#53 Fünfzig Facetten von…

2. Februar 2013 at 16:45 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - lustig) (, , , , )

Eine satirische Kurzgeschichte, inspiriert von Fifty Shades of Grey.

Ich lag am Boden, keuchend und nach Luft ringend, während sich mein Körper vor Schmerzen krümmte. Jede einzelne Muskelfaser in meinem Körper schrie nach Erbarmen, nach Erlösung. Ich war kurz davor in befreiende Bewusstlosigkeit zu entschwinden, mich wegzuträumen in eine Welt ohne Zähne-zusammenbeißen-um-nicht-schreien-zu-müssen.

Aber er war noch nicht fertig mit mir, das fühlte ich, ohne auch nur einen Blick mit ihm zu wechseln. Ich hob dennoch flehend meinen Blick vom Boden und suchte seine kalten, grauen Augen. Meine Blicke irrten ruhelos über seinen perfekt modellierten Körper, liebkosten seine muskulösen Waden, die trainierten Oberschenkel, den strammen Bauch, die vor Kraft strotzenden Oberarme… Und als ich in die Tiefen seiner kühlen Augen eintauchte, wurde mir bewusst, dass er wohl selbst schon intensive Schmerzen ertragen haben musste, um mir nun dasselbe ohne einen Anflug von Mitleid zufügen zu können.

Seine Mundwinkel zuckten, als er mich, die ich hilflos zu seinen Füßen ausgestreckt dalag, mit einem unterdrückten Lächeln neckte: „Na, schon so erschöpft? Ich glaube, du kannst mir noch viel mehr geben, wenn du dich nur ein bisschen mehr anstrengst!“
Wenn es gesellschaftlich akzeptiert wäre, hätte er mir an dieser Stelle sicher einen Tritt in die Rippen versetzt, um mich zum Weitermachen zu bewegen.

Warum tat ich mir diese Tortur überhaupt an?, fragte ich mich, während ich versuchte, meine kraftlosen Glieder zu kontrollieren. Ich war frei, meine Sachen zu packen und zu gehen, wann immer ich es wollte – und wann immer ich es schaffte, den Bann zu durchbrechen, den er auf mich gelegt hatte, als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Irgendetwas tief in meinem Inneren rebellierte, wenn ich ans Aufhören dachte. Das hier war mein einziger Weg, ihm nahe zu sein, diesem Adonis mit den kalten, grauen Augen – dafür war ich sogar bereit, teuer zu bezahlen, auch wenn er vermutlich hinter meinem Rücken über mich und meine Ungeübtheit in dieser Disziplin, in der er Meister war, lachte.

Schlussendlich brach ich doch zusammen. Schweißüberströmt und schon wieder am Boden auf meiner Turnmatte liegend, riefen sich mir zumindest noch meine guten Manieren in Erinnerung und ich bedankte mich artig bei meinem persönlichen Trainer für die anstrengende Einheit, bevor ich wenig später zitternd den Ort des Grauens, auch Fitnessstudio genannt, verließ.

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#47 Ein Koffer voller Liebe

29. Januar 2012 at 23:10 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , )

Der Koffer stand nun schon seit drei Tagen auf dem Gehsteig vor der Haustüre mit der Nummer zwölf. Der beständige Regen hatte erst die dunkelgraue Außenhülle durchweicht, inzwischen war auch das Innenleben von einer klammen Feuchtigkeit durchdrungen.
Niemand hatte den Koffer geöffnet. Der Schlüssel war in einer anderen Tasche. Und er würde auch nicht zurückkommen.

Wenn man über die Nässe und den leicht muffigen Geruch hinwegsah, war der Koffer vor dem Zwölfer-Haus noch gut brauchbar. Ein Fön und ein wenig Parfüm könnten ihn wieder zu einem treuen Begleiter auf Reisen machen. Nur ein Reißverschluss klemmte. Und die restlichen würden auch zu rosten beginnen, wenn der Koffer nicht bald aus dem Regen geholt würde.
Aber all jene, die etwas von der Geschichte des Koffers wussten, wollten nichts damit zu tun haben. Und alle, die nichts davon ahnten, schienen auch kein Bedürfnis danach zu haben, in das Geheimnis eingeweiht zu werden. So stand der Koffer wie ein graues Mahnmal auf dem Gehsteig und zog verwunderte Blicke von Passanten auf sich.

Der Koffer wünschte, er würde umfallen und aus allen Nähten platzen, von einem Lastwagen überfahren oder von einem Betrunkenen mit einem Messer aufgeschlitzt werden. Er wollte seinen Inhalt auf den Gehsteig erbrechen, am besten über die ganze Straße.
Der Wind würde die Liebesbriefe, Geburtstags- und Glückwunschkarten in alle Himmelsrichtungen zerstreuen. Vielleicht würde ein Vogel aus der roten Spitzenunterwäsche ein weiches Nest bauen. Ein Kind könnte den Stoffteddy mit dem aufgestickten Herz mit nach Hause nehmen und ihn zum Kaffeekränzchen mit der Giraffe und dem Känguru einladen. Ein Obdachloser könnte möglicherweise die schwarzen Herrensocken gut gebrauchen, wenn der Regen sich entschließen würde, für eine Weile aufzuhören und sie die Chance bekamen, wieder zu trocknen.
Außerdem warteten noch eine herzförmige Tasse, alte Konzert- und Kinokarten, Fotos, ein paar T-Shirts und etwas Schmuck im Bauch des Koffers auf baldige Erlösung.

Eines Morgens, gerade als er die Hoffnung schon aufgegeben hatte, dass jemals etwas passieren würde, war es so weit: Er wurde abgeholt. Bevor er seufzend und ächzend im Schlund des Müllwagens verschwand, um seine letzte Reise anzutreten, erinnerte er sich noch einmal an die schönen Momente in seinem Leben: An den Tag, an dem er von einem jungen Pärchen im Geschäft ausgesucht worden war. An jenen Abend, als er für die erste gemeinsame Reise seiner Besitzer gefüllt worden war. An jenes Weihnachtsfest in London, an dem ein Ring mit einem winzigen Diamanten in seinem Bauch mitgeflogen war. An die ruhigen Wochen, die er im dunklen Kasten verbracht hatte, wo ihn ab und zu die Katze auf ein Nickerchen besuchen kam.
An die letzten Tage wollte er sich nicht erinnern, obwohl ihm das wütende Geschrei und die knallenden Türen noch in den Ohren hallten. Nein, er wollte bei seinem Abschied von der Welt das bleiben, was er immer gewesen war – ein Koffer voller Liebe.

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#46 Der Prinz als Kerkermeister

8. Januar 2012 at 00:34 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - Märchen) (, , , , , , , , )

„So, das war der Letzte“, sagte der Prinz und schloss die Zellentür. „Werdet Ihr mir nun verraten, was all diese jungen Männer verbrochen haben?“, fragte er die Prinzessin und klimperte ein wenig ungeduldig mit den Schlüsseln. Zwölf rostige Schlüssel hielt er in Händen, die zwölf Zellen im düsteren Kerker verschlossen, in denen zwölf junge Männer verständnislos ihr Schicksal erwarteten.
„Nein“, sagte die Prinzessin und machte auf dem Absatz kehrt. „Du hast die erste Aufgabe bestanden. Ich werde mich in meine Gemächer zurückziehen, raste auch du dich aus, denn morgen folgt der zweite Teil der Prüfung“, fuhr sie im Gehen fort, ohne sich auch nur umzudrehen.
„Wie Ihr wünscht“, antwortete der Prinz und zog bei der Verbeugung, die er ihrem holden Rücken schenkte, seinen Hut. „Gute Nacht, Prinzessin!“, rief er der Davoneilenden zu. Er dachte aber nicht daran, schlafen zu gehen.

Er wandte sich nun dem jungen Ritter zu, dessen Zelle er zuletzt abgeschlossen hatte: „Warum musste ich Euch mitten in der Nacht aus Eurem Anwesen zerren und Euch in diesen Kerker werfen? Was habt Ihr verbrochen, dass die Prinzessin wünscht, Euch hier festzuhalten?“
„Ach Prinz“, seufzte der Ritter, „wenn ich das nur wüsste. Ich kannte die Prinzessin früher gut, von Kindesbeinen an waren wir unzertrennlich. Und eines Tages verliebte ich mich in die Prinzessin aus der Nachbarstadt und seitdem sprach sie kein Wort mehr mit mir…“ Der Prinz nickte und murmelte ein paar aufmunternde Worte. Danach schloss er die Zelle auf und ließ den Ritter frei.
Der Prinz schritt zur nächsten Zelle und fragte den stumpfsinnig vor sich hin starrenden jungen Edelmann danach, wie es ihn hierher verschlagen hatte. „Meine Geschichte werdet Ihr nicht für wahr halten können, Prinz, denn ich liebte die Prinzessin so sehr und doch verließ sie mich“, begann der Edelmann. „Ich kam vor Eifersucht fast um, wenn ein anderer ihre hübsche Gestalt mit Blicken umschmeichelte und verteidigte sie vor jedem möglichen Freier mit Zähnen und Klauen… Und eines Tages eröffnete sie mir, sie könnte nicht meine Frau werden, ich weiß bis heute nicht warum…“ Der Prinz tätschelte ihm mitleidig die Schulter, ließ ihn gehen und wandte sich dem nächsten Insassen zu.

So sammelte er bis in die frühen Morgenstunden die Geständnisse und Geschichten der jungen Edelmänner ein und schenkte einem nach dem anderen die Freiheit. Dann zog er sich in seine Kammer zurück und wartete darauf, dass der Bote ihm gleich nach dem ersten Hahnenschrei die nächste Aufgabe übermittelte.
„Guten Morgen, Prinz“, sagte der Bote, nachdem er höflich um Einlass gebeten hatte, „die Prinzessin überträgt Euch hier die nächste Prüfung.“ Er reichte dem Prinzen einen versiegelten Brief. Dieser brach das blutrote und mit dem Wappen des Königshauses verzierte Wachs auf und las die folgenden Worte: „Foltere die Eingekerkerten so lange, bis sie weinend um Vergebung betteln. Führe dann jeden einzelnen in meine Gemächer, damit er seine Schuld begleichen kann.“

Der Prinz seufzte, während der Bote ihn neugierig musterte, zückte Feder und Pergament und schrieb eine Antwort, die er mit dem Boten zur Prinzessin zurückschickte. Dann setzte er sich. Er musste sich nicht lange gedulden. Wenig später hörte er schon die Schritte der Prinzessin, die bereits am Flur so wutentbrannt zeterte, dass ihre Stimme im ganzen Schloss widerhallte.
„Was erlaubst du dir?“, schrie sie, bevor sie noch die Tür zur Kammer des Prinzen ganz aufgestoßen hatte, „was erlaubst du dir, mir einen Rat zu geben? Diese Männer haben ihr Schicksal verdient, sie haben es verdient, verletzt, gepeinigt und gedemütigt zu werden, so wie sie mich verletzt, gepeinigt und gedemütigt haben! Erlaube dir kein Urteil über mein Leben, denn du hast keinen blassen Schimmer davon, was ich fühle!“

Während sie geredet hatte, war die Prinzessin immer näher an den Prinzen herangekommen. Der Prinz hatte sich inzwischen ebenfalls von seinem Schreibpult erhoben und als sie geendet hatte und wütend mit dem Fuß aufstampfte, war sein Gesicht nur mehr eine Nasenspitze von dem der Prinzessin entfernt. Er breitete die Arme aus und drückte die Prinzessin fest an sich. Anfangs kämpfte sie noch dagegen an, aber schließlich ließ sie es zu.
„Es ist Zeit, erwachsen zu werden, Prinzessin“, flüsterte er ihr ins Ohr und drückte ihr einen Kuss auf die mit ärgerlichen Runzeln bedeckte Stirn.

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#45 Piano, piano

23. Dezember 2011 at 20:37 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , )

Tap, tap, tap. Sie hob einen Finger nach dem anderen an und ließ ihn sanft wieder auf die Tischplatte fallen. Tap, tap. Sie lächelte und faltete die Hände in ihrem Schoß zusammen. Sie hörte in ihrem Kopf eine Melodie klingen, die sie lange Jahre ihres Lebens begleitet hatte.

Sie entfaltete ihre schmalen, knochigen Hände. Die Adern standen blau hervor und ein paar Altersflecken zeichneten die reife Haut. Sie war weder von Gicht, noch von Rheuma geplagt. Sie konnte problemlos an der Strick- und Häkelrunde teilnehmen, etwas malen oder beim Adventkranzbinden kurz vor Weihnachten helfen. Manchmal unterstützte sie ihre Zimmernachbarin dabei, die tückischen Schnürsenkel zu besiegen, da deren Finger oft nicht mehr taten, was sie wollte. Sie selbst aber hatte sich ihre Fingerfertigkeit bewahrt. Sie könnte auch Klavier spielen.

Sie war nicht jünger als die anderen Bewohner des Pflegezentrums. Manchmal fiel ihr etwas nicht mehr ein, das sie eben noch gewusst hatte oder sie vergaß ihre Tabletten zu nehmen, obwohl sie jeden Morgen am Nachttisch geduldig darauf warteten, dass sie aufwachte. Aber Dinge von früher entschwanden ihr nie. Ebenso wenig wie die Melodie, die sie in ihrem Herzen trug.

Im Aufenthaltsraum, der wegen der gemütlichen Sofas gerne von Besuchern frequentiert wurde, stand er, der große schwarze Flügel. Seit sie hier wohnte, ging sie ihn jeden Tag besuchen. Sie nahm in einem dunkelgrünen, etwas fleckigen Polstersessel Platz, der es ihr erlaubte, den Flügel aus dem perfekten Blickwinkel zu betrachten – so schräg, dass sie, sollte jemand ihn bespielen, dessen Handbewegungen und die auf- und niederschnellenden Tasten beobachten konnte, während der Bösendorfer-Schriftzug ihr im Licht der Pultlampe golden entgegenschimmerte und zuzwinkerte.

Es kam selten vor, dass jemand ein paar Töne klimperte. Ab und zu kam ein junger Musikstudent vorbei, der für seine Großmutter einige kurze Stücke zum Besten gab, weil er nicht wusste, was er mit ihr reden sollte. Er schlug die Tasten fest an und trat heftig in die Pedale. Es durchzuckte sie ein leiser Schmerz, wenn sie sah, wie das edle Instrument so grob behandelt wurde.

Eines Abends, als nur noch ein schlafender Mann mit zerknautschtem Gesicht im Aufenthaltsraum war, den die Nachtschwester wahrscheinlich schon verzweifelt suchte, ging sie zum Flügel und strich vorsichtig über die Tastatur. Das kühle Weiß-und-Schwarz fühlte sich so beruhigend an, dass sie sich für einen Moment auf den wackeligen Hocker setzte. Er quietschte ein bisschen und sie drehte sich ängstlich nach dem Mann um. Aber er schlief tief und fest. Sie legte die Finger auf die Tasten und drückte sie so langsam und bedächtig hinunter, dass sie keinen Ton von sich gaben. Es war der erste Akkord der Melodie, die in ihrem Kopf unaufhörlich vor sich hin summte.

Sie blickte auf und sah einem matten, schwarz glänzenden Spiegelbild ihrer selbst entgegen. Wie lang war es her, dass sie auf einem Klavierhocker gesessen und tatsächlich das Instrument zum Schwingen, zum Seufzen und Vibrieren gebracht hatte? Zehn, fünfzehn Jahre? Irgendwann bevor ihr Mann krank geworden war. Sie hatte das Datum nicht mehr im Kopf, an dem der Krebs diagnostiziert worden war, es spielte keine Rolle, es waren nur Zahlen.

Sie hatte sich geschworen, alle Erinnerungen in ihrem Kopf zu bewahren, für immer und ewig. Seine ersten schüchternen verliebten Blicke, die streichelnden Hände, wenn sie traurig war, die von Jahr zu Jahr tiefer werdenden Lachfalten um seinen Mund, das immer schütterer werdende Haar, die einst weißen Zähne, die nach und nach durch künstliche ersetzt worden waren. Sie wollte sich merken, wie es war, neben ihm einzuschlafen und wieder aufzuwachen, Zeitung zu lesen und spazieren zu gehen. Ihm fielen Dinge auf, die sie übersehen hätte. Hier ein winziges Schneckenhaus, dort ein rastender Marienkäfer auf einer Blüte.

Aber das Einzige, was geblieben war, waren Schnappschüsse in ihrem Gehirn. Kurze Szenen bildeten sich da ab, einzelne Momente, die sie aneinanderreihen konnte, aber die nicht an das heranreichten, was er als Ganzes gewesen war, immer noch war. Nur die Melodie war geblieben. Deswegen konnte sie sie auch nicht mehr spielen, denn sie sollte bis zu ihrem eigenen letzten Atemzug so rein und unverfälscht wie in ihren Gedanken bleiben.

Es war das erste Lied, das sie ihm vorgespielt hatte, an jenem magischen Abend, an dem er sie dazu überredet hatte, eine Karriere als Konzertpianistin anzustreben. Der Plan war niemals umgesetzt worden – eine Woche vor der Aufnahmeprüfung gebar sie ihr erstes Kind. Aber die Melodie hatte sie noch viele Male gespielt. Das Stück begann langsam und melancholisch, steigerte sich zu einem schnellen, klangvollen Höhepunkt, wonach es wieder ruhiger und leiser wurde, bevor es sanft und versöhnlich endete.

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#39 Der Prinz und die Hexe

9. Mai 2011 at 20:41 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - Märchen) (, , , , , , )

Die alte Holztüre öffnete sich knarrend und jemand trat vorsichtig ein.
„Ihr solltet nicht hier sein“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.
„Wusstet Ihr, dass ich es bin?“, fragte er in der Erwartung, dass sie sich nun doch überrascht umdrehen würde.
„Natürlich wusste ich das“, gab sie schroff zur Antwort. „Was sucht Ihr hier?“

Immer noch kehrte sie ihm den Rücken zu und rührte in einem großen Topf, der am Herd stand. Dampfschwaden stiegen auf, ein gefährliches Brodeln schwoll an und wieder ab. Eine schwarze Katze saß in einem grünen Lehnstuhl und betrachtete den Eindringling argwöhnisch.
„Wenn Ihr wusstet, dass ich zu Euch kommen werde, wusstet Ihr bestimmt auch, was mein Begehr ist“, erwiderte der junge Mann frech. Flüssigkeit schwappte über den Topf und verdunstete zischend auf der heißen Herdplatte.

„Ich kann Taten kommen sehen, aber nicht Gedanken lesen“, gab sie grimmig zurück. „Aber ich kann es bestimmt erraten. Wahrscheinlich wollt Ihr einen Trank, der Euer blondes Haar zum Glänzen bringt, ein Gebräu, dass Euch unverwundbar macht oder eine Mixtur, die einem Mädchen den Kopf für Euch verdreht.“ Sie rümpfte die Nase. „Ich braue keine Zaubertränke für dahergelaufene Jungen wie Euch. Schlagt Euch alleine durch, so wie alle anderen auch und kommt erst wieder, wenn Ihr meine Künste braucht, um jemand anderem als Euch selbst zu helfen.“

„Ihr liegt falsch, Petrella. Wenn Ihr meine Bitte erhört, so ist uns beiden geholfen“, lächelte er schelmisch vor sich hin.
„Der Prinz aus reichem Hause spricht. Euer Gold und Eure Juwelen haben keinen Wert für mich, meine Dienste könnt Ihr damit nicht aufwiegen. Ich helfe, wenn ich es für angemessen halte und nun geht.“ Die schwarze Katze räkelte sich genüsslich im Sessel und sah den Prinzen triumphierend an.
„Die fürchterliche Petrella aus dem finsteren Zauberwald will also mein Angebot nicht hören? Ich habe nicht vor, Eure Dienste mit Gold und Silber aufzuwiegen. Es gibt auch überhaupt keine Dienste, vielmehr erhoffe ich Euer Vertrauen.“

Sie warf ihm nun doch einen skeptischen Blick über die Schulter zu. „Nun denn, so spreche Er.“
„Schon lange reise ich von Nord nach Süd und Ost nach West, habe Drachen besiegt und junge Damen aus Türmen befreit – doch nirgends habe ich eine Maid gefunden, die meine Liebe wert ist…“
„Ich soll Euch also doch in der Liebe helfen“, unterbrach die Hexe, „ich wusste es doch…“

„Lasst mich ausreden, Petrella“, fuhr der Prinz unbehelligt fort. „Wo war ich stehengeblieben? … Keine Frau die es zu lieben lohnt, weder hier noch dort. Ich holte mir Rat bei vielen Männern, wo man denn eine Frau fürs Leben fände, doch weder in der Kneipe noch am Kirtag wurde ich fündig, egal wie viel Gerstensaft ich auch trank…“ Die schwarze Katze war aus dem Sessel gesprungen und umschmeichelte die Beine des Prinzen.

„…Doch ich hörte in dieser Zeit so manche Geschichte. Von der Hexe Petrella, die versteckt im finsteren Wald wohnt und die ein düsteres Geheimnis hütet…“ Er nahm die Katze auf den Arm und fuhr ihr sanft über den Rücken, während er die erschaudernde Gestalt am Herd genau beobachtete.
„…Stark und eigensinnig und unglaublich selbstbewusst sei die Hexe, niemanden lasse sie an sich heran. Ihre Magie übe sie nur noch selten aus, zu viel Angst habe sie vor ihrer eigenen Zauberkraft…“ Nun drehte sie sich um, hob drohend den Zauberstab und schritt langsam auf ihn zu.

„Kein Wort mehr“, raunte sie mit ihrer tiefen, kehligen Stimme, „oder ich verwandle Euch in die lästige Mücke, die Ihr seid und sehe schadenfroh dabei zu, wie Euch eine hässliche, haarige Spinne auffrisst!“
„Ich habe keine Angst vor Euch, nicht so lange ich Euer Liebstes auf dem Arm trage“, antwortete er furchtlos und hielt die schnurrende Katze fest an seiner Brust. „Ihr Herz schlägt im selben Takt wie das meinige und Ihr wisst, dass sie ein Teil von Euch selbst ist, den Ihr schmerzlich vermisst. Sie ist Eure weiche, schöne, zärtliche Seite, die danach lechzt, mit mir vereint zu sein“, sagte er und wie zum Beweis leckte ihm die schwarze Katze mit ihrer rauen Zunge die Finger.

„Ihr wisst den Zauberspruch“, ermutigte er sie, „nehmt meine Hand und habt keine Angst!“
Zum ersten Mal hob sie die Kapuze ihres schwarzen Mantels, so dass sie einander in die Augen sehen konnten. „Ich habe keine Angst mehr vor meiner Zauberkraft, denn Ihr habt sie durchschaut. Ich bin nicht das, was ich nach außen hin zu sein scheine, dies ist nur eine Maske für die Unwissenden. Ihr seid würdig, um meine Hand anzuhalten.“

Mit diesen Worten nahm sie die schwarze Katze an sich, wirbelte in rasender Geschwindigkeit wie ein Kreisel um ihre eigene Achse, ein Tosen und Brausen erfüllte den Raum, wobei zwischendurch das Fauchen der Katze zu hören war. Der schwarze Mantel fiel in Fetzen von dem Hurrikan ab und als er zur Ruhe kam, blieb eine wunderschöne junge Frau im schwarzen Kleid und ohne Katze vor dem Prinzen stehen. Er verneigte sich tief und nahm ihre Hand fest in seine und drückte einen Kuss auf die zarten Finger der schönen Hexe.

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#37 Warten auf dich

5. April 2011 at 19:16 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - lustig) (, , , , , , )

Geduld. Warten, bis du mich siehst. Soll ich auf mich aufmerksam machen? Aber ich will nicht aufdringlich sein. Ein treuherziger Blick muss reichen, für den Anfang zumindest. Du bist schön, hast ein freundliches Lächeln. Du scheinst dich mit solchen wie mir auszukennen, weißt, dass wir schüchtern sind, aber bereit, viel Liebe zu geben. Vielleicht wurdest du schon einmal verletzt und wagst jetzt einen neuen Versuch. Vielleicht fühlst du dich ganz einfach allein. Oder willst eine Familie gründen. Und deswegen bist du hier. Kein unüblicher Ort, um einander kennenzulernen. Ich werde es mir nicht anmerken lassen, aber ich habe mein ganzes Leben lang auf dich gewartet. Dass du mich siehst, dass du mich liebst.

Meine Hobbys sind nicht besonders außergewöhnlich. Laufen, spazieren gehen, essen und schlafen. Ich bin mit den simplen Freuden des Lebens zufrieden. Mit dir auf dem Sofa liegen und einfach nur die Augen schließen und merken, wie schön die Welt ist. Hinaus in die Wildnis gehen, nur wir zwei. Sehen, riechen, fühlen, schmecken, was die Natur zu bieten hat. Du hast doch nichts gegen ausgedehnte Ausflüge? Du siehst schlank und sportlich aus, unternehmungslustig. Ich glaube, wir sind wie für einander geschaffen. Aber ich will nichts überstürzen. Außerdem bin ich ja nicht der einzige hier, der dein Herz erobern möchte.

Du kannst mich deinen Eltern vorstellen, kein Problem, sie werden mich lieben. Auf meinen treuherzigen Blick ist einfach Verlass. Der zeigt, dass ich es ernst mit dir meine. Vielleicht sehe ich jetzt etwas verwahrlost aus, aber du erwischt mich zu einem schlechten Zeitpunkt. Aus mir kann man viel herausholen, du wirst sehen, wenn ich nur erst wieder in Form bin. Du musst ein bisschen Geduld mit mir haben, ich bin diese ganze Zeremonie nicht mehr gewohnt. Vom ersten Kennenlernen bis ich endlich zu dir nach Hause darf.

Ich will bei dir sein. Ich bin glücklich, wenn du es bist. Ich fühle, wenn du Angst hast. Und ich beschütze dich. Ohne meine Erlaubnis kommt niemand an dich ran, niemand wird dir etwas zuleide tun, solange ich in deiner Nähe bin. Du kannst dich auf mich verlassen.

Ich mag Menschen und Tiere. Außer vielleicht Katzen. Und unehrliche Menschen. Ich durchschaue es sofort, wenn jemand nicht ehrlich zu mir ist. Dann werde ich auch manchmal wütend. Aber im Allgemeinen vertrage ich mich mit allen gut, wenn ich nicht absichtlich gereizt werde. So geht es uns wohl allen.

Hast du noch Fragen? Ich habe großartige Gene, bin kerngesund, und habe mein Herz zu verschenken. Ich will einfach nur mit dir zusammen sein. Reicht das heutzutage noch aus? Nimm mich mit zu dir nach Hause! Ich werde dir ein treuer Begleiter sein. Nicht umsonst werde ich als der beste Freund des Menschen bezeichnet.

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#35 Traumwelten

8. März 2011 at 22:42 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , , )

Ich schlief in dieser Nacht unruhig, denn meine Gedanken konnten nicht richtig zur Ruhe kommen und wirbelten durch die müden Gehirnwindungen, die sich nach erlösendem Schlaf sehnten. Als ich aufwachte, war ich müder als zuvor und gleichzeitig hellwach.

Träumen hatte ich nie große Bedeutung zugemessen. Für mich waren sie einfach eine Beschäftigungstherapie für das Bewusstsein, das auch wenn der Körper Entspannung braucht unbeirrt weiterarbeitet. Ich hörte mir die weitschweifigen Traumdeutungen von Bekannten für gewöhnlich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich fand es schrecklich, wenn mir erklärt wurde, dass ihnen im Traum die Lösung für ein Problem eingefallen war. Ich vertrat die Ansicht (die ich aber nicht äußerte, um ihre Illusionen nicht zu zerstören), dass die Lösung bestimmt schon vorher da gewesen war und sie sie einfach übersehen hatten und irgendwann hatte sie ihnen ja einfallen müssen, zufällig eben als sie aufgewacht waren. Schließlich finden wir ja auch untertags Lösungen für Probleme.

Langer Rede kurzer Sinn: Nach jener unruhigen Nacht, aus der ich unendlich müde und zugleich hellwach erwachte, änderte ich meine Meinung über Träume. Während ich den ersten Sonnenstrahlen entgegen blinzelte, die sich durch die Jalousien zwängten und eine einzelne Amsel auf der Birke vor meinem Fenster den Morgen lautstark begrüßte, versuchte ich hektisch die Traumfetzen zu erhaschen und wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen, die schneller verblassten, als mein Gehirn Betriebstemperatur erreichen konnte.

Ein Mann, dessen Gesicht ich nicht sehen konnte und der mich sanft an der Schulter berührte, als er mir einen Umschlag mit schwarzem Rand überreichte. Ein Kind, das über eine Wiese lief, hinfiel und weinte, bis es von einem Mann ohne Gesicht in den Arm genommen wurde. Ein gerahmtes Bild, das von der Kommode kippte und in Zeitlupe seinen Weg dem Linoleum entgegen antrat. Ich streckte meine Hand danach aus, aber als ich das tat, beschleunigte sich die Geschwindigkeit und das Glas, hinter dem das Bild war, das mir den Rücken zuwendete, zerschellte in tausend kleine Splitter. Eine Autotür, die vor meiner Nase zuschlug, ein davonbrausendes Auto ohne Fahrer.

Ich rieb mir die Augen und öffnete sie, meine Augen waren geöffnet, hoffentlich nicht zu spät. Die Traumfetzen verblassten mit jeder Sekunde und ließen mich in meinem Schlafzimmer mit sonnengestreiftem Linoleumboden allein, allein mit dem Bild eines Mannes auf meiner Kommode, mit dem ich schon lange nicht mehr glücklich war, es vielleicht nie gewesen war und mit dem Bild eines Mannes im Herzen, der einfach, wie soll ich es anders sagen, ein Traum war.

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#30 Im Waschsalon

18. Oktober 2010 at 22:47 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - lustig) (, , , , , , , , , , )

Als ich nach New York kam, nachdem sich meine Freundin von mir getrennt und ich meinen Job verloren hatte (unglücklicherweise war mein Chef ihr Vater), war ich mir bei vielen Dingen unsicher. Würde ich mit meinen Ersparnissen lange genug auskommen, bis ich einen neuen Job gefunden hatte? Schmeckten Hot Dogs im Land der unbegrenzten Möglichkeiten besser als zuhause? Würde ich meine Angst vor möglicherweise auf mich stürzenden Wolkenkratzern überwinden können?

Doch es gab eine Sache, bei der ich mir ganz sicher war. Irgendwie hatte Hollywood die Botschaft in mein Hirn gemeißelt, dass der Waschsalon der perfekte Platz war, um die große Liebe zu finden. Ich wusste nicht einmal mehr, in welchem Film dem Protagonisten so etwas widerfahren war, es war für mich einfach eine unabänderliche Tatsache.

Bereits an meinem zweiten Tag in New York ging ich, noch leicht vom Jetlag beeinträchtigt, müde und dennoch aufgeregt zum nächsten Waschsalon. Ich hatte kaum Wäsche zu waschen, schließlich war ich erst seit Kurzem hier, aber nach dem abrupten und für mich völlig unvorhersehbaren Ende meiner Beziehung sehnte ich mich nach etwas Nähe, Zuneigung und Liebe.

Hoffnungsvoll betrat ich also den Raum, in dem zahlreiche Waschmaschinen munter vor sich hin schleuderten. Der Anblick, der sich mir bot, war mehr als enttäuschend. Harte Klappstühle waren an den kahlen Wänden aufgereiht und wirkten nicht gerade als ob sie dazu einladen wollten, sich hinzusetzen und darauf zu warten, dass die Wäsche fertig gewaschen war. Und es roch penetrant nach Waschmittel, was mich aber nicht allzu sehr verwundern hätte dürfen. Das Publikum wirkte ebenfalls ernüchternd auf meine Wunschträume.

Im Waschsalon befanden sich:
Ein älterer Herr, der gleich zwei Waschmaschinen mit einer überproportional großen Menge an Socken befüllte. Ausschließlich Socken. Vielleicht einer jener in Amerika berüchtigten Socken-Dealer, der Socken an all die Verzweifelten verkaufte, die nach dem Waschen mit nur einem Socken der gleichen Farbe dastanden, statt mit den zweien, die sie in die Waschmaschine gefüllt hatten?

Dann war da noch eine rüstige alte Dame, die mir hilfsbereit erklärte, wie ich meine Wäsche zu sortieren hätte, damit sie sich nicht verfärbte. Ich wollte ihr meinerseits gerne erklären, dass es ein Klischee war, dass Männer nicht Wäsche waschen konnten, aber dann ließ ich es doch bleiben. Vielleicht weckte ich ja sonst den Beschützer-Instinkt des ohne Zweifel gefährlichen Socken-Dealers.

Erfreut stellte ich fest, dass ich jemanden übersehen hatte: In der Ecke saß ein kleiner weißer Pudel. Er schien niemandem zu gehören, deswegen packte ich ihn in die Tasche mit meiner schmutzigen Wäsche, die ich lieblos wieder aus den beiden Waschmaschinen herausgezogen hatte, in die sie meine freundliche Gehilfin farblich sortiert gelegt hatte und machte mich vom Acker. Das Hündchen schien es nicht zu stören.
Mit einem Hund mehr und einer von Hollywood fabrizierten Illusion weniger machte ich mich auf den Weg zu meinem bescheidenen Heim.

Ein Jahr später kann ich folgendes Fazit ziehen: Meine Ersparnisse reichten aus. Hot Dogs schmecken immer gut, egal wo. Wolkenkratzer haben mehr Angst vor dir als du vor ihnen. Und man kann im Waschsalon doch die große Liebe finden.

Zumindest in der Art von Etablissement, das ich konzipiert hatte: Einem Dating-Waschsalon. Während die Wäsche vor sich hin wäscht, können meine Kundinnen und Kunden Cocktails trinken und auf gemütlichen roten Plüschsofas sitzen und plaudern. Und natürlich in ungezwungener Atmosphäre der Unterwäsche ihres Gegenübers beim In-die-Waschmaschine-gepackt-Werden zusehen.
Mein Dating-Waschsalon ist für alle gedacht, die auf der Suche sind: Nach einem Date, einem festen Partner, einem guten Freund, einem kleinen Pudel – oder einer Waschmaschine.

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#29 Schräge Vögel

10. Oktober 2010 at 13:01 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - lustig) (, , , , , , )

„Wenn ich noch einen Pieps höre, ist die Prüfung beendet und ihr könnt eure Lizenz vergessen!“, plusterte sich der Lehrer auf.
Es wurde sofort mucksmäuschenstill. Die lange Vorbereitung auf diesen Tag sollte nicht umsonst gewesen sein.
„Okay, letzte Aufgabe: Sucht auf eurem Stadtplan die Rosengasse 13. Wer sie als erstes findet, bekommt gleich seine Lizenz und darf losstarten. Auf geht’s!“

Nach kurzer konzentrierter Suche platzte Randy heraus: „Ich hab sie!“
Mit stolzgeschwellter Brust nickte der Lehrer, der das angezeigte Ergebnis auf der Karte betrachtete. „Sollen wir noch einmal die gefährlichen Situationen durchgehen, bevor du dich auf den Weg machst?“
„Nein, nein, ich schaff das schon“, schüttelte Randy den Kopf.
„Gut“, nickte der Lehrer, dann lass dir gleich den Brief geben, es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit.“

Randy prägte sich ein letztes Mal den Weg ein, übernahm seine Lizenz und den Brief und startete in den sonnigen Montagmorgen. Die Adresse war nicht weit entfernt und so gestaltete sich der erste Arbeitstag recht unbeschwerlich. Randy klopfte zufrieden beim richtigen Haus an die Scheibe.
Statt ein freundliches Gesicht zu sehen, sprang aber eine hässliche, struppige Katze auf das Fensterbrett. Randy schrak ein wenig zusammen, als ihn unvermutet die giftgrünen Augen feindselig durch die Glasscheibe hinweg anstarrten.

Doch da kam auch schon die rechtmäßige Eigentümerin des Briefes und nahm ihn entgegen. Das garstige Katzenvieh verschwand wieder im Wohnraum, während Randy sich den Kopf verdrehte, um die Worte auf dem Brief lesen zu können:

„Süß wie Honig klingt dein helles Lachen,
drum will ich dich zu meiner Ehefrau machen.
Dein Gesicht strahlt täglich wie die Sonne,
dich anzusehen ist eine Wonne.
Verzeih, dass ich so schleime,
ich weiß nur keine bess’ren Reime.
Voll Hoffnung wart ich auf die Antwort dein,
ich bitte dich, meine Frau zu sein!
Es herzt und drückt dich inniglich,
dein Prinz, der ist verliebt in dich!“

Randy beobachtete die lächelnde Leserin und nickte glücklich mit dem Kopf während sie die Adresse und ihre Antwort fein säuberlich auf ein kleines Zettelchen schrieb:

„Du brauchst nicht bangen, keine Frage,
ich will mit dir verbringen alle meine Tage!
Bevor es kitschig wird, hör ich nun auf,
und hoff du eilst zu mir im Dauerlauf!
Es küsst dich ohne Unterlass,
die Prinzessin aus der Rosengass‘!“

Randy gurrte und ließ sich die Nachricht ans Beinchen binden. Manche Kunden waren schon schräge Vögel, dachte er bei sich, während er zum Taubenschlag zurückflog, um die Adresse des Antwortbriefes auf dem Stadtplan ausfindig zu machen.

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#25 Auf der Suche

15. August 2010 at 21:18 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , , , , )

Zwei Monate nachdem meine Großmutter verstorben war, waren meine Mutter und ich in unserem Trauerprozess endlich soweit fortgeschritten, dass wir damit beginnen konnten, Omas Habseligkeiten auszusortieren. Es war an jenem kühlen Mai-Abend, dass wir, im mittlerweile etwas muffig riechenden Wohnzimmer in der Wohnung meiner Großmutter, auf eine Schachtel mit Fotos stießen. Wir knieten vor dem tiefen Mahagonischrank, dessen Inhalt wir auf drei Stapel türmten: Wegwerfen, Behalten und Verschenken. Leder- und Stofftaschen, Schmuck und einige Bücher verteilten sich bereits auf die Stapel, wobei die Wegwerf-Sammlung nur einen von Motten zerfressenen Beutel enthielt. Wir konnten uns nur allzu schwer von Omas über die Jahre erworbenen Schätzen trennen.

In der hintersten Ecke des Mahagonischrankes stießen wir also auf jenen Karton mit Fotos. Behutsam öffnete ich die Schachtel, die von einem antiken Lindt-Schriftzug und dem Abbild von ein paar Pralinen geziert wurde. Meine Mutter und ich beugten uns neugierig über die Schwarz-Weiß-Fotografien, die jeweils von einem weißen, gezackten Rahmen umsäumt wurden.
Das erste Foto zeigte meine Großmutter vor dem Eiffelturm, wie sie schelmisch dem Fotografen einen Kussmund zuwarf. Sie trug einen frechen Kurzhaarschnitt, eine helle Bluse mit Rüschen und einen für damalige Verhältnisse wohl recht kurzen Faltenrock. Die Datierung auf der Rückseite verriet uns, dass meine Großmutter zu diesem Zeitpunkt gerade erst achtzehn Jahre alt gewesen war.

Die restlichen Bilder stammten alle aus derselben Zeit, die Dokumentation ihrer Reise erstreckte sich über einen Monat. Auf den Fotos war immer nur sie zu sehen, abgelichtet vor weiteren Sehenswürdigkeiten, dem Arc de Triomphe, später vor der Berliner Mauer und dem Brandenburger Tor und zu guter Letzt auf der London Bridge und neben den Houses of Parliament.
Immer hatte sie ein spitzbübisches Lächeln auf den Lippen und ihre Augen schienen auch auf den Schwarz-Weiß-Fotos vor Glück und Verliebtheit nur so zu funkeln. Zwischen den Attraktionen der jeweiligen Städte gab es auch Bilder, auf denen sie sich für den Fotografen lasziv in einem Korbstuhl räkelte oder ihm über eine Tasse Kaffee hinweg in einem sonnenbeschirmten Straßencafé anflirtete.

Wir hatten die Fotos schweigend betrachtet, aber als wir die Bilder wieder ordentlich nach Datum sortiert zurück in die Schachtel stapelten, platzten die Fragen nur so aus mir heraus. Mit wem war sie dort gewesen? Was hatte sie meiner Mutter von der Reise erzählt? War der Fotograf vielleicht mein Großvater?
Vor uns tat sich eine leere Stelle in Omas Biografie auf. Sie hatte ihrer einzigen Tochter nie von dieser Reise erzählt und auch zu wenig von ihrem Liebesleben, als dass sie Rückschlüsse auf den damaligen Begleiter hätte ziehen können. Meine Mutter wusste ja nicht einmal, wer ihr Vater war, geschweige denn, wie meine Großmutter ihn kennengelernt hatte.
Bei den seltenen Anlässen, wo sie über ihn geredet hatte, hatte sie ihn nur zärtlich „mein Prinz“ genannt, sein Name war ihr nicht zu entlocken gewesen. Er war ihre große Liebe gewesen, aber das Wissen darüber, was aus ihm geworden war, hatte sie mit ins Grab genommen.

Ein Studienmonat lag noch vor mir, bevor die Semesterferien begannen. Ich konnte mich kaum auf den Stoff konzentrieren, meine Gedanken kreisten immerzu um diese Seite meiner Großmutter, die ich nicht gekannt hatte. Es ist wohl eine Eigenart der Jugend, dass sie nicht verstehen kann, dass die eigenen Vorfahren und überhaupt alle, die älter sind als man selbst, auch einmal jung gewesen sind.
Was würde ich später meinen Enkelkindern erzählen? Und welche Geheimnisse würde ich vor ihnen verstecken? Plötzlich wollte ich auch unbedingt wissen, wer mein Großvater war und ob er der Mann war, der sich hinter dem Fotoapparat verborgen und dem meine Großmutter verliebte Blicke zugeworfen hatte.

So brach ich in jenem Sommer mit einer Handvoll Fotos in der Tasche auf. Mein erster Stopp war Paris. Ich besuchte die Orte, an denen die Bilder meiner Oma entstanden waren und hielt eigene Erinnerungen fest. In Berlin blieb ich länger als geplant und machte mehr Fotos als erwartet.
In London sah ich meiner Großmutter wohl am Ähnlichsten: Das Glück zauberte mir ein strahlendes Lächeln auf die Lippen, ich hatte dieselbe Kurzhaarfrisur und ich hielt immer neue Posen für meinen Fotografen bereit.
Nach einem Monat kehrte ich von der Suche nach meiner Vergangenheit zurück. Informationen über meinen Großvater hatte ich auf den Spuren meiner Großmutter nicht gefunden – aber mich selbst.

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