#56 Überwältigt

30. August 2013 at 22:04 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , )

In jenem kurzen Moment zwischen Schlaf und Wachheit, jener Sekunde, die sein Geist nach dem ersten Öffnen der Augen brauchte, um sich zu erinnern wo und wer er war, erfüllte ihn ein Gefühl der Überwältigung. Sein Herz begann spürbar zu pochen und seine Nebenniere versorgte sein Blut mit einer kleinen Menge an Adrenalin – gerade so viel, dass er ein aufgeregtes Flattern in seinem Bauch spürte. Er war überwältigt von ihr – ihr, der makellos eingerichteten Wohnung; ihr, der Stadt, mit all ihren in der Morgensonne glitzernden Fenstern und metallenen Bauwerken, die nur eine Glasscheibe entfernt auf ihn wartete; und ihr, der Frau, die neben ihm noch tief und fest unter der beigen Bettdecke schlummerte.

Alles, was er sich je erträumt hatte, war in diesem Moment wahr geworden, so verhieß es ihm sein dahindämmerndes Gehirn. Die Metropole, in die er vor drei Jahren gezogen war, in ein winziges Kämmerchen in der Wohnung einer alten Frau, die sich die Miete alleine nicht leisten konnte, die Stadt, die nie schläft, hatte ihn nun endlich und nach langem Kampf in ihre schützenden Arme genommen und ihm das majestätische Dach über dem Kopf gegeben, das er sich immer gewünscht hatte.

Er war verlacht worden, hatte die gehässigsten Scherze ertragen, hatte in Armut gelebt, nur um in dieser Stadt den Aufstieg zum anerkannten und gefeierten Künstler zu schaffen, dieser Stadt, die schon so viele Unbekannte zu Raritäten gemacht hatte, ausgestellt in einem Museum ohne Glasvitrinen, ungeschützt vor den gierigen Händen, Augen, Kameras der schaulustigen Menge. Und fast genauso viele der zu unerwarteten Bekanntheit gekommenen jungen Menschen hatte die Stadt wieder dahingerafft, sie hatten sich selbst dahingerafft, unfähig, mit dieser seltsamen Art von Ruhm und der Hassliebe der Klatschzeitschriften umzugehen.

„Künstler, Überlebenskünstler, das ist ein und dasselbe“, schoss es ihm durch den Kopf, in jener zweiten Sekunde, in der er auf die sonnendurchflutete Stadt vor dem gigantischen Fenster hinunterblinzelte. Er hatte nur dieses eine Leben um seine Träume zu verwirklichen, nur dieses eine Leben… So wie auch die Frau, die sich gerade im Schlaf umdrehte, sich ihm zuwandte, in ihrer schläfrigen Friedlichkeit die Finger nach ihm ausstreckte, ihn ohne ihr Wissen umarmte und an sich drückte.

Diese Frau hatte seine Anwesenheit gebraucht, in jener Nacht, die Zärtlichkeit genauso wie die Unschuld, die dieses erste Zusammentreffen mit sich gebracht hatte, ihre Beschämtheit darüber, dass sie ihn angerufen und zu sich bestellt hatte.
Ihr Leben war viel tragischer als das Seine, das Leben eines gescheiterten Künstlers – denn sie hatte alles, sie war wohlhabend, gut untergebracht und behütet, jeden Luxus dieser Welt konnte sie genießen und doch war sie allein. Allein in diesem goldenen Käfig, den der Mann, der jetzt an seiner Stelle neben ihr liegen sollte, dem die schlaftrunkene Umarmung galt, um sie gesponnen hatte.

Er hingegen war frei, konnte seine Flügel aufspannen und hinuntersegeln, hinunter in diese Stadt, die ihre Arme für Überlebenskünstler weit offen hielt. Drei Sekunden brauchte er um zu begreifen, was Glück war.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: