#51 El

31. Mai 2012 at 23:36 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , , )

In jenem Sommer als meine Eltern mich zu meiner Tante aufs Land abschoben, um in Ruhe ihre Ehekrise zu überwinden (sie überwanden sie nicht; sie nutzten die gewonnene Zeit um den gemeinsamen Haushalt aufzulösen und meine bis dahin unbeschwerte Kindheit abrupt zu einem Ende zu bringen) und der drohte, der langweiligste meines Lebens zu werden, lernte ich El kennen. Ich kann mich nicht mehr an seinen richtigen Namen erinnern, nur daran, dass ihn alle „El“ gerufen hatten.

El war zehn Jahre alt, genau wie ich, und er hatte diese unglaubliche Ausstrahlung – eine Aura des Unheils schien ihn zu umgeben. Ich wusste sofort: Wenn ich in seiner Nähe blieb, würde etwas passieren. Darum heftete ich mich an seine Fersen und verschmolz mit seinem Schatten, damit ich den Moment nicht versäumte, in dem das Großartige, das Abenteuer begann.
Kein Junge im zarten Alter von zehn Jahren – vor allem nicht die wilden, sommersprossigen, kurzhosigen Jungen mit einer Narbe am Kinn – mag es, wenn er von einem gleichaltrigen, zierlichen Mädchen in bunten Sommerkleidern und mit dunklem Pferdeschwanz verfolgt wird. Aber El hatte keine Wahl, das machte ich ihm gleich am ersten Tag klar, mit dem einfachen Argument: „Es gibt keine anderen Kinder hier.“

Da El aber weder Kochen, Vater-Mutter-Kind noch mit Puppen spielen wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als ihm bei seinen wilden Burschenspielen zuzusehen, die er seit er sich erinnern konnte alleine spielte.
Am fünften Ferientag passierte dann etwas. Der Lieblingsjagdhund von Els Vater kam zu einem plötzlichen und unerklärlichen (für mich nicht ganz so unerklärlich, da ich dem Spektakel beigewohnt hatte) Tod, obwohl er sich bis zu diesem Tag bester Gesundheit erfreut hatte. Ebenfalls zu Schaden kam beim selben Anlass ein blau-weiß kariertes, kurzärmeliges Hemd des Hundebesitzers.

Der stämmige und zugleich äußerst agile Dachshund, dessen Spezialität es war, sich heimlich an Kaninchenbaue heranzuschleichen, die verängstigten Insassen aufzuscheuchen und Els Vater vor die Flinte zu jagen, pflegte schon seit Jahren eine innige Feindschaft mit El.
El schwor mir, dass besagte Feindseligkeit allein vom Hundsvieh ausginge, das sich partout weigerte, auf seine Annäherungsversuche einzugehen. Sobald El sich innerhalb eines Radius von zehn Metern um das Tier befand, begann es zu knurren und zu kläffen. Und obwohl es sich um einen Jagdhund handelte, der es liebte, Dingen nachzuhetzen und Befehle auszuführen, bedachte er El nur mit einem verächtlichen Blick, wenn dieser versuchte, dem Tier ein Stöckchen zu werfen.

El ließ mich gnädig an seinen Experimenten teilhaben (gegen mich hegte der Hund übrigens keinen Groll – wenn er gut gelaunt war, also El sich nicht in seiner Nähe befand, durfte ich den warmen, drahtigen Körper sogar streicheln). Als erstes versuchte El den Hund mit Leckereien aus seiner Lethargie zu erwecken. Er würde etwas Speck oder Schinken oder die Knochen aus der Hühnersuppe aus der Küche seiner Mutter entwenden, sie feinsäuberlich mit einem dünnen Bindfaden an einem Stock befestigen und so weit werfen, wie er nur konnte. Das Vergnügen des Werfens blieb El vorbehalten, ich durfte nur ab und zu bei der Bestückung der Stöcke mit den Köstlichkeiten behilflich sein. Ich war schließlich ein Mädchen und konnte nicht so weit werfen. Ich wollte mich mit meinem einzigen Freund nicht streiten, also beließ ich es bei dieser Arbeitsaufteilung.
Der braune, sture Dachshund reagierte auf keines der Spielangebote. Er lag einfach nur in der Sonne und knurrte grimmig vor sich hin. Manchmal, am Ende eines fehlgeschlagenen Experimentes, kniete sich El in einiger Entfernung auf den Boden und verzehrte den schmutzig gewordenen Schinken oder Speck genüsslich, während er dem Tier dreist in die Augen starrte und seine Kiefer voller Hohn das Fleisch zermahlten.

Am fünften Ferientag war Els Geduld am Ende und er griff zum äußersten Mittel. Er klaute ein getragenes, verschwitztes Hemd seines Vaters aus der Wäschetruhe im Keller und band es um einen großen Buchenast. Sobald der Hund den vertrauten Duft seines Herrchens erschnupperte, löste er sich aus der Erstarrung und rannte El, der das Hemd an seinem Stock wie eine Fahne im Wind schwenkte, aufgeregt bellend hinterher.
Wir galoppierten wie die Wilden durch Wiesen und Felder, der japsende Hund stets an unseren Fersen, bis wir am Flussufer angelangt waren. Der Fluss führte immer noch viel Wasser, vor Ferienbeginn hatte es heftige Regengüsse gegeben, und die Strömung war stark. Ab und an wirbelte es Äste und Zweige vorbei, die immer wieder in einem der Strudel versanken, um einige Meter flussabwärts wieder aus dem Wasser aufzutauchen.
El fiel nichts Besseres ein, als die Hemdenfahne mit aller Kraft ans andere Flussufer zu schleudern. Doch sie kam nie dort an, sondern landete glucksend in den Fluten. Noch bevor ich begriffen hatte, was eigentlich geschehen war, hatte sich der mutige Dachshund ins eisige Wasser gestürzt, um den Besitz seines Herrchens zu retten. Ein paar Mal sahen wir noch das glitschig-nasse Köpfchen hervortauchen, dann hatte die Strömung Hund und Hemd mit sich fortgerissen.

El hatte den Anstand, meine Beteiligung am Verschwinden des Lieblingsjagdhundes nicht zu erwähnen. Überhaupt musste er seinen Eltern eine großartige Lüge aufgetischt haben, denn er wurde nicht einmal bestraft.
Bis zum Ende des Sommers ersannen wir gemeinsam Geschichten über das, was der Dachshund auf seiner Reise zum Meer alles erlebte und zogen aus unserem Geheimnis eine seltsame Befriedigung, die mir noch heute einen Schauer über den Rücken jagt, wenn ich mich der Erinnerung an dieses reuig-schadenfrohe Gefühl hingebe.

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