#57 Davonlaufen

25. Oktober 2013 at 22:24 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , )

Als die Dunkelheit seine Heimatstadt sanft umschlang und die Sterne begannen einander zuzuzwinkern, da nur sie wussten, welche Geheimnisse die Nacht hütete, rannte er los. Bloßfüßig sprintete er über die Pflastersteine, die die Einfahrt bedeckten, grau und kalt und mit moosigen Rillen, die sich feucht und weich anfühlten. Als er den Kiesweg querte, musste er die Zähne zusammenbeißen, um den Schmerz nicht zu spüren. Die spitzen Steinchen bohrten sich unerbittlich in seine Sohlen, um in der nächsten Sekunde wieder knirschend zu ihren Gesellen ins Kieselbett zurückzufallen.

Er atmete auf, als er endlich die saftige grüne Wiese erreichte, die in der Nacht so grau wie alles andere war. Der Tau, der sich schon für den Morgen bereit gemacht hatte, um in der Sonne zu funkeln und seine Pflänzchen zu tränken, war Balsam für seine Fußsohlen und seine Seele. Er lief so schnell, dass sein hellblauer, weit geschnittener Pyjama um seinen Körper schlackerte.
Seine Frau, Annette, hatte ihn schon oft gebeten, dass er doch mit dem nächtlichen Laufen aufhören möge. Aber seine Frau, Annette, hatte keine Ahnung. Keine Ahnung, was die Nacht so an Erinnerungen mit sich brachte.

Er war am Waldrand angekommen und endlich konnte er langsamer werden. Die kalte Luft schmerzte bei jedem Atemzug in seiner Lunge, er keuchte, hielt sich die stechenden Seiten und beugte sich nach vorne. Erschöpft lehnte er sich gegen eine Eiche, bis sein Atem wieder regelmäßiger wurde. Tief drinnen im Wald schrie ein Käuzchen und irgendein Tier ging raschelnd im Gebüsch seinen Tätigkeiten nach. Seine Kondition war auch nicht mehr das, was sie einmal gewesen war.

Damals, als der Stoff für seine Alpträume entstand, war er so schnell wie kein anderer, egal ob es darum ging, zu essen, zu schießen oder zu rennen. Die Fähigkeit, loszulaufen, obwohl rund um ihn herum Menschen litten und starben, während die anderen Soldaten vor Schock gelähmt dastanden, war es dann auch, die ihm das Leben gerettet hatte. Er war nicht stolz darauf, dass er sich drei Tage durch die Wälder gekämpft hatte, weil er die Gräuel des Krieges nicht mehr aushielt, er war nicht stolz darauf, dass er das Vaterland im Stich gelassen hatte.

Er ging langsam, tastete sich voran, er wollte nicht stolpern. Manchmal stießen seine Zehen gegen Wurzeln, die sich heimtückisch aufwölbten, um einen unachtsamen nächtlichen Wanderer zu Fall zu bringen. Aber der Wald konnte ihn verschlucken, er hatte es schon einmal getan, es war ihm egal.
Er hatte Annette nie sagen können, warum er wegrannte, wenn sie ihn mitten in der Nacht berührte. Es reichte schon, wenn ihr heißer Atem sein Ohr streifte oder sie sich im Schlaf unvermittelt gegen ihn schmiegte. Seine innerlichen Alarmglocken schrillten, sein Herz klopfte schneller, besonders wenn er gerade aus einem der üblichen Träume hochschreckte. Er musste einfach laufen, ob er nun lieber im warmen Bett bei Annette liegen geblieben wäre oder nicht.

Sein Puls hatte sich normalisiert, seine Atmung war flach, aber regelmäßig. Bald würden die Amseln ihre morgendlichen Lieder anstimmen, während er in dem Haus, das nun schon seit dreiundzwanzig Jahren sein Eigentum war, in dem er mit seiner Frau Annette und seinen zwei Töchtern wohnte, darauf wartete, dass der Tag die Schrecken der Nacht vertrieb.

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#55 Alleingelassen

17. Juni 2013 at 19:20 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , )

Die Münzen klimperten hoffnungsfroh in seiner Hosentasche, als er die Stufen der Schultreppe – jede zweite überspringend – hinunterlief, unter dem Vorwand, dass er den Bus erwischen musste. Er hatte zehn Minuten Zeit, bevor ihn seine Mutter mit dem Auto abholen würde, zehn kostbare Minuten, die er sich seit Tagen vom Mund abgespart hatte, da er für diese zehn Minuten bezahlen musste, anstatt sich von dem Geld Leckereien am Schulbuffet zu kaufen.

Er fütterte das Münztelefon, das an einer Straßenecke auf der Hinterseite der Schule stand, ein Relikt aus vergangenen Zeiten in moderner Aufmachung. Erst einmal nur die verlangten 30 Cent, für den Fall, dass er niemanden erreichte. Er wählte mit zitternden Fingern die Nummer am Touchscreendisplay in der Telefonzelle.

Tuuut. Tuuut. Tuuut.

Endlich die ersehnte Stimme am anderen Ende der Leitung. Nur noch acht Minuten.

„Papa? Ich bin’s, Clemens.“

„Nein, hab ich nicht verloren, aber ich kann nicht vom Handy aus anrufen…“

Die Anzeige zeigte nur noch 10 Cent und begann zu blinken. Er fütterte das Telefon mit neuen Münzen.

„Ja, es ist schlimmer geworden… Deswegen rufe ich an, Papa. Du musst was machen, ich weiß nicht, was ich noch tun kann!“

„Nein, sie holt mich gleich ab… Vielleicht wartet sie eh schon vor dem Schultor… Sie lässt mich keine Minute allein!“

„Kannst du nicht irgendwas tun? … Mit ihr reden?“

Klappernd fanden die nächsten Münzen ihren Weg ins Innere des Automaten.

„Was meinst du mit zwecklos?“

„Ich bin erst dreizehn! Was soll ICH denn bitte tun?“

„Das kannst du nicht machen. Sie ist doch nicht verrückt… Ich weiß auch nicht, was sie hat… Wahrscheinlich vermisst sie dich…“

„Sag nicht, dass es ihre Schuld war, dass es nicht geklappt hat, das ist gemein. Es war auch deine Schuld!“

Der Automat war hungrig, die Zeit knabberte unaufhörlich an den verbleibenden Münzen und Minuten. Noch zwei Minuten, dann musste er zurücklaufen, wenn er nicht wollte, dass seine Mutter ihn beim Telefonieren erwischte.

„Ich bin auf gar keiner Seite! Aber du bist ja nie da gewesen! Wo warst du, als das alles begonnen hat, also dass Mama niemandem mehr vertraut hat?!“

„Ich weiß, dass du nicht zurückkommst um ‚heile Familie‘ zu spielen… Darum geht’s gar nicht… Überleg dir bitte nur…“

Die Anzeige hatte schon seit einigen Sekunden geblinkt, das Ersparte war aufgebraucht und die Leitung plötzlich tot. Langsam hängte Clemens den Hörer auf die Gabel. Heile Familie. Wie lange hatte er überhaupt eine heile Familie gehabt? Und wie lange konnte er noch gleichzeitig ein Mann und ein Kind für seine Mutter sein, ein zwiegespaltenes Liebesobjekt, das gehegt, gepflegt, kontrolliert und gezüchtigt werden musste?

In einer Minute würde die Schulglocke klingeln, fröhliche Schülermassen würden sich über die Treppenstufen in die Freiheit und ins Wochenende drängen, lautstark und voller Vorfreude auf Ausflüge zum Badesee, Spielen und Toben mit Freundinnen und Freunden, Kuchenessen bei den Großeltern und auf das Bauen von Modellflugzeugen mit ihren Vätern. Er biss sich auf die Lippe, damit ihm keine Tränen in die Augen stiegen, er war ein großer Junge, er durfte nicht weinen.

Er bog die Zweige der Hecke, welche den Schulhof säumte, an jener Stelle auseinander, von der er wusste, dass dahinter der Zaun kaputt war. Einen beruhigenden Moment lang war er nur von Grün umgeben, als sich die dicke Hecke um ihn herum schloss. Er atmete einmal tief ein, bevor er die Zweige wieder auseinanderbog, und aus dem grünen Dämmerlicht auf den sonnigen Schulhof trat. Er suchte den Schutz des Schattens des Schulgebäudes und lief zum Fuß der Treppe, die er an jenem Tag schon halb laufend, halb springend überquert hatte und mischte sich in die lärmende Menge, die ihn aufnahm und zum Schultor schwemmte, an dem er seine Mutter schon nach ihm spähen sah. Sie schien in der Menge der wartenden, plaudernden, winkenden Eltern genauso verloren und abgekapselt von der Umgebung wie er selbst sich fühlte. Er seufzte bei dem Gedanken an das gerade beginnende Wochenende.

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#54 Ohne Worte

29. März 2013 at 19:17 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , )

Die Schwestern Irina und Renate hatten bis auf ein paar gemeinsame Verwandte und die blauen Schirme, die es beim Supermarkt zu kaufen gab, nichts gemeinsam. Sie lebten zwar in derselben Stadt, doch sie sahen einander so selten, dass es schien als wäre die Reise von der einen zur anderen unendlich lang und beschwerlich; eine Reise die zu viel Kraft kostete um sie oft anzutreten.

Nicht einmal ihre Kindheitserinnerungen waren dieselben: Wenn Irina sich daran erinnerte, dass sie früher mit Mutter im Wald Pilze suchen waren, konnte sie sich sicher sein, dass Renate ihr widersprach und darauf bestand, dass es Vater gewesen war. Nach unzähligen Diskussionen hatten sie aufgehört zu versuchen, ihre Erinnerungen in Einklang zu bringen. Irgendwann später hörten sie generell auf, über persönliche Dinge zu reden. Es war zu schwierig sich einzugestehen, dass sie einander doch ähnlicher waren als sie sein wollten.

Es war einer jener trüben, regnerischen Nachmittage an dem Irina von einer unbeschreiblichen Einsamkeit erfasst wurde, die sie frösteln ließ, während die leere Wohnung immer größer, stiller und unheimlicher zu werden schien. Bevor Irina in einen Zustand der innerlichen und äußerlichen Erstarrung zu verfallen drohte, griff sie nach dem Telefon und wählte seit langem einmal wieder Renates Nummer.

Es klingelte fünf Mal, bevor Renate abhob. „Nati“, keuchte Irina, deren Atmung beim Warten auf die Entgegennahme ihres Anrufs ganz aus dem Rhythmus gekommen war, „können wir spazieren gehen? Ich hole dich in einer Viertelstunde ab.“ „Ja“, sagte Renate, „bis dann, Ina.“

Irina würde es sich nie eingestehen, aber Renates Einsilbigkeit war einer jener Charakterzüge, den sie in den letzten Jahren erst zu schätzen gelernt hatte. Als sie jünger war und versucht hatte, den Rat ihrer älteren Schwester zu erbitten, hatte es sie oft in den Wahnsinn getrieben, wenn Renate in ihrer wortkargen Art, sei es nun absichtlich oder unabsichtlich, nichts von ihrer Weisheit preisgeben wollte. Renate stellte keine Fragen und bat auch nicht um Hilfe, sie stellte höchstens einmal eine Tatsache in den Raum.

Mit ihren blauen Schirmen gegen den Nieselregen gewappnet, gingen die beiden Mittsechzigerinnen nebeneinander her. Sie wahrten einen beträchtlichen Abstand zwischen einander und achteten darauf, sich auch seelisch nicht zu nahe zu kommen, da sich keine von ihnen verletzbar machen wollte. Die Wunden aus ihrer Kindheit waren noch lange nicht geheilt.

„Inchen“, sagte Renate nach einigen hundert Metern und stützte sich dabei schwer auf ihren Stock, „Johann wird bald sterben.“ Irina sagte nichts, sie nickte nur. Sie fühlte sich außerstande, die Schwester zu umarmen, damit würde sie eine Grenze überschreiten, die die beiden Schwestern schon vor Jahren in einem stillen Abkommen gezogen hatten.

Irina dachte an Johann. Sie sah ihn nicht oft, denn er mochte es nicht, wenn Besucher ins Haus kamen und Irina wäre nie auf die Idee gekommen, Renate und ihn zu sich einzuladen. Sie wusste auch nichts über die Beziehung zwischen den beiden. Das einzige, das Renate ihr jemals erzählt hatte, war, dass er eifersüchtig darauf war, dass Renate und Irina sich bei ihren Kosenamen riefen. Zeit seines Lebens war er für Renate immer nur Johann gewesen, nicht Hans oder Hansi wie bei seinen Eltern und Jugendfreunden, immer nur Johann. Und jetzt würde er bald sterben.

„Sein Herz tut’s nicht mehr lang“, fügte Renate hinzu und wieder nickte Irina, ohne sich sicher zu sein, ob ihre Schwester ihr Nicken überhaupt bemerkte. Irina selbst hatte nie einen Mann gehabt, nicht einmal einen wirklichen Liebhaber. Sie wusste nicht, welchen Trost man in so einer Situation anbieten sollte. In diesem Moment verfluchte sie ihre Eltern und ihre Lehrer, die ihr nichts darüber beigebracht hatten, wie man seine Liebe und sein Mitgefühl zum Ausdruck bringt.

„Ruf mich an, wenn es so weit ist, Nati“, war alles, was sie aus den dunklen Tiefen ihres erstarrten Herzens hervorholen konnte. Mehr konnte sie ihrer Schwester nicht geben. Vielleicht dann, wenn der Schmerz am größten war und alle Berührungsängste vor dem Angesicht des Todes ihre Relevanz verloren. Vielleicht dann.

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#50 Die hungrige See

9. April 2012 at 23:07 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

„Mach’s gut“, sagte sie und während sie ihn ein letztes Mal in die Arme schloss und seinen Duft und die Wärme seines Körpers einsog, zerriss die letzte Faser, die ihr Herz noch zusammengehalten hatte. Seine hochgewachsene Statur war ihr in den vergangenen Jahren so vertraut geworden, das fein gezeichnete Gesicht, die braunen Augen und sein volles Haar, das er nun kurz geschoren hatte. Sie würde ihn schrecklich vermissen.

Er schulterte den Seesack und balancierte über die rutschige Planke, die den Pier mit der Fähre verband. Es hatte den ganzen Tag geregnet. Die Wellen spielten mit dem Boot, warfen es sanft hin und her, während die Gischt gierig am Metall leckte. Wenn sie sie nur einen einzigen Moment aus den Augen lassen würde, würde die hungrige See mit Sicherheit die kleine Fähre verschlucken.
Im Bauch des Schiffs angekommen, drehte er sich ein letztes Mal nach ihr um und hob die Hand zum Gruß. Sie legten ab. Erst schnitt der Bug noch zögerlich durch die verspielten Wellen, so als würde er darauf warten, dass sie „halt, komm zurück!“ schrie, doch mit zunehmender Geschwindigkeit wurde die Fähre immer selbstsicherer und wandte ihr den Rücken zu.

Sie winkte und winkte und ließ endlich den Tränen freien Lauf, die sie so lange in sich eingeschlossen hatte, seit dem Tag, als er ihr eröffnet hatte, dass er sie verlassen würde. Sie hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, aber sie hatte insgeheim gehofft, dass sie sich irrte und er für immer bei ihr auf der Insel bleiben würde. Der Regen setzte wieder ein und peitschte ihr das Salz von den Wangen.

Schon einmal war sie hier gestanden und hatte auf Wiedersehen gewunken. Doch damals war sie nicht von unendlicher Traurigkeit erfüllt gewesen, nein, ihr Herz hatte überquellen wollen vor Glück. Denn es lag ein Sommer vor ihr, wie sie ihn sich immer erträumt hatte, ein Sommer ohne Einsamkeit. Sie war nicht allein, als sie der Fähre winkte, auf der seine Eltern wieder dem Festland und dem Arbeitsleben entgegentuckerten. Nein, sie war mit ihm zu zweit.
Für ihn war es nur Sommerfrische auf der Insel, aber für sie war es von Anfang an mehr. Sie schreckte jedes Mal zusammen, wenn das Telefon läutete, weil sie dachte jetzt und jetzt wäre der Traum vorbei, er würde abgeholt und sie wäre noch einsamer als je zuvor.

Erst am Ende des Sommers, nach Erkundungstouren im Wald, Radausflügen, Sandburgen bauen und Baden im Meer, frische Erdbeeren und Eis essen, Laufen und sich ins Gras fallen lassen, klingelte das Telefon. Das durchdringende Läuten wollte ihr Trommelfell zerplatzen lassen und sie merkte, wie sich ihre Kehle zusammenschnürte und sich ihre Finger in der spiralförmigen Telefonschnur verkrampften, während sie atemlos ihre persönliche Hiobsbotschaft erwartete. Aber dann war die Botschaft eine ganz andere und ihr Herz begann zu hüpfen und aus dem Sommer ohne Einsamkeit wurde Herbst und aus dem Herbst wurde Winter.

Die Anrufe mit Neuigkeiten vom Festland wurden immer seltener, ebenso wie seine Fragen nach den Eltern. Er fügte sich ohne mit der Wimper zu zucken in sein neues Leben. Vielleicht hatte er geahnt, dass die Sommerfrische kein harmloses Vergnügen war.
Er entwickelte sich prächtig. Sie hatte befürchtet, dass seine Kindheitserlebnisse einen unheilbaren Knacks in der jungen Seele zurücklassen würden, aber er schloss sie in sich ein und wuchs unter ihrer liebevollen Obhut zu einem höflichen, sanften und gutmütigen Mann heran. Er war unversehens zu einem Teil ihres Lebens geworden, es war als hätte sie nun endlich den Sohn, den sie sich immer gewünscht hatte, aber ohne vorher die Mühsal und die Enttäuschungen der Partnersuche durchleiden zu müssen.

Den einzigen Mann, den sie je geliebt hatte, hatte die unstillbare See geschluckt, zerkaut und als einen ungenießbaren, groben und versoffenen Seemann wieder ausgespuckt. Es war die Neugier, die die jungen Männer hinauslockte, sie wollten das Rätsel ihrer Herkunft allein mit dem Wind und den Wellen lösen und als Helden heimkehren. Aber das tosende Meer hatte andere Pläne, es war unersättlich und wollte sich an den Banden laben, die die Schicksale der liebenden Sterblichen miteinander verknüpften.
Sie hatte gedacht, ohne Mann sei sie vor dem Verlust gefeit und könnte die hungrige See überlisten. Doch ein zweites Mal hatte sie ihr das Einzige geraubt, das ihr lieb und teuer war, denn die Fähre würde ihn nicht mehr vom Festland und seiner Spurensuche zurückbringen.

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#49 Einsamkeit mit Kater

18. März 2012 at 21:33 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Im Alter von siebenundsechzig Jahren, drei Tage nach seinem Geburtstag, den er wie schon seit langer Zeit in seinem Appartement mit Blick auf den großen immergrünen Park verbrachte, mit einem Stück Marillenkuchen und einer einzelnen rosa Nelke vor sich, die die Bäckerin für ihn zu diesem speziellen Anlass aus der Vase auf der Theke gezupft und ihm mit einem mitleidigen Lächeln in die Hand gedrückt hatte, stellte er fest, dass niemand ihn vermissen würde, wenn er eines Tages – vielleicht in gar nicht allzu ferner Zukunft – diese Welt verlassen würde.
Sicher, Kater Parzival würde schrecklich laut mit seiner schrillsten Katzenstimme miauen und seine Krallen an der Tür wetzen, wenn er sein Futter nicht pünktlich bekam. Manchmal war er sich nicht sicher, ob der Kater nicht in seinem letzten Leben ein Hund gewesen war, so wie er sich manchmal benahm. Er sabberte jedenfalls wie einer. Aber Parzival würde ihn nicht vermissen, es gab keine loyalen Kater, der würde nur den Gourmetstückchen vom Rind nachtrauern.

Wenn er an die alten Leute dachte, die er früher, Jahrzehnte früher, besucht hatte, als er noch nicht selbst entscheiden durfte, was er tun wollte und was nicht, dann hatten die zwischen den verstaubten Häkeldeckchen, alten Kaffeetassen, Porzellanfiguren und uralten, vergilbten Büchersammlungen immer Fotos stehen. Gerahmte Bilder in Schwarz-Weiß oder Farbe, mit glücklichen, lachenden Menschen darauf, die Hochzeiten und Taufen feierten oder einfach nur, dass sie am Leben waren. Die Einsamkeit legte sich wie ein schwarzes Tuch um seine Schultern und ließ ihn frösteln.
Er drückte sich tiefer in den Lehnsessel, aus dem er sich später mühsam heraushieven würde müssen, wenn er zum gefühlten zwanzigsten Mal an diesem noch jungen Tag auf die Toilette gehen musste und betrachtete sein bilderloses Wohnzimmer. Er durfte einfach keinen Kaffee mehr trinken. Allein wegen seinem Blutdruck. Aber wozu sollte er seinen Blutdruck niedrig halten?
Manchmal stellte er sich vor, dass er so viel von der schwarzen, starken Brühe (mit viel Zucker, versteht sich) trinken würde, dass seine Adern platzten. Alle gleichzeitig, in seinem Leben musste alles schnell gehen, er hatte noch nie Zeit zum Warten gehabt.

Der Fernseher glotzte ihm stumm entgegen. Er war der einzige hier, der Bilder von bekannten Menschen zeigte. Bekannt, aber keine Freunde. Er hatte nur ein einziges Mal eine Schauspielerin getroffen und das war ein großer Fehler gewesen. Fast hätte er sich in sie verliebt und dann hätte sie seinen ganzen Lebensplan durcheinander gebracht. Von einem Tag auf den anderen hätte sich Chaos breitgemacht und er hätte nie die Karriereleiter in dieser beachtlichen Geschwindigkeit erklommen.
Dabei war sein Lebensplan vielleicht gar nicht so gut gewesen, wie er anfangs gedacht hatte. Das kam ganz darauf an, was man sich vom Leben eigentlich erwartete. Natürlich war es nett gewesen, nie Geldsorgen haben zu müssen, sich immer alles leisten zu können, schöne Frauen zum Essen oder zu einer Reise einladen zu können. Aber dafür hatte er ja auch hart gearbeitet. Man musste ja Prioritäten setzen.

Gutgemeinte Ratschläge und die Personen, die sie ihm gaben, strich er aus seinem Leben. Wenn sie ihm sagten, dass Geld allein nicht glücklich machte, sah er den Neid in ihren Augen aufblitzen, sie waren ihm den kleinen Reichtum, den er angesammelt hatte, nicht vergönnt. Zu spät erkannte er, dass das Blitzen in ihren Augen dasselbe war, das aus den hellblauen Augen der Bäckerin strahlte, wenn sie ihm an seinem Geburtstag eine Blume überreichte.
Aber wenn man wirklich erfolgreich sein wollte, musste man über Leichen gehen, man durfte keine Frau, keine Kinder, keine Hobbys, keine Freunde haben, die einem wie ein Klotz am Bein hingen und den Weg verstellten. Man musste frei sein, frei wie ein Vogel. Nur waren die unendlichen Weiten des Himmels ziemlich einsam, wenn man sie alleine durchflog.

Er erhob sich stöhnend aus dem Sessel. Seine Knie drohten kurz einzuknicken, aber dann stand er. Im Bad ließ er sich lange das Wasser kalt über die Hände rinnen. Er hätte gerne die Zeit zurückgedreht, zu einem Zeitpunkt, wo er noch nicht zu stolz gewesen war, den Lauf seines Lebens zu ändern.
Der kleinkarierte Teppichboden verschluckte das Geräusch seiner Schritte. Vorsichtig ließ er sich in den Sessel zurücksinken. Kater Parzival strich ihm mit erhobenem Schwanz um die Beine und sah ihn aus seinen grünen Schlitzaugen erwartungsvoll an. Er klopfte sich auf die Oberschenkel und wie ein dressiertes Hündchen tat der dicke Tiger einen Sprung und machte es sich schnurrend auf den mageren Beinen seines Herrchens bequem.

Er nahm die Tasse mit dem mittlerweile kalt gewordenen Kaffee vom Beistelltischchen und trank einen Schluck. Er hatte vergessen, wie es sich anfühlte, glücklich zu sein. Vielleicht konnte er noch etwas von Parzival lernen, der mit gutem Essen und einem warmen Schoßplatz schon zufrieden war.

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#47 Ein Koffer voller Liebe

29. Januar 2012 at 23:10 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , )

Der Koffer stand nun schon seit drei Tagen auf dem Gehsteig vor der Haustüre mit der Nummer zwölf. Der beständige Regen hatte erst die dunkelgraue Außenhülle durchweicht, inzwischen war auch das Innenleben von einer klammen Feuchtigkeit durchdrungen.
Niemand hatte den Koffer geöffnet. Der Schlüssel war in einer anderen Tasche. Und er würde auch nicht zurückkommen.

Wenn man über die Nässe und den leicht muffigen Geruch hinwegsah, war der Koffer vor dem Zwölfer-Haus noch gut brauchbar. Ein Fön und ein wenig Parfüm könnten ihn wieder zu einem treuen Begleiter auf Reisen machen. Nur ein Reißverschluss klemmte. Und die restlichen würden auch zu rosten beginnen, wenn der Koffer nicht bald aus dem Regen geholt würde.
Aber all jene, die etwas von der Geschichte des Koffers wussten, wollten nichts damit zu tun haben. Und alle, die nichts davon ahnten, schienen auch kein Bedürfnis danach zu haben, in das Geheimnis eingeweiht zu werden. So stand der Koffer wie ein graues Mahnmal auf dem Gehsteig und zog verwunderte Blicke von Passanten auf sich.

Der Koffer wünschte, er würde umfallen und aus allen Nähten platzen, von einem Lastwagen überfahren oder von einem Betrunkenen mit einem Messer aufgeschlitzt werden. Er wollte seinen Inhalt auf den Gehsteig erbrechen, am besten über die ganze Straße.
Der Wind würde die Liebesbriefe, Geburtstags- und Glückwunschkarten in alle Himmelsrichtungen zerstreuen. Vielleicht würde ein Vogel aus der roten Spitzenunterwäsche ein weiches Nest bauen. Ein Kind könnte den Stoffteddy mit dem aufgestickten Herz mit nach Hause nehmen und ihn zum Kaffeekränzchen mit der Giraffe und dem Känguru einladen. Ein Obdachloser könnte möglicherweise die schwarzen Herrensocken gut gebrauchen, wenn der Regen sich entschließen würde, für eine Weile aufzuhören und sie die Chance bekamen, wieder zu trocknen.
Außerdem warteten noch eine herzförmige Tasse, alte Konzert- und Kinokarten, Fotos, ein paar T-Shirts und etwas Schmuck im Bauch des Koffers auf baldige Erlösung.

Eines Morgens, gerade als er die Hoffnung schon aufgegeben hatte, dass jemals etwas passieren würde, war es so weit: Er wurde abgeholt. Bevor er seufzend und ächzend im Schlund des Müllwagens verschwand, um seine letzte Reise anzutreten, erinnerte er sich noch einmal an die schönen Momente in seinem Leben: An den Tag, an dem er von einem jungen Pärchen im Geschäft ausgesucht worden war. An jenen Abend, als er für die erste gemeinsame Reise seiner Besitzer gefüllt worden war. An jenes Weihnachtsfest in London, an dem ein Ring mit einem winzigen Diamanten in seinem Bauch mitgeflogen war. An die ruhigen Wochen, die er im dunklen Kasten verbracht hatte, wo ihn ab und zu die Katze auf ein Nickerchen besuchen kam.
An die letzten Tage wollte er sich nicht erinnern, obwohl ihm das wütende Geschrei und die knallenden Türen noch in den Ohren hallten. Nein, er wollte bei seinem Abschied von der Welt das bleiben, was er immer gewesen war – ein Koffer voller Liebe.

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#45 Piano, piano

23. Dezember 2011 at 20:37 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , )

Tap, tap, tap. Sie hob einen Finger nach dem anderen an und ließ ihn sanft wieder auf die Tischplatte fallen. Tap, tap. Sie lächelte und faltete die Hände in ihrem Schoß zusammen. Sie hörte in ihrem Kopf eine Melodie klingen, die sie lange Jahre ihres Lebens begleitet hatte.

Sie entfaltete ihre schmalen, knochigen Hände. Die Adern standen blau hervor und ein paar Altersflecken zeichneten die reife Haut. Sie war weder von Gicht, noch von Rheuma geplagt. Sie konnte problemlos an der Strick- und Häkelrunde teilnehmen, etwas malen oder beim Adventkranzbinden kurz vor Weihnachten helfen. Manchmal unterstützte sie ihre Zimmernachbarin dabei, die tückischen Schnürsenkel zu besiegen, da deren Finger oft nicht mehr taten, was sie wollte. Sie selbst aber hatte sich ihre Fingerfertigkeit bewahrt. Sie könnte auch Klavier spielen.

Sie war nicht jünger als die anderen Bewohner des Pflegezentrums. Manchmal fiel ihr etwas nicht mehr ein, das sie eben noch gewusst hatte oder sie vergaß ihre Tabletten zu nehmen, obwohl sie jeden Morgen am Nachttisch geduldig darauf warteten, dass sie aufwachte. Aber Dinge von früher entschwanden ihr nie. Ebenso wenig wie die Melodie, die sie in ihrem Herzen trug.

Im Aufenthaltsraum, der wegen der gemütlichen Sofas gerne von Besuchern frequentiert wurde, stand er, der große schwarze Flügel. Seit sie hier wohnte, ging sie ihn jeden Tag besuchen. Sie nahm in einem dunkelgrünen, etwas fleckigen Polstersessel Platz, der es ihr erlaubte, den Flügel aus dem perfekten Blickwinkel zu betrachten – so schräg, dass sie, sollte jemand ihn bespielen, dessen Handbewegungen und die auf- und niederschnellenden Tasten beobachten konnte, während der Bösendorfer-Schriftzug ihr im Licht der Pultlampe golden entgegenschimmerte und zuzwinkerte.

Es kam selten vor, dass jemand ein paar Töne klimperte. Ab und zu kam ein junger Musikstudent vorbei, der für seine Großmutter einige kurze Stücke zum Besten gab, weil er nicht wusste, was er mit ihr reden sollte. Er schlug die Tasten fest an und trat heftig in die Pedale. Es durchzuckte sie ein leiser Schmerz, wenn sie sah, wie das edle Instrument so grob behandelt wurde.

Eines Abends, als nur noch ein schlafender Mann mit zerknautschtem Gesicht im Aufenthaltsraum war, den die Nachtschwester wahrscheinlich schon verzweifelt suchte, ging sie zum Flügel und strich vorsichtig über die Tastatur. Das kühle Weiß-und-Schwarz fühlte sich so beruhigend an, dass sie sich für einen Moment auf den wackeligen Hocker setzte. Er quietschte ein bisschen und sie drehte sich ängstlich nach dem Mann um. Aber er schlief tief und fest. Sie legte die Finger auf die Tasten und drückte sie so langsam und bedächtig hinunter, dass sie keinen Ton von sich gaben. Es war der erste Akkord der Melodie, die in ihrem Kopf unaufhörlich vor sich hin summte.

Sie blickte auf und sah einem matten, schwarz glänzenden Spiegelbild ihrer selbst entgegen. Wie lang war es her, dass sie auf einem Klavierhocker gesessen und tatsächlich das Instrument zum Schwingen, zum Seufzen und Vibrieren gebracht hatte? Zehn, fünfzehn Jahre? Irgendwann bevor ihr Mann krank geworden war. Sie hatte das Datum nicht mehr im Kopf, an dem der Krebs diagnostiziert worden war, es spielte keine Rolle, es waren nur Zahlen.

Sie hatte sich geschworen, alle Erinnerungen in ihrem Kopf zu bewahren, für immer und ewig. Seine ersten schüchternen verliebten Blicke, die streichelnden Hände, wenn sie traurig war, die von Jahr zu Jahr tiefer werdenden Lachfalten um seinen Mund, das immer schütterer werdende Haar, die einst weißen Zähne, die nach und nach durch künstliche ersetzt worden waren. Sie wollte sich merken, wie es war, neben ihm einzuschlafen und wieder aufzuwachen, Zeitung zu lesen und spazieren zu gehen. Ihm fielen Dinge auf, die sie übersehen hätte. Hier ein winziges Schneckenhaus, dort ein rastender Marienkäfer auf einer Blüte.

Aber das Einzige, was geblieben war, waren Schnappschüsse in ihrem Gehirn. Kurze Szenen bildeten sich da ab, einzelne Momente, die sie aneinanderreihen konnte, aber die nicht an das heranreichten, was er als Ganzes gewesen war, immer noch war. Nur die Melodie war geblieben. Deswegen konnte sie sie auch nicht mehr spielen, denn sie sollte bis zu ihrem eigenen letzten Atemzug so rein und unverfälscht wie in ihren Gedanken bleiben.

Es war das erste Lied, das sie ihm vorgespielt hatte, an jenem magischen Abend, an dem er sie dazu überredet hatte, eine Karriere als Konzertpianistin anzustreben. Der Plan war niemals umgesetzt worden – eine Woche vor der Aufnahmeprüfung gebar sie ihr erstes Kind. Aber die Melodie hatte sie noch viele Male gespielt. Das Stück begann langsam und melancholisch, steigerte sich zu einem schnellen, klangvollen Höhepunkt, wonach es wieder ruhiger und leiser wurde, bevor es sanft und versöhnlich endete.

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#43 Der Gast in grau

25. September 2011 at 11:27 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , )

„Haben Sie denn nichts anderes zu tun?“, würde ich ihn gerne fragen. „Haben Sie keine Arbeit?“ Aber natürlich tue ich es nicht, das wäre schlecht fürs Geschäft. Soll er ruhig jeden Tag (außer sonntags) hier sitzen und seine Zeitungen lesen. Zuerst, so gegen 10 Uhr, gibt es Kaffee, einen großen Braunen mit viel Zucker und einem Glas Mineralwasser. Kurz nach 12 Uhr bestellt er ein kleines Bier, das flüssige Mittagessen. Nachmittags noch einen Kaffee und etwa um 18 Uhr faltet er seine Zeitungen ordentlich zusammen und macht sich auf den Weg – „bevor die Kaufhäuser schließen, wissen Sie“.

So manche fragwürdige Gestalt geht hier ein und aus, aber er ist mit Abstand der seltsamste Gast. Er kann kaum älter als mein Vater sein, müsste also noch ein paar Jährchen arbeiten, bevor er seine Pension in Kaffeehäusern genießen kann. Und er hat auch keine offensichtlichen Gebrechen, die ihn am Arbeiten hindern würden. Was tut er also im „Café Sperling“?

Meistens ist er in Grau- oder Brauntöne gekleidet, gerne karierte Stoffe. Hut und Mantel sind ebenfalls grau und hängen immer am selben Haken. Die Kleidung wirkt nicht schäbig, aber ich vermute, er hat trotzdem nicht viel Geld. Sonst würde er vielleicht mehr konsumieren. Aber ich darf mich nicht beschweren, das Trinkgeld ist in Ordnung.
Beim Lesen trägt er eine Brille. Sie aufzusetzen stellt jedes Mal eine aufwändige Prozedur dar. Zuerst muss er sie tief aus der Manteltasche zaubern, wie ein Kaninchen aus dem Hut. Und dann muss sie noch umständliche auf seine Hakennase gesetzt werden. Aber sie hält nicht gut. Einmal habe ich mitgezählt. 165 Mal ist sie ihm auf die Nasenspitze gerutscht. Und 165 Mal hat er sie zurückgeschoben. Das bedeutet, er muss etwa alle dreieinhalb Minuten seine Brille richten. Wenn er mit mir spricht, ist die heruntergerutschte Brille aber ganz praktisch. Dann mustert er mich über deren Rand hinweg und sieht mich dann wohl (mehr oder weniger) scharf.

Manchmal denke ich, er fristet wegen mir seine langen Tage in dieser kleinen Spelunke mitten in der großen Stadt. Der Kaffee ist hier nicht besser als sonst wo, das Bier ist meist warm, da die Kühlung von Zeit zu Zeit streikt und die Speisekarte, die der Besucher nie eines Blickes würdigt, lässt zu wünschen übrig.

Sobald ich mich seinem Tisch nähere, blickt er auf und lächelt mich freundlich an. Irgendein Gesprächsthema fällt ihm immer ein. Und wenn es nur das Wetter ist. Ich nicke dann, antworte etwas und tue so, als hätte ich viel zu tun. Obwohl das unsinnig ist, er sieht ja, dass ich nichts zu tun habe. Irgendetwas sträubt sich in mir, wenn er versucht, mit mir über persönliche Dinge zu sprechen. Ich will ihn nicht in mein Privatleben hineinlassen. Ich traue Männern in seinem Alter nicht, weil so viele Angst vor dem Älterwerden haben. Und dann junge Frauen an ihrer Seite haben wollen, um dieser Angst nicht ins Auge sehen zu müssen. Vielleicht nehme ich es ihnen nur übel, dass sie meine verklärte Vorstellung von Liebe und verhutzelten alten Ehepaaren, die ihr ganzes Leben miteinander verbrachten, kaputt machen.

Während ich die Gläser zum gefühlten hundertsten Mal poliere (bald werden sie sich in glänzende Luft auflösen), mustere ich ihn. Er liest seine Zeitung, ganz langsam. Das erkenne ich daran, dass er nur sehr selten umblättert. Keiner dieser aufdringlichen Zeitungsraschler. Manchmal, wenn ich ihn mit einem Blick streife, habe ich das Gefühl er liest gar nicht. Er schaut einfach durch die Buchstaben hindurch, in eine andere Welt. Vielleicht in eine Welt, wo er nicht den ganzen Tag in einem schäbigen Café mit einer unfreundlichen Kellnerin sitzt.
Ich wünschte, er würde gehen. Meine Füße tun höllisch weh vom scheinbar geschäftigen Saubermachen und hinter-der-Theke-auf-und-ab-Gehen, ich möchte mich endlich hinsetzen und selbst ein bisschen in einer Illustrierten blättern. Aber er geht nicht, schließlich ist es noch nicht 18 Uhr.

Um Punkt sechs Uhr abends steckt er die Brille wieder in die Untiefen seiner Manteltasche zurück und zieht sich an. Er kommt noch einmal zurück und stützt sich auf die Theke.
„Wissen Sie, ich habe einen Sohn in Ihrem Alter“, sagt er. Ich nicke und lächle mein höfliches eigentlich-interessiert-mich-das-nicht-Lächeln. „Ich würde Ihnen Robert gerne vorstellen“, fährt er fort und wartet aufmerksam auf meine Reaktion. Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Ich glaube, ich möchte seinen Sohn nicht kennen lernen, überhaupt will ich niemanden kennenlernen, muss aber diplomatisch bleiben.

„Bringen Sie ihn doch mit“, sollte ich sagen, aber stattdessen sage ich: „Ich weiß nicht, ob meinem Freund das gefallen würde…“ Ich sehe zu Boden, weil meine Augen mich sonst betrügen würden. Er weiß trotzdem, dass ich lüge.
„Auf Wiedersehen“, sagt er und ich antworte eifrig: „Bis morgen!“, obwohl ich weiß, dass er morgen nicht komme wird und auch an keinem anderen Tag. Ich vermisse ihn jetzt schon.

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#41 Ein unbeschriebenes Blatt

23. Juli 2011 at 23:00 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , )

Ich spitze den Bleistift. Krrrtsch. Krrrrrtsch. Bei jeder Umdrehung rieseln braune Holzgirlanden und ein bisschen Graphit in den Mistkübel. Ich prüfe die geschärfte Spitze mit dem Zeigefinger. Vorsichtig, damit kein Eckchen abbricht. Ich mache einen Strich auf der Schreibtischunterlage. Zu fest aufgedrückt. Die Prozedur beginnt von Neuem.
Die Spitze ist nun so scharfkantig, dass ich jemanden damit verletzen könnte. Vielleicht ein Auge ausstechen. Achtsam sein. Mit dem Stift und mit meinen Gedanken.

Vielleicht nehme ich doch lieber einen Kugelschreiber. Bleistiftschrift wirkt unseriös. Erinnert mich irgendwie an Hausaufgabenschreiben in der Volksschule. Immer schön auf der Linie bleiben, Buchstabe neben Buchstabe setzen, dann gibt es ein Lob von der Lehrerin. Ich male große Kringel mit dem Kugelschreiber auf das Papier. Bald werde ich die Schreibtischunterlage wechseln müssen. Jetzt mache ich kleinere Kringel. Ich will, dass der Stift gut schreibt. Er darf nicht versagen, bei den Worten, die ich zu schreiben habe. Es darf nicht wirken, als hätte ich jemals gezögert, auch nur für einen Moment den Schreibfluss unterbrochen und überlegt, was ich da tue.

Die Worte weiß ich genau. Ich habe sie mir exakt zurechtgelegt und könnte sie im Schlaf aufsagen. Sie ergeben eine schöne Melodie. Ein Takt Gefühle, ein Takt Vorwürfe, zwei Takte Selbstmitleid. Auf ein sanft ansteigendes Crescendo folgt ein abruptes Decrescendo, das Ende ist fast versöhnlich, aber hinterlässt beim Leser das Verlangen, erneut zu beginnen. Da capo al fine. Möglicherweise ist ihm ja etwas entgangen, hat er die Melodie nicht ganz verstanden. Ein Musikstück muss man mehrmals hören, bevor man die Essenz und die Gefühle des Komponisten auch nur annähernd erahnen kann.

Ich nehme einen Bogen Briefpapier aus der Lade. Ganz weiß, ohne Schnörkel und Verzierungen. Darunter lege ich ein liniertes Blatt. Damit die Zeilen schön gerade werden, die Buchstaben die Wörter zu schnurgeraden Ketten verbinden, die sich ebenmäßig über das Papier ausbreiten. Eigentlich wäre es egal, der Leser wird nicht darauf achten. Er wird sich auf den Inhalt konzentrieren müssen. Aber es soll alles seine Ordnung haben.

Kurz bevor der Kugelschreiber auf dem blütenweißen Papier aufsetzt, lege ich ihn wieder hin. Noch einen Schluck Wasser trinken. Das Fenster öffnen. Draußen ist es kühl, vielleicht regnet es heute noch. Nachts wahrscheinlich. Dann wird der Staub weggewaschen, der sich über den Tag angesammelt hat und am nächsten Morgen erscheint die Welt in neuem Glanz. Nur damit sie wieder von Neuem den ganzen Schmutz und Dreck unseres Lebens in sich aufsagt, die sie eines Tages zerstören werden.

Ich stelle mein Wasserglas auf die Schreibtischunterlage. Es macht einen nassen Ring auf dem Papier, das später beim Trocknen Wellen schlagen wird. Ich rücke noch einmal das weiße Blatt zurecht, damit es genau mit den Kanten der linierten Vorlage abschließt. Wie spät ist es eigentlich? Ich sehe auf die Uhr. Die Zeiger verschwimmen kurz vor meinen Augen, dann sehe ich klar. Gleich beginnt das Hauptabendprogramm. Der Brief wird warten müssen.

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#40 Sommerregen

26. Juni 2011 at 16:14 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , )

Der Geruch von Sonnencreme auf der Haut, Meersalz, das in der Mittagshitze getrocknet war und sich in den Haaren verklebte und Sand zwischen den Zehen (und überall dort, wo er nicht hingehörte): So fühlte sich Sommer an. Zumindest bis zu jenem Sommer, als ich vierzehn wurde. Dann kam der Regen und wusch alles weg: Sonnencreme, Meersalz, Sand und Ausgelassenheit. Selbst die alte Holzhütte, in der wir so viele fröhliche, sonnentrunkene Stunden verbracht hatten, riss er in einem wallenden Hochwasser mit sich fort, mitsamt den Korbsesseln, die auf ihre Be-Sitzer warteten. Der Regen.

Der Regen ist eine Frau. Nach all den Jahren weiß ich noch immer nicht, wie sie aussieht. Ich stelle sie mir groß, blond und schlank vor – ein bisschen so wie Mama, als sie noch jünger war.
Sie kam und riss alles mit sich weg. Zerbrach meine Familie. Meinen Sommer, meinen Winter – „mein Leben“ wäre vielleicht übertrieben. Irgendwann findet man in seine Umlaufbahn zurück, zieht seine Kreise wieder so wie vorher, als sei nichts passiert. Obwohl ein Stück von einem abgebrochen ist. Ich bin eben ein Planet mit Ecken und Kanten, der ein wenig schief seinen vorgegebenen Kurs verfolgt und hier und da einen anderen streift und auch den ein bisschen aus der Bahn wirft.

Die Regenfrau hat mich mit Angst in meinem sommerlosen Leben zurückgelassen. Es ist die Furcht, dass auch in mir die dicken, schweren Regenwolken wachsen könnten. Tag für Tag würden sie ein bisschen größer, ein bisschen dunkler. Bis eines Tages die ersten Tropfen niederprasseln, meinen Körper und meine Gedanken überschwemmen, bis die Fluten aus mir herausbrechen und alles mit sich reißen, was sich ihnen in den Weg stellt.

Mama weinte, als sie mir am Beginn jenes Sommers, in dem ich vierzehn wurde, sagte, dass unser Strandhaus von einem starken Regen weggeschwemmt worden war. Solche verheerenden Gewitterstürme waren an der Westküste nicht ungewöhnlich. Ich verstand nicht, bauen wir es wieder auf, sagte ich, das wird lustig. Es ist zu spät, sagte sie.
Es ist nie zu spät, wollte ich sagen, doch ich schwieg. Papa ist auch fort, sagte Mama, fing noch heftiger an zu weinen und zog mich an sie heran. Ihre Umarmung machte mich mit ihrem Schluchzen zittern. Meine Tränen kamen erst viel später. Als ich verstand, dass der Regen eine Frau war. Eine Frau, die mit Papa meinen Sommer gestohlen hatte, im Strandhaus.

Seitdem bohrt die Angst tief in meinem Herzen, dass dasselbe in mir schläft wie in meinem Vater. Der Hunger nach mehr. Vielleicht ist er genetisch bedingt und ich kann mich nicht dagegen wehren. Muss einfach von einem Tag auf den anderen meine Zelte ab- und woanders wieder aufbauen. Ohne jemals zurückzublicken.

Irgendwann werde ich zum Strandhaus gehen, auch wenn es weh tut. Nur um zu sehen, dass manche Dinge doch beständiger sind als der Regen. Irgendwann werde ich eine Familie haben und sie an den Strand mitnehmen. Sie werden nach Sonnencreme riechen und getrocknetes Meersalz wird ihre Haare verkleben. Sie werden heißen Sand zwischen den Zehen fühlen und in einem alten Strandhaus wohnen. Und ich werde sagen: So lange ich lebe kann uns der Regen nichts anhaben.

Foto Credits: loveanddeathandeverythinginbetween.wordpress.com

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