#50 Die hungrige See

9. April 2012 at 23:07 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

„Mach’s gut“, sagte sie und während sie ihn ein letztes Mal in die Arme schloss und seinen Duft und die Wärme seines Körpers einsog, zerriss die letzte Faser, die ihr Herz noch zusammengehalten hatte. Seine hochgewachsene Statur war ihr in den vergangenen Jahren so vertraut geworden, das fein gezeichnete Gesicht, die braunen Augen und sein volles Haar, das er nun kurz geschoren hatte. Sie würde ihn schrecklich vermissen.

Er schulterte den Seesack und balancierte über die rutschige Planke, die den Pier mit der Fähre verband. Es hatte den ganzen Tag geregnet. Die Wellen spielten mit dem Boot, warfen es sanft hin und her, während die Gischt gierig am Metall leckte. Wenn sie sie nur einen einzigen Moment aus den Augen lassen würde, würde die hungrige See mit Sicherheit die kleine Fähre verschlucken.
Im Bauch des Schiffs angekommen, drehte er sich ein letztes Mal nach ihr um und hob die Hand zum Gruß. Sie legten ab. Erst schnitt der Bug noch zögerlich durch die verspielten Wellen, so als würde er darauf warten, dass sie „halt, komm zurück!“ schrie, doch mit zunehmender Geschwindigkeit wurde die Fähre immer selbstsicherer und wandte ihr den Rücken zu.

Sie winkte und winkte und ließ endlich den Tränen freien Lauf, die sie so lange in sich eingeschlossen hatte, seit dem Tag, als er ihr eröffnet hatte, dass er sie verlassen würde. Sie hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, aber sie hatte insgeheim gehofft, dass sie sich irrte und er für immer bei ihr auf der Insel bleiben würde. Der Regen setzte wieder ein und peitschte ihr das Salz von den Wangen.

Schon einmal war sie hier gestanden und hatte auf Wiedersehen gewunken. Doch damals war sie nicht von unendlicher Traurigkeit erfüllt gewesen, nein, ihr Herz hatte überquellen wollen vor Glück. Denn es lag ein Sommer vor ihr, wie sie ihn sich immer erträumt hatte, ein Sommer ohne Einsamkeit. Sie war nicht allein, als sie der Fähre winkte, auf der seine Eltern wieder dem Festland und dem Arbeitsleben entgegentuckerten. Nein, sie war mit ihm zu zweit.
Für ihn war es nur Sommerfrische auf der Insel, aber für sie war es von Anfang an mehr. Sie schreckte jedes Mal zusammen, wenn das Telefon läutete, weil sie dachte jetzt und jetzt wäre der Traum vorbei, er würde abgeholt und sie wäre noch einsamer als je zuvor.

Erst am Ende des Sommers, nach Erkundungstouren im Wald, Radausflügen, Sandburgen bauen und Baden im Meer, frische Erdbeeren und Eis essen, Laufen und sich ins Gras fallen lassen, klingelte das Telefon. Das durchdringende Läuten wollte ihr Trommelfell zerplatzen lassen und sie merkte, wie sich ihre Kehle zusammenschnürte und sich ihre Finger in der spiralförmigen Telefonschnur verkrampften, während sie atemlos ihre persönliche Hiobsbotschaft erwartete. Aber dann war die Botschaft eine ganz andere und ihr Herz begann zu hüpfen und aus dem Sommer ohne Einsamkeit wurde Herbst und aus dem Herbst wurde Winter.

Die Anrufe mit Neuigkeiten vom Festland wurden immer seltener, ebenso wie seine Fragen nach den Eltern. Er fügte sich ohne mit der Wimper zu zucken in sein neues Leben. Vielleicht hatte er geahnt, dass die Sommerfrische kein harmloses Vergnügen war.
Er entwickelte sich prächtig. Sie hatte befürchtet, dass seine Kindheitserlebnisse einen unheilbaren Knacks in der jungen Seele zurücklassen würden, aber er schloss sie in sich ein und wuchs unter ihrer liebevollen Obhut zu einem höflichen, sanften und gutmütigen Mann heran. Er war unversehens zu einem Teil ihres Lebens geworden, es war als hätte sie nun endlich den Sohn, den sie sich immer gewünscht hatte, aber ohne vorher die Mühsal und die Enttäuschungen der Partnersuche durchleiden zu müssen.

Den einzigen Mann, den sie je geliebt hatte, hatte die unstillbare See geschluckt, zerkaut und als einen ungenießbaren, groben und versoffenen Seemann wieder ausgespuckt. Es war die Neugier, die die jungen Männer hinauslockte, sie wollten das Rätsel ihrer Herkunft allein mit dem Wind und den Wellen lösen und als Helden heimkehren. Aber das tosende Meer hatte andere Pläne, es war unersättlich und wollte sich an den Banden laben, die die Schicksale der liebenden Sterblichen miteinander verknüpften.
Sie hatte gedacht, ohne Mann sei sie vor dem Verlust gefeit und könnte die hungrige See überlisten. Doch ein zweites Mal hatte sie ihr das Einzige geraubt, das ihr lieb und teuer war, denn die Fähre würde ihn nicht mehr vom Festland und seiner Spurensuche zurückbringen.

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