#55 Alleingelassen

17. Juni 2013 at 19:20 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , )

Die Münzen klimperten hoffnungsfroh in seiner Hosentasche, als er die Stufen der Schultreppe – jede zweite überspringend – hinunterlief, unter dem Vorwand, dass er den Bus erwischen musste. Er hatte zehn Minuten Zeit, bevor ihn seine Mutter mit dem Auto abholen würde, zehn kostbare Minuten, die er sich seit Tagen vom Mund abgespart hatte, da er für diese zehn Minuten bezahlen musste, anstatt sich von dem Geld Leckereien am Schulbuffet zu kaufen.

Er fütterte das Münztelefon, das an einer Straßenecke auf der Hinterseite der Schule stand, ein Relikt aus vergangenen Zeiten in moderner Aufmachung. Erst einmal nur die verlangten 30 Cent, für den Fall, dass er niemanden erreichte. Er wählte mit zitternden Fingern die Nummer am Touchscreendisplay in der Telefonzelle.

Tuuut. Tuuut. Tuuut.

Endlich die ersehnte Stimme am anderen Ende der Leitung. Nur noch acht Minuten.

„Papa? Ich bin’s, Clemens.“

„Nein, hab ich nicht verloren, aber ich kann nicht vom Handy aus anrufen…“

Die Anzeige zeigte nur noch 10 Cent und begann zu blinken. Er fütterte das Telefon mit neuen Münzen.

„Ja, es ist schlimmer geworden… Deswegen rufe ich an, Papa. Du musst was machen, ich weiß nicht, was ich noch tun kann!“

„Nein, sie holt mich gleich ab… Vielleicht wartet sie eh schon vor dem Schultor… Sie lässt mich keine Minute allein!“

„Kannst du nicht irgendwas tun? … Mit ihr reden?“

Klappernd fanden die nächsten Münzen ihren Weg ins Innere des Automaten.

„Was meinst du mit zwecklos?“

„Ich bin erst dreizehn! Was soll ICH denn bitte tun?“

„Das kannst du nicht machen. Sie ist doch nicht verrückt… Ich weiß auch nicht, was sie hat… Wahrscheinlich vermisst sie dich…“

„Sag nicht, dass es ihre Schuld war, dass es nicht geklappt hat, das ist gemein. Es war auch deine Schuld!“

Der Automat war hungrig, die Zeit knabberte unaufhörlich an den verbleibenden Münzen und Minuten. Noch zwei Minuten, dann musste er zurücklaufen, wenn er nicht wollte, dass seine Mutter ihn beim Telefonieren erwischte.

„Ich bin auf gar keiner Seite! Aber du bist ja nie da gewesen! Wo warst du, als das alles begonnen hat, also dass Mama niemandem mehr vertraut hat?!“

„Ich weiß, dass du nicht zurückkommst um ‚heile Familie‘ zu spielen… Darum geht’s gar nicht… Überleg dir bitte nur…“

Die Anzeige hatte schon seit einigen Sekunden geblinkt, das Ersparte war aufgebraucht und die Leitung plötzlich tot. Langsam hängte Clemens den Hörer auf die Gabel. Heile Familie. Wie lange hatte er überhaupt eine heile Familie gehabt? Und wie lange konnte er noch gleichzeitig ein Mann und ein Kind für seine Mutter sein, ein zwiegespaltenes Liebesobjekt, das gehegt, gepflegt, kontrolliert und gezüchtigt werden musste?

In einer Minute würde die Schulglocke klingeln, fröhliche Schülermassen würden sich über die Treppenstufen in die Freiheit und ins Wochenende drängen, lautstark und voller Vorfreude auf Ausflüge zum Badesee, Spielen und Toben mit Freundinnen und Freunden, Kuchenessen bei den Großeltern und auf das Bauen von Modellflugzeugen mit ihren Vätern. Er biss sich auf die Lippe, damit ihm keine Tränen in die Augen stiegen, er war ein großer Junge, er durfte nicht weinen.

Er bog die Zweige der Hecke, welche den Schulhof säumte, an jener Stelle auseinander, von der er wusste, dass dahinter der Zaun kaputt war. Einen beruhigenden Moment lang war er nur von Grün umgeben, als sich die dicke Hecke um ihn herum schloss. Er atmete einmal tief ein, bevor er die Zweige wieder auseinanderbog, und aus dem grünen Dämmerlicht auf den sonnigen Schulhof trat. Er suchte den Schutz des Schattens des Schulgebäudes und lief zum Fuß der Treppe, die er an jenem Tag schon halb laufend, halb springend überquert hatte und mischte sich in die lärmende Menge, die ihn aufnahm und zum Schultor schwemmte, an dem er seine Mutter schon nach ihm spähen sah. Sie schien in der Menge der wartenden, plaudernden, winkenden Eltern genauso verloren und abgekapselt von der Umgebung wie er selbst sich fühlte. Er seufzte bei dem Gedanken an das gerade beginnende Wochenende.

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4 Kommentare

  1. GK said,

    Eine sehr schöne Geschichte, die durch ein klein wenig Feinschliff am letzten Absatz sogar noch ein bisschen schöner werden könnte. Mein Kompliment.

    • loveanddeathandeverythinginbetween said,

      Danke für dein Feedback! =) Du bist ein sehr aufmerksamer Leser – die Geschichte wäre tatsächlich noch um ungefähr einen Absatz länger gewesen, den ich dann aber wieder verworfen habe. Ich werd mir das noch durch den Kopf gehen lassen, ob ich an der Stelle nicht doch noch weiterschreibe, damit das Ganze runder wird.
      Oder hast du etwas anderes als störend empfunden?

      • GK said,

        Ich denke tatsächlich, dass der letzte Absatz noch etwas „runder“ sein könnte. Ich habe den Eindruck, dass er stilistisch nicht so ganz zum Rest des Textes passt: der Text lebt von seinen Lehrstellen (Telefonat) und überlässt es den Leserinnen und Lesern, diese zu füllen, wenngleich durch Clemens Reaktionen eine recht klare Richtung vorgegeben wird. Der letzte Absatz bricht nun mit diesem Erzählschema (genauso wie der letzte Satz im vorletzten Absatz) – will im Vergleich zu viel und zu genau erklären und stört dadurch die zuvor aufgebaute Stimmung. Ich würde hier ein paar Kürzungen vorschlagen (vielleicht auch Ergänzungen – ich weiß ja nicht, was du dir noch überlegt hattest). Etwa: „Er biss sich auf die Lippe – er war ein großer Junge, er durfte nicht weinen.“ oder „Einen beruhigenden Moment lang war er nur von Grün umgeben. Er atmete einmal …“.
        Als kleine Anmerkung am Rande, möchte ich dich noch auf den fehlenden Beistrich nach „… an jener Stelle auseinander“ hinweisen, danach aber sofort wieder ins Loben übergehen. Vielen Dank für diese schöne Geschichte.

      • loveanddeathandeverythinginbetween said,

        Danke für die ausführliche Schilderung deiner Sichtweise! Ich seh das ein bisschen anders, für mich sind das Telefongespräch samt Leerstellen und die restliche Beschreibung von Gemütszustand und Beobachtungen zwei paar Schuhe. Das Gespräch seh ich jetzt nicht so als richtungsweisend für den Stil des restlichen Textes – der Bruch ist beabsichtigt gewesen, damit der Kontrast stärker wirkt 😉
        Den Beistrich hab ich übersehen, danke! Und es gibt jetzt noch einen Abschlusssatz, der ein bisschen mehr an das typische offene Kurzgeschichtenende erinnert. Ein bisschen 😉
        Danke jedenfalls fürs Lesen und Kommentieren!

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