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5 Kommentare

  1. Andreas Kiener (@headio) said,

    Ja, wie wird das sein, wenn man alt ist und Leben vor allem im Rückblick betrachtet?

  2. Margit Fleischer said,

    You can’t have your cake and eat it sagen die Angelsachsen so weise, deshalb kann man sein Leben nicht leben ohne immer wieder Entscheidungen zu treffen. Wenn einem eine Entscheidung, wie in dieser Geschichte, so radikal in allen Konsequenzen geschildert wird, ist es doch erfreulich zu wissen dass das eigene Leben einen immer wieder einlädt Entscheidungen zu treffen und dass, wer A gesagt hat nicht zwingenderweise auch B sagen muss. Vielen Dank für diese „Lebensweg-Korrektiv-Geschichte“.
    E.ü. m

    • loveanddeathandeverythinginbetween said,

      Danke für deinen Kommentar =) Entscheidungen fallen einem nicht immer leicht, aber es ist doch besser als gar keine Entscheidung zu treffen. Und dafür, dass man trotz Enttäuschungen die Schönheit des Lebens erkennt, ist es wohl nie zu spät.
      Bussi

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