In Memoriam

16. September 2012 at 23:27 (Blog) (, , )

Für einen besonderen Menschen breche ich mit meinem Grundsatz, keine persönlichen Geschichten auf meinem Blog zu veröffentlichen. Diesmal ist es mir wichtiger, dass eine Erinnerung weiterlebt als dass mein Privatleben unter Verschluss bleibt. Denn beim Tod geht es immer auch um das Weiterleben, das Nicht-vergessen-werden – deswegen möchte ich hier eine Kerze aus Worten für diesen besonderen Menschen entzünden und (für die Ewigkeit?) leuchten lassen.

In einem Seminar im Sommersemester 2010 bekamen wir die Aufgabenstellung, eine Reportage zu verfassen. Ich wollte über etwas schreiben, das mich wirklich betrifft, berührt. So entstand „Ein ganz normaler Sonntagnachmittag“.

Mein Opa hat seit dem Tod meiner Omi (kurz vor meinem neunten Geburtstag) bei uns gelebt. Er hat viel Zeit mit mir und meinem Bruder verbracht, er war eine Bezugsperson für mich, ein fixer Bestandteil unseres Ess- und Wohnzimmers – ebenso wie seine Geschichten. Er war ein großartiger Geschichtenerzähler. Wer ihn kannte, kann sich vielleicht an die eine oder andere Erzählung über seine vielen Wanderungen und Radtouren oder die Zeit während des Kriegs erinnern. Und wer ihn nicht persönlich kannte, kann hier einen Einblick in das Leben eines Mannes gewinnen, der sich in seinem Leben vielen Widrigkeiten und Herausforderungen stellen musste und es dabei geschafft hat, seinem lebensfrohen Selbst bis zum Schluss stets treu zu bleiben.

Hier eine Erinnerung an meinen lieben Opa.

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Ein ganz normaler Sonntagnachmittag

Während der letzten paar Meter, die wir auf das zweistöckige weiße Haus mit den blauen Säulen zufahren, halten wir bereits Ausschau. Wie jeden Sonntagnachmittag steht der bereits von der Sonne gebräunte ältere Herr mit einem freundlichen Lächeln in seinem faltigen Gesicht draußen und wartet auf uns. Wir steigen aus dem Auto aus, überqueren die Straße und begrüßen meinen 91-jährigen Großvater.

„Was machen wir jetzt?“, fragt er. Wir gehen spazieren, so wie jedes Mal, wenn es schön ist. Jetzt im Sommer werden unsere nachmittäglichen Spaziergänge seltener werden, die Sonne scheint viel zu heiß auf den kleinen asphaltierten Gehweg. Die Bäume, die den linken Wegrand säumen, sind der Sonne zugewandt und bieten keinen Schatten. Aber heute ist gutes Wetter zum Spaziergehen, der Himmel ist bedeckt.

Auf der Höhe des Gefahrenschildes mit dem Zusatz „Seniorenheim“ halten wir kurz an. Opa zeigt auf das Maisfeld, ein grünes Blättermeer liegt vor uns. Die Pflanzen sind schon etwa einen halben Meter hoch. Gestern wurden sie gedüngt, erzählt uns mein Großvater.

Der Spazierweg führt an einem weiteren Feld vorbei. Über Nacht seien die Pflanzen plötzlich ganz groß geworden, erklärt Opa. Er zählt die ersten paar Reihen. Diese vier seien anders als die anderen. Er hat Recht – die ersten vier grünen Streifen breiten sich parallel zum Weg aus, während die anderen horizontal verlaufen. Was dort wächst, wissen wir nicht, wir erkennen die großen, ein wenig pelzigen Blätter nicht. Vielleicht Kürbisse? Das nächste Mal wenn ich komme, werden sie schon Fleckerl, Tupfer oben haben, verspricht Opa mir. Wahrscheinlich meint er die Blüten.

Oft verstehen wir nicht, was er uns sagen will. Gestern Abend sei alles blau, schwarz, grau gewesen, sagt er und deutet auf das Feld. Doch wenn es abends dunkel wird, ist mein Großvater schon längst nicht mehr draußen, und Gewitter gab es am letzten Abend auch nicht. Aber es reicht ihm schon, wenn wir zustimmen und nicken.

Heute ist Opa gesprächig. Wenn es zu heiß ist, wird er wortkarg und das, was er sagt ist noch schwerer verständlich als sonst. Er findet nicht immer die richtigen Worte. Wenn wir draußen sind, ist es leichter, wir können manchmal sehen, was er meint. Unsere Gesprächsthemen beziehen sich meist auf das Wetter, die Natur rund um uns, besonders das Gedeihen der Pflanzen auf den Feldern und die Flugzeuge. Heute landen drei Flugzeuge auf dem nahegelegenen Flughafen, nachdem sie einen weiten Kreis über uns gezogen haben. Zwei zweimotorige und ein einmotoriges Flugzeug, wie Opa uns aufklärt.

Wir sitzen auf der einzigen Bank, die am Wegrand steht und lassen unsere Blicke über das grüne Feld vor uns schweifen. Heute hat er einen Hasen gesehen, zuerst ist er am Weg gesessen und dann durchs Feld gehüpft, berichtet mein Großvater uns. Hier kommen öfters Hasen vorbei.

Das Essen im Seniorenheim ist ein weiteres unserer Standardthemen. Was hat es denn heute zu Mittag gegeben? „So einen Mischmasch. In Schichten.“ Möglicherweise ein Auflauf. Der Nachbar hat den nur halb angerührt. Wahrscheinlich ist er verwöhnt. Sein Sitznachbar ist eigentlich eine Frau – doch dank ihrer kurzen grauen Haare ist Opa der festen Überzeugung, es sei ein Mann und sagt konsequent „er“, wenn er von ihr erzählt.

Langsam wird es Zeit aufzubrechen, denn wir wollen noch auf sein Zimmer gehen, um die frische Wäsche abzuliefern und die schmutzige mitzunehmen, wie jeden Sonntag. Vor dem „Haus der Senioren“ blühen stets viele Blumen, zurzeit zeigen rosarote Rosen ihre üppige Blütenpracht. Wir gehen hinein. Vom Eingangsbereich sieht man in den Speisesaal, wir grüßen in die Runde und winken den anderen Bewohnern. Wir sind hier bereits bekannt. Ich höre, wie eine der Pflegerinnen „und jetzt weit aufmachen“ sagt.

Mit dem Aufzug fahren wir in den zweiten Stock. Opa drückt gleich den richtigen Knopf, die letzten Male hat er zur Sicherheit auch auf den Knopf mit der Eins gedrückt. Im Lift hängt die Liste mit dem Essen. Wir sehen gleich nach, was es zum Abendessen gibt: Gulasch.

Wir grüßen den weißhaarigen Herren, der immer im blauen Polstersessel neben dem Lift sitzt. Im Zimmer angekommen, beginnt meine Mutter, die Wäsche zu sortieren. Sie richtet auch gleich das Gewand für den nächsten Tag. Möchte Opa lieber ein Hemd mit Knöpfen oder ein Polohemd anziehen? Er zuckt mit den Schultern, es ist ihm egal. Dafür zeigt er auf sein Bett und sagt mir stolz, dass es heute frisch bezogen wurde. Und seine Schuhe bewundere ich auch gleich. Er hat neue Sohlen bekommen, angeklebt, die alten waren schon abgegangen.

Wir haben Kirschen und Erdbeeren für meinen Großvater mitgebracht. Er nimmt drei Kirschen heraus: „Für jeden eine.“ Das ist seine Art, „Danke“ zu sagen.

„Jetzt ist’s schon bald so weit“, meint er etwas später. Er hat sich gemerkt, dass wir um dreiviertel fünf losfahren müssen, damit ich meinen Zug erwische. Wir brechen auf, Opa begleitet uns noch hinunter. Heute scheint es ihm wirklich gut zu gehen, er drückt wieder gleich auf den richtigen Knopf im Lift. Wir winken wieder in den Speisesaal und verabschieden uns vor der Tür von meinem Großvater.

„Bis nächste Woche“, sage ich, „mach’s gut!“

„Mach’s du noch besser!“, antwortet er. So wie früher, vor dem Schlaganfall.

 ~*~*~*~*~*~*~*~*~

Nachsatz: Mein Opa ist am 14. September 2012 im Alter von 93 Jahren verstorben.

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