#57 Davonlaufen

25. Oktober 2013 at 22:24 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , )

Als die Dunkelheit seine Heimatstadt sanft umschlang und die Sterne begannen einander zuzuzwinkern, da nur sie wussten, welche Geheimnisse die Nacht hütete, rannte er los. Bloßfüßig sprintete er über die Pflastersteine, die die Einfahrt bedeckten, grau und kalt und mit moosigen Rillen, die sich feucht und weich anfühlten. Als er den Kiesweg querte, musste er die Zähne zusammenbeißen, um den Schmerz nicht zu spüren. Die spitzen Steinchen bohrten sich unerbittlich in seine Sohlen, um in der nächsten Sekunde wieder knirschend zu ihren Gesellen ins Kieselbett zurückzufallen.

Er atmete auf, als er endlich die saftige grüne Wiese erreichte, die in der Nacht so grau wie alles andere war. Der Tau, der sich schon für den Morgen bereit gemacht hatte, um in der Sonne zu funkeln und seine Pflänzchen zu tränken, war Balsam für seine Fußsohlen und seine Seele. Er lief so schnell, dass sein hellblauer, weit geschnittener Pyjama um seinen Körper schlackerte.
Seine Frau, Annette, hatte ihn schon oft gebeten, dass er doch mit dem nächtlichen Laufen aufhören möge. Aber seine Frau, Annette, hatte keine Ahnung. Keine Ahnung, was die Nacht so an Erinnerungen mit sich brachte.

Er war am Waldrand angekommen und endlich konnte er langsamer werden. Die kalte Luft schmerzte bei jedem Atemzug in seiner Lunge, er keuchte, hielt sich die stechenden Seiten und beugte sich nach vorne. Erschöpft lehnte er sich gegen eine Eiche, bis sein Atem wieder regelmäßiger wurde. Tief drinnen im Wald schrie ein Käuzchen und irgendein Tier ging raschelnd im Gebüsch seinen Tätigkeiten nach. Seine Kondition war auch nicht mehr das, was sie einmal gewesen war.

Damals, als der Stoff für seine Alpträume entstand, war er so schnell wie kein anderer, egal ob es darum ging, zu essen, zu schießen oder zu rennen. Die Fähigkeit, loszulaufen, obwohl rund um ihn herum Menschen litten und starben, während die anderen Soldaten vor Schock gelähmt dastanden, war es dann auch, die ihm das Leben gerettet hatte. Er war nicht stolz darauf, dass er sich drei Tage durch die Wälder gekämpft hatte, weil er die Gräuel des Krieges nicht mehr aushielt, er war nicht stolz darauf, dass er das Vaterland im Stich gelassen hatte.

Er ging langsam, tastete sich voran, er wollte nicht stolpern. Manchmal stießen seine Zehen gegen Wurzeln, die sich heimtückisch aufwölbten, um einen unachtsamen nächtlichen Wanderer zu Fall zu bringen. Aber der Wald konnte ihn verschlucken, er hatte es schon einmal getan, es war ihm egal.
Er hatte Annette nie sagen können, warum er wegrannte, wenn sie ihn mitten in der Nacht berührte. Es reichte schon, wenn ihr heißer Atem sein Ohr streifte oder sie sich im Schlaf unvermittelt gegen ihn schmiegte. Seine innerlichen Alarmglocken schrillten, sein Herz klopfte schneller, besonders wenn er gerade aus einem der üblichen Träume hochschreckte. Er musste einfach laufen, ob er nun lieber im warmen Bett bei Annette liegen geblieben wäre oder nicht.

Sein Puls hatte sich normalisiert, seine Atmung war flach, aber regelmäßig. Bald würden die Amseln ihre morgendlichen Lieder anstimmen, während er in dem Haus, das nun schon seit dreiundzwanzig Jahren sein Eigentum war, in dem er mit seiner Frau Annette und seinen zwei Töchtern wohnte, darauf wartete, dass der Tag die Schrecken der Nacht vertrieb.

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#56 Überwältigt

30. August 2013 at 22:04 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , )

In jenem kurzen Moment zwischen Schlaf und Wachheit, jener Sekunde, die sein Geist nach dem ersten Öffnen der Augen brauchte, um sich zu erinnern wo und wer er war, erfüllte ihn ein Gefühl der Überwältigung. Sein Herz begann spürbar zu pochen und seine Nebenniere versorgte sein Blut mit einer kleinen Menge an Adrenalin – gerade so viel, dass er ein aufgeregtes Flattern in seinem Bauch spürte. Er war überwältigt von ihr – ihr, der makellos eingerichteten Wohnung; ihr, der Stadt, mit all ihren in der Morgensonne glitzernden Fenstern und metallenen Bauwerken, die nur eine Glasscheibe entfernt auf ihn wartete; und ihr, der Frau, die neben ihm noch tief und fest unter der beigen Bettdecke schlummerte.

Alles, was er sich je erträumt hatte, war in diesem Moment wahr geworden, so verhieß es ihm sein dahindämmerndes Gehirn. Die Metropole, in die er vor drei Jahren gezogen war, in ein winziges Kämmerchen in der Wohnung einer alten Frau, die sich die Miete alleine nicht leisten konnte, die Stadt, die nie schläft, hatte ihn nun endlich und nach langem Kampf in ihre schützenden Arme genommen und ihm das majestätische Dach über dem Kopf gegeben, das er sich immer gewünscht hatte.

Er war verlacht worden, hatte die gehässigsten Scherze ertragen, hatte in Armut gelebt, nur um in dieser Stadt den Aufstieg zum anerkannten und gefeierten Künstler zu schaffen, dieser Stadt, die schon so viele Unbekannte zu Raritäten gemacht hatte, ausgestellt in einem Museum ohne Glasvitrinen, ungeschützt vor den gierigen Händen, Augen, Kameras der schaulustigen Menge. Und fast genauso viele der zu unerwarteten Bekanntheit gekommenen jungen Menschen hatte die Stadt wieder dahingerafft, sie hatten sich selbst dahingerafft, unfähig, mit dieser seltsamen Art von Ruhm und der Hassliebe der Klatschzeitschriften umzugehen.

„Künstler, Überlebenskünstler, das ist ein und dasselbe“, schoss es ihm durch den Kopf, in jener zweiten Sekunde, in der er auf die sonnendurchflutete Stadt vor dem gigantischen Fenster hinunterblinzelte. Er hatte nur dieses eine Leben um seine Träume zu verwirklichen, nur dieses eine Leben… So wie auch die Frau, die sich gerade im Schlaf umdrehte, sich ihm zuwandte, in ihrer schläfrigen Friedlichkeit die Finger nach ihm ausstreckte, ihn ohne ihr Wissen umarmte und an sich drückte.

Diese Frau hatte seine Anwesenheit gebraucht, in jener Nacht, die Zärtlichkeit genauso wie die Unschuld, die dieses erste Zusammentreffen mit sich gebracht hatte, ihre Beschämtheit darüber, dass sie ihn angerufen und zu sich bestellt hatte.
Ihr Leben war viel tragischer als das Seine, das Leben eines gescheiterten Künstlers – denn sie hatte alles, sie war wohlhabend, gut untergebracht und behütet, jeden Luxus dieser Welt konnte sie genießen und doch war sie allein. Allein in diesem goldenen Käfig, den der Mann, der jetzt an seiner Stelle neben ihr liegen sollte, dem die schlaftrunkene Umarmung galt, um sie gesponnen hatte.

Er hingegen war frei, konnte seine Flügel aufspannen und hinuntersegeln, hinunter in diese Stadt, die ihre Arme für Überlebenskünstler weit offen hielt. Drei Sekunden brauchte er um zu begreifen, was Glück war.

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#55 Alleingelassen

17. Juni 2013 at 19:20 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , )

Die Münzen klimperten hoffnungsfroh in seiner Hosentasche, als er die Stufen der Schultreppe – jede zweite überspringend – hinunterlief, unter dem Vorwand, dass er den Bus erwischen musste. Er hatte zehn Minuten Zeit, bevor ihn seine Mutter mit dem Auto abholen würde, zehn kostbare Minuten, die er sich seit Tagen vom Mund abgespart hatte, da er für diese zehn Minuten bezahlen musste, anstatt sich von dem Geld Leckereien am Schulbuffet zu kaufen.

Er fütterte das Münztelefon, das an einer Straßenecke auf der Hinterseite der Schule stand, ein Relikt aus vergangenen Zeiten in moderner Aufmachung. Erst einmal nur die verlangten 30 Cent, für den Fall, dass er niemanden erreichte. Er wählte mit zitternden Fingern die Nummer am Touchscreendisplay in der Telefonzelle.

Tuuut. Tuuut. Tuuut.

Endlich die ersehnte Stimme am anderen Ende der Leitung. Nur noch acht Minuten.

„Papa? Ich bin’s, Clemens.“

„Nein, hab ich nicht verloren, aber ich kann nicht vom Handy aus anrufen…“

Die Anzeige zeigte nur noch 10 Cent und begann zu blinken. Er fütterte das Telefon mit neuen Münzen.

„Ja, es ist schlimmer geworden… Deswegen rufe ich an, Papa. Du musst was machen, ich weiß nicht, was ich noch tun kann!“

„Nein, sie holt mich gleich ab… Vielleicht wartet sie eh schon vor dem Schultor… Sie lässt mich keine Minute allein!“

„Kannst du nicht irgendwas tun? … Mit ihr reden?“

Klappernd fanden die nächsten Münzen ihren Weg ins Innere des Automaten.

„Was meinst du mit zwecklos?“

„Ich bin erst dreizehn! Was soll ICH denn bitte tun?“

„Das kannst du nicht machen. Sie ist doch nicht verrückt… Ich weiß auch nicht, was sie hat… Wahrscheinlich vermisst sie dich…“

„Sag nicht, dass es ihre Schuld war, dass es nicht geklappt hat, das ist gemein. Es war auch deine Schuld!“

Der Automat war hungrig, die Zeit knabberte unaufhörlich an den verbleibenden Münzen und Minuten. Noch zwei Minuten, dann musste er zurücklaufen, wenn er nicht wollte, dass seine Mutter ihn beim Telefonieren erwischte.

„Ich bin auf gar keiner Seite! Aber du bist ja nie da gewesen! Wo warst du, als das alles begonnen hat, also dass Mama niemandem mehr vertraut hat?!“

„Ich weiß, dass du nicht zurückkommst um ‚heile Familie‘ zu spielen… Darum geht’s gar nicht… Überleg dir bitte nur…“

Die Anzeige hatte schon seit einigen Sekunden geblinkt, das Ersparte war aufgebraucht und die Leitung plötzlich tot. Langsam hängte Clemens den Hörer auf die Gabel. Heile Familie. Wie lange hatte er überhaupt eine heile Familie gehabt? Und wie lange konnte er noch gleichzeitig ein Mann und ein Kind für seine Mutter sein, ein zwiegespaltenes Liebesobjekt, das gehegt, gepflegt, kontrolliert und gezüchtigt werden musste?

In einer Minute würde die Schulglocke klingeln, fröhliche Schülermassen würden sich über die Treppenstufen in die Freiheit und ins Wochenende drängen, lautstark und voller Vorfreude auf Ausflüge zum Badesee, Spielen und Toben mit Freundinnen und Freunden, Kuchenessen bei den Großeltern und auf das Bauen von Modellflugzeugen mit ihren Vätern. Er biss sich auf die Lippe, damit ihm keine Tränen in die Augen stiegen, er war ein großer Junge, er durfte nicht weinen.

Er bog die Zweige der Hecke, welche den Schulhof säumte, an jener Stelle auseinander, von der er wusste, dass dahinter der Zaun kaputt war. Einen beruhigenden Moment lang war er nur von Grün umgeben, als sich die dicke Hecke um ihn herum schloss. Er atmete einmal tief ein, bevor er die Zweige wieder auseinanderbog, und aus dem grünen Dämmerlicht auf den sonnigen Schulhof trat. Er suchte den Schutz des Schattens des Schulgebäudes und lief zum Fuß der Treppe, die er an jenem Tag schon halb laufend, halb springend überquert hatte und mischte sich in die lärmende Menge, die ihn aufnahm und zum Schultor schwemmte, an dem er seine Mutter schon nach ihm spähen sah. Sie schien in der Menge der wartenden, plaudernden, winkenden Eltern genauso verloren und abgekapselt von der Umgebung wie er selbst sich fühlte. Er seufzte bei dem Gedanken an das gerade beginnende Wochenende.

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#54 Ohne Worte

29. März 2013 at 19:17 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , )

Die Schwestern Irina und Renate hatten bis auf ein paar gemeinsame Verwandte und die blauen Schirme, die es beim Supermarkt zu kaufen gab, nichts gemeinsam. Sie lebten zwar in derselben Stadt, doch sie sahen einander so selten, dass es schien als wäre die Reise von der einen zur anderen unendlich lang und beschwerlich; eine Reise die zu viel Kraft kostete um sie oft anzutreten.

Nicht einmal ihre Kindheitserinnerungen waren dieselben: Wenn Irina sich daran erinnerte, dass sie früher mit Mutter im Wald Pilze suchen waren, konnte sie sich sicher sein, dass Renate ihr widersprach und darauf bestand, dass es Vater gewesen war. Nach unzähligen Diskussionen hatten sie aufgehört zu versuchen, ihre Erinnerungen in Einklang zu bringen. Irgendwann später hörten sie generell auf, über persönliche Dinge zu reden. Es war zu schwierig sich einzugestehen, dass sie einander doch ähnlicher waren als sie sein wollten.

Es war einer jener trüben, regnerischen Nachmittage an dem Irina von einer unbeschreiblichen Einsamkeit erfasst wurde, die sie frösteln ließ, während die leere Wohnung immer größer, stiller und unheimlicher zu werden schien. Bevor Irina in einen Zustand der innerlichen und äußerlichen Erstarrung zu verfallen drohte, griff sie nach dem Telefon und wählte seit langem einmal wieder Renates Nummer.

Es klingelte fünf Mal, bevor Renate abhob. „Nati“, keuchte Irina, deren Atmung beim Warten auf die Entgegennahme ihres Anrufs ganz aus dem Rhythmus gekommen war, „können wir spazieren gehen? Ich hole dich in einer Viertelstunde ab.“ „Ja“, sagte Renate, „bis dann, Ina.“

Irina würde es sich nie eingestehen, aber Renates Einsilbigkeit war einer jener Charakterzüge, den sie in den letzten Jahren erst zu schätzen gelernt hatte. Als sie jünger war und versucht hatte, den Rat ihrer älteren Schwester zu erbitten, hatte es sie oft in den Wahnsinn getrieben, wenn Renate in ihrer wortkargen Art, sei es nun absichtlich oder unabsichtlich, nichts von ihrer Weisheit preisgeben wollte. Renate stellte keine Fragen und bat auch nicht um Hilfe, sie stellte höchstens einmal eine Tatsache in den Raum.

Mit ihren blauen Schirmen gegen den Nieselregen gewappnet, gingen die beiden Mittsechzigerinnen nebeneinander her. Sie wahrten einen beträchtlichen Abstand zwischen einander und achteten darauf, sich auch seelisch nicht zu nahe zu kommen, da sich keine von ihnen verletzbar machen wollte. Die Wunden aus ihrer Kindheit waren noch lange nicht geheilt.

„Inchen“, sagte Renate nach einigen hundert Metern und stützte sich dabei schwer auf ihren Stock, „Johann wird bald sterben.“ Irina sagte nichts, sie nickte nur. Sie fühlte sich außerstande, die Schwester zu umarmen, damit würde sie eine Grenze überschreiten, die die beiden Schwestern schon vor Jahren in einem stillen Abkommen gezogen hatten.

Irina dachte an Johann. Sie sah ihn nicht oft, denn er mochte es nicht, wenn Besucher ins Haus kamen und Irina wäre nie auf die Idee gekommen, Renate und ihn zu sich einzuladen. Sie wusste auch nichts über die Beziehung zwischen den beiden. Das einzige, das Renate ihr jemals erzählt hatte, war, dass er eifersüchtig darauf war, dass Renate und Irina sich bei ihren Kosenamen riefen. Zeit seines Lebens war er für Renate immer nur Johann gewesen, nicht Hans oder Hansi wie bei seinen Eltern und Jugendfreunden, immer nur Johann. Und jetzt würde er bald sterben.

„Sein Herz tut’s nicht mehr lang“, fügte Renate hinzu und wieder nickte Irina, ohne sich sicher zu sein, ob ihre Schwester ihr Nicken überhaupt bemerkte. Irina selbst hatte nie einen Mann gehabt, nicht einmal einen wirklichen Liebhaber. Sie wusste nicht, welchen Trost man in so einer Situation anbieten sollte. In diesem Moment verfluchte sie ihre Eltern und ihre Lehrer, die ihr nichts darüber beigebracht hatten, wie man seine Liebe und sein Mitgefühl zum Ausdruck bringt.

„Ruf mich an, wenn es so weit ist, Nati“, war alles, was sie aus den dunklen Tiefen ihres erstarrten Herzens hervorholen konnte. Mehr konnte sie ihrer Schwester nicht geben. Vielleicht dann, wenn der Schmerz am größten war und alle Berührungsängste vor dem Angesicht des Todes ihre Relevanz verloren. Vielleicht dann.

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#51 El

31. Mai 2012 at 23:36 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , , )

In jenem Sommer als meine Eltern mich zu meiner Tante aufs Land abschoben, um in Ruhe ihre Ehekrise zu überwinden (sie überwanden sie nicht; sie nutzten die gewonnene Zeit um den gemeinsamen Haushalt aufzulösen und meine bis dahin unbeschwerte Kindheit abrupt zu einem Ende zu bringen) und der drohte, der langweiligste meines Lebens zu werden, lernte ich El kennen. Ich kann mich nicht mehr an seinen richtigen Namen erinnern, nur daran, dass ihn alle „El“ gerufen hatten.

El war zehn Jahre alt, genau wie ich, und er hatte diese unglaubliche Ausstrahlung – eine Aura des Unheils schien ihn zu umgeben. Ich wusste sofort: Wenn ich in seiner Nähe blieb, würde etwas passieren. Darum heftete ich mich an seine Fersen und verschmolz mit seinem Schatten, damit ich den Moment nicht versäumte, in dem das Großartige, das Abenteuer begann.
Kein Junge im zarten Alter von zehn Jahren – vor allem nicht die wilden, sommersprossigen, kurzhosigen Jungen mit einer Narbe am Kinn – mag es, wenn er von einem gleichaltrigen, zierlichen Mädchen in bunten Sommerkleidern und mit dunklem Pferdeschwanz verfolgt wird. Aber El hatte keine Wahl, das machte ich ihm gleich am ersten Tag klar, mit dem einfachen Argument: „Es gibt keine anderen Kinder hier.“

Da El aber weder Kochen, Vater-Mutter-Kind noch mit Puppen spielen wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als ihm bei seinen wilden Burschenspielen zuzusehen, die er seit er sich erinnern konnte alleine spielte.
Am fünften Ferientag passierte dann etwas. Der Lieblingsjagdhund von Els Vater kam zu einem plötzlichen und unerklärlichen (für mich nicht ganz so unerklärlich, da ich dem Spektakel beigewohnt hatte) Tod, obwohl er sich bis zu diesem Tag bester Gesundheit erfreut hatte. Ebenfalls zu Schaden kam beim selben Anlass ein blau-weiß kariertes, kurzärmeliges Hemd des Hundebesitzers.

Der stämmige und zugleich äußerst agile Dachshund, dessen Spezialität es war, sich heimlich an Kaninchenbaue heranzuschleichen, die verängstigten Insassen aufzuscheuchen und Els Vater vor die Flinte zu jagen, pflegte schon seit Jahren eine innige Feindschaft mit El.
El schwor mir, dass besagte Feindseligkeit allein vom Hundsvieh ausginge, das sich partout weigerte, auf seine Annäherungsversuche einzugehen. Sobald El sich innerhalb eines Radius von zehn Metern um das Tier befand, begann es zu knurren und zu kläffen. Und obwohl es sich um einen Jagdhund handelte, der es liebte, Dingen nachzuhetzen und Befehle auszuführen, bedachte er El nur mit einem verächtlichen Blick, wenn dieser versuchte, dem Tier ein Stöckchen zu werfen.

El ließ mich gnädig an seinen Experimenten teilhaben (gegen mich hegte der Hund übrigens keinen Groll – wenn er gut gelaunt war, also El sich nicht in seiner Nähe befand, durfte ich den warmen, drahtigen Körper sogar streicheln). Als erstes versuchte El den Hund mit Leckereien aus seiner Lethargie zu erwecken. Er würde etwas Speck oder Schinken oder die Knochen aus der Hühnersuppe aus der Küche seiner Mutter entwenden, sie feinsäuberlich mit einem dünnen Bindfaden an einem Stock befestigen und so weit werfen, wie er nur konnte. Das Vergnügen des Werfens blieb El vorbehalten, ich durfte nur ab und zu bei der Bestückung der Stöcke mit den Köstlichkeiten behilflich sein. Ich war schließlich ein Mädchen und konnte nicht so weit werfen. Ich wollte mich mit meinem einzigen Freund nicht streiten, also beließ ich es bei dieser Arbeitsaufteilung.
Der braune, sture Dachshund reagierte auf keines der Spielangebote. Er lag einfach nur in der Sonne und knurrte grimmig vor sich hin. Manchmal, am Ende eines fehlgeschlagenen Experimentes, kniete sich El in einiger Entfernung auf den Boden und verzehrte den schmutzig gewordenen Schinken oder Speck genüsslich, während er dem Tier dreist in die Augen starrte und seine Kiefer voller Hohn das Fleisch zermahlten.

Am fünften Ferientag war Els Geduld am Ende und er griff zum äußersten Mittel. Er klaute ein getragenes, verschwitztes Hemd seines Vaters aus der Wäschetruhe im Keller und band es um einen großen Buchenast. Sobald der Hund den vertrauten Duft seines Herrchens erschnupperte, löste er sich aus der Erstarrung und rannte El, der das Hemd an seinem Stock wie eine Fahne im Wind schwenkte, aufgeregt bellend hinterher.
Wir galoppierten wie die Wilden durch Wiesen und Felder, der japsende Hund stets an unseren Fersen, bis wir am Flussufer angelangt waren. Der Fluss führte immer noch viel Wasser, vor Ferienbeginn hatte es heftige Regengüsse gegeben, und die Strömung war stark. Ab und an wirbelte es Äste und Zweige vorbei, die immer wieder in einem der Strudel versanken, um einige Meter flussabwärts wieder aus dem Wasser aufzutauchen.
El fiel nichts Besseres ein, als die Hemdenfahne mit aller Kraft ans andere Flussufer zu schleudern. Doch sie kam nie dort an, sondern landete glucksend in den Fluten. Noch bevor ich begriffen hatte, was eigentlich geschehen war, hatte sich der mutige Dachshund ins eisige Wasser gestürzt, um den Besitz seines Herrchens zu retten. Ein paar Mal sahen wir noch das glitschig-nasse Köpfchen hervortauchen, dann hatte die Strömung Hund und Hemd mit sich fortgerissen.

El hatte den Anstand, meine Beteiligung am Verschwinden des Lieblingsjagdhundes nicht zu erwähnen. Überhaupt musste er seinen Eltern eine großartige Lüge aufgetischt haben, denn er wurde nicht einmal bestraft.
Bis zum Ende des Sommers ersannen wir gemeinsam Geschichten über das, was der Dachshund auf seiner Reise zum Meer alles erlebte und zogen aus unserem Geheimnis eine seltsame Befriedigung, die mir noch heute einen Schauer über den Rücken jagt, wenn ich mich der Erinnerung an dieses reuig-schadenfrohe Gefühl hingebe.

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#50 Die hungrige See

9. April 2012 at 23:07 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

„Mach’s gut“, sagte sie und während sie ihn ein letztes Mal in die Arme schloss und seinen Duft und die Wärme seines Körpers einsog, zerriss die letzte Faser, die ihr Herz noch zusammengehalten hatte. Seine hochgewachsene Statur war ihr in den vergangenen Jahren so vertraut geworden, das fein gezeichnete Gesicht, die braunen Augen und sein volles Haar, das er nun kurz geschoren hatte. Sie würde ihn schrecklich vermissen.

Er schulterte den Seesack und balancierte über die rutschige Planke, die den Pier mit der Fähre verband. Es hatte den ganzen Tag geregnet. Die Wellen spielten mit dem Boot, warfen es sanft hin und her, während die Gischt gierig am Metall leckte. Wenn sie sie nur einen einzigen Moment aus den Augen lassen würde, würde die hungrige See mit Sicherheit die kleine Fähre verschlucken.
Im Bauch des Schiffs angekommen, drehte er sich ein letztes Mal nach ihr um und hob die Hand zum Gruß. Sie legten ab. Erst schnitt der Bug noch zögerlich durch die verspielten Wellen, so als würde er darauf warten, dass sie „halt, komm zurück!“ schrie, doch mit zunehmender Geschwindigkeit wurde die Fähre immer selbstsicherer und wandte ihr den Rücken zu.

Sie winkte und winkte und ließ endlich den Tränen freien Lauf, die sie so lange in sich eingeschlossen hatte, seit dem Tag, als er ihr eröffnet hatte, dass er sie verlassen würde. Sie hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, aber sie hatte insgeheim gehofft, dass sie sich irrte und er für immer bei ihr auf der Insel bleiben würde. Der Regen setzte wieder ein und peitschte ihr das Salz von den Wangen.

Schon einmal war sie hier gestanden und hatte auf Wiedersehen gewunken. Doch damals war sie nicht von unendlicher Traurigkeit erfüllt gewesen, nein, ihr Herz hatte überquellen wollen vor Glück. Denn es lag ein Sommer vor ihr, wie sie ihn sich immer erträumt hatte, ein Sommer ohne Einsamkeit. Sie war nicht allein, als sie der Fähre winkte, auf der seine Eltern wieder dem Festland und dem Arbeitsleben entgegentuckerten. Nein, sie war mit ihm zu zweit.
Für ihn war es nur Sommerfrische auf der Insel, aber für sie war es von Anfang an mehr. Sie schreckte jedes Mal zusammen, wenn das Telefon läutete, weil sie dachte jetzt und jetzt wäre der Traum vorbei, er würde abgeholt und sie wäre noch einsamer als je zuvor.

Erst am Ende des Sommers, nach Erkundungstouren im Wald, Radausflügen, Sandburgen bauen und Baden im Meer, frische Erdbeeren und Eis essen, Laufen und sich ins Gras fallen lassen, klingelte das Telefon. Das durchdringende Läuten wollte ihr Trommelfell zerplatzen lassen und sie merkte, wie sich ihre Kehle zusammenschnürte und sich ihre Finger in der spiralförmigen Telefonschnur verkrampften, während sie atemlos ihre persönliche Hiobsbotschaft erwartete. Aber dann war die Botschaft eine ganz andere und ihr Herz begann zu hüpfen und aus dem Sommer ohne Einsamkeit wurde Herbst und aus dem Herbst wurde Winter.

Die Anrufe mit Neuigkeiten vom Festland wurden immer seltener, ebenso wie seine Fragen nach den Eltern. Er fügte sich ohne mit der Wimper zu zucken in sein neues Leben. Vielleicht hatte er geahnt, dass die Sommerfrische kein harmloses Vergnügen war.
Er entwickelte sich prächtig. Sie hatte befürchtet, dass seine Kindheitserlebnisse einen unheilbaren Knacks in der jungen Seele zurücklassen würden, aber er schloss sie in sich ein und wuchs unter ihrer liebevollen Obhut zu einem höflichen, sanften und gutmütigen Mann heran. Er war unversehens zu einem Teil ihres Lebens geworden, es war als hätte sie nun endlich den Sohn, den sie sich immer gewünscht hatte, aber ohne vorher die Mühsal und die Enttäuschungen der Partnersuche durchleiden zu müssen.

Den einzigen Mann, den sie je geliebt hatte, hatte die unstillbare See geschluckt, zerkaut und als einen ungenießbaren, groben und versoffenen Seemann wieder ausgespuckt. Es war die Neugier, die die jungen Männer hinauslockte, sie wollten das Rätsel ihrer Herkunft allein mit dem Wind und den Wellen lösen und als Helden heimkehren. Aber das tosende Meer hatte andere Pläne, es war unersättlich und wollte sich an den Banden laben, die die Schicksale der liebenden Sterblichen miteinander verknüpften.
Sie hatte gedacht, ohne Mann sei sie vor dem Verlust gefeit und könnte die hungrige See überlisten. Doch ein zweites Mal hatte sie ihr das Einzige geraubt, das ihr lieb und teuer war, denn die Fähre würde ihn nicht mehr vom Festland und seiner Spurensuche zurückbringen.

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#49 Einsamkeit mit Kater

18. März 2012 at 21:33 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Im Alter von siebenundsechzig Jahren, drei Tage nach seinem Geburtstag, den er wie schon seit langer Zeit in seinem Appartement mit Blick auf den großen immergrünen Park verbrachte, mit einem Stück Marillenkuchen und einer einzelnen rosa Nelke vor sich, die die Bäckerin für ihn zu diesem speziellen Anlass aus der Vase auf der Theke gezupft und ihm mit einem mitleidigen Lächeln in die Hand gedrückt hatte, stellte er fest, dass niemand ihn vermissen würde, wenn er eines Tages – vielleicht in gar nicht allzu ferner Zukunft – diese Welt verlassen würde.
Sicher, Kater Parzival würde schrecklich laut mit seiner schrillsten Katzenstimme miauen und seine Krallen an der Tür wetzen, wenn er sein Futter nicht pünktlich bekam. Manchmal war er sich nicht sicher, ob der Kater nicht in seinem letzten Leben ein Hund gewesen war, so wie er sich manchmal benahm. Er sabberte jedenfalls wie einer. Aber Parzival würde ihn nicht vermissen, es gab keine loyalen Kater, der würde nur den Gourmetstückchen vom Rind nachtrauern.

Wenn er an die alten Leute dachte, die er früher, Jahrzehnte früher, besucht hatte, als er noch nicht selbst entscheiden durfte, was er tun wollte und was nicht, dann hatten die zwischen den verstaubten Häkeldeckchen, alten Kaffeetassen, Porzellanfiguren und uralten, vergilbten Büchersammlungen immer Fotos stehen. Gerahmte Bilder in Schwarz-Weiß oder Farbe, mit glücklichen, lachenden Menschen darauf, die Hochzeiten und Taufen feierten oder einfach nur, dass sie am Leben waren. Die Einsamkeit legte sich wie ein schwarzes Tuch um seine Schultern und ließ ihn frösteln.
Er drückte sich tiefer in den Lehnsessel, aus dem er sich später mühsam heraushieven würde müssen, wenn er zum gefühlten zwanzigsten Mal an diesem noch jungen Tag auf die Toilette gehen musste und betrachtete sein bilderloses Wohnzimmer. Er durfte einfach keinen Kaffee mehr trinken. Allein wegen seinem Blutdruck. Aber wozu sollte er seinen Blutdruck niedrig halten?
Manchmal stellte er sich vor, dass er so viel von der schwarzen, starken Brühe (mit viel Zucker, versteht sich) trinken würde, dass seine Adern platzten. Alle gleichzeitig, in seinem Leben musste alles schnell gehen, er hatte noch nie Zeit zum Warten gehabt.

Der Fernseher glotzte ihm stumm entgegen. Er war der einzige hier, der Bilder von bekannten Menschen zeigte. Bekannt, aber keine Freunde. Er hatte nur ein einziges Mal eine Schauspielerin getroffen und das war ein großer Fehler gewesen. Fast hätte er sich in sie verliebt und dann hätte sie seinen ganzen Lebensplan durcheinander gebracht. Von einem Tag auf den anderen hätte sich Chaos breitgemacht und er hätte nie die Karriereleiter in dieser beachtlichen Geschwindigkeit erklommen.
Dabei war sein Lebensplan vielleicht gar nicht so gut gewesen, wie er anfangs gedacht hatte. Das kam ganz darauf an, was man sich vom Leben eigentlich erwartete. Natürlich war es nett gewesen, nie Geldsorgen haben zu müssen, sich immer alles leisten zu können, schöne Frauen zum Essen oder zu einer Reise einladen zu können. Aber dafür hatte er ja auch hart gearbeitet. Man musste ja Prioritäten setzen.

Gutgemeinte Ratschläge und die Personen, die sie ihm gaben, strich er aus seinem Leben. Wenn sie ihm sagten, dass Geld allein nicht glücklich machte, sah er den Neid in ihren Augen aufblitzen, sie waren ihm den kleinen Reichtum, den er angesammelt hatte, nicht vergönnt. Zu spät erkannte er, dass das Blitzen in ihren Augen dasselbe war, das aus den hellblauen Augen der Bäckerin strahlte, wenn sie ihm an seinem Geburtstag eine Blume überreichte.
Aber wenn man wirklich erfolgreich sein wollte, musste man über Leichen gehen, man durfte keine Frau, keine Kinder, keine Hobbys, keine Freunde haben, die einem wie ein Klotz am Bein hingen und den Weg verstellten. Man musste frei sein, frei wie ein Vogel. Nur waren die unendlichen Weiten des Himmels ziemlich einsam, wenn man sie alleine durchflog.

Er erhob sich stöhnend aus dem Sessel. Seine Knie drohten kurz einzuknicken, aber dann stand er. Im Bad ließ er sich lange das Wasser kalt über die Hände rinnen. Er hätte gerne die Zeit zurückgedreht, zu einem Zeitpunkt, wo er noch nicht zu stolz gewesen war, den Lauf seines Lebens zu ändern.
Der kleinkarierte Teppichboden verschluckte das Geräusch seiner Schritte. Vorsichtig ließ er sich in den Sessel zurücksinken. Kater Parzival strich ihm mit erhobenem Schwanz um die Beine und sah ihn aus seinen grünen Schlitzaugen erwartungsvoll an. Er klopfte sich auf die Oberschenkel und wie ein dressiertes Hündchen tat der dicke Tiger einen Sprung und machte es sich schnurrend auf den mageren Beinen seines Herrchens bequem.

Er nahm die Tasse mit dem mittlerweile kalt gewordenen Kaffee vom Beistelltischchen und trank einen Schluck. Er hatte vergessen, wie es sich anfühlte, glücklich zu sein. Vielleicht konnte er noch etwas von Parzival lernen, der mit gutem Essen und einem warmen Schoßplatz schon zufrieden war.

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#48 Nachsitzen

29. Februar 2012 at 23:32 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , , , , , , )

Die Uhr tickte unhöflich langsam. Sie tickte jede Sekunde ab, ließ keine einzige aus, und starrte ihn dabei hämisch an. Die Zeiger bewegten sich, zogen ihre Kreise, während er regungslos dasaß. Jedes „tick“ war eine verlorene Sekunde, eine Sekunde in der er leben hätte können. Ab und zu hielt er die Luft an, dann bekamen die „ticks“ und die „tacks“ einen Sinn, sie spornten ihn an, machten einen Wettbewerb aus dem Atmen. Ein, aus und stopp. Eins, zwei, drei…

Der Stuhl war hart. Das nackte Holz grub sich in seinen Rücken. Eine Stelle, rechts, auf Höhe des Schulterblattes, war schon seit einigen Minuten eingeschlafen. Er saß schief auf seinem Sessel, damit er die Uhr besser im Blick behalten konnte, zu schief für seinen Rücken, der durch die ungleichmäßige Belastung einfach eingeschlafen war. „Gerade sitzen“, hieß es immer, „sonst bekommst du einen Buckel!“ Er glaubte nicht, dass er jemals so alt würde, dass er einen Buckel bekam. Nur alte Leute hatten verkrümmte Rücken. Dann gingen sie auf der Straße, mit viel zu kurzen Stöcken, die über das Kopfsteinpflaster raspelten, mit schlurfenden Schritten und süßen Zuckerln in den Taschen, für süße Kinder. Er hatte noch nie ein Zuckerl von einer fremden Person bekommen. Er war aber auch ganz und gar nicht süß.

Er presste seine Zehenspitzen fest gegen den Parkettboden. Einmal belastete er den einen Fuß mehr, dann den anderen. Der Boden war alt und knackte, also hörte er lieber wieder damit auf. Es könnte ja sein, dass unter den Holzdielen ein Loch war, durch das er bis nach China fallen würde. Kein Wunder, dass ihm dieser Platz zugeteilt worden war. Die Lehrerin hasste ihn und wenn er frech war, würde sie einfach mit den hochhackigen Schuhen, für die sie viel zu alt war und über deren Ränder die bestrumpften, geschwollenen Füße quollen, aufstampfen. Das Parkett würde bersten, ein riesiges Loch würde sich unter ihm auftun und weg wäre er.

Vielleicht wäre das gar nicht mal so schlecht. Er kannte keinen einzigen Chinesen und hatte sich immer schon gefragt, ob sie wirklich gelb im Gesicht waren. In der Stadt gab es zwar ein China-Restaurant, wo es immer nach Frühlingsrollen, knuspriger Ente und gebratenem Reis duftete, aber nicht einmal dort arbeiteten Chinesen. Durften eigentlich Nicht-Chinesen China-Restaurants führen? Wenn Nicht-Amerikaner Fast Food verkaufen durften, war das wohl auch erlaubt.

Seine Zunge fühlte sich schon ganz trocken an. Wenn er sie gegen den Gaumen drückte, blieb sie beim Ablösen ein bisschen zu lang kleben. Und er hatte Zwiebelgeschmack im Mund. In der Kantine hatte es Erdäpfelsalat gegeben, mit Zwiebeln. Dabei hasste er Zwiebeln. Er mochte es nicht, wenn er auf die rohen, weißen Würfel biss und dann der eklige Saft mit all seinen ätherischen Ölen in seinem Mund zerrann. Zwiebeln waren das Einzige, das ihn zum Weinen brachte. Vielleicht mochte er sie nicht, weil er ihnen das übel nahm. Sein Vater sagte immer: „Ein echter Mann weint nicht“, also hatte er schon vor Jahren damit aufgehört. Er wollte ja schließlich ein echter Mann sein. Seither produzierte sein Körper gerade genug Tränenflüssigkeit, dass seine Augen nicht wie getrocknete Zwetschken aus seinem Kopf fielen.

Die Uhr tickte noch immer. Nur noch fünf Minuten, dann war er frei. Dann konnte er nach Hause gehen, wo seine Mutter vorwurfsvoll am Tisch sitzen würde, vor zwei Tellern kaltem Mittagessen. Obwohl er doch schon in der Kantine zu Mittag gegessen hatte. Wahrscheinlich war es etwas, das man nicht wieder aufwärmen konnte, irgendetwas Aufwändiges. Sie war sicher den ganzen Tag am Herd gestanden, hatte gerührt, geschnitten, paniert, gebacken, gebraten. Und dann kam er zu spät und sie würde die Köstlichkeiten, die auf den Tellern aufgetürmt waren, vor seinen Augen in den Mistkübel schaben. Mit einem gemächlichen „pflaaatsch“ würde das Essen die Gemüseschalen und das überflüssige Mehl zudecken. Gute Nacht, Müll. Dann würde er ohne Mittagessen auf sein Zimmer geschickt. Obwohl er doch schon in der Kantine zu Mittag gegessen hatte.

Mutter würde so lange nichts essen, bis Vater heimkam und sich bei Vater über unartigen Sohn beschweren. „Dein Sohn“, würde sie sagen. „Dein Sohn musste schon wieder nachsitzen.“ Vater würde ihm eine Ohrfeige geben. Er würde nicht weinen.

Knarrend öffnete sich die Tür. Die Lehrerin war pünktlich wie die Uhr. „Du kannst jetzt gehen“, sagte sie. Er sah ihr fest in die Augen und marschierte auf die von ihr für ihn offen gehaltene Tür zu. Die Dielen knarzten. Vielleicht klappte der Trick mit dem Aufstampfen und Kinder-nach-China-schicken doch an jeder Stelle im Klassenzimmer, weil die Lehrerin alle Schüler hasste. Vor der Schwelle hielt er inne, streckte seinen linken Fuß ganz langsam aus und stupste sanft den Mistkübel an. Er fiel um. Bananenschalen, Alufolie und Jausenbrotreste und zu seiner Freude auch etwas Joghurt verteilten sich mehr oder weniger gleichmäßig über den Parkettboden. Irgendjemand würde heute noch putzen müssen. Er sah seiner Lehrerin weiterhin ohne zu Zwinkern direkt in die blauen Augen hinter der strengen, schwarz umrahmten Brille. Erwartungsvoll.

„Nachsitzen!“, sagte sie und deutete mit dem Zeigefinger auf den Platz, von dem er sich eben erst erhoben hatte. Sie enttäuschte ihn niemals.

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#44 Blauäugig

9. Oktober 2011 at 13:57 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , , )

Als ich ihn zum ersten Mal sah, erschrak ich fürchterlich. Ich war auf dem Heimweg von einer Feier, ich hatte Kopfschmerzen vom schweren Wein und musste für die morgendliche Acht-Uhr-Teambesprechung aber wieder voll auf Zack sein, um dem Chef erklären zu können, warum die Monatsbilanz so schlecht war. Ich wollte nur noch schlafen. Eine heiße Dusche, zwei Aspirin, ein großes Glas Leitungswasser und endlich, endlich die schrecklich fußfeindlichen High Heels in den Schuhschrank zurückstellen.

Aber dann. Mein Unterbewusstsein schien trotz (oder wegen?) des Alkoholeinflusses auf Hochtouren zu arbeiten. Eine schwarze Gestalt auf einem Sofa, wo normalerweise keine schwarzen Gestalten hausen, vor allem nicht nachts. Vielleicht hatte er sich gerade in dem Moment bewegt, als ich vorbeistöckelte und so meine Aufmerksamkeit erregt, vielleicht aber auch nicht. Als ich hinsah, lag er jedenfalls ganz ruhig da. Der Stiftabsatz meines rechten Schuhs verhakte sich an einem hervorstehenden Element des Kopfsteinpflasters, das ich normalerweise zu umgehen wusste und ich musste mich kurz an der Schaufensterscheibe abstützen, um mein Gleichgewicht wiederzuerlangen. Meine Hand brachte die glatte Oberfläche leise zum Quietschen.
Die Gestalt auf dem Sofa im gut ausgeleuchteten Möbelstudio öffnete für einen Moment die Augen. Das durchdringende Blau hypnotisierte mich und ich war dankbar, dass er die Augen schnell wieder schloss und er mich aus dem Bann entließ.

In dieser Nacht schlief ich schlecht. Ich träumte von einem Husky mit durchdringenden blauen Augen, der durch den Schnee lief. Er drehte sich immer wieder um und sah mich auffordernd an – ich sollte ihm folgen. Plötzlich war er weg und ich schreckte aus dem Schlaf hoch. Er geisterte mir auch noch bei der morgendlichen Besprechung im Kopf herum.

Jedes Mal, wenn ich abends heimging, machte ich einen Umweg, um an dem Möbelstudio vorbeizukommen. Manchmal war er da, aber viel öfter blieb das Sofa leer. Und jeden Morgen, wenn ich durch das Schaufenster blickte, war derselbe Verkäufer ohne huskyblaue Augen dort und sortierte Mappen mit Stoffmustern und Produktnummern.

Ich versuchte, einer Freundin von dem geheimnisvollen Mann zu erzählen. „Du spinnst doch“, sagte sie, „verliebst du dich etwa wegen seiner Augen in den Kerl?“ Ich zuckte die Schultern. „Normalerweise ruft man die Polizei, wenn man seltsame Gestalten nachts in Geschäften sieht“, tadelte sie mich. Sie verstand mich nicht. Ich hatte keine Ahnung was er war, aber er war kein Einbrecher.

Zwei Wochen vergingen, ohne dass ich ihn sah. Ich konnte nicht anders, ich musste den Verkäufer nach ihm fragen. Er sah mich erschrocken an und fuhr sich nervös durchs braune Haar. Er winkte mich näher an sich heran und flüsterte mir mit heißem Atem ins Ohr: „Bitte behalten Sie das für sich. Das ist mein Bruder, er ist auf der Durchreise.“ Ich sah ihn erstaunt an und wollte nachhaken, aber er legte den Finger auf den Mund, da gerade eine alte Dame mit einem Pudel hereinspazierte. „Vielen Dank für Ihren Besuch“, sagte er laut zu mir und eilte der Frau mit einem „Wie kann ich Ihnen helfen?“ entgegen.

Noch verwirrter als zuvor verließ ich das Geschäft. Ich begann, den Verkäuer jeden Tag zu besuchen und irgendetwas über den Bruder auf der Durchreise zu erfahren. Ich war lästig genug, dass er eines Tages ein Angebot machte: „Ich schalte heute Nacht die Alarmanlage aus. Kommen Sie um elf durch die Hintertür herein.“
Mein Blut musste mit Lichtgeschwindigkeit durch meine Adern fließen, so schnell klopfte mein Herz, als ich mich der Hintertür im schummrigen Hof näherte. Ich wusste nicht, was mich erwartete – ich wusste nicht einmal, was ich mir selbst von diesem nächtlichen Unterfangen erwartete.

Er saß im Schneidersitz auf dem Parkettboden, genau gegenüber von mir, Rücken an Rücken mit seinem Schlafsofa. Einladend tätschelte er die Holzdielen neben sich und obwohl sein Gesicht durch den Schatten des Sofas im Halbdunkel lag, schienen seine Augen zu glänzen. Meine Knie wurden ganz weich, auf wackeligen Beinen stakste ich zu ihm hinüber und setzte mich vorsichtig neben ihn. Was tat ich hier bloß? Er streckte mir seine Hand entgegen und als ich sie ergriff, war ich wie elektrisiert.

Er stellte sich vor. Für einen Moment dachte ich, ich hätte meinen Namen vergessen. Nie zuvor hatte ich so eine Anziehungskraft erlebt. „Komm mit mir“, flüsterte er, „lass dein altes Leben zurück…“ Ich atmete schwer. Mein schwacher Körper wollte sich ihm hingeben, aber mein benebelter Geist ließ die Alarmglocken schrillen. Mein Unterbewusstsein rumorte mal wieder und brachte einen Ausschnitt aus einem Film zutage, Liebe, Tod… Ich bekam eine Gänsehaut. Er streckte die Hand aus, um sie auf meinen Arm zu legen, doch ich stand abrupt auf und eilte zur Hintertür hinaus, ohne einen Blick zurück.

Ich mied das Möbelgeschäft seitdem, aber als ich einmal mit Bekannten unterwegs war, Wochen später, und mir keine andere Wahl blieb, sah ich, dass das Geschäft leer war und ein „Zu vermieten“-Schild an der Tür hang. Mir schauderte. Am nächsten Tag holte ich mir aus dem Tierheim einen Husky, der mich täglich daran erinnerte nicht blauäugig zu sein.

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#43 Der Gast in grau

25. September 2011 at 11:27 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , )

„Haben Sie denn nichts anderes zu tun?“, würde ich ihn gerne fragen. „Haben Sie keine Arbeit?“ Aber natürlich tue ich es nicht, das wäre schlecht fürs Geschäft. Soll er ruhig jeden Tag (außer sonntags) hier sitzen und seine Zeitungen lesen. Zuerst, so gegen 10 Uhr, gibt es Kaffee, einen großen Braunen mit viel Zucker und einem Glas Mineralwasser. Kurz nach 12 Uhr bestellt er ein kleines Bier, das flüssige Mittagessen. Nachmittags noch einen Kaffee und etwa um 18 Uhr faltet er seine Zeitungen ordentlich zusammen und macht sich auf den Weg – „bevor die Kaufhäuser schließen, wissen Sie“.

So manche fragwürdige Gestalt geht hier ein und aus, aber er ist mit Abstand der seltsamste Gast. Er kann kaum älter als mein Vater sein, müsste also noch ein paar Jährchen arbeiten, bevor er seine Pension in Kaffeehäusern genießen kann. Und er hat auch keine offensichtlichen Gebrechen, die ihn am Arbeiten hindern würden. Was tut er also im „Café Sperling“?

Meistens ist er in Grau- oder Brauntöne gekleidet, gerne karierte Stoffe. Hut und Mantel sind ebenfalls grau und hängen immer am selben Haken. Die Kleidung wirkt nicht schäbig, aber ich vermute, er hat trotzdem nicht viel Geld. Sonst würde er vielleicht mehr konsumieren. Aber ich darf mich nicht beschweren, das Trinkgeld ist in Ordnung.
Beim Lesen trägt er eine Brille. Sie aufzusetzen stellt jedes Mal eine aufwändige Prozedur dar. Zuerst muss er sie tief aus der Manteltasche zaubern, wie ein Kaninchen aus dem Hut. Und dann muss sie noch umständliche auf seine Hakennase gesetzt werden. Aber sie hält nicht gut. Einmal habe ich mitgezählt. 165 Mal ist sie ihm auf die Nasenspitze gerutscht. Und 165 Mal hat er sie zurückgeschoben. Das bedeutet, er muss etwa alle dreieinhalb Minuten seine Brille richten. Wenn er mit mir spricht, ist die heruntergerutschte Brille aber ganz praktisch. Dann mustert er mich über deren Rand hinweg und sieht mich dann wohl (mehr oder weniger) scharf.

Manchmal denke ich, er fristet wegen mir seine langen Tage in dieser kleinen Spelunke mitten in der großen Stadt. Der Kaffee ist hier nicht besser als sonst wo, das Bier ist meist warm, da die Kühlung von Zeit zu Zeit streikt und die Speisekarte, die der Besucher nie eines Blickes würdigt, lässt zu wünschen übrig.

Sobald ich mich seinem Tisch nähere, blickt er auf und lächelt mich freundlich an. Irgendein Gesprächsthema fällt ihm immer ein. Und wenn es nur das Wetter ist. Ich nicke dann, antworte etwas und tue so, als hätte ich viel zu tun. Obwohl das unsinnig ist, er sieht ja, dass ich nichts zu tun habe. Irgendetwas sträubt sich in mir, wenn er versucht, mit mir über persönliche Dinge zu sprechen. Ich will ihn nicht in mein Privatleben hineinlassen. Ich traue Männern in seinem Alter nicht, weil so viele Angst vor dem Älterwerden haben. Und dann junge Frauen an ihrer Seite haben wollen, um dieser Angst nicht ins Auge sehen zu müssen. Vielleicht nehme ich es ihnen nur übel, dass sie meine verklärte Vorstellung von Liebe und verhutzelten alten Ehepaaren, die ihr ganzes Leben miteinander verbrachten, kaputt machen.

Während ich die Gläser zum gefühlten hundertsten Mal poliere (bald werden sie sich in glänzende Luft auflösen), mustere ich ihn. Er liest seine Zeitung, ganz langsam. Das erkenne ich daran, dass er nur sehr selten umblättert. Keiner dieser aufdringlichen Zeitungsraschler. Manchmal, wenn ich ihn mit einem Blick streife, habe ich das Gefühl er liest gar nicht. Er schaut einfach durch die Buchstaben hindurch, in eine andere Welt. Vielleicht in eine Welt, wo er nicht den ganzen Tag in einem schäbigen Café mit einer unfreundlichen Kellnerin sitzt.
Ich wünschte, er würde gehen. Meine Füße tun höllisch weh vom scheinbar geschäftigen Saubermachen und hinter-der-Theke-auf-und-ab-Gehen, ich möchte mich endlich hinsetzen und selbst ein bisschen in einer Illustrierten blättern. Aber er geht nicht, schließlich ist es noch nicht 18 Uhr.

Um Punkt sechs Uhr abends steckt er die Brille wieder in die Untiefen seiner Manteltasche zurück und zieht sich an. Er kommt noch einmal zurück und stützt sich auf die Theke.
„Wissen Sie, ich habe einen Sohn in Ihrem Alter“, sagt er. Ich nicke und lächle mein höfliches eigentlich-interessiert-mich-das-nicht-Lächeln. „Ich würde Ihnen Robert gerne vorstellen“, fährt er fort und wartet aufmerksam auf meine Reaktion. Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Ich glaube, ich möchte seinen Sohn nicht kennen lernen, überhaupt will ich niemanden kennenlernen, muss aber diplomatisch bleiben.

„Bringen Sie ihn doch mit“, sollte ich sagen, aber stattdessen sage ich: „Ich weiß nicht, ob meinem Freund das gefallen würde…“ Ich sehe zu Boden, weil meine Augen mich sonst betrügen würden. Er weiß trotzdem, dass ich lüge.
„Auf Wiedersehen“, sagt er und ich antworte eifrig: „Bis morgen!“, obwohl ich weiß, dass er morgen nicht komme wird und auch an keinem anderen Tag. Ich vermisse ihn jetzt schon.

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