Der Zauber des Advents

28. November 2013 at 23:43 (Weihnachtsmärchen) (, , , )

In wenigen Tagen beginnt der Advent. Eine Zeit des Besinnens, des Zurückbesinnens. An liebe Menschen, an frühere Zeiten – und ein Besinnen an das, was wirklich wichtig ist im Leben. Wie zum Beispiel das Schreiben von Texten, um sich selbst und anderen eine Freude zu bereiten 😉
Diese besinnliche Zeit möchte ich nutzen, um Altes und Neues miteinander zu vereinen.

Zuerst also zum Alten: In den letzten Jahren habe ich bereits zwei Geschichten in einen literarischen Adventkalender verpackt – 2010 die Adventsgeschichte und 2012 den Weihnachtskrimi. Die Geschichten sind auf dem Blog fein säuberlich in 24 Stücke zerschnipselt erhalten, aber eine Vollversion gab es bis dato nicht. Das habe ich nun nachgeholt und wünsche euch ein unzerstückeltes, besinnliches, vorweihnachtliches (Wieder-)Lesevergnügen!

Und nun zum Neuen: Ich freue mich sehr, euch mitteilen zu dürfen, dass es auch dieses Jahr wieder eine Adventskalendergeschichte geben wird – neun Teile sind schon vorausgeplant. Den ersten Teil könnt ihr hier – wer hätte es gedacht – am 1. Dezember lesen 😉

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Weihnachtskrimi (2012)

28. November 2013 at 23:29 (Weihnachtskrimi) (, , , , , , , )

Die Vollversion des im Advent 2012 veröffentlichten 24-teiligen Weihnachtskrimis.

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Wenn es ein amerikanischer Film wäre, würden sich die uniformierten Polizisten gerade mit den gelben Absperrbändern mit der Aufschrift „CRIME SCENE DO NOT CROSS“ zu schaffen machen – niemand sollte sehen dürfen, was sich an jenem Weihnachtstag, der so ruhig und friedlich mit Kinderlachen und ein paar Schneeflocken begonnen hatte, hinter den Mauern meines trauten Heimes zugetragen hat.

Leider handelte es sich nicht um einen amerikanischen Film, den ich karamellisiertes Popcorn knabbernd an jenem Wintertag gespannt genießen konnte: Diesmal waren nicht ein finsterer Gauner oder ein grimmiger Fiesling der Täter, denen man es schon auf den ersten Blick ansah, dass sie nichts Gutes im Schilde führen konnten; und da meine Familie sich weder einen Gärtner noch einen Butler leisten konnte, fielen die üblichen Verdächtigen auch weg.

Diesmal war ich die Hauptverdächtige: In der Nachbarschaft bekannt und bewundert als liebevolle Ehefrau und Mutter, geschätzte Ansprechpartnerin bei schwierigen Kochrezepten, angesehene Gastgeberin von Partys, die vom Schuhe abstreifen bis zum letzten Händedruck vor dem Heimgehen perfekt durchgeplant waren und auch hier und da in Fragen der Kindererziehung als kompetente Ratgeberin aufgesucht, stellte ich für jede Person, die mit mir in Berührung kam, eine Art Göttin dar.

Ich hatte mir dazu auch diese charmante Art mit den Schultern alles Lob wegzuzucken angelegt – wenn ich auch zehn Stunden in der Küche gestanden war und knapp vor dem Nervenzusammenbruch gewesen war, ehe die Makronen die perfekte Konsistenz und Farbe hatten und sich endlich in einer Art und Weise vom Backblech ablösten, die mich nicht wütende Tränen des Zorns vergießen ließen – ich zuckte das Lob mit einem: „Ach, so viel Aufwand war es ja gar nicht“ weg und überließ das Publikum meines kleinen Selbstinszenierungstheaters dem schieren Grauen vor der unerreichbaren Perfektion.

Vielleicht war mir dieses ganze Theater einfach zu viel geworden und das führte dazu, dass ich die Kontrolle über das Geschehen verlor – ich meine, den perfekten Haushalt zu führen ist eine Sache, aber dabei noch eine Figur und ein jugendliches Aussehen zu bewahren, das sich selbst amerikanische Sternchen am Pophimmel trotz Fitnessprogramm und plastischer Chirurgie nur erträumen konnten, das war bei weitem keine einfache Aufgabe, wenn ich nun doch ehrlich mit Ihnen sein darf.

„Kommandant Steve, Kommandant Bob, ich versichere Ihnen, es ist nicht so wie es aussieht“, versuchte ich die beiden Uniformierten, die mir den Weg verstellten, zu beschwichtigen – „mein Mann wird in wenigen Minuten nach Hause kommen und dieses schreckliche Missverständnis aufklären“, fuhr ich fort und fühlte erstmals die Angst vor den Konsequenzen meiner Verfehlung in mir aufflackern.
Die beiden warfen einander skeptische Blicke zu und der Jüngere der beiden duzte mich frech: „Egal welche Ausrede du hast, wir müssen dir trotzdem Handschellen anlegen“, während der zweite nur nickte und mich so streng ansah, dass ich keinen Widerspruch zu erheben wagte.

Bereitwillig verschränkte ich also meine Arme hinter dem Rücken und lauschte dem Klicken der zuschnappenden Handschellen, die sich nicht so kalt um meine Handgelenke schmiegen hätten dürfen – das einzige kühle Metall, das just zu dieser Tageszeit, kurz vor dem weihnachtlichen Festessen, meine Hände berühren hätte dürfen, wäre der Teelöffel gewesen, mit dem ich einen Tropfen der Bratensauce zum Abschmecken an die Lippen geführt hätte.

Zumindest konnte ich dankbar dafür sein, dass der Aufmarsch der gesamten Verwandtschaft, mit Großeltern, Tanten, Onkeln, Kindern, Hunden, Puppen und Kuscheltieren erst für morgen bestellt war – was wäre das für eine Katastrophe gewesen, wenn diese auch noch in das Chaos in meinem einst so friedlichen Haus hineingestolpert wären und nicht auszudenken, was passieren würde, wenn sie sich alle gegen mich verbündeten.
Ich sah die schadenfrohen Blicke mancher Verwandter schon vor mir, die sich dachten: „Na, jetzt ist es in ihrer Familie auch passiert – so perfekt ist sie also doch nicht“ und vor sich hinlächelten, während meine heile Welt zu einem Tannennadelhaufen unter dem Christbaum zerbröselte.

Doch das Schlimmste daran war, dass ich meinen Kindern dieses Weihnachten verdarb und wohl auch jedes kommende, denn Kinderseelen vergaßen Verletzungen langsamer als der sprichwörtliche Elefant und vielleicht würden sie, auch wenn sie selbst schon Kinder hatten, stets schmerzerfüllt an jenes Weihnachtsfest zurückdenken, an dem ihre Mutter einen Fehler begangen hatte.
Es war alles ganz anders geplant gewesen: Ich schickte die Kinder spielen, ließ sie laut Musik hören, gab ihnen ausnahmsweise ihre Lieblingsschokoladenkekse mit aufs Zimmer und betete, dass sie so von den Geschehnissen im Wohnzimmer abgelenkt sein würden und nichts mitbekämen – aber nun war es unvermeidlich, dass sie erfuhren, was ich mit ihrem Vater getan hatte.

Meine Hoffnung, die Polizisten doch noch auf eine falsche Fährte locken zu können, war jedenfalls dahin – die Aussage, dass mein Mann bald nach Hause käme war ein viel zu unsinniges Ablenkungsmanöver und die beiden wussten genau so gut wie ich, dass es ein Weihnachtswunder wäre, wenn er tatsächlich bei der Haustür hereinspaziert käme.

Ich war knapp davor alles zu gestehen, als der ältere der beiden Polizisten zu einer Klärung des Tatbestandes ansetzte und mich beim Verhör ebenso wie zuvor sein jüngerer Kollege duzte: „Was du gemacht hast, ist Hochverrat, ein Verbrechen – ich weiß nicht, warum du es nicht viel früher gestanden hast, wir sind doch keine Idioten!“
„Verzeihen Sie, meine Herren,“ begann ich und versuchte dabei so ruhig wie möglich zu bleiben, „aber glauben Sie, es war einfach, all die Jahre durchzuhalten und die wahren Tatsachen zu verschleiern und das nur, damit meine Kinder noch ein bisschen länger Kind sein durften?“
Der ältere der beiden Polizisten übernahm wieder das Wort: „Wie meinst du das, du beschützt deine Kinder doch nicht, wenn du so etwas tust und dann auch noch versuchst, es zu verheimlichen?“

Ich seufzte tief, denn nun mussten nicht nur meine Kinder erwachsen werden, sondern auch ich – ich hatte stets mitgefiebert, wenn auf wundersame Weise der vom Weihnachtsmann gebrachte und geschmückte und mit Geschenken bestückte Christbaum in einer unbewachten Minute im Wohnzimmer erschien; und ich hatte mich stets wie eine Schneekönigin gefreut, wenn die Kinder jubelnd ihre Geschenke auspackten und riefen: „Das ist genau das, was ich mir vom Weihnachtsmann gewünscht habe!“

„Naja, ich dachte, ich würde meinen Kindern damit einen Gefallen tun –“, setzte ich an, doch wegen eines plötzlichen heftigen Polterns an der Tür wurde ich jäh unterbrochen und mir blieb das Herz fast stehen, als eine tiefe, vertraute Stimme, die auch nach all den Jahren immer noch veranlasste, dass mir wohlig warm ums Herz wurde, an der Tür erst meinen Namen rief und dann jene der Kinder, während eine starke Hand an der von innen versperrten Türe rüttelte.

Der jüngere der Polizisten lief eifrig zur Tür und hätte sich fast verbeugt, als mein Mann in Uniform und schneebedeckten Schuhen eintrat und die beiden jungen Kollegen mit einem Tipp an seine Mütze begrüßte – nun war also auch noch der dienstälteste Polizist unseres kleinen Dörfchens eingetrudelt.

Ich zuckte ein wenig zusammen, als ich dabei zusehen musste, wie sich all der Schneematsch mit jedem Schritt meines Mannes auf meinem eben erst aus der Reinigung geholten Teppich verteilte und braune Schmelzwasserspuren hinterließ – aber es war nicht der richtige Zeitpunkt, dieses ärgerliche Faktum anzusprechen, denn ich stand dem Wunder, das mein und unser aller Weihnachten retten konnte, zum Greifen nahe, wenn nur mein Mann sich richtig verhielt und ich biss mir vor Wut auf die Lippen, weil ich nicht wusste, wie ich ihm unauffällig einen Hinweis geben könnte.

Noch heftiger zuckte ich zusammen, als mein Mann nicht lange um den heißen Brei herumredete oder versuchte, seine jungen Kollegen in die Schranken zu weisen – vielleicht war er doch nicht auf meiner Seite, wie ich immer gedacht hatte; vielleicht machte es ihm nichts aus, wenn ich hier als elende Lügnerin hingestellt wurde.

Anstatt vom Thema abzulenken oder seinen eigenen Anteil an unserer Schuld einzugestehen, sagte er bloß: „Ich habe einen anonymen Hinweis bekommen, dass meine Frau den Weihnachtsmann gefangen gehalten hat, deswegen bin ich gleich hierhergekommen – aber wie ich sehe, haben Sie die Situation bestens im Griff – Respekt, Kommandanten Steve und Bob!“
„Aber sie hat den Weihnachtsmann geküsst und geherzt, so als würden sie sich schon ewig kennen“, begann Kommandant Bob plötzlich zu schluchzen – mir war übrigens auch zum Weinen zumute, und nicht nur, weil ich aus der Küche einen Duft nach verbranntem Braten erahnen konnte – und Kommandant Steve sah meinen Mann mit angsterfüllten Augen an und fragte: „Stört dich das denn gar nicht?“
„Aber nein“, schmunzelte mein Mann, „wir kennen den guten Herrn tatsächlich schon sehr lange und er ist immer ausgesprochen einsam – da ist es schon okay, wenn eure Mutter ihn einmal im Jahr ein bisschen tröstet – “ und bevor er noch zu Ende gesprochen hatte, schlossen mich meine beiden abenteuerlustigen kleinen Verkleidungskünstler versöhnlich in die Arme und ich zwinkerte meinem Mann zu, glücklich darüber, dass er und ich noch ein weiteres Jahr lang dem Weihnachtsmann dabei helfen konnten, unseren Söhnen ein fröhliches Fest zu bescheren.

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Adventsgeschichte (2010)

28. November 2013 at 23:17 (Adventsgeschichte) (, , , , , , , , )

Die Vollversion der im Advent 2010 veröffentlichten 24-teiligen Adventsgeschichte.

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Jana und Marcel wuchsen in einem Land ganz im Norden des Kontinents auf. Die klimatischen Bedingungen machten es den Bewohnern nicht leicht, sich durchzuschlagen. Denn die Winter waren lang und kalt und der Sommer war so kurz, dass kaum etwas im Land gedeihen konnte. Aber die Menschen lebten seit Generationen hier und darum dachten sie auch nicht daran, auszuwandern.
Die weitläufigen Anwesen der Bewohner lagen oft mehrere Kilometer auseinander und so kannten sich die Menschen untereinander kaum. Man pendelte in die nächsten größeren Städte um zu arbeiten, aber man sah die eigenen Nachbarn nur selten. So kam es, dass Jana nichts von Marcels Existenz wusste, bis zu jenem Tag, als der Schneesturm über das Land zog.

Jana war die Jüngste unter vier Geschwistern. Ihre zwei Schwestern und der Bruder waren schon lange von daheim fort, sie war eine Nachzüglerin gewesen. Die Eltern wurden bald siebzig Jahre alt, während sie selbst gerade ihren zwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte.
Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr hatte Jana auf dem Hof ihrer Eltern gelebt, dann wurde sie eingeschult und konnte nur noch in den Ferien zuhause sein. Jana absolvierte ihre Pflichtschulzeit in einem viele Fahrstunden entfernten Ort im Nachbarland, wo ihre Tante wohnte. Das Niveau der kleinen Dorfschule, die nur einige Kilometer entfernt lag, war Janas Eltern zu niedrig. Dabei genoss ihr jüngstes Kind die Schulzeit gar nicht, sie vermisste den Hof ihrer Eltern und als sie das neunte Schuljahr abgeschlossen hatte, kam sie schnurstracks nach Hause, anstatt die Matura zu machen. Denn Jana hatte eine eigene Vorstellung davon, was sie aus ihrem Leben machen wollte.

Marcel war vierundzwanzig und ein Einzelkind. Seine Mutter übernahm die gesamte Erziehung, denn seinen Vater sah er nur am Wochenende, wenn er von der langen Arbeitswoche nach Hause kam. Der Vater arbeitete als Computertechniker in einer großen Stadt von der er immer spannende Geschichten zu erzählen wusste. Schon als Marcel sieben Jahre alt war, antwortete er der Lehrerin in der Dorfschule auf die Frage, was er später einmal machen wollte, dass er wie sein Vater Computertechniker werden wollte.
Dafür musste er viel und fleißig lernen, wie ihm sein Vater erklärte. Und so stand nach vier Jahren an der Dorfschule fest, dass er ein renommiertes Internat in derselben Stadt besuchen sollte, in der sein Vater arbeitete, um sich bestmöglich auf sein späteres Studium vorzubereiten. Marcel begrüßte den Wohnortwechsel als willkommene Abwechslung, während seine Mutter mit wehem Herzen im hohen Norden zurückblieb, allein im großen Haus.

Janas Eltern hielten auf dem Hof Pferde und diese halfen ihnen dabei, ihr spärliches Einkommen aufzubessern. Der Hof fungierte als Hotel, denn die reichen Touristen fanden das Land trotz den Wetterbedingungen und dem Schnee, der bis in den April hinein vom Himmel fiel, wunderbar idyllisch. Hier konnten sie sich von ihrem stressigen Alltag in der Stadt erholen.
Die Pferde passten zu jeder Jahreszeit gut ins Konzept. Im Sommer gab es Ausritte in die Wälder, die ringsum den Hof umgaben und im Winter zogen sie die Schlitten mit den frohlockenden Touristen in die Stadt. Doch mit jedem Jahr, das ins Land zog, wurde die Betreuung der Gäste für Janas Eltern beschwerlicher. Und da die älteren drei Kinder bereits ausgezogen waren und weit entfernt ihr Leben aufgebaut hatten, blieb nur noch Jana, die helfen konnte.

Wenn Marcel nach Hause zurückkehrte, dann immer nur für ein paar Tage. Ihn störte die schlechte Internetverbindung, die alle paar Minuten zusammenbrach und auch das Handynetz war wenig zufriedenstellend. Sein Heimatland war einfach technisch noch nicht weit genug fortgeschritten, um seine ambitionierten beruflichen Ziele dort weiterverfolgen zu können.
Seine Mutter weinte, wenn er auf Besuch kam und sie weinte, wenn er wieder ging. Marcel war das unangenehm und so reduzierte er seine flüchtigen Heimaturlaube auf ein Minimum. Den Vater hingegen sah er oft, unter der Woche lebten sie ja in derselben Stadt. Dann gingen sie Bier trinken und diskutierten über Computerprobleme und welche Programme sie zuletzt erstellt hatten. Als der Vater drei Monate nach Marcels vierundzwanzigstem Geburtstag unerwartet an einem Herzinfarkt starb, war das für die Hinterbliebenen ein schwerer Schlag.

Jana machte es nichts aus, am Hof mitzuhelfen. Insgeheim war es ihr Wunsch, das Geschäft mit Touristen und Pferden eines Tages ganz zu übernehmen und auszubauen. Die reichen Menschen, die da kamen, um von der Ruhe und Gelassenheit ihres Landes zu profitieren, mochte sie nicht wirklich. Generell war sie denjenigen gegenüber skeptisch, die viel auf sich, ihr Geld oder ihre Bildung hielten. Alles worauf es für sie ankam war wie hart man arbeitete, mit seinen eigenen zwei Händen.
Wenn Jana sich entscheiden konnte, wer ihr Gesellschaft leistete, dann waren ihr Tiere lieber. Sie verbrachte gerne Zeit im Pferdestall und die Hengste und Stuten schienen zu merken, dass Jana sie ernst nahm und nicht auf sie herabsah.
Außerdem hatten Janas Eltern viel Arbeit in den Hof gesteckt und sie wollte nicht, dass all das umsonst war, weil keines der Kinder sich dazu entscheiden konnte, das Hotel weiterzuführen.

Als der Vater starb, war Marcel gerade mit seinem Studium fertig geworden. Er wusste, dass es sich gehörte, zu seiner Mutter zurückzukehren, damit sie sich gegenseitig über den Verlust hinwegtrösten konnten. Er war ungebunden und mit dem Diplom in der Hand könnte er in jeder Stadt Arbeit finden. Außer in dem Dorf, in dem er aufgewachsen war, dort wurden keine Computertechniker gebraucht.
Er packte seine Sachen. Es war ja nicht für immer. Sobald es seiner Mutter besser ging, konnte er sich in irgendeiner großen Stadt seine Sporen verdienen. Irgendwo, wo das Internet nicht ruckelte, wenn er zwei Webseiten gleichzeitig geöffnet hatte.

Janas Eltern waren nicht glücklich über ihre Entscheidung. Sie hatten gehofft, sie würde etwas aus sich machen, einen ordentlichen Beruf erlernen und es ihren Geschwistern gleich tun und in eine Stadt ziehen, die ihr mehr Möglichkeiten bot. Janas Eltern liebten alle ihre Kinder und erwarteten von keinem von ihnen, den Hof zu übernehmen. Sie wussten, wie hart das Leben in einem so unerbittlich frostigen Land sein konnte und sie wollten es ihren Kindern ersparen, hier für immer festzuhängen.
Aber Jana ließ sich nicht beirren. Und so kam es, dass sie an dem Tag, als der Schneesturm begann, den Schlitten ins Dorf zog, um Einkäufe zu machen. Es war ein Montag und am Dienstag würde die nächste Ladung Touristen bei ihnen eintrudeln, die es zu versorgen galt. Als die ersten Flocken fielen wusste Jana noch nicht, dass sie die Touristen am Dienstag nicht empfangen würde können.

Marcel war nun schon fast ein halbes Jahr zurück in seinem Heimatland. Seiner Mutter ging es schlecht, erst hatte sie eine Lungenentzündung bekommen und nun schleppte sie sich matt durch die Tage, obwohl sie längst wieder auf den Beinen sein sollte. Der Arzt im Nachbarort fand aber keine Ursache für ihre Müdigkeit, zumindest keine körperliche.
Im Haus erinnerte alles an Marcels Vater. Die Kästen, die er selbst gezimmert hatte und die unzähligen Fotos, die die Mutter aufgehängt hatte. Seine Schuhe standen noch im Flur und seine Pelzkappe lag auf der Hutablage. So als würde er gleich aus dem Schlafzimmer kommen, sich anziehen und zur Arbeit gehen.
Marcel hatte nicht das Gefühl, dass seine Anwesenheit die Mutter irgendwie trösten konnte. Trotzdem blieb er und erledigte die Hausarbeiten. Dazu zählte auch das Einkaufen, das er einmal in der Woche erledigte, immer montags.

Als Jana mit ihrem Schlitten beim Greißlerladen im Dorf ankam, fielen bereits dicke Flocken vom Himmel und ein strenger Westwind wehte. Das war nicht ungewöhnlich, es schneite schließlich in diesem nördlich gelegenen Land fast das ganze Jahr hindurch. Doch an diesem Tag klang der Wind anders. Er pfiff und heulte und Jana verstand, was er sagte, denn sie kannte den Winter und seine Sprache gut. Ein Schneesturm würde aufkommen. Die Frage war nur, ob sie noch genug Zeit hätte, um mit ihren Einkäufen nach Hause zu kommen.
Auf der Tür des Greißlerladens klebte ein Schild. „Bin kurz im Nachbarort, Selbstbedienung.“ Auch das war nicht ungewöhnlich. Der alte Fredrik besuchte oft seinen Sohn, die Schwiegertochter und das Enkelkind im Nachbarort. Und da er seine Kundschaft kannte und ihr vertraute, bedienten sich die Dorfbewohner eben selbst und hinterließen das Geld auf dem Tresen.
Jana stieß die Tür auf.

Marcel fuhr immer mit dem Auto zum Greißlerladen. Er ging nicht gerne zu Fuß und die Stunde, die er für Hin- und Rückweg brauchte, schien ihm vergeudete Zeit, obwohl er dann zuhause erst nur herumsaß und Löcher in die Luft starrte.
Er parkte das Auto auch an jenem Montag direkt vor dem Laden. Während der Fahrt waren immer größere Schneeflocken gegen seine Windschutzscheibe geklatscht, die Scheibenwischer waren auf Hochtouren gelaufen. Marcel mochte den Winter und die Kälte nicht und der Schnee machte ihn noch mürrischer, als er seit dem Tod seines Vaters soundso schon war. Und nun war auch der alte Fredrik zu allem Überfluss nicht da, mit dem er sonst gerne plauderte. Aber das Geschäft war nicht leer – eine zierliche Frau stand hinter der Theke und begutachtete das Sortiment.
Marcel kannte sie nicht. Er kannte überhaupt wenige Leute hier im Ort, seine Mutter, Fredrik und noch eine alte Dame, die er manchmal beim Einkaufen traf und die stets sein Auto bewunderte. Die junge Frau sah nicht einmal auf, als er eintrat, allein die Glocke über der Tür bemerkte seine Ankunft.

Jana blickte nicht zur Tür, als sie sich öffnete und die Glocke bimmelte. „Hallo Fredrik“, murmelte sie nur und nahm eine Packung Reis aus dem Regal.
Marcel räusperte sich und sagte mit seiner klaren Stimme nur: „Hallo.“ Nun blickte das Mädchen ihn endlich an. Sie konnte kaum älter als zwanzig sein.
Es war nicht Fredrik, der eingetreten war. Es war ein junger Mann, den sie nicht kannte. An die gerade Nase, das strohblonde Haar und den feinen Nadelstreifmantel hätte sie sich bestimmt erinnert. Die Reispackung glitt aus ihrer Hand und die Körner perlten mit feinem Rasseln aus dem geplatzten Karton. Der junge Mann hob amüsiert eine Augenbraue und Jana verschwand unter der Theke, ehe er die Röte in ihrem Gesicht aufsteigen sehen konnte. Sie beschloss, dass sie diesen aufgeblasenen Schnösel mit seinem übertriebenen Mantel bereits jetzt hasste.
„Lass mich dir helfen“, sagte Marcel und kniete sich neben ihr auf die knarrenden Holzdielen. „Geht schon“, murmelte Jana und ließ ihre rotblonden Haare wie einen Vorhang vor ihr Gesicht fallen, damit er ihr nicht in die Augen sehen konnte. Ihre Hand zitterte ein wenig, als sie sie wieder ausstreckte, um die nächsten Reiskörner zurück in die Packung zu schaufeln. Was war nur mit ihr los? Wahrscheinlich war es bloß, dass sie einem jungen Mann schon lange nicht mehr so nahe gewesen war. Das letzte Mal war wohl in der neunten Klasse gewesen, als Tim sie mit dem Kopf voran in den Schnee gestoßen, sich auf sie gesetzt und ihr Gesicht eingerieben hatte. Sie stieß bei der Erinnerung ein ärgerliches Schnauben aus.
Marcel pickte ein paar Reiskörner auf und gab Acht, Jana dabei nicht zufällig zu berühren. Er hatte bereits genug Charme versprüht, um sie aus der Fassung zu bringen. Das war seine Stärke. Er kam irgendwo hin, zog ein Mädchen in seinen Bann und dann machte er sich bald wieder aus dem Staub.

Marcel grinste gerade vor sich hin, während er daran dachte, wie gut er doch darin war, Mädchen den Kopf zu verdrehen, als Jana aufsah. „Wir sind fertig“, sagte sie, als er gerade noch einmal die Hand ausstrecken wollte, um nach weiteren Reiskörnern zu tasten.
„Und was ist so lustig?“, fügte sie ärgerlich hinzu.
Marcel zuckte nur mit den Schultern. „Ich hab mir halt was Lustiges gedacht, ist das verboten?“ Was war bloß in das Mädchen gefahren? Er hatte ihr doch gar nichts getan. Vielleicht war es das frostige Klima, das sich auf ihr Gemüt schlug.
„Ach ja?“, fauchte sie nun und sah ihn feindselig an. „Die Witze à la ‚Rothaarige sind tollpatschig‘ kannst du dir aber sowas von sparen, die kenn ich alle schon…“
Er hob schützend die Hände vor die Brust, wie um sich vor einem nahenden Angriff zu verteidigen. „Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“, fragte er.
Jana bemühte sich, ruhig und beherrscht zu klingen: „Bist du nun hier um einzukaufen, oder was?“

Jana wandte ihm den Rücken zu und widmete sich wieder den Waren, die sich in den Regalen türmten. Sie packte Konservendosen und geräucherten Schinken, Mehl, Zucker und Kartoffeln in den großen Rucksack, den sie für den Heimweg am Schlitten festbinden würde.
Marcel zuckte ein letztes Mal mit den Schultern. Dem Mädchen war wohl nicht zu helfen. Auch er arbeitete seine Einkaufsliste ab und packte dies und das in die Jutetasche, die er mitgebracht hatte. Nur raus hier, lautete die Devise.
Die beiden schwiegen, nur der Wind pfiff gefährlich laut um den Greißlerladen.
„Ich geh dann mal“, sagte Marcel und zog die schwere Holztür auf. Ein heftiger Windstoß ließ einen Schwall Schneeflocken bei der Tür herein tanzen. Jana drehte sich zu ihm um und antwortete: „Das geht nicht. Erstens hast du noch nicht gezahlt und zweitens wirst du in diesem Schneesturm nicht weit kommen.“

Als Marcel die Tür aufgemacht hatte und Jana das Pfeifen des Windes in seiner vollen Lautstärke hören konnte, wusste sie, dass es schon zu spät war, um nach Hause zu gehen. Ein fachmännischer Blick auf die tanzenden Flocken und den grauen Winterhimmel sagte ihr, dass sie mindestens eine, wenn nicht zwei Nächte im Greißlerladen verbringen würden müssen, bevor der Schneesturm abflaute.
Das würde sie ihm aber nicht sagen. Er hatte nicht den typischen Akzent ihres Landes, er schien aus der Stadt zu kommen und die Städter tickten für gewöhnlich aus, wenn man ihnen sagte, dass sie eingeschneit werden würden.
„Ich muss aber nach Hause“, sagte er mit betretener Miene, „meine Mutter wartet auf mich. Wenn ich nicht pünktlich zurückkomme, stirbt sie vor Sorge.“
„Tut sie nicht. Wenn sie schon länger hier lebt, kennt sie das Land und seine Tücken. Wenn du jetzt rausgehst, wirst du unterwegs eingeschneit und erfrierst. Ich glaube, dass deine Mutter das schlimmer finden würde“, gab sie nüchtern zurück.
Trotz ihrer Warnung blieb er bei der Tür stehen und streckte die Hand erneut nach der Klinke aus.

Marcel riss die Tür ein zweites Mal auf und starrte verdrossen in den Flockenschwall. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Dieser verdammte Schnee. Das Mädchen hatte wohl Recht, er konnte im dichten Schneegestöber nicht einmal sein Auto sehen, obwohl es nur fünf Meter entfernt geparkt war. Er würde wohl hier bleiben müssen, bei dem abweisenden Mädchen.
Jana bearbeitete inzwischen den Holzofen. Ein paar glühende Holzscheite lagen noch darin, die nicht verlöschen durften. Sie fachte die Glut wieder an und legte noch ein wenig Holz obenauf. Sie goss Wasser aus dem Kanister in den Kessel und hängte ihn über das Feuer, so wie Fredrik das immer machte.

Marcel hatte sich auf die alte Holzbank in der Ecke gesetzt und sah gedankenverloren aus dem Fenster, als Jana sich mit zwei Tassen Tee zu ihm setzte. Der Groll von vorhin war vergessen, als sie ihn so verzweifelt dasitzen sah.
„Was mache ich eigentlich hier?“, fragte er Jana, ohne eine Antwort zu erwarten. „Ich hasse dieses Land, ich hasse den Winter und das Einzige, das ich gut kann, funktioniert hier nicht.“ Als er die Worte aussprach, war er sich selbst nicht sicher, ob er damit seine Arbeit als Computertechniker meinte, oder das Bezaubern von jungen Damen. Er seufzte und schlürfte ein wenig von dem heißen Tee.
„Aber geh“, sagte sie, „so schlimm ist es doch hier gar nicht. Aber wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh doch zurück in die Stadt. Du kommst ja offensichtlich nicht von hier“, sagte sie und machte dabei seinen Akzent nach.
Er lächelte ein wenig. Er wusste nicht, was in ihn gefahren war, aber plötzlich erzählte er einer Wildfremden seine Lebensgeschichte. Dass er seinen Vater stolz machen hatte wollen und dass dieser nun gestorben war, bevor er selbst ein erfolgreicher Computertechniker geworden war. Dass er sich hier nicht mehr zuhause fühlte und dass er den Bezug zu seiner Mutter verloren hatte und sie nicht trösten konnte. Und dass er anscheinend nicht in der Lage war, länger andauernde Beziehungen zu führen.

Jana hörte aufmerksam zu, ohne ihn zu unterbrechen. Als er fertig war, sagte sie sanft: „Du hast Recht, du gehörst nicht hier her. Und für deine Mutter wäre es auch besser, Abstand zu gewinnen. Warum nimmst du sie nicht mit in die Stadt? Sie war den Großteil ihres Lebens allein und hier wird sie es auch bleiben. In der Stadt kann sie einen Handarbeitskurs besuchen oder eine Literaturrunde – sie wird schnell neue Bekannte finden. Und du kannst endlich das machen, was dir gefällt.“
„So einfach ist es nicht“, warf er ein. „Sie wird das Haus nicht verkaufen wollen. Und wir haben kein Geld…“
Jana überlegte kurz. „Ihr könntet es vermieten. Das Geschäft mit den Touristen läuft gut, ich könnte euer Haus gut gebrauchen, dann könnten wir noch mehr Leute unterbringen. Und wenn ihr auf Besuch kommen wollt, dann vermieten wir euer Haus eben in dieser Zeit nicht.“
Marcel blickte auf, sah ihr fest in die Augen und sagte: „Du bist klug. Hast du Wirtschaft studiert?“
Bildung war Janas wunder Punkt. „Nein“, sagte sie, „ich habe nicht studiert.“ Sie wollte das Thema wechseln, aber Marcel ließ nicht locker.
„Das ist aber eine Verschwendung! Du bist noch jung, dir stehen alle Türen offen, du kannst in die Stadt gehen und studieren, es würde dir sicher leicht fallen.“ Irgendwie hatte das Mädchen ihm die Augen für seine eigene Zukunft geöffnet, jetzt wollte Marcel ihr helfen.
„Ich kann nicht fort von hier. Meine Eltern brauchen mich. Und ich brauche kein Wirtschaftsstudium, um mich um ein paar Touristen und ein paar Pferde zu kümmern.“ Sie blickte zu Boden. „Außerdem habe ich nicht mal die Matura.“

Und so kam es, dass sie ihm auch ihre Lebensgeschichte erzählte. Sie hatte anfangs gerne gelernt, aber die Kinder in der Schule hatten sie gemobbt, wegen der roten Haare und wegen ihrem Nordstaatenakzent und sie schimpften sie als Streberin, wenn die Lehrer ihre guten Noten lobten. Ihre Tante war keine große Hilfe gewesen, sie hatte nicht verstanden, warum sie sich das so zu Herzen nahm und meinte, sie müsste sich eben mehr durchsetzen. Jana fand aber keinen anderen Ausweg, als so wenig wie möglich aufzufallen und machte absichtlich Fehler in ihren Arbeiten, um nicht mehr gelobt zu werden. Doch die roten Haare und der Akzent blieben und damit auch die beständigen Sticheleien.
„Ich mag deine roten Haare“, sagte er und er wusste, dass das vielleicht der einzige Moment war, der sich ihm bieten würde, um sie zu küssen. Er ließ den Moment verstreichen, ohne ihn zu nutzen. Er wollte nicht, dass es sich für sie wie ein Kuss aus Mitleid anfühlte.
„In der Stadt, in der ich studiert habe, gibt es eine Fernuniversität. Du kannst dir die Unterlagen zuschicken lassen und brauchst nur zu den Prüfungen in die Stadt fahren. Und die Matura kannst du an der Dorfschule nachholen. Das wäre doch was, oder?“
Sie runzelte die Stirn. Vielleicht war das gar keine schlechte Idee. Wenn sie einen ordentlichen Abschluss hätte, könnte sie viel besser die Kosten für etwaige Renovierungen oder Erweiterungen ihres Hotels berechnen. Ihre Eltern hatten sich damals ziemlich verschätzt und jetzt mussten sie mühsam die Kredite abzahlen.
Während es draußen stürmte und schneite, schmiedeten Jana und Marcel Zukunftspläne.

Zwei Nächte verstrichen, ehe sich der Schneesturm legte. Am Mittwochmorgen wachten Jana und Marcel auf und es war draußen still. Der Wind hatte damit aufgehört, lautstark ums Haus zu pfeifen.
Sie öffneten die Tür und blinzelten einander im gleißenden Sonnenlicht, das den Schnee glitzern ließ, freundlich an. In der Zeit, die sie gemeinsam im Greißlerladen verbracht hatten, waren einige ältere und neuere Wunden geheilt und sie fühlten sich irgendwie mit sich und der Welt im Reinen.
„Soll ich dich nach Hause bringen?“, fragte Marcel Jana. Sie lachte nur, schüttelte den Kopf und deutete auf den riesigen Schneehaufen, unter dem sein Auto begraben war. „Nicht nötig“, sagte sie. „Aber gib mir Bescheid, wenn deine Mutter sich entschieden hat, ob sie uns euer Haus zur Verfügung stellen will.“
„Ja“, sagte er, „das mache ich.“
„Na gut“, fügte Marcel hinzu und hob hilflos die Schultern. Er hasste Abschiede. Er hatte immer Angst, dass die Frauen wie seine Mutter zu weinen begannen. „Dann war’s das wohl. Auf Wiedersehen, Jana.“ Er blickte ihr ein letztes Mal in die braunen Augen.
„Auf Wiedersehen, Marcel“, antwortete sie und hielt seinem Blick stand. Er konnte nicht anders, er musste sich nach vor beugen und sie küssen.
Aber Jana kam ihm zuvor und presste ihm den Zeigefinger auf die Lippen. „Nicht“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Wenn das Schicksal es will, dann werden wir uns wiedersehen. Aber jetzt wartet unser neues Leben auf uns.“
So trennten sich Janas und Marcels Wege nach dem Schneesturm wieder.
Marcel reiste gleich am nächsten Tag ab, um für sich und seine Mutter eine Wohnung in der Stadt zu suchen. Es war Marcels Mutter, die zu Jana und ihren Eltern kam, um ihnen die Hausschlüssel zu übergeben. Jana ließ sich ihre Enttäuschung nicht anmerken.

Drei Jahre später führte das Schicksal Jana und Marcel wieder zusammen. Es war der Vormittag des Heiligen Abends, an dem sie bei Fredrik im Greißlerladen zufällig aufeinandertrafen, als sie die letzten Lebensmittel fürs Weihnachtsfest besorgten. Sie hatten wegen dem Haus telefoniert, Jana wusste, dass Marcel und seine Mutter die Weihnachtsfeiertage zum ersten Mal seit dem Tod des Vaters wieder dort verbringen würden.
Sie schüttelten sich erfreut die Hände und blickten sich so tief in die Augen, dass Jana von ihrer Begleitung zwinkernd in den Arm gekniffen wurde. „Das ist Pedro“, stellte sie ihn entschuldigend vor. „Er ist letztes Jahr auf Besuch gekommen und dann hiergeblieben“, sagte sie und fuhr ihm liebevoll durch die Haare.
„Ich möchte dir auch jemanden vorstellen“, sagte Marcel lächelnd und trat mit ihr vor die Tür. Da stand eine blonde Frau mit einem ebenso blonden kleinen Mädchen auf dem Arm, das mit seinen rosa behandschuhten Fingerchen fasziniert nach einem Eiszapfen griff, der von der Regenrinne herunterwuchs. „Jana, das sind meine Frau Elizabeth und meine Tochter Anja.“

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