#46 Der Prinz als Kerkermeister

8. Januar 2012 at 00:34 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - Märchen) (, , , , , , , , )

„So, das war der Letzte“, sagte der Prinz und schloss die Zellentür. „Werdet Ihr mir nun verraten, was all diese jungen Männer verbrochen haben?“, fragte er die Prinzessin und klimperte ein wenig ungeduldig mit den Schlüsseln. Zwölf rostige Schlüssel hielt er in Händen, die zwölf Zellen im düsteren Kerker verschlossen, in denen zwölf junge Männer verständnislos ihr Schicksal erwarteten.
„Nein“, sagte die Prinzessin und machte auf dem Absatz kehrt. „Du hast die erste Aufgabe bestanden. Ich werde mich in meine Gemächer zurückziehen, raste auch du dich aus, denn morgen folgt der zweite Teil der Prüfung“, fuhr sie im Gehen fort, ohne sich auch nur umzudrehen.
„Wie Ihr wünscht“, antwortete der Prinz und zog bei der Verbeugung, die er ihrem holden Rücken schenkte, seinen Hut. „Gute Nacht, Prinzessin!“, rief er der Davoneilenden zu. Er dachte aber nicht daran, schlafen zu gehen.

Er wandte sich nun dem jungen Ritter zu, dessen Zelle er zuletzt abgeschlossen hatte: „Warum musste ich Euch mitten in der Nacht aus Eurem Anwesen zerren und Euch in diesen Kerker werfen? Was habt Ihr verbrochen, dass die Prinzessin wünscht, Euch hier festzuhalten?“
„Ach Prinz“, seufzte der Ritter, „wenn ich das nur wüsste. Ich kannte die Prinzessin früher gut, von Kindesbeinen an waren wir unzertrennlich. Und eines Tages verliebte ich mich in die Prinzessin aus der Nachbarstadt und seitdem sprach sie kein Wort mehr mit mir…“ Der Prinz nickte und murmelte ein paar aufmunternde Worte. Danach schloss er die Zelle auf und ließ den Ritter frei.
Der Prinz schritt zur nächsten Zelle und fragte den stumpfsinnig vor sich hin starrenden jungen Edelmann danach, wie es ihn hierher verschlagen hatte. „Meine Geschichte werdet Ihr nicht für wahr halten können, Prinz, denn ich liebte die Prinzessin so sehr und doch verließ sie mich“, begann der Edelmann. „Ich kam vor Eifersucht fast um, wenn ein anderer ihre hübsche Gestalt mit Blicken umschmeichelte und verteidigte sie vor jedem möglichen Freier mit Zähnen und Klauen… Und eines Tages eröffnete sie mir, sie könnte nicht meine Frau werden, ich weiß bis heute nicht warum…“ Der Prinz tätschelte ihm mitleidig die Schulter, ließ ihn gehen und wandte sich dem nächsten Insassen zu.

So sammelte er bis in die frühen Morgenstunden die Geständnisse und Geschichten der jungen Edelmänner ein und schenkte einem nach dem anderen die Freiheit. Dann zog er sich in seine Kammer zurück und wartete darauf, dass der Bote ihm gleich nach dem ersten Hahnenschrei die nächste Aufgabe übermittelte.
„Guten Morgen, Prinz“, sagte der Bote, nachdem er höflich um Einlass gebeten hatte, „die Prinzessin überträgt Euch hier die nächste Prüfung.“ Er reichte dem Prinzen einen versiegelten Brief. Dieser brach das blutrote und mit dem Wappen des Königshauses verzierte Wachs auf und las die folgenden Worte: „Foltere die Eingekerkerten so lange, bis sie weinend um Vergebung betteln. Führe dann jeden einzelnen in meine Gemächer, damit er seine Schuld begleichen kann.“

Der Prinz seufzte, während der Bote ihn neugierig musterte, zückte Feder und Pergament und schrieb eine Antwort, die er mit dem Boten zur Prinzessin zurückschickte. Dann setzte er sich. Er musste sich nicht lange gedulden. Wenig später hörte er schon die Schritte der Prinzessin, die bereits am Flur so wutentbrannt zeterte, dass ihre Stimme im ganzen Schloss widerhallte.
„Was erlaubst du dir?“, schrie sie, bevor sie noch die Tür zur Kammer des Prinzen ganz aufgestoßen hatte, „was erlaubst du dir, mir einen Rat zu geben? Diese Männer haben ihr Schicksal verdient, sie haben es verdient, verletzt, gepeinigt und gedemütigt zu werden, so wie sie mich verletzt, gepeinigt und gedemütigt haben! Erlaube dir kein Urteil über mein Leben, denn du hast keinen blassen Schimmer davon, was ich fühle!“

Während sie geredet hatte, war die Prinzessin immer näher an den Prinzen herangekommen. Der Prinz hatte sich inzwischen ebenfalls von seinem Schreibpult erhoben und als sie geendet hatte und wütend mit dem Fuß aufstampfte, war sein Gesicht nur mehr eine Nasenspitze von dem der Prinzessin entfernt. Er breitete die Arme aus und drückte die Prinzessin fest an sich. Anfangs kämpfte sie noch dagegen an, aber schließlich ließ sie es zu.
„Es ist Zeit, erwachsen zu werden, Prinzessin“, flüsterte er ihr ins Ohr und drückte ihr einen Kuss auf die mit ärgerlichen Runzeln bedeckte Stirn.

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#39 Der Prinz und die Hexe

9. Mai 2011 at 20:41 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - Märchen) (, , , , , , )

Die alte Holztüre öffnete sich knarrend und jemand trat vorsichtig ein.
„Ihr solltet nicht hier sein“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.
„Wusstet Ihr, dass ich es bin?“, fragte er in der Erwartung, dass sie sich nun doch überrascht umdrehen würde.
„Natürlich wusste ich das“, gab sie schroff zur Antwort. „Was sucht Ihr hier?“

Immer noch kehrte sie ihm den Rücken zu und rührte in einem großen Topf, der am Herd stand. Dampfschwaden stiegen auf, ein gefährliches Brodeln schwoll an und wieder ab. Eine schwarze Katze saß in einem grünen Lehnstuhl und betrachtete den Eindringling argwöhnisch.
„Wenn Ihr wusstet, dass ich zu Euch kommen werde, wusstet Ihr bestimmt auch, was mein Begehr ist“, erwiderte der junge Mann frech. Flüssigkeit schwappte über den Topf und verdunstete zischend auf der heißen Herdplatte.

„Ich kann Taten kommen sehen, aber nicht Gedanken lesen“, gab sie grimmig zurück. „Aber ich kann es bestimmt erraten. Wahrscheinlich wollt Ihr einen Trank, der Euer blondes Haar zum Glänzen bringt, ein Gebräu, dass Euch unverwundbar macht oder eine Mixtur, die einem Mädchen den Kopf für Euch verdreht.“ Sie rümpfte die Nase. „Ich braue keine Zaubertränke für dahergelaufene Jungen wie Euch. Schlagt Euch alleine durch, so wie alle anderen auch und kommt erst wieder, wenn Ihr meine Künste braucht, um jemand anderem als Euch selbst zu helfen.“

„Ihr liegt falsch, Petrella. Wenn Ihr meine Bitte erhört, so ist uns beiden geholfen“, lächelte er schelmisch vor sich hin.
„Der Prinz aus reichem Hause spricht. Euer Gold und Eure Juwelen haben keinen Wert für mich, meine Dienste könnt Ihr damit nicht aufwiegen. Ich helfe, wenn ich es für angemessen halte und nun geht.“ Die schwarze Katze räkelte sich genüsslich im Sessel und sah den Prinzen triumphierend an.
„Die fürchterliche Petrella aus dem finsteren Zauberwald will also mein Angebot nicht hören? Ich habe nicht vor, Eure Dienste mit Gold und Silber aufzuwiegen. Es gibt auch überhaupt keine Dienste, vielmehr erhoffe ich Euer Vertrauen.“

Sie warf ihm nun doch einen skeptischen Blick über die Schulter zu. „Nun denn, so spreche Er.“
„Schon lange reise ich von Nord nach Süd und Ost nach West, habe Drachen besiegt und junge Damen aus Türmen befreit – doch nirgends habe ich eine Maid gefunden, die meine Liebe wert ist…“
„Ich soll Euch also doch in der Liebe helfen“, unterbrach die Hexe, „ich wusste es doch…“

„Lasst mich ausreden, Petrella“, fuhr der Prinz unbehelligt fort. „Wo war ich stehengeblieben? … Keine Frau die es zu lieben lohnt, weder hier noch dort. Ich holte mir Rat bei vielen Männern, wo man denn eine Frau fürs Leben fände, doch weder in der Kneipe noch am Kirtag wurde ich fündig, egal wie viel Gerstensaft ich auch trank…“ Die schwarze Katze war aus dem Sessel gesprungen und umschmeichelte die Beine des Prinzen.

„…Doch ich hörte in dieser Zeit so manche Geschichte. Von der Hexe Petrella, die versteckt im finsteren Wald wohnt und die ein düsteres Geheimnis hütet…“ Er nahm die Katze auf den Arm und fuhr ihr sanft über den Rücken, während er die erschaudernde Gestalt am Herd genau beobachtete.
„…Stark und eigensinnig und unglaublich selbstbewusst sei die Hexe, niemanden lasse sie an sich heran. Ihre Magie übe sie nur noch selten aus, zu viel Angst habe sie vor ihrer eigenen Zauberkraft…“ Nun drehte sie sich um, hob drohend den Zauberstab und schritt langsam auf ihn zu.

„Kein Wort mehr“, raunte sie mit ihrer tiefen, kehligen Stimme, „oder ich verwandle Euch in die lästige Mücke, die Ihr seid und sehe schadenfroh dabei zu, wie Euch eine hässliche, haarige Spinne auffrisst!“
„Ich habe keine Angst vor Euch, nicht so lange ich Euer Liebstes auf dem Arm trage“, antwortete er furchtlos und hielt die schnurrende Katze fest an seiner Brust. „Ihr Herz schlägt im selben Takt wie das meinige und Ihr wisst, dass sie ein Teil von Euch selbst ist, den Ihr schmerzlich vermisst. Sie ist Eure weiche, schöne, zärtliche Seite, die danach lechzt, mit mir vereint zu sein“, sagte er und wie zum Beweis leckte ihm die schwarze Katze mit ihrer rauen Zunge die Finger.

„Ihr wisst den Zauberspruch“, ermutigte er sie, „nehmt meine Hand und habt keine Angst!“
Zum ersten Mal hob sie die Kapuze ihres schwarzen Mantels, so dass sie einander in die Augen sehen konnten. „Ich habe keine Angst mehr vor meiner Zauberkraft, denn Ihr habt sie durchschaut. Ich bin nicht das, was ich nach außen hin zu sein scheine, dies ist nur eine Maske für die Unwissenden. Ihr seid würdig, um meine Hand anzuhalten.“

Mit diesen Worten nahm sie die schwarze Katze an sich, wirbelte in rasender Geschwindigkeit wie ein Kreisel um ihre eigene Achse, ein Tosen und Brausen erfüllte den Raum, wobei zwischendurch das Fauchen der Katze zu hören war. Der schwarze Mantel fiel in Fetzen von dem Hurrikan ab und als er zur Ruhe kam, blieb eine wunderschöne junge Frau im schwarzen Kleid und ohne Katze vor dem Prinzen stehen. Er verneigte sich tief und nahm ihre Hand fest in seine und drückte einen Kuss auf die zarten Finger der schönen Hexe.

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#32 Yacumzeh, der Sternenreiter

1. Januar 2011 at 15:30 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Märchen) (, , , , , , , , )

„Jedes Jahr, wenn sich der letzte Tag dem Ende neigt, erzählen wir gemeinsam eine Geschichte“, erklärte mir der Stammesälteste, während wir im Kreis um das Feuer saßen.
„Es ist die Geschichte von Yacumzeh, dem Sternenreiter. Aber die Geschichte, die wir erzählen ist nie dieselbe.“ Er lächelte mich wohlwollend an und hielt den Finger beschwichtigend in die Höhe, ehe ich ihn noch mit einer Frage unterbrechen konnte.

„Wie du siehst, sind unsere jüngsten Stammesmitglieder nicht hier, sie schlafen bereits. Erst in dem Jahr, in dem das 14. Lebensjahr vollendet wird, dürfen sie hierher kommen und die Geschichte mit uns erzählen.“ Der braungebrannte Mann mit dem faltigen Gesicht sprach langsam, so dass ich auch alles verstehen konnte. „Aber sie kennen die Geschichte von Yacumzeh nicht, deswegen dürfen sie ihren eigenen Beginn und ihr eigenes Ende erfinden und wir erfinden dazwischen eine neue Geschichte.“ Er machte wieder eine Pause und lächelte mich an. „Und da du heute unser Gast bist, hast du die Ehre den Anfang zu erzählen. Drei Sätze, jeder drei Sätze.“ Rundum bekräftigte ermutigendes Köpfenicken in meine Richtung seine Worte.

Ich zögerte. Ich war noch nie gut im Geschichtenerzählen gewesen. Und schon gar nicht in einer fremden Sprache, vor fremden Menschen, deren Kultur ich nur aus Büchern kannte. Aber es war Teil meiner Reise, Herausforderungen anzunehmen.
„Yacumzeh war ein kleiner Junge, der in einem kleinen Dorf lebte“, begann ich unbeholfen. „Er hatte drei Geschwister und seine Familie war sehr arm. Sie hatten kaum genug zu essen und zu trinken.“ Meine Fantasie war wirklich nicht besonders ausschweifend. Zweifelnd sah ich den Stammesältesten an, doch er schien von meinem Anfang nicht enttäuscht zu sein. Reihum wurde nun weitererzählt, während ich mich fragte, wie die allererste Geschichte von Yacumzeh, dem Sternenreiter wohl begonnen haben mochte.

„Yacumzeh wünschte sich nichts sehnlicher als ein Pferd. Ein Wunsch, den ihm seine Eltern nie erfüllen würden können. Aber er gab nicht auf und wünschte sich zu jedem Geburtstag und zu jedem Weihnachtsfest sein Pferd“, fuhr eine verhutzelte alte Frau links von mir fort. Die nächste im Kreis war eine junge Frau.
„Sein Vater schnitzte ihm kleine Pferde aus Holz und seine Mutter buk ihm Reiskuchen in Form eines Pferdes. Doch ein echtes Pferd war viel zu teuer. Sein karges Taschengeld sparte Yacumzeh trotzdem auf.“ Und so ging es immer weiter, Alt und Jung erzählten gemeinsam.

„Damit wollte er später einmal Futter für sein Pferd kaufen. Er wusste alles über Pferde, der Nachbar, der früher einmal eine Ranch gehabt hatte, erzählte ihm immer, was sie gerne hatten. Er versprach auch, Yacumzeh auf die alte Ranch mitzunehmen, wenn er größer war.“
„Yacumzeh konnte es kaum erwarten. An seinem 14. Geburtstag sollte es so weit sein, und der Nachbar würde ihn mitnehmen. Aber der starb kurz bevor Yacumzeh zwölf Jahre alt war.“
„Er beschloss, dass es Schicksal sei, dass der Nachbar gestorben war, ehe er ihn zur alten Ranch mitnehmen hatte können. Yacumzeh fand sich damit ab, dass das Kapitel Pferde dadurch zu Ende war. Er räumte die geschnitzten Holzpferdchen in eine Schachtel unter sein Bett und vergaß seine Vorliebe.“

„Yacumzeh zog mit 16 von zuhause aus, da er eine Arbeit in der Fabrik in der Stadt gefunden hatte. Er wohnte dort in einer Art Internat und kam nur selten nach Hause zurück. In dem Jahr, als er 22 wurde, passierte bei seiner Rückkehr etwas Seltsames.“
„Yacumzeh musste immer durch den großen Wald gehen, wenn er von der Stadt nach Hause wollte. Es gab zwar eine Straße, aber das war ein gewaltiger Umweg. Als er in der Mitte des Waldes war, hörte er etwas.“
„Es war ein schmerzverzerrtes Stöhnen und Ächzen und Schnauben. Yacumzeh hatte Angst, aber er ging trotzdem auf das Geräusch zu. Er sah eine braune Stute, die sich im Gehölz verfangen hatte.“
„Ihr rechter Fuß war in einer Falle gefangen und glänzte blutig. Als die Stute Yacumzeh bemerkte, hielt sie still. Sie sah ihn mit ihren großen braunen Augen an.“

„Yacumzeh streichelte ihr Fell, sprach beruhigend auf sie ein und öffnete die Falle. Er zog seine Strümpfe aus und verband die Wunde notdürftig. Dann führte er die Stute aus dem Dickicht heraus.“
„Sie trat vorsichtig auf und trabte langsam neben ihm her. Zwischendurch hielt sie ihre Nüstern nah an seinen Hals und blies ihm warme Luft ins Gesicht. Stunden später als geplant kam Yacumzeh zuhause an.“
„Die folgenden Tage pflegte Yacumzeh die braune Stute. Ihre Wunde begann bald zu heilen und sie fühlte sich wohl. Aber dann musste Yacumzeh zurück in die Fabrik, um zu arbeiten.“

„Yacumzeh vermisste seine Stute und sie vermisste ihn. Am Wochenende borgte Yacumzeh sich einen Wagen von einem Kollegen aus, um nach Hause zu fahren. Er wusste nicht, wie man den Wagen richtig bediente, aber er wollte auf schnellstem Wege zu seiner Stute.“
„Am selben Tag büxte die Stute aus. Sie war wieder kräftiger geworden und riss einfach die Stalltür nieder. Sie lief Yacumzeh entgegen.“
„An jenem Abend geschah ein schrecklicher Unfall. Ein Wagen und ein Pferd krachten zusammen. Lenker und Tier waren auf der Stelle tot.“

Die Geschichte hatte die Runde gemacht, reihum hatten alle erzählt und nun war ich wieder dran. Der Stammesälteste, der die letzten Sätze gesprochen hatte, nickte mir zu, ich sollte das Ende der Geschichte finden. Ich hatte das Gefühl, er wolle mich damit auf die Probe stellen. Ich horchte in mich hinein und versuchte, die tief in mir drin versteckte Fantasie wachzukitzeln.

„Yacumzeh und die braune Stute starben im selben Moment und als ihre Seelen aus ihren Körpern heraustraten und sich auf den Weg zum Himmel machten, verschmolzen sie. Die beiden Seelen waren so rein und klar, dass sie zu einem hell leuchtenden Stern am Himmel wurden. Von Zeit zu Zeit sieht man Yacumzeh auf seiner Stute ausreiten, dann zieht ihr Stern einen glühenden Schweif am Himmel.“

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#28 Ein Prinz auf Abwegen

22. September 2010 at 20:35 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - lustig, Kurzgeschichten - Märchen) (, , , , , , , , )

„Eine wunderschöne Prinzessin ist in einem hohen Turm eingesperrt“, teilte der Bote dem Prinzen mit. „Reite schnell und befreie sie!“
Sogleich warf sich der edle Ritter in sein bestes Gewand, sattelte seinen weißen Schimmel und gab ihm die Sporen. „Harlekingasse 537, 10. Stock, Fräulein Perchteder!“, rief ihm der Bote nach.

Schnell wie der Wind ritt der Prinz seinem Ziel entgegen, doch ein Hindernis stellte sich ihm in den Weg. Ein Mann in blauem Kostüm versperrte ihm den Weg und er musste scharf an den Zügeln reißen, um seinen sich aufbäumenden Schimmel im Zaum zu halten.
„Hearn’S, da derfen’S net reiten und so schnö scho goar net!“, blaffte ihn der Ordnungshüter an. „Steigen’S owa, des kost sonst an Fuffzger!“
Befremdet von dem flegelhaften Verhalten stieg der edle Ritter von seinem Ross und band es einige Meter weiter an einen Baum. „Warte hier, mein Hengst, ich schaffe den Weg auch alleine“, flüsterte er dem Gaul zu.

Zu Fuß galoppierte der Prinz weiter, doch nirgendwo war ein Schloss mit hohem Turm in Sicht. Er musste die Hilfe von niederem Fußvolk in Anspruch nehmen.
„Ich bin auf der Suche nach Prinzessin Perchteder, die ihm hohen Turm in der Harlekingasse 537, 10. Stock, eingeschlossen ist“, verriet er dem nächstbesten Gesellen, der ihm hilfsbereit den Weg wies.
„Als Dank für deine Hilfe werde ich dir einen Juwel vom Schaft meines Schwertes schenken“, versprach der edle Ritter dem Untertan und zog sein Schwert. Dieser riss erschrocken die Hände hoch, stammelte: „Tuan’S de Woffn weg!“ und ergriff die Flucht. Der Prinz schüttelte den Kopf über so viel Schreckhaftigkeit und machte sich wieder auf den Weg.

Bald sah er den Turm, in dem die holde Jungfrau eingesperrt war, ein hässliches Gebilde aus Stahl und Glas, gleich einem Käfig.
„Prinzessin, ich bin hier um dich zu retten!“, rief er lautstark in Richtung des 10. Stocks. Sicherheitshalber fügte er noch ein „Fräulein Perchteder!“ hinzu, da viele Köpfe sich neugierig aus den Fenstern zu recken begannen.
„Das bin ich!“, rief eine helle Stimme dem Prinzen zu.

„Lass dein Haar herunter!“, befahl der edle Ritter gebieterisch. Doch sie hatte eine Kurzhaarfrisur.
„Nehmen’S doch den Lift“, riet ihm eine ältere Frau, als er sich daran machte, an der glatten Fassade hinaufzuklettern.
„10. Stock, Appartement 7“, informierte die hübsche Maid ihn noch. Nach dem Ritt mit dem höllischen metallenen Gaul zehn Stockwerke in die Höhe fand der Prinz das Appartement 7 des Fräuleins Perchteder.

„Tritt zurück, holde Jungfrau, ich werde dich retten!“, rief er ihr zu, nahm Anlauf und rammte die Holztür mit einem gezielten Fußtritt und unter Einsatz seiner Schulter und seiner gesamten Kraft ein.
Die Prinzessin stand mit offenem Mund vor ihm und betrachtete erst die ausgehängte Tür, die nun auf dem Boden lag und dann ihn. „Keine Sorge, du bist gerettet“, teilte er ihr mit und lächelte sie aufmunternd an. Er kannte diesen Anblick, wenn es den jungen Damen vor lauter Faszination über seinen Heldenmut die Sprache verschlug.

Doch sie fand ihre Worte bald wieder: „Na das ersetzen Sie mir aber! Und Ihren Schlüsseldienst bestelle ich auch nie wieder!“

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#22 Alenuro, der Schmetterling

24. Juni 2010 at 20:06 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - Märchen, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Der blau-violette Schmetterling mit der hübschen weißen Zeichnung nahm auf seiner linken Brust Platz, direkt über seinem müde pochenden Herzen.
„Sag ihr, dass ich sie liebe!“, trug er dem anmutigen Insekt auf. Der Schmetterling flatterte zwei Mal langsam mit seinen Flügeln, bevor er sich in die Lüfte erhob und sich auf einer warmen Strömung westwärts treiben ließ. Er hatte seinen Auftrag verstanden.

Für Alenuro war es nicht das erste Mal, dass er eine so wichtige Botschaft zu überbringen hatte. Doch ein Schmetterling zu sein, hieß eben nicht, den ganzen Tag über fröhlich von Blüte zu Blüte zu flattern und überall etwas Nektar zu saugen. Ein Schmetterling zu sein war in Tagen wie diesen ein harter Job.

Der Anblick, der sich Alenuro bei seiner Reise Richtung Westen bot, war kein schöner. Das Land war verwüstet, zerklüftet von Kratern und noch immer stiegen hier und da Rauchwolken von orange züngelnden Flammenmeeren auf. Der blau-violette Schmetterling musste sich immer wieder über die Menschen wundern. Sie führten Kriege und machten alles kaputt, sie rissen ihre eigenen Herzen entzwei und für was? Macht, Ländereien, Geld… Alenuro war froh, dass diese Dinge in seiner Welt nichts wert waren.

Er flatterte nun so schnell, wie ihn seine Flügel trugen, er spürte, wohin er musste. Meilenweit musste er fliegen, bis er das sichere Plätzchen erreichte, bei dem er seine Nachricht abliefern sollte. Das kleine Bauernhaus schmiegte sich eng an den Waldrand, friedlich grasten ein paar Schafe auf der umzäunten Weide, die gleich an das Häuschen anschloss. Alenuro setzte zum Landeanflug an. Ein in der leichten Brise schaukelnder Grashalm wurde sein Sitzplatz.

„Ahnt sie es schon?“, fragte er den Schafbock, der ihn unter dem Grasen von der Seite beäugte. Dieser nickte schwer. „Sie weint schon seit Stunden, sie hat es gespürt.“
Der Schmetterling seufzte und erhob sich von seinem grünen Rastplatz. Das Küchenfenster stand offen, wahrscheinlich hatte Sualita schon auf ihn gewartet. Sie saß am Küchentisch, die Hände gefaltet, sie weinte nicht mehr. Vorsichtig trippelte Alenuro über den dunklen Holztisch auf sie zu, um die stumm in die Ferne starrende Frau nicht zu erschrecken. Dicht vor ihr hielt er an, bewegte zwei Mal die Flügel auf und ab, ehe er sich wieder auf den Weg machte. Er hörte sie ein letztes Mal laut aufschluchzen, bevor er den Hof verließ.

„Kümmert euch um sie, solange ich fort bin!“, rief er den Schafen zu. Er musste nun Trost suchen, für die verzweifelte Frau, und wusste auch, wo dieser zu finden war – schließlich war das seine Aufgabe, als Schmetterling in diesen Zeiten.

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#18 Das Ende eines langen Tages

28. April 2010 at 23:39 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - Märchen) (, , , , , )

Das Auto fuhr ungewöhnlich langsam die dunkle Straße entlang. Beinahe in Schritttempo rollte es neben ihr her. Die beiden Herren, die darin saßen, musterten sie neugierig. Ob noch jemand im Auto saß, konnte sie nicht erkennen – die hinteren Scheiben waren abgedunkelt.
Dann bog das Fahrzeug um die Ecke und die spärlich beleuchtete Straße war wieder leer, bis auf zwei einsame Gestalten, die eilig nach Hause hasteten.

Miriam quengelte an ihrer Hand. Sie war müde, es war ein langer Tag gewesen und sie wollte nicht zu Fuß nach Hause gehen. Sie versuchte, die Kleine abzulenken und erzählte ihr die Geschichte vom kleinen Schneemann, der seine Nase verloren hatte.
Wieder näherte sich ein Auto. Es war dasselbe wie vorhin. Sie fröstelte und Miriam sah sie verwundert an, als sie das Zittern in ihrer Hand spürte. Der Wagen blieb stehen, das Fenster an der Beifahrerseite glitt hinab und ein gepflegter Mann in ihrem Alter lächelte sie an.

„Dürfen wir Sie nach Hause bringen?“ fragte er mit einer sanften, melodischen Stimme. Miriam jauchzte und zerrte an ihrer Hand. Sie zögerte. Sie würden noch mindestens eine halbe Stunde zu gehen haben. Aber zu zwei fremden Männern ins Auto steigen?
Der Fahrer war unterdessen ausgestiegen, hatte das Auto von hinten umrundet und öffnete nun die Hintertür für die Frau und das Kind. Einladend wies er mit der Hand auf die glänzenden Ledersitze. Miriam bettelte mit den Augen. Seufzend nickte sie, nichts Gutes ahnend und half der Kleinen hinein. Der Fahrer schloss die Tür hinter ihnen.
„Wo soll es denn hingehen?“, fragte der Beifahrer. Sie nannte ihm eine Adresse einige Häuser von der eigenen entfernt. Sie würde die sofort in tiefen, friedlichen Schlaf gesunkene Miriam das letzte Stück tragen. Sie vertraute diesen beiden Männern nicht ganz. Und sie wollte nicht, dass sie ihr schäbiges kleines Häuschen zu Gesicht bekamen.

Trotzdem hielt der Wagen einige Minuten später direkt vor ihrer kleinen Bleibe.
„Hier ist es richtig, oder?“, fragte der Fahrer mit leiser, beruhigender Stimme. Sie nickte und schluckte. Was hatte es mit diesen Männern auf sich?
„Darf ich Sie morgen wieder sehen?“, fragte der Beifahrer und drehte sich halb in seinem Sitz um, um ihre Reaktion sehen zu können. Sie zog Miriam fester an sich und griff nach dem Türöffner.

Jahre später würde Miriam ihren eigenen Kindern vor dem Einschlafen regelmäßig ein Märchen erzählen. Von einer Frau und einem kleinen Mädchen, die sehr arm waren und kaum genug zum Leben hatten. Und von einem Prinzen, der sich in die bitterarme Frau verliebte und sie und ihr Kind in sein Schloss aufnahm, wo sie glücklich bis an ihr Lebensende lebten.

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#8 Opapa, erzähl mir vom Krieg!

4. Februar 2010 at 18:34 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Märchen, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , )

„Opapa, warum ist dein Bein aus Holz?“, fragte die kleine Sabine und kletterte auf den Schoß ihres Großvaters.
„Wegen dem Krieg, Bienchen“, antwortete er und fuhr ihr mit der Hand liebevoll übers Haar.
„Aber warum bekommt man da ein Holzbein? Opapa, erzähl mir vom Krieg!“, sah sie ihn mit großen Augen an.
„Ich werde dir eine kleine Geschichte erzählen, dann wirst du es vielleicht verstehen“, sagte der Großvater und seine Enkelin machte es sich auf seinem Schoß bequem.

„Es waren einmal viele Schafherden, die lebten auf einer großen Wiese. Jede Herde hatte ihr eigenes umzäuntes Gehege. Manchmal stritten die Schafe miteinander, doch im Großen und Ganzen lebten sie friedlich miteinander.
Eines Tages sprang ein Schaf über den Zaun in ein anderes Gehege. Das Tier begann dort zu erzählen, dass es bessere und schlechtere Schafe gab. Es erklärte, dass nur die guten Schafe es verdient hätten, zu überleben. Die anderen Schafe verstanden nicht ganz, was gemeint war, aber sie blökten und nickten. Sie dachten, sie gehörten zu den Guten.
Bald begann das Schaf, das aus dem anderen Gehege gekommen war, Freunde auszuwählen. Es gab ihnen den Auftrag, nach Schafen zu suchen, deren Fell etwas anders gefärbt war, nicht ganz weiß. Und zu diesen Schafen sollten sie schrecklich gemein sein.
Eines der Tiere wollte das aber nicht tun und sagte das auch. Das gefiel dem führenden Schaf aber gar nicht und so wollte es das widerspenstige Schaf davonjagen.
Und so geschah es. Die neuen Freunde des Schafes aus dem anderen Gehege jagten und hetzten das Tier, das sich gegen sie gestellt hatte. Es musste über Zäune springen und so schnell laufen, wie der Wind und irgendwo auf dem Weg verletzte es sich das Bein. Es fiel hin und stellte sich tot und endlich hörten die anderen mit ihrer wilden Jagd auf und kehrten zu ihrem Anführer-Schaf zurück.
‚Mäh‘, sagte dieses und streckte ein Bein triumphierend in die Luft. ‚Mäh, mäh, mäh‘, antworteten die anderen Schafe und taten es ihm gleich…“

„Opapa“, unterbrach die kleine Sabine, „das ist aber keine schöne Geschichte…“
„Nein, meine Kleine, der Krieg ist nicht schön.“
„Bist du in der Geschichte das Schaf mit dem verletzten Bein?“
„Ja, Schätzchen, das hast du gut verstanden.“
„Machen Schafe so etwas wirklich?“, fragte sie und sah ihren Großvater ängstlich an.
„Manchmal, Bienchen, manchmal. Und auch wir Menschen müssen uns vor denjenigen in Acht nehmen, die behaupten, dass es unter uns Bessere und Schlechtere gibt und nur die ‚Guten‘ Rechte haben.“

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#6 Die Prinzessin und der Drache

17. Januar 2010 at 18:10 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - lustig, Kurzgeschichten - Märchen) (, , )

„Schon viele standen an dieser Stelle und haben um meine Hand angehalten“, sprach die Prinzessin. „Aber bevor ich dich zum Gatten nehme, musst du eine Aufgabe erfüllen. Befreie das Land von Angst und Schrecken und töte den furchterregenden Drachen!“ Sie machte eine theatralische Pause. „Doch ich muss dich warnen“, fuhr das zauberhafte Geschöpf fort, „schon zehn redliche junge Männer sind nicht mehr von ihrer Reise zurückgekehrt…“
„Prinzessin“, antwortete der junge Edelmann, „ich werde den Drachen töten und in drei Tagen wieder zurück im Schloss sein.“ Sicheren Schrittes verließ er den Thronsaal, schwang sich auf seinen weißen Schimmel und ritt aus der Stadt.

Sein Weg führte ihn über Stock und Stein und am späten Abend erreichte er das Gebirge, in dem der schreckliche Drache in einer versteckten Höhle hauste. Als die Sonne wieder aufging und die sternenklare Nacht vertrieb, machte er sich zu Fuß an den Aufstieg in die verlassene Felsenlandschaft.
Es dauerte einige Stunden, dann hörte der mutige Kämpfer das wiederhallende Echo des Schnaufens und Fauchens des schlafenden Drachen. Bald stand er vor dem grünen gehörnten Ungetüm, das mit seinem schuppigen Körper die ganze Höhle füllte. Das Tier sog scharf die Luft ein, witterte den Menschengeruch und öffnete seine gelben, glitzernden Augen. Der tapfere Ritter zückte sein Schwert, schnellte vorwärts und rammte dem Drachen die scharfe Klinge in den Leib, noch bevor er wutentbrannt Feuer speien konnte.
Als Beweis für seinen Sieg hackte der junge Edelmann dem toten Tier den grün schillernden Schwanz ab und machte sich auf den Rückweg zur Prinzessin.

Am dritten Tag war er zurück im Schloss, legte der entzückten Prinzessin seine Trophäe vor die Füße und sagte: „Holde Maid, ich bin zurück, das Land ist befreit, der Drache tot.“
Dankbar fiel die bildhübsche junge Frau ihm um den Hals und jauchzte: „Ich wusste von Anfang an, dass du es schaffen würdest! Du sollst mein Prinz sein! Morgen wollen wir Hochzeit feiern und unsere Liebe besiegeln!“
„Meine Prinzessin, von Liebe kann nicht die Rede sein. Wahre Liebe muss sich nicht beweisen.“ Er verneigte sich, schwang sich auf seinen weißen Schimmel und ritt in ein anderes Königreich, um das Herz einer anderen Prinzessin zu erobern.

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