Ein Prinz rettet Weihnachten (2014)

29. Dezember 2014 at 18:07 (Ein Prinz rettet Weihnachten) (, , , , , , , , , , , , , , , )

Die volle und unzerstückelte Version der im Advent 2014 veröffentlichten 24-teiligen Adventkalender-Geschichte „Ein Prinz rettet Weihnachten“.

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Es war einmal vor langer, langer Zeit – irgendwann als es noch edle Ritter, holde Jungfrauen und furchteinflößende Drachen gab – ein Prinz. Prinz Nikolaus Rupert von Hochzuross ist nach all den Jahrzehnten, Kreuzzügen, Kriegen, Vulkanausbrüchen, Sintfluten und der Riesenschnupfenplage, von welcher im Jahr 1683 sämtliche Drachen der umliegenden Königreiche heimgesucht worden waren, und die dazu führte, dass viele Städte in Glut und Asche geniest wurden, Historikerinnen und Historikern trotzdem noch ein Begriff: Denn er war es, der im Jahr 1599 das in Vergessenheit geratene Fest Weihnachten wieder ins Königreich Melodisien zurückbrachte.

Ein besonders düsterer und trostloser Winter war im Königreich Melodisien angebrochen, die Heizholzvorräte neigten sich in den Hütten, Häusern und Burgen dem Ende zu, weil es so kalt war, dass niemand es wagte, zum Holzhacken nach draußen zu gehen, aus schierer Angst, die Axt könnte ihm oder ihr an der Hand anfrieren. Nur das Süppchen, das nach königlicher Verordnung vom Jahr 1563, als König Leopold Ludwig von Suppentopf einmal einem Bauern eine Stippvisite abstattete und dieser ihm keine wärmende Hühnerbrühe anbieten konnte, da seine Frau mit einer Grippe darniederlag, zu jeder Tages- und Nachtzeit in jedem Heim auf jedem Herd zu köcheln hatte, tröstete die Bewohner des Königreichs ein wenig.

Prinz Nikolaus Rupert von Hochzuross war klar, dass er als Thronfolger eingreifen und seine Führungsqualitäten beweisen musste – der strenge Winter würde seiner Hoheit zu gehorchen haben und milder werden müssen. Schließlich hatte er im königlichen Geschichtsunterricht aufgepasst und wusste über die verheerenden Folgen des kältebedingten Stubenhockertums der Bürger Bescheid. So hatten die Einwohner von Melodisien im Jahr 1473, unter König Richard Alfred von Leichtsinn, während der winterlichen Eisstürme, die zwölf Wochen lang anhielten, sämtliche Vorräte verbraucht, alle Bücher und Gemälde verheizt und waren im Frühjahr so schrecklich abgemagert, dass sie die Felder nicht mehr bewirtschaften konnten. Stattdessen schleppten sie sich mit letzter Kraft in die Tiefe des Waldes und fraßen das Lebkuchenhaus der im Süden urlaubenden Hexe kurz und klein.

Die Hexe war natürlich alles andere als erfreut, als sie braungebrannt aus dem Süden zurückkehrte und zuhause den spitzen Strohhut gegen den schwarzen Hexenhut tauschen wollte und dabei entdecken musste, dass die zuckersüßen Mauern ihres Heims nicht mehr aufzufinden waren. Herd, Käfig, Feuerstelle – alles da. Nur eben die schützenden Mauern aus Teig, Zuckerguss und Mandeln nicht. Kein einziges Lebkuchenbröselchen war weit und breit zu sehen, nur ein paar Fußstapfen. Wütend entschloss sich die Hexe, sich zu rächen und – wie könnte es anders sein – Melodisien und seine Einwohner mit einem Fluch zu belegen.

Hexe Trixibella Totenkopf hatte insgeheim schon lange darauf gewartet und gehofft, endlich diesen einen Fluch ausprobieren zu können. Der Fluch war in keinem Buch mit Zaubersprüchen zu finden, denn Trixibella hatte ihn selbst während der vielen kalten Winternächte in den Vorjahren, die sie nicht im Süden verbracht hatte, ersonnen. Doch wie das Hexen-Einmaleins besagt, darf ein Fluch nicht grundlos angewendet werden: „Aber Hexen, aufgepasst, dies ist Regel Nummer acht: Willst du ein ganzes Volk verfluchen, musst du erst nach guten Gründen suchen. Ohne Fehler von Menschenhand wird niemand zu Unglückseligkeit verbannt!“

Und da sich die Einwohner von Melodisien nun endlich einen Fehltritt der Hexe gegenüber erlaubt hatten, murmelte sie die unheilbringenden Worte, während sie ein paar Tannennadeln und verzauberte Schneeflocken, die sie stets in einer Dose auf dem Kaminsims bereitstehen hatte, ins auflodernde Feuer streute. Die schwarze Katze schnurrte verschwörerisch auf ihrer Schulter. Und so geschah es in jener Frühlingsnacht, dass sämtliche Bewohner von Melodisien, die sich am Lebkuchenhaus der Hexe gütlich getan hatten, jegliche Erinnerung an das einzige Fest, das den kalten, melodisischen Winter erhellte und die Herzen wärmte, auf einen Schlag verloren. Von nun an würde niemand mehr daran denken, Weihnachten zu feiern.

Wie jeder Fluch hatte aber auch derjenige, der Weihnachten in Melodisien in Vergessenheit geraten ließ, einen Haken: Die Hexe konnte ihn nur auf jene Einwohner anwenden, die auch tatsächlich vom Lebkuchenhaus genascht hatten. König Richard Alfred von Leichtsinn und seine Familie hatten dem heimlichen Schmausen im Wald nicht beigewohnt, da die Vorräte des Königshauses nie endeten, seit sich das „Tischlein deck dich“ in seinem Besitz befand. Und da der Regent nichts von der spontan eingesetzten Vergesslichkeit der Bürger wusste – ebensowenig übrigens wie das königliche Geschichtsbuch, aus dem Prinz Nikolaus Rupert von Hochzuross sein Wissen schöpfte, welches lediglich die Wut der Hexe schilderte und nicht den Fluch, den der leichtsinnige König aus Scham und Unwissenheit den zukünftigen Generationen unterschlagen hatte – lud er auch im Jahr 1474 zum großen Weihnachtsfest am Hof.

Oh, aber was war das für ein Spektakel, als die Einladungen zum Fest in die von Hunger heimgesuchten Häuser flatterten! Die Bewohner Melodisiens rafften sich am 24. Dezember trotz schwindender Kräfte auf und von Zorn getrieben schnappten sie ihre Fackeln und zogen in einer langen Prozession zum Schloss, dessen Pforten bereits für die Besucher offenstanden. Ein grässliches Wehgeschrei hallte von den Schlossmauern wider, als die Bürger den wunderbar geschmückten und erleuchteten Christbaum sahen, dessen Funktion sie nicht verstanden. Mit ihren Fackeln stürmten sie auf die herrliche Tanne los, um den widerlichen Prunk und Protz zu verbrennen, der Knabenchor konnte gerade noch rechtzeitig zur Seite springen, ehe der flammenbesetzte Baum sich sachte gegen die hölzerne Krippe lehnte, bevor er müde und gleißend in einem Feuerberg in sich zusammensackte. Die Wachen trieben die aufmüpfigen Melodisier nach draußen und so sahen sie nie das im großen Saal auf sie wartende Weihnachtsessen.

Prinz Nikolaus Rupert von Hochzuross wusste also, dass es keine gute Idee war, die Bewohner Melodisiens Hunger und Kälte zu überlassen und dass die mittlerweile fünfhundertzwei Lenze zählende Hexe sich nicht über gefräßige Besucher freute und wohl kaum gewillt war, dem Prinzen dabei behilflich zu sein, den Winter für Normalsterbliche erträglicher zu machen.
Trolle waren hinterlistig und man konnte ihnen nicht trauen, Feen flohen selbst vor der Kälte in wärmere Gefilde, damit ihre zarten Flügelchen nicht zu Eis erstarrten… Die einzigen winterfesten magischen Kreaturen, die im Königreich dann noch übrig blieben, waren Drachen. Also machte sich Prinz Nikolaus Rupert auf seinem besten, fettesten, zotteligsten Hengst auf zur Höhle des Drachen Kasimir.

Nach tagelanger beschwerlicher Reise durch das melodisische Gebirge erreichte der Prinz endlich die Behausung des Drachen Kasimir. „Kasimir, ich bin es, Prinz Nikolaus Rupert!“, brüllte der Thronfolger dem Ungetüm entgegen und seine Stimme schallte als Echo tausendfach zu ihm zurück. „Tritt ein“, hörte er Kasimir alsbald als Antwort schnauben.
Die beiden begrüßten einander freundlich – seit der Prinz einmal den Drachen für eine Prinzessin schwer verletzt hatte, sich dann aber gegen die holde Maid entschieden hatte und stattdessen zurückgekehrt war, um die Wunden des Drachen zu pflegen, verband Prinz Nikolaus Rupert und Kasimir eine tiefe Freundschaft. „Wie kann ich dir heute helfen?“, fragte Kasimir seinen Freund, während er schmunzelnd seinen Schweif mit der fehlenden Spitze anmutig wie eine Katze um seinen liegenden Körper schlang.

„Kasimir, die Kälte setzt den Bewohnern Melodisiens schwer zu – sie verlassen ihre Häuser nicht mehr und bald werden sie ihre Vorräte verbraucht haben. Ich mache mir Sorgen, dass sie den Winter nicht überstehen, ohne einen kleinen Lichtblick“, seufzte der Prinz. „Und was, wenn sie wieder auf die dumme Idee kommen, sich am Lebkuchenhaus der Hexe zu vergreifen?“
„Ja, das war schon schlimm damals. Und dann auch noch dieser Fluch – der hätte fast dazu geführt, dass der Königshof abgebrannt wäre…“, fügte Kasimir an. „Warte mal, was für ein Fluch? Und was für ein Brand? Davon steht in meinem Geschichtsbuch nichts!“, stutzte der Prinz. „Ach, ich weiß auch nicht genau, es ging da um irgend so ein religiöses Fest und das haben die Bürger plötzlich nicht mehr verstanden und einen Baum abgebrannt… Aber ich war da selbst gerade erst frisch geschlüpft, so genau kann ich mich nicht mehr erinnern…“, erklärte Kasimir.

Da die beiden merkten, dass sie sobald keine Lösung finden würden, entzündete Kasimir mit einem kleinen Räuspern ein Feuer vor der Höhle und Prinz Nikolaus Rupert und sein zotteliger Hengst wärmten ihre kalten Körper daran. Der Thronfolger zauberte noch ein Fässchen Rebensaft aus seiner Satteltasche und schenkte sich einen großzügigen Becher aus, bevor er das restliche Gesöff seinem Freund, dem Drachen, überließ.
Sie lachten und scherzten, einer ein wenig angeheiterter als der andere, bis Kasimir plötzlich die Augen zusammenkniff. Der Prinz wollte schon fast zur Seite springen, da er dachte, ein feuriger Nieser würde gleich aus den Nasenlöchern des Ungetüms schießen. Jedoch war es nur pure Konzentration auf etwas, das sich am flimmernden Firmament abspielte. „Da, siehst du das auch? Eine Sternschnuppe“, flüsterte der Drache schließlich ehrfürchtig. „Meine Ma hat mir irgendetwas über Sternschnuppen erzählt, aber ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ich war ja gerade erst frisch geschlüpft…“

„Oh, sieh mal, da ist noch eine zweite Sternschnuppe!“, begeisterte sich Kasimir immer mehr für den Nachthimmel. „Schau mal, wie groß und hell die ist! … Es sieht ganz so aus, als würde sie in unserer Nähe niedergehen!“, vor Aufregung hickste Kasimir dem Kometen einen kleinen Feuerball entgegen. Er fuhr sich mit der Pratze über die glühende Schnauze und wandte sich zum Prinzen um, der schweigend der Euphorie des Drachens gelauscht hatte.
„Hmm, ich glaube, du hast Recht. Schau mal, in dem Tal dort unten, gleich hinter der Grenze zu unserem Königreich, sieht man noch ein paar Funken glühen…“, stimmte Prinz Nikolaus Rupert seinem Freund zu, während er sich den Hals verrenkte, um an dem Koloss vorbeisehen zu können. Er runzelte die Stirn, bevor er die nächsten Worte zögerlich äußerte: „Du, Kasimir, ich glaube unser Komet da unten entfacht gerade einen kleinen Brand… Sollten wir mal die Lage erkunden?“

„Klar, ich habe meine Flügel schon viel zu lang nicht mehr abgestaubt – spring auf!“, rief Kasimir dem Prinzen, beglückt über das bevorstehende Abenteuer, zu. Und alsbald saß Prinz Nikolaus Rupert von Hochzuross hoch auf dem schuppigen Rücken des Drachens. Ehe er seinem Gaul noch ein paar beruhigende Worte zuflüstern konnte, spreizte Kasimir schon die Flügel und begab sich im Sturzflug in Richtung Tal.
Rund um den glühend heißen Kometen hatten sich bereits zwei Schaulustige mitsamt ihren Nutztieren gesammelt, welche beobachteten, wie der brennende Himmelskörper die Erde versengte. „Kasimir, hol du Löschwasser – ich kümmere mich um die Bürger“, beauftragte der Prinz den Drachen in strengem Tonfall, ehe er zu den schockiert aussehenden Menschen eilte und rief: „Ist jemand verletzt?“

Eine zierliche, hochschwangere Frau trat dem Prinzen entgegen und sagte mit zitternder Stimme: „Wir konnten uns alle gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen, als wir das helle Licht am Himmel erblickten“, flüsterte sie so leise, dass der Prinz sein Ohr ganz nah zu ihrem Mund neigen musste. „Aber der Komet ist genau auf dem Stall gelandet, in dem wir heute übernachten wollten“, schluchzte sie auf und deutete auf einen vor sich hin kokelnden Bretterhaufen direkt neben dem Kometen.
„Ich werde Euch höchstpersönlich zu einem Schlafplatz verhelfen“, versicherte Prinz Nikolaus Rupert. „Aber verratet Ihr mir zuerst noch Euren Namen, holde Maid?“
Der Mann, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, trat nun vor und legte eine Hand schützend auf die Schulter seiner Gefährtin. Er sah sie warnend an. „Maria“, hauchte sie.
„Gegrüßet seist du, Maria!“, erwiderte der Prinz, der beschlossen hatte, den Begleiter der jungen Dame zu ignorieren, und deutete eine Verbeugung an.

Kasimir prustete die erste Ladung Wasser, die er in seinem gigantischen Maul vom nächstgelegenen See herübertransportiert hatte, auf den Kometen. Eine riesige Dampfwolke stieg auf, von der sich der tatendurstige Drache aber nicht beirren ließ, sondern gleich ein zweites Mal in Richtung See losstartete.
„Wenn Ihr nichts dagegen habt, dass wir einen Drachen als Transportmittel benützen, können wir Euch gerne zu einer sicheren Unterkunft bringen“, sprach der Prinz ermutigend auf Maria ein. Aber ihr Begleiter wollte nichts davon wissen: „Das Angebot müssen wir dankend ablehnen. Wir werden unser getreues Vieh nicht zurücklassen, sondern in der Nähe auf Herbergssuche gehen. Wie Ihr seht, ist Maria hochschwanger.“ Maria sah ihren Gefährten kurz entgeistert an und griff sich dabei instinktiv an den runden Bauch. Plötzlich durchzuckte sie ein krampfartiger Schmerz, der sich auch auf ihrem bleicher werdenden Gesicht widerspiegelte. „Ich glaube, es beginnt“, presste sie durch zusammengebissene Zähne hervor.

Jetzt musste es schnell gehen – Marias Begleiter half ihr auf den Esel und trieb die Schafe und den Ochsen zusammen, derweil Prinz Nikolaus Rupert seinen Freund Kasimir dazu animierte, die Löschaktion bleiben zu lassen und sich stattdessen mit ihm in die Lüfte zu schwingen. „Wir werden die Umgebung erkunden und euch zur nächstgelegenen Unterkunft führen, aus deren Kamin Rauch aufsteigt“, versicherte der Prinz dem Paar, bevor Kasimir und er losflogen. Kurz darauf sahen sie aus luftiger Höhe auch schon die erste Rauchfahne zwischen den Tannenwipfeln aufsteigen. Das Häuschen befand sich bereits auf melodisischem Hoheitsgebiet, aber es war das nächste in diesem verlassenen Tal. Alsbald konnte sich der Thronfolger wieder zu Boden begeben und seinen neuen Schützlingen helfen, auf dem Fußweg zur Unterkunft zu gelangen. Doch den Prinz durchfuhr ein Schauer, als das von oben so unscheinbar wirkende Haus in Sichtweite kam – denn es bestand ganz und gar aus fein duftenden Lebkuchen.

„Fürchtet Euch nicht!“, rief Prinz Nikolaus Rupert der schwer atmenden Maria und ihrem Begleiter über die Schulter zu, während er sachte mit dem Türklopfer aus Zuckerguss an den mittig platzierten Lebkuchen mit der rot-weiß-gestreiften Lakritzeklinke klopfte.
Die Hexe, die aufgrund der herrschenden Besenkrise in diesem Jahr nicht auf Urlaub fliegen hatte können, da sie kein wetterfestes Reisig zum Flicken der kaputten Stellen bekommen hatte, öffnete die Tür einen Spalt breit. „Wer klopfet an?“, fragte sie und blickte misstrauisch in die Runde der erwartungsvoll glänzenden Gesichter und der blökenden Schafe.
„Prinz Nikolaus Rupert von Hochzuross, Thronfolger des Königreichs Melodisien“, stellte sich der Prinz vor und verbeugte sich tief. „Maria“, versuchte die Gebärende ihre Stimme sicher und stark klingen zu lassen. „Josef“, brummte ihr Begleiter und nickte der Hexe zu.

„Mir kam zu Ohren, dass Ihr in der Vergangenheit nicht die besten Erfahrungen mit Melodisiern gemacht habt – trotzdem würde ich Euch bitten, diesen zwei armen Leuten aus dem Nachbarreich eine Herberge für die Nacht zu geben. Ihre Hütte wurde von einem Kometen getroffen und die holde Maria ist hochschwanger…“, seine Stimme wurde immer leiser, während die Hexe ihn gelangweilt beobachtete. „Und was springt für mich dabei heraus, außer einer Riesensauerei, wenn die da ihre Brut nicht bei sich behalten kann?“, fragte die Hexe und deutete mit ihrem Zeigefinger, der eher einem knorrigen Zweig als einem menschlichen Körperteil ähnelte, auf Maria. „Was hättet Ihr denn gerne?“, fragte der Prinz und sah sie angsterfüllt an. „Gold, Diamanten, ein Schloss?“ Die Hexe übermannte ein kehliges Lachen, der spitze Hut verrutschte, während sie nach Luft schnappte und versuchte, sich wieder zu beruhigen. „Den Firlefanz kannst du dir sparen – ich will den Jungen!“, rief sie kichernd.

Maria erstarrte. Nur für einen Moment, dann schrie sie auf und sackte zu Boden, während sie sich verzweifelt über ihren kugelrunden Bauch beugte. Als die Wehe nachließ, blickte sie besorgt von Josef zum Prinzen zur Hexe. Die Männer hatten sich neben sie gekniet, die Hexe rieb sich die gierigen Hände. Ein weiteres Mal fuhr Maria schmerzerfüllt zusammen und stöhnte, ehe der Prinz wieder das Wort an die Hexe richtete: „Wir unterhalten uns später über Eure Entlohnung. Jetzt brauchen wir Unterschlupf für die gebärende Maria. Mit Euren fünfhundertzwei Jahren wisst Ihr sicher Einiges über Geburten, also packt mit an!“ „Zu Befehl, Euer Ehren“, kicherte die Hexe, „ich heize schon den Ofen für das Festmahl, ääähhhh, das Badewasser für das Neugeborene vor…“ Sie half Maria auf und gemeinsam mit Josef manövrierten sie die werdende Mutter vorsichtig ins Lebkuchenhaus. Der Prinz wollte gerade mit Kasimir, der sich stumm und schützend um die Hütte gelegt hatte, die weitere Vorgehensweise besprechen, als er drei seltsame Gestalten am Rand der Lichtung erblickte.

„Was ist Euer Begehr?“, polterte Prinz Nikolaus Rupert ungeduldig in Richtung der drei Störenfriede. „Wir sind gekommen, um dem Heiland unsere Gaben zu überreichen!“, rief die mittlere Gestalt mit fremdländischem Akzent, während sie in den Lichtkegel trat, den das flackernde Feuer im Hexenhaus zu erleuchten vermochte. Ein zweiter Mann mit gar seltsamem Kopfschmuck trat ins Licht und fügte hinzu: „Ein heller Stern hat uns hierher geführt.“ Nun gab sich auch der Letzte zu erkennen und sagte: „Wir sind Caspar…“, der zweite Mann fuhr fort: „Melchior…“, der Dritte endete: „…und Balthasar.“
„Prinz Nikolaus Rupert von Hochzuross, Thronfolger des Königreichs Melodisien“, deutete der Prinz eine Verbeugung an. „Ich schätze Eure Mühe sehr, aber wegen mir hättet Ihr den weiten Weg nicht zurücklegen müssen. Ich will dem Volk in dieser düsteren, kalten Zeit Heil bringen – aber Heiland will ich mich deshalb noch lange nicht schimpfen… Was habt Ihr mir den mitgebracht?“, fragte der Prinz und Begeisterung schwang in seiner Stimme mit.

„Aber nein, Herr Prinz, der Knabe ist der Heiland, dem wir unsere Gaben bringen!“, rief Melchior belustigt. Just in diesem Moment vernahmen die Herren einen gellenden Kinderschrei aus dem Lebkuchenhaus schallen. Die Männer stürmten hinein und Kasimir drückte sein riesiges Auge gegen das Fenster, um auch einen Blick auf den Trubel zu erhaschen. Die Hexe hielt das noch durch die Nabelschnur mit Maria verbundene Kind hoch, sie streckte es Maria und Josef mit blutigen Händen entgegen: „Es ist ein Mädchen!“ Sie rümpfte die Nase: „Das könnt ihr behalten. Mein Lebtag lang habe ich immer nur knackfrische, wohlgenährte Büblein verspeist, da werde ich jetzt auf meine alten Tage nicht auf zähe, magere Mädchen umsteigen.“ Maria schluchzte vor Freude auf, als sie ihr Kind in die Arme schließen konnte. Josef aber schaute finster in die Runde und fragte die am Feldbett ruhende Maria: „Ich dachte, du wärst dir sicher gewesen, dass es ein Junge wird?“

Die drei neu hinzugestoßenen Männer senkten die Blicke betreten. Balthasar warf schließlich seine Papierkrone zu Boden und schmollte: „Was sollen wir jetzt bloß im Dorf sagen? Letztes Jahr wurde das Kind zu früh geboren, das Jahr zuvor haben sich die Heiligen Drei Könige verirrt und wir sind erst am 25. angekommen – dieses Jahr wollten wir doch alles richtig machen! Und jetzt ist es ein Mädchen…“ Er schüttelte den Kopf traurig und kickte die zerknitterte Krone mit dem Fuß in die nächstgelegene Ecke.
„Ich verstehe nicht ganz…“, begann der Prinz zögernd. Doch bevor er fortfahren konnte, unterbrach ihn die Hexe: „Ach, der Melodisier weiß mal wieder von nichts. Das hätte ein Krippenspiel werden sollen, um die Geburt Jesu zu feiern. Aber da hat der Heilige Geist wohl einen Fehler begangen“, kicherte sie und zeigte auf das neugeborene Mädchen, das an der Brust seiner Mutter saugte.

Und so erzählten Krippenspieler und Hexe dem Prinzen die Weihnachtsgeschichte und wie sie im Nachbarreich jedes Jahr eine schwangere Frau auswählten, die ihr Kind in einem Stall gebar und dann am 24. Dezember mit Josef, den Heiligen Drei Königen, den Tieren und dem neugeborenen Buben ins jubelnde Dorf einzog. Sie erzählten ihm von geschmückten Tannen und gebratenen Gänsen, von einem Lichterfest mitten im tiefsten Winter. Von strahlenden Kinderaugen und Glockenläuten, von schnaubenden Pferden und Schlitten. Von knisterndem Stroh und brennenden Kerzen und vom Duft frisch gebackener Kekse. Als sie geendet hatten und die Hexe sah, wie die Augen des Prinzen so zu glänzen begannen, wie es nur unschuldige Kinderaugen tun, hatte sie Erbarmen und sagte: „Nun gut, ich hebe den Fluch auf, den ich damals ausgesprochen habe – geh du, Königssohn, und bring deinem Volk das Weihnachtsfest zurück!“

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Weihnachtsmärchen (2013)

29. Dezember 2014 at 17:57 (Weihnachtsmärchen) (, , , , , , , , )

Spät, aber doch: Die Vollversion des im Advent 2013 veröffentlichten 24-teiligen Weihnachtsmärchens.

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Igor hasste die Vorweihnachtszeit seit er sich zurückerinnern konnte. Mit seinen sechs Jahren konnte er sich noch nicht besonders weit zurückerinnern. Die letzten zwei Jahre waren halbwegs klar in seinem Gedächtnis, das Jahr davor wurde zunehmend schemenhafter, bis nur noch einige Erinnerungsfetzen von seiner frühesten Kindheit vor seinem inneren Auge auftauchten. Er hasste es, wenn die Nächte länger wurden, er hasste es, Kindern mit strahlenden Augen auf den Weihnachtsmärkten zu begegnen und er hasste es, Eltern beim Geschenkekauf zu beobachten.

Trotzdem konnte Igor seine Blicke nicht abwenden, wenn er mit den anderen Kindern und Betreuerinnen draußen war. Sie durften zusehen, wie andere Altersgenossen ihren Spaß hatten, mit kleinen Geschenken und süßen Leckereien überhäuft wurden, aber dass sie selbst etwas bekamen, war ausgeschlossen. Das Kinderheim konnte es sich gerade einmal leisten, zu Weihnachten einen winzigen Christbaum – einen jener schief gewachsenen mit dünnen Zweigen und wenigen Nadeln, für die die Verkäufer fast kein Geld verlangen konnten – aufzustellen und jedem Kind eine kleine Tafel Schokolade zu schenken.

Letztes Jahr hatte Igors Schokolade bis in den Februar hinein gehalten. Jeden Tag hatte er seine Zunge an die Tafel gehalten und bis fünf gezählt. Dann hatte er die Schokolade wieder eingepackt und die Prozedur am nächsten Tag wiederholt, und am nächsten, und am nächsten. Bis die Schokolade im Februar dann weg war.

Igor hatte ein schlechtes Jahr gehabt. Im März hatte ihn ein junges Paar zu sich geholt. Seine traurigen Augen und seine stets gerunzelte Stirn, die sein nachdenkliches Gemüt widerspiegelte, fand das Pärchen einfach nur entzückend. Seine neuen Eltern verhätschelten ihn, er bekam ein eigenes Zimmer, eigene Spielsachen und wurde im Kindergarten angemeldet. Endlich sollte der arme Junge ein normales Leben haben und glücklich sein.

Igor war nicht glücklich. Und Igor machte seine Eltern nicht glücklich, was in diesem Fall schlimmer war als sein eigenes Unglück. Denn wer es nicht schaffte, ein kleiner Sonnenschein zu sein und die neuen Eltern von sich zu überzeugen, landete bald wieder im Heim. Es war ein knochenharter Job, ein gutes Pflegekind zu sein. Man durfte sich keine Seltsamkeiten erlauben, man durfte seinen „Rettern“ gegenüber nicht undankbar sein, man musste ihnen zeigen, wie sehr man sie dafür liebte, dass sie einen vom Heimleben erlöst hatten.

„Er lacht nie. Ich habe ihn noch kein einziges Mal lachen gehört. Er schmunzelt nicht mal“, hörte er seine neue Mutter eines Nachts vor seiner Tür seufzen. „Immer wenn ich ihn ansehe, ist sein Blick leer… Das erinnert mich noch mehr daran, dass wir keine eigenen Kinder haben können.“ „Ich weiß, Schatz“, murmelte sein bald-nicht-mehr-Vater, „er ist ein eigenartiges Kind. Er braucht eine Familie, die schon mehr Erfahrung hat, die weiß, wie man mit solchen schwierigen Kindern umgeht…“ Igor konnte in jener Nacht nicht schlafen.

Am nächsten Morgen, es war ein Tag im frühen April, weinte die Frau, als sie sich vor dem Kindergarten von ihm verabschiedete. Sie drückte ihm eine kleine Tasche mit seinen Habseligkeiten und ein paar der neuen Spielsachen in die Hand und schluchzte: „Igor, es tut mir so leid… Aber wir können dich nicht bei uns behalten… Deine Betreuerin wird dich heute nach dem Kindergarten abholen.“

Igor weinte nicht. Igor weinte nie. Er hatte es sich abgewöhnt, weil es keinen Sinn hatte, zu weinen. Er bekam nie das, was er wollte – egal ob er deswegen einen Aufstand machte, oder nicht. Und zu weinen kostete Kraft. Er nickte nur, drehte sich um und verbrachte seinen letzten Tag in dem Kindergarten im besten Bezirk der Stadt, in dem nur wohlhabende Unternehmer, zu Reichtum gekommene Künstler und überbezahlte Politiker wohnten.

Die Betreuerin streichelte Igor über den Kopf, als sie ihn abholte. Sie sagte ein paar mitleidige Worte, redete über zu junge Paare, die noch keine Verantwortung übernehmen konnten. Sie fragte Igor nicht, was passiert war. Sie hatte in den letzten Jahren Igors Gemüt schon zu gut durchschaut, als dass sie sich noch wunderte, wenn wieder ein Vermittlungsversuch nicht gelang.

Es folgten lange Monate, in denen Igor das Kommen und Gehen von sieben anderen Kindern miterlebte. Katrina stellte den diesjährigen Rekord auf: Sie war nur zwei Tage im Heim gewesen, bevor sie neue Eltern fand. Auch Igors neuer bester Freund, Boris, blieb ihm nur einen Monat lang erhalten. Der Juli, den er mit Boris teilte, war der schönste Monat in seinem bisherigen Leben.

Und Boris war der erste Mensch, dem er erzählte, was mit seinen Eltern passiert war. Zwischen dem Mittagessen (Konservendosengulasch) und dem Fußballspielen (Konservendosenfußball) streckten sich die beiden Jungen gerne auf dem kleinen Fleckchen Gras aus, das nicht von hohen Häusern oder Bäumen überschattet war und redeten. Boris hatte damit angefangen. Eines Tages erzählte er dem stillen Igor aus heiterem Himmel ein Geheimnis.

Igor hatte bis dahin kein einziges Wort mit Boris gewechselt. Igor redete so wenig wie möglich, denn er mochte seine leise, heisere Stimme nicht. Und auch nicht die lauten Stimmen der anderen Kinder, die unaufhörlich mit neuen Worten um sich warfen. Doch er konnte nicht widerstehen nachzufragen, als Boris ihm erzählte, dass er der Urgroßenkel eines russischen Prinzen war.

Tagelang verbrachte Igor damit, jedes kleinste Detail aus Boris herauszukitzeln, das er über seinen Urgroßvater wusste. Doch irgendwann wollte Boris eine Gegenleistung dafür, dass Igor ihm Löcher in den Bauch fragte. Er wollte auch ein Geheimnis hören. Und da Igor nichts Besseres einfiel, erzählte er Boris das Wenige, das er über seine Eltern wusste – wie sie gestorben waren.

Igor selbst war erst drei Jahre alt gewesen, darum war seine Erinnerung nur sehr schemenhaft. Er konnte sich an den hellen Lichtblitz erinnern, das Schreien seiner Mutter, den verzweifelten Versuch seines Vaters, ihr zu helfen. Und dann wurde seine Erinnerung von Nebel verschlungen, von denselben nebeligen Rauchschwaden, die ihn fast selbst das Leben gekostet hätten, wenn nicht der Nachbar rechtzeitig die Feuerwehr gerufen hätte.

Drei Wochen nach Igors Geständnis war Boris fort. Igor hatte versucht, Boris‘ Verhalten zu analysieren, als das ältere Pärchen im Heim auftauchte. Aber er konnte es nicht verstehen. Boris und er, sie waren doch beste Freunde – warum würde er dann das Kinderheim verlassen wollen? Nein, es machte einfach keinen Sinn, dass Boris sanft wie ein Lämmchen und so aufmerksam wie der übereifrigste Diener geworden war, als das Paar das Heim betrat.

Höflich schüttelte er beiden die Hände, ließ sich vom Herren den Hut reichen und von der Dame den Schal und legte beides ordentlich auf den Sessel im Flur. Natürlich war er nicht der Einzige, der sich um die neuen vielleicht-bald-Eltern scharte, aber Igor, Alexander und Nadia konnten Boris nicht das Wasser reichen. Boris wusste, wie man sich verkaufen musste.

Als klar war, dass Boris neue Eltern gefunden hatte, brach für Igor eine Welt zusammen. Er hatte noch nie einen Freund gehabt – und nun wurde ihm dieser einzige Trost im grauen Alltag auch noch genommen. „Wirst du mich besuchen kommen?“, fragte er Boris, während dieser zum letzten Mal sein Bett im Schlafraum machte. „Ich verspreche es dir, so wahr ich der Urgroßenkel eines Prinzen bin!“, antwortete dieser und boxte Igor leicht in die knochige Schulter.

Der August brach an und der September zog vorüber, der Oktober brachte den ersten Schneefall und der November ließ die Fensterscheiben im Wind klirren. Nun war der Dezember bereits halb vorüber – und kein Lebenszeichen von Boris. Mit jedem Tag, an dem es nicht an der schweren Eingangstüre klopfte und ein dunkelhaariger, für sein Alter groß gewachsener, fröhlicher Junge hereinmarschierte, wurde Igor trauriger.

Nach zwei Monaten war er soweit, dass er morgens nicht mehr von selbst aufstand. Die Betreuerin musste ihn aus dem Bett heben und anziehen, zum Essen zwingen und ihm abends die Zähne putzen und ihn wieder ins Bett bringen. Wenn Leute kamen, die jemanden adoptieren wollten, zog er sich in den Schlafraum zurück und war nicht dazu zu bewegen, sich bei den Interessenten vorzustellen.

Wenn die Betreuerinnen Igor nicht schon seit drei Jahren gekannt hätten, hätten sie ihn vermutlich in eine Anstalt gebracht, in der seine Antriebslosigkeit nicht geduldet worden wäre. Doch sie wussten, dass sein zarter Charakter daran zerbrechen würde. Und so ließen sie ihm die Sonderbehandlung gerne zukommen, auch wenn sie keine Hoffnung hatten, dass er jemals wieder fröhlicher werden könnte.

Nun, da Weihnachten schon fast vor der Tür stand, war Igors Leid besonders groß. All die glücklichen Kinder draußen erinnerten ihn an Boris, der jetzt ein besseres Leben führte und seinen alten Freund und Vertrauten, Igor, darüber ganz vergessen hatte. Wie hatte er nur den großen Fehler machen können, sich überhaupt auf diese Freundschaft einzulassen? Er hätte doch wissen müssen, dass diese ihm auf lange Sicht nur Enttäuschung bringen würde.

Am Morgen des Heiligen Abends hatte Igors Hadern mit dem Schicksal ein Ende. Eine der Betreuerinnen hatte morgens ein Päckchen vor der Haustür gefunden. Ein Päckchen, auf dem in feinen Lettern „Igor“ geschrieben stand. Und darunter: „Sofort öffnen“. Igor staunte nicht schlecht, als er zum ersten Mal in seinem Leben ein richtiges Weihnachtspaket aufreißen durfte.

Im Päckchen war ein Buch mit viel Schrift, die Igor noch nicht lesen konnte, aber auch mit vielen Bildern. Sofort erkannte er, dass es ein Buch über russische Prinzen war. Und plötzlich war der Wandel vollzogen: Er hüpfte quer durchs Zimmer und jubilierte, drückte das Buch fest an seine Brust und platzte fast vor Freude. Bis es an der Tür klingelte. Igor erstarrte. Und dann rannte er zur Tür und riss sie auf.

Er rieb sich die Augen und kniff sich in die zarten Ärmchen, doch egal was er tat, Boris verschwand nicht von der Türschwelle – er war nicht eingebildet. Erst als er sich dessen versichert hatte, fiel er Boris um den Hals und konnte nicht mehr aufhören zu lachen, was dessen Eltern erfreut aus ein paar Schritten Entfernung betrachteten.
„Boris hatte recht, Igor kann wirklich fröhlich sein, wenn er nur einen Grund dazu hat“, hörte Igor Boris‘ Mutter flüstern. „Ich wollte schon immer zwei Söhne haben“, flüsterte der Vater zurück und zwinkerte dem erneut erstarrten Igor verschmitzt zu.

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Ein Prinz rettet Weihnachten: Teil 24

24. Dezember 2014 at 06:01 (Ein Prinz rettet Weihnachten) (, , , , , , )

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Und so erzählten Krippenspieler und Hexe dem Prinzen die Weihnachtsgeschichte und wie sie im Nachbarreich jedes Jahr eine schwangere Frau auswählten, die ihr Kind in einem Stall gebar und dann am 24. Dezember mit Josef, den Heiligen Drei Königen, den Tieren und dem neugeborenen Buben ins jubelnde Dorf einzog. Sie erzählten ihm von geschmückten Tannen und gebratenen Gänsen, von einem Lichterfest mitten im tiefsten Winter. Von strahlenden Kinderaugen und Glockenläuten, von schnaubenden Pferden und Schlitten. Von knisterndem Stroh und brennenden Kerzen und vom Duft frisch gebackener Kekse. Als sie geendet hatten und die Hexe sah, wie die Augen des Prinzen so zu glänzen begannen, wie es nur unschuldige Kinderaugen tun, hatte sie Erbarmen und sagte: „Nun gut, ich hebe den Fluch auf, den ich damals ausgesprochen habe – geh du, Königssohn, und bring deinem Volk das Weihnachtsfest zurück!“

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Ein Prinz rettet Weihnachten: Teil 23

23. Dezember 2014 at 05:43 (Ein Prinz rettet Weihnachten) (, , , , , , , , , )

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Die drei neu hinzugestoßenen Männer senkten die Blicke betreten. Balthasar warf schließlich seine Papierkrone zu Boden und schmollte: „Was sollen wir jetzt bloß im Dorf sagen? Letztes Jahr wurde das Kind zu früh geboren, das Jahr zuvor haben sich die Heiligen Drei Könige verirrt und wir sind erst am 25. angekommen – dieses Jahr wollten wir doch alles richtig machen! Und jetzt ist es ein Mädchen…“ Er schüttelte den Kopf traurig und kickte die zerknitterte Krone mit dem Fuß in die nächstgelegene Ecke.
„Ich verstehe nicht ganz…“, begann der Prinz zögernd. Doch bevor er fortfahren konnte, unterbrach ihn die Hexe: „Ach, der Melodisier weiß mal wieder von nichts. Das hätte ein Krippenspiel werden sollen, um die Geburt Jesu zu feiern. Aber da hat der Heilige Geist wohl einen Fehler begangen“, kicherte sie und zeigte auf das neugeborene Mädchen, das an der Brust seiner Mutter saugte.

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Ein Prinz rettet Weihnachten: Teil 22

22. Dezember 2014 at 05:59 (Ein Prinz rettet Weihnachten) (, , , , , , , , , , )

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„Aber nein, Herr Prinz, der Knabe ist der Heiland, dem wir unsere Gaben bringen!“, rief Melchior belustigt. Just in diesem Moment vernahmen die Herren einen gellenden Kinderschrei aus dem Lebkuchenhaus schallen. Die Männer stürmten hinein und Kasimir drückte sein riesiges Auge gegen das Fenster, um auch einen Blick auf den Trubel zu erhaschen. Die Hexe hielt das noch durch die Nabelschnur mit Maria verbundene Kind hoch, sie streckte es Maria und Josef mit blutigen Händen entgegen: „Es ist ein Mädchen!“ Sie rümpfte die Nase: „Das könnt ihr behalten. Mein Lebtag lang habe ich immer nur knackfrische, wohlgenährte Büblein verspeist, da werde ich jetzt auf meine alten Tage nicht auf zähe, magere Mädchen umsteigen.“ Maria schluchzte vor Freude auf, als sie ihr Kind in die Arme schließen konnte. Josef aber schaute finster in die Runde und fragte die am Feldbett ruhende Maria: „Ich dachte, du wärst dir sicher gewesen, dass es ein Junge wird?“

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Ein Prinz rettet Weihnachten: Teil 21

21. Dezember 2014 at 05:58 (Ein Prinz rettet Weihnachten) (, , , , , , , , )

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„Was ist Euer Begehr?“, polterte Prinz Nikolaus Rupert ungeduldig in Richtung der drei Störenfriede. „Wir sind gekommen, um dem Heiland unsere Gaben zu überreichen!“, rief die mittlere Gestalt mit fremdländischem Akzent, während sie in den Lichtkegel trat, den das flackernde Feuer im Hexenhaus zu erleuchten vermochte. Ein zweiter Mann mit gar seltsamem Kopfschmuck trat ins Licht und fügte hinzu: „Ein heller Stern hat uns hierher geführt.“ Nun gab sich auch der Letzte zu erkennen und sagte: „Wir sind Caspar…“, der zweite Mann fuhr fort: „Melchior…“, der Dritte endete: „…und Balthasar.“
„Prinz Nikolaus Rupert von Hochzuross, Thronfolger des Königreichs Melodisien“, deutete der Prinz eine Verbeugung an. „Ich schätze Eure Mühe sehr, aber wegen mir hättet Ihr den weiten Weg nicht zurücklegen müssen. Ich will dem Volk in dieser düsteren, kalten Zeit Heil bringen – aber Heiland will ich mich deshalb noch lange nicht schimpfen… Was habt Ihr mir den mitgebracht?“, fragte der Prinz und Begeisterung schwang in seiner Stimme mit.

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Ein Prinz rettet Weihnachten: Teil 20

20. Dezember 2014 at 05:48 (Ein Prinz rettet Weihnachten) (, , , , , , , , , , )

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Maria erstarrte. Nur für einen Moment, dann schrie sie auf und sackte zu Boden, während sie sich verzweifelt über ihren kugelrunden Bauch beugte. Als die Wehe nachließ, blickte sie besorgt von Josef zum Prinzen zur Hexe. Die Männer hatten sich neben sie gekniet, die Hexe rieb sich die gierigen Hände. Ein weiteres Mal fuhr Maria schmerzerfüllt zusammen und stöhnte, ehe der Prinz wieder das Wort an die Hexe richtete: „Wir unterhalten uns später über Eure Entlohnung. Jetzt brauchen wir Unterschlupf für die gebärende Maria. Mit Euren fünfhundertzwei Jahren wisst Ihr sicher Einiges über Geburten, also packt mit an!“ „Zu Befehl, Euer Ehren“, kicherte die Hexe, „ich heize schon den Ofen für das Festmahl, ääähhhh, das Badewasser für das Neugeborene vor…“ Sie half Maria auf und gemeinsam mit Josef manövrierten sie die werdende Mutter vorsichtig ins Lebkuchenhaus. Der Prinz wollte gerade mit Kasimir, der sich stumm und schützend um die Hütte gelegt hatte, die weitere Vorgehensweise besprechen, als er drei seltsame Gestalten am Rand der Lichtung erblickte.

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Ein Prinz rettet Weihnachten: Teil 19

19. Dezember 2014 at 05:44 (Ein Prinz rettet Weihnachten) (, , , , , , , , )

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„Mir kam zu Ohren, dass Ihr in der Vergangenheit nicht die besten Erfahrungen mit Melodisiern gemacht habt – trotzdem würde ich Euch bitten, diesen zwei armen Leuten aus dem Nachbarreich eine Herberge für die Nacht zu geben. Ihre Hütte wurde von einem Kometen getroffen und die holde Maria ist hochschwanger…“, seine Stimme wurde immer leiser, während die Hexe ihn gelangweilt beobachtete. „Und was springt für mich dabei heraus, außer einer Riesensauerei, wenn die da ihre Brut nicht bei sich behalten kann?“, fragte die Hexe und deutete mit ihrem Zeigefinger, der eher einem knorrigen Zweig als einem menschlichen Körperteil ähnelte, auf Maria. „Was hättet Ihr denn gerne?“, fragte der Prinz und sah sie angsterfüllt an. „Gold, Diamanten, ein Schloss?“ Die Hexe übermannte ein kehliges Lachen, der spitze Hut verrutschte, während sie nach Luft schnappte und versuchte, sich wieder zu beruhigen. „Den Firlefanz kannst du dir sparen – ich will den Jungen!“, rief sie kichernd.

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Ein Prinz rettet Weihnachten: Teil 18

18. Dezember 2014 at 05:42 (Ein Prinz rettet Weihnachten) (, , , , , , , )

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„Fürchtet Euch nicht!“, rief Prinz Nikolaus Rupert der schwer atmenden Maria und ihrem Begleiter über die Schulter zu, während er sachte mit dem Türklopfer aus Zuckerguss an den mittig platzierten Lebkuchen mit der rot-weiß-gestreiften Lakritzeklinke klopfte.
Die Hexe, die aufgrund der herrschenden Besenkrise in diesem Jahr nicht auf Urlaub fliegen hatte können, da sie kein wetterfestes Reisig zum Flicken der kaputten Stellen bekommen hatte, öffnete die Tür einen Spalt breit. „Wer klopfet an?“, fragte sie und blickte misstrauisch in die Runde der erwartungsvoll glänzenden Gesichter und der blökenden Schafe.
„Prinz Nikolaus Rupert von Hochzuross, Thronfolger des Königreichs Melodisien“, stellte sich der Prinz vor und verbeugte sich tief. „Maria“, versuchte die Gebärende ihre Stimme sicher und stark klingen zu lassen. „Josef“, brummte ihr Begleiter und nickte der Hexe zu.

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Ein Prinz rettet Weihnachten: Teil 17

17. Dezember 2014 at 06:00 (Ein Prinz rettet Weihnachten) (, , , , , , , )

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Jetzt musste es schnell gehen – Marias Begleiter half ihr auf den Esel und trieb die Schafe und den Ochsen zusammen, derweil Prinz Nikolaus Rupert seinen Freund Kasimir dazu animierte, die Löschaktion bleiben zu lassen und sich stattdessen mit ihm in die Lüfte zu schwingen. „Wir werden die Umgebung erkunden und euch zur nächstgelegenen Unterkunft führen, aus deren Kamin Rauch aufsteigt“, versicherte der Prinz dem Paar, bevor Kasimir und er losflogen. Kurz darauf sahen sie aus luftiger Höhe auch schon die erste Rauchfahne zwischen den Tannenwipfeln aufsteigen. Das Häuschen befand sich bereits auf melodisischem Hoheitsgebiet, aber es war das nächste in diesem verlassenen Tal. Alsbald konnte sich der Thronfolger wieder zu Boden begeben und seinen neuen Schützlingen helfen, auf dem Fußweg zur Unterkunft zu gelangen. Doch den Prinz durchfuhr ein Schauer, als das von oben so unscheinbar wirkende Haus in Sichtweite kam – denn es bestand ganz und gar aus fein duftenden Lebkuchen.

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