#54 Ohne Worte

29. März 2013 at 19:17 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , )

Die Schwestern Irina und Renate hatten bis auf ein paar gemeinsame Verwandte und die blauen Schirme, die es beim Supermarkt zu kaufen gab, nichts gemeinsam. Sie lebten zwar in derselben Stadt, doch sie sahen einander so selten, dass es schien als wäre die Reise von der einen zur anderen unendlich lang und beschwerlich; eine Reise die zu viel Kraft kostete um sie oft anzutreten.

Nicht einmal ihre Kindheitserinnerungen waren dieselben: Wenn Irina sich daran erinnerte, dass sie früher mit Mutter im Wald Pilze suchen waren, konnte sie sich sicher sein, dass Renate ihr widersprach und darauf bestand, dass es Vater gewesen war. Nach unzähligen Diskussionen hatten sie aufgehört zu versuchen, ihre Erinnerungen in Einklang zu bringen. Irgendwann später hörten sie generell auf, über persönliche Dinge zu reden. Es war zu schwierig sich einzugestehen, dass sie einander doch ähnlicher waren als sie sein wollten.

Es war einer jener trüben, regnerischen Nachmittage an dem Irina von einer unbeschreiblichen Einsamkeit erfasst wurde, die sie frösteln ließ, während die leere Wohnung immer größer, stiller und unheimlicher zu werden schien. Bevor Irina in einen Zustand der innerlichen und äußerlichen Erstarrung zu verfallen drohte, griff sie nach dem Telefon und wählte seit langem einmal wieder Renates Nummer.

Es klingelte fünf Mal, bevor Renate abhob. „Nati“, keuchte Irina, deren Atmung beim Warten auf die Entgegennahme ihres Anrufs ganz aus dem Rhythmus gekommen war, „können wir spazieren gehen? Ich hole dich in einer Viertelstunde ab.“ „Ja“, sagte Renate, „bis dann, Ina.“

Irina würde es sich nie eingestehen, aber Renates Einsilbigkeit war einer jener Charakterzüge, den sie in den letzten Jahren erst zu schätzen gelernt hatte. Als sie jünger war und versucht hatte, den Rat ihrer älteren Schwester zu erbitten, hatte es sie oft in den Wahnsinn getrieben, wenn Renate in ihrer wortkargen Art, sei es nun absichtlich oder unabsichtlich, nichts von ihrer Weisheit preisgeben wollte. Renate stellte keine Fragen und bat auch nicht um Hilfe, sie stellte höchstens einmal eine Tatsache in den Raum.

Mit ihren blauen Schirmen gegen den Nieselregen gewappnet, gingen die beiden Mittsechzigerinnen nebeneinander her. Sie wahrten einen beträchtlichen Abstand zwischen einander und achteten darauf, sich auch seelisch nicht zu nahe zu kommen, da sich keine von ihnen verletzbar machen wollte. Die Wunden aus ihrer Kindheit waren noch lange nicht geheilt.

„Inchen“, sagte Renate nach einigen hundert Metern und stützte sich dabei schwer auf ihren Stock, „Johann wird bald sterben.“ Irina sagte nichts, sie nickte nur. Sie fühlte sich außerstande, die Schwester zu umarmen, damit würde sie eine Grenze überschreiten, die die beiden Schwestern schon vor Jahren in einem stillen Abkommen gezogen hatten.

Irina dachte an Johann. Sie sah ihn nicht oft, denn er mochte es nicht, wenn Besucher ins Haus kamen und Irina wäre nie auf die Idee gekommen, Renate und ihn zu sich einzuladen. Sie wusste auch nichts über die Beziehung zwischen den beiden. Das einzige, das Renate ihr jemals erzählt hatte, war, dass er eifersüchtig darauf war, dass Renate und Irina sich bei ihren Kosenamen riefen. Zeit seines Lebens war er für Renate immer nur Johann gewesen, nicht Hans oder Hansi wie bei seinen Eltern und Jugendfreunden, immer nur Johann. Und jetzt würde er bald sterben.

„Sein Herz tut’s nicht mehr lang“, fügte Renate hinzu und wieder nickte Irina, ohne sich sicher zu sein, ob ihre Schwester ihr Nicken überhaupt bemerkte. Irina selbst hatte nie einen Mann gehabt, nicht einmal einen wirklichen Liebhaber. Sie wusste nicht, welchen Trost man in so einer Situation anbieten sollte. In diesem Moment verfluchte sie ihre Eltern und ihre Lehrer, die ihr nichts darüber beigebracht hatten, wie man seine Liebe und sein Mitgefühl zum Ausdruck bringt.

„Ruf mich an, wenn es so weit ist, Nati“, war alles, was sie aus den dunklen Tiefen ihres erstarrten Herzens hervorholen konnte. Mehr konnte sie ihrer Schwester nicht geben. Vielleicht dann, wenn der Schmerz am größten war und alle Berührungsängste vor dem Angesicht des Todes ihre Relevanz verloren. Vielleicht dann.

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