#52 Mit dem Messer…

8. August 2012 at 13:00 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , )

„Du oder ich“, sagte er, mehr als Feststellung denn als Frage und legte das schärfste Messer aus dem Messerblock vor ihr auf den Küchentisch.
Sie musterte ihn aus ihren fast türkisblauen Augen, die ihm mittlerweile so vertraut geworden waren wie sein eigenes Spiegelbild. Sie strich langsam mit dem Zeigefinger ihrer linken Hand – sie war Linkshänderin, weswegen der grellrote Nagellack auf den Fingern dieser Hand nicht ganz so schön aufgetragen war wie auf der anderen; und sie wollte sich dabei natürlich auch nicht helfen lassen, stur wie sie war – über die Messerklinge, gerade so sanft, dass sie sich nicht daran schnitt.

„Du hast dir also für unseren dreizehnten Monatstag etwas Besonderes überlegt?“, fragte sie, mit Seitenblick auf die prall gefüllte Einkaufstüte, die er inzwischen ebenfalls auf dem Tisch platziert hatte.
„Kann man so sagen“, lächelte er entspannt. Dieses eine einzige Mal hatte er nicht auf den verdammten Monatstag, der sicher die Erfindung einer nach Geschenken süchtigen Frau war, vergessen. „Aber ich werde nicht auch noch die ganze Arbeit alleine machen“, kündigte er an und streichelte ihr zärtlich über den Handrücken der rechten Hand, die weit entfernt vom Messer auf dem Tisch lag.

Sie zog als Antwort lediglich die Augenbrauen hoch und schaltete den ihr eigenen Gehirn-Röntgenblick ein, wie sie das so oft machte, um seine Gedanken lesen zu können.
Verschmitzt fuhr er fort, während ihm die Freude über seine gelungene Überraschung förmlich aus den Augen sprühte: „Schwingst du selbst das Messer, wird es kurz und schmerzlos sein. Aber überlässt du es mir, so wird das eine lange und qualvolle Angelegenheit.“

Sie ließ ihn nicht warten, sie war schon immer eine Frau der schnellen Entscheidungen gewesen. Sie griff nach dem Messer und in die Tüte mit Einkäufen und begann unverzüglich damit, Zwiebeln, Tomaten und Paprika für das Monatstags-Abendessen kleinzuschneiden.

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#51 El

31. Mai 2012 at 23:36 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , , )

In jenem Sommer als meine Eltern mich zu meiner Tante aufs Land abschoben, um in Ruhe ihre Ehekrise zu überwinden (sie überwanden sie nicht; sie nutzten die gewonnene Zeit um den gemeinsamen Haushalt aufzulösen und meine bis dahin unbeschwerte Kindheit abrupt zu einem Ende zu bringen) und der drohte, der langweiligste meines Lebens zu werden, lernte ich El kennen. Ich kann mich nicht mehr an seinen richtigen Namen erinnern, nur daran, dass ihn alle „El“ gerufen hatten.

El war zehn Jahre alt, genau wie ich, und er hatte diese unglaubliche Ausstrahlung – eine Aura des Unheils schien ihn zu umgeben. Ich wusste sofort: Wenn ich in seiner Nähe blieb, würde etwas passieren. Darum heftete ich mich an seine Fersen und verschmolz mit seinem Schatten, damit ich den Moment nicht versäumte, in dem das Großartige, das Abenteuer begann.
Kein Junge im zarten Alter von zehn Jahren – vor allem nicht die wilden, sommersprossigen, kurzhosigen Jungen mit einer Narbe am Kinn – mag es, wenn er von einem gleichaltrigen, zierlichen Mädchen in bunten Sommerkleidern und mit dunklem Pferdeschwanz verfolgt wird. Aber El hatte keine Wahl, das machte ich ihm gleich am ersten Tag klar, mit dem einfachen Argument: „Es gibt keine anderen Kinder hier.“

Da El aber weder Kochen, Vater-Mutter-Kind noch mit Puppen spielen wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als ihm bei seinen wilden Burschenspielen zuzusehen, die er seit er sich erinnern konnte alleine spielte.
Am fünften Ferientag passierte dann etwas. Der Lieblingsjagdhund von Els Vater kam zu einem plötzlichen und unerklärlichen (für mich nicht ganz so unerklärlich, da ich dem Spektakel beigewohnt hatte) Tod, obwohl er sich bis zu diesem Tag bester Gesundheit erfreut hatte. Ebenfalls zu Schaden kam beim selben Anlass ein blau-weiß kariertes, kurzärmeliges Hemd des Hundebesitzers.

Der stämmige und zugleich äußerst agile Dachshund, dessen Spezialität es war, sich heimlich an Kaninchenbaue heranzuschleichen, die verängstigten Insassen aufzuscheuchen und Els Vater vor die Flinte zu jagen, pflegte schon seit Jahren eine innige Feindschaft mit El.
El schwor mir, dass besagte Feindseligkeit allein vom Hundsvieh ausginge, das sich partout weigerte, auf seine Annäherungsversuche einzugehen. Sobald El sich innerhalb eines Radius von zehn Metern um das Tier befand, begann es zu knurren und zu kläffen. Und obwohl es sich um einen Jagdhund handelte, der es liebte, Dingen nachzuhetzen und Befehle auszuführen, bedachte er El nur mit einem verächtlichen Blick, wenn dieser versuchte, dem Tier ein Stöckchen zu werfen.

El ließ mich gnädig an seinen Experimenten teilhaben (gegen mich hegte der Hund übrigens keinen Groll – wenn er gut gelaunt war, also El sich nicht in seiner Nähe befand, durfte ich den warmen, drahtigen Körper sogar streicheln). Als erstes versuchte El den Hund mit Leckereien aus seiner Lethargie zu erwecken. Er würde etwas Speck oder Schinken oder die Knochen aus der Hühnersuppe aus der Küche seiner Mutter entwenden, sie feinsäuberlich mit einem dünnen Bindfaden an einem Stock befestigen und so weit werfen, wie er nur konnte. Das Vergnügen des Werfens blieb El vorbehalten, ich durfte nur ab und zu bei der Bestückung der Stöcke mit den Köstlichkeiten behilflich sein. Ich war schließlich ein Mädchen und konnte nicht so weit werfen. Ich wollte mich mit meinem einzigen Freund nicht streiten, also beließ ich es bei dieser Arbeitsaufteilung.
Der braune, sture Dachshund reagierte auf keines der Spielangebote. Er lag einfach nur in der Sonne und knurrte grimmig vor sich hin. Manchmal, am Ende eines fehlgeschlagenen Experimentes, kniete sich El in einiger Entfernung auf den Boden und verzehrte den schmutzig gewordenen Schinken oder Speck genüsslich, während er dem Tier dreist in die Augen starrte und seine Kiefer voller Hohn das Fleisch zermahlten.

Am fünften Ferientag war Els Geduld am Ende und er griff zum äußersten Mittel. Er klaute ein getragenes, verschwitztes Hemd seines Vaters aus der Wäschetruhe im Keller und band es um einen großen Buchenast. Sobald der Hund den vertrauten Duft seines Herrchens erschnupperte, löste er sich aus der Erstarrung und rannte El, der das Hemd an seinem Stock wie eine Fahne im Wind schwenkte, aufgeregt bellend hinterher.
Wir galoppierten wie die Wilden durch Wiesen und Felder, der japsende Hund stets an unseren Fersen, bis wir am Flussufer angelangt waren. Der Fluss führte immer noch viel Wasser, vor Ferienbeginn hatte es heftige Regengüsse gegeben, und die Strömung war stark. Ab und an wirbelte es Äste und Zweige vorbei, die immer wieder in einem der Strudel versanken, um einige Meter flussabwärts wieder aus dem Wasser aufzutauchen.
El fiel nichts Besseres ein, als die Hemdenfahne mit aller Kraft ans andere Flussufer zu schleudern. Doch sie kam nie dort an, sondern landete glucksend in den Fluten. Noch bevor ich begriffen hatte, was eigentlich geschehen war, hatte sich der mutige Dachshund ins eisige Wasser gestürzt, um den Besitz seines Herrchens zu retten. Ein paar Mal sahen wir noch das glitschig-nasse Köpfchen hervortauchen, dann hatte die Strömung Hund und Hemd mit sich fortgerissen.

El hatte den Anstand, meine Beteiligung am Verschwinden des Lieblingsjagdhundes nicht zu erwähnen. Überhaupt musste er seinen Eltern eine großartige Lüge aufgetischt haben, denn er wurde nicht einmal bestraft.
Bis zum Ende des Sommers ersannen wir gemeinsam Geschichten über das, was der Dachshund auf seiner Reise zum Meer alles erlebte und zogen aus unserem Geheimnis eine seltsame Befriedigung, die mir noch heute einen Schauer über den Rücken jagt, wenn ich mich der Erinnerung an dieses reuig-schadenfrohe Gefühl hingebe.

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#44 Blauäugig

9. Oktober 2011 at 13:57 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , , )

Als ich ihn zum ersten Mal sah, erschrak ich fürchterlich. Ich war auf dem Heimweg von einer Feier, ich hatte Kopfschmerzen vom schweren Wein und musste für die morgendliche Acht-Uhr-Teambesprechung aber wieder voll auf Zack sein, um dem Chef erklären zu können, warum die Monatsbilanz so schlecht war. Ich wollte nur noch schlafen. Eine heiße Dusche, zwei Aspirin, ein großes Glas Leitungswasser und endlich, endlich die schrecklich fußfeindlichen High Heels in den Schuhschrank zurückstellen.

Aber dann. Mein Unterbewusstsein schien trotz (oder wegen?) des Alkoholeinflusses auf Hochtouren zu arbeiten. Eine schwarze Gestalt auf einem Sofa, wo normalerweise keine schwarzen Gestalten hausen, vor allem nicht nachts. Vielleicht hatte er sich gerade in dem Moment bewegt, als ich vorbeistöckelte und so meine Aufmerksamkeit erregt, vielleicht aber auch nicht. Als ich hinsah, lag er jedenfalls ganz ruhig da. Der Stiftabsatz meines rechten Schuhs verhakte sich an einem hervorstehenden Element des Kopfsteinpflasters, das ich normalerweise zu umgehen wusste und ich musste mich kurz an der Schaufensterscheibe abstützen, um mein Gleichgewicht wiederzuerlangen. Meine Hand brachte die glatte Oberfläche leise zum Quietschen.
Die Gestalt auf dem Sofa im gut ausgeleuchteten Möbelstudio öffnete für einen Moment die Augen. Das durchdringende Blau hypnotisierte mich und ich war dankbar, dass er die Augen schnell wieder schloss und er mich aus dem Bann entließ.

In dieser Nacht schlief ich schlecht. Ich träumte von einem Husky mit durchdringenden blauen Augen, der durch den Schnee lief. Er drehte sich immer wieder um und sah mich auffordernd an – ich sollte ihm folgen. Plötzlich war er weg und ich schreckte aus dem Schlaf hoch. Er geisterte mir auch noch bei der morgendlichen Besprechung im Kopf herum.

Jedes Mal, wenn ich abends heimging, machte ich einen Umweg, um an dem Möbelstudio vorbeizukommen. Manchmal war er da, aber viel öfter blieb das Sofa leer. Und jeden Morgen, wenn ich durch das Schaufenster blickte, war derselbe Verkäufer ohne huskyblaue Augen dort und sortierte Mappen mit Stoffmustern und Produktnummern.

Ich versuchte, einer Freundin von dem geheimnisvollen Mann zu erzählen. „Du spinnst doch“, sagte sie, „verliebst du dich etwa wegen seiner Augen in den Kerl?“ Ich zuckte die Schultern. „Normalerweise ruft man die Polizei, wenn man seltsame Gestalten nachts in Geschäften sieht“, tadelte sie mich. Sie verstand mich nicht. Ich hatte keine Ahnung was er war, aber er war kein Einbrecher.

Zwei Wochen vergingen, ohne dass ich ihn sah. Ich konnte nicht anders, ich musste den Verkäufer nach ihm fragen. Er sah mich erschrocken an und fuhr sich nervös durchs braune Haar. Er winkte mich näher an sich heran und flüsterte mir mit heißem Atem ins Ohr: „Bitte behalten Sie das für sich. Das ist mein Bruder, er ist auf der Durchreise.“ Ich sah ihn erstaunt an und wollte nachhaken, aber er legte den Finger auf den Mund, da gerade eine alte Dame mit einem Pudel hereinspazierte. „Vielen Dank für Ihren Besuch“, sagte er laut zu mir und eilte der Frau mit einem „Wie kann ich Ihnen helfen?“ entgegen.

Noch verwirrter als zuvor verließ ich das Geschäft. Ich begann, den Verkäuer jeden Tag zu besuchen und irgendetwas über den Bruder auf der Durchreise zu erfahren. Ich war lästig genug, dass er eines Tages ein Angebot machte: „Ich schalte heute Nacht die Alarmanlage aus. Kommen Sie um elf durch die Hintertür herein.“
Mein Blut musste mit Lichtgeschwindigkeit durch meine Adern fließen, so schnell klopfte mein Herz, als ich mich der Hintertür im schummrigen Hof näherte. Ich wusste nicht, was mich erwartete – ich wusste nicht einmal, was ich mir selbst von diesem nächtlichen Unterfangen erwartete.

Er saß im Schneidersitz auf dem Parkettboden, genau gegenüber von mir, Rücken an Rücken mit seinem Schlafsofa. Einladend tätschelte er die Holzdielen neben sich und obwohl sein Gesicht durch den Schatten des Sofas im Halbdunkel lag, schienen seine Augen zu glänzen. Meine Knie wurden ganz weich, auf wackeligen Beinen stakste ich zu ihm hinüber und setzte mich vorsichtig neben ihn. Was tat ich hier bloß? Er streckte mir seine Hand entgegen und als ich sie ergriff, war ich wie elektrisiert.

Er stellte sich vor. Für einen Moment dachte ich, ich hätte meinen Namen vergessen. Nie zuvor hatte ich so eine Anziehungskraft erlebt. „Komm mit mir“, flüsterte er, „lass dein altes Leben zurück…“ Ich atmete schwer. Mein schwacher Körper wollte sich ihm hingeben, aber mein benebelter Geist ließ die Alarmglocken schrillen. Mein Unterbewusstsein rumorte mal wieder und brachte einen Ausschnitt aus einem Film zutage, Liebe, Tod… Ich bekam eine Gänsehaut. Er streckte die Hand aus, um sie auf meinen Arm zu legen, doch ich stand abrupt auf und eilte zur Hintertür hinaus, ohne einen Blick zurück.

Ich mied das Möbelgeschäft seitdem, aber als ich einmal mit Bekannten unterwegs war, Wochen später, und mir keine andere Wahl blieb, sah ich, dass das Geschäft leer war und ein „Zu vermieten“-Schild an der Tür hang. Mir schauderte. Am nächsten Tag holte ich mir aus dem Tierheim einen Husky, der mich täglich daran erinnerte nicht blauäugig zu sein.

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#42 Kurzbesuch

14. August 2011 at 23:16 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , )

Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass sich eine Frau mittleren Alters meinem Haus nähert. Um die fünfzig, würde ich schätzen. Sie ist nicht von hier. Frauen wie sie gibt es hier nicht. Ich strecke die Beine lang aus. Meine Zehenspitzen berühren die Grenze, wo der Schatten des Hausdaches auf die sonnenbeschienen Holzdielen trifft.
Sie geht bestimmt vorbei. Ich bekomme selten Besuch. Manchmal taucht der Vermieter auf, wenn ich nicht rechtzeitig das Geld überweise. Meist bei Anbruch der Dämmerung klopft er an die Tür, die unter seinem resoluten Faustschlag fast aus den Angeln fällt. Mit Einbruch der Dunkelheit erwachen die bösen Geister.

Zielstrebig hat sich die Frau ihren Weg über die morsche Holztreppe gebahnt, die zu meiner winzigen Terrasse führt, die zurzeit meine einzige Freude ist. Hier kann ich im Schatten sitzen und Leute beobachten, während die heiße Mittagssonne unnachgiebig das Gras in meinem mickrigen Vorgarten versengt. Den Traum von einem Rasensprenger habe ich schon lange aufgegeben.
Endlich steht sie vor mir. Ich blicke ihr nicht ins Gesicht, das tue ich bei niemandem. Wenn ich mit jemandem rede, fixiere ich einen Punkt über der rechten Schulter meines Gegenübers und spreche ins Leere. Ich weiß nicht genau warum, irgendwann habe ich damit angefangen.

Sie hält mir ein Bild unter die Nase und sagt etwas. Ich verstehe erst nicht, sie hat einen starken italienischen Akzent. Ich bitte sie widerwillig, ihren Satz zu wiederholen. Ohne sie oder das Foto eines Blickes zu würdigen. Ob ich das Mädchen kenne. Diesmal spricht sie langsamer, artikuliert die Wörter schöner. Und spricht lauter, vielleicht glaubt sie, ich würde schlecht hören.
Ich zwinge mich, das schwarz-weiße Foto zumindest oberflächlich zu mustern. Ich schätze das Mädchen auf zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig – aber ich bin mir nicht sicher, ich konnte noch nie gut das Alter anderer Leute einschätzen. Und die Bildqualität ist auch schlecht. Was geht mich das alles an?

Sobald ich wegsehe, habe ich die Gesichtszüge der jungen Frau schon wieder vergessen. Hier verschwinden oft Leute. Meist Mädchen, keine achtzehn Jahre alt. Der ganze Ort ist ein einziges Drecksloch, da passieren eben solche Dinge. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Wer nicht, der versauert hier.
Wir haben sogar eine Polizeiwache im Ort, aber eigentlich ist sie umsonst. Seit Jahren werden die Fälle nicht mehr aufgeklärt. Es interessiert ja doch niemanden. Für die Eltern ein Drama, natürlich, aber es gehört schon zum Alltag. Ich kann der Frau nicht helfen.
„Carabinieri“, sage ich und deute vage in die Richtung, wo sie einen schlafenden Polizisten hinter einem schäbigen Schreibtisch vorfinden wird. Irgendwann einmal konnte ich ein paar Brocken Italienisch. Aber das war in einem anderen Leben.

Ich lehne mich zurück und schließe die Augen. Der Stuhl knarrt und ächzt unter meinem Gewicht. Die Frau soll jetzt gehen, ich will keine Gesellschaft.
Aber sie lässt nicht locker. Sie rüttelt mich sanft an der Schulter und zwingt mich wortlos, sie anzusehen. Keiner von uns lächelt. Sie erinnert mich irgendwie an jemanden. An ein lange vergessenes Gesicht, ich kann es nicht zuordnen. Jetzt redet sie auf mich ein und gestikuliert wild mit den Armen. Ich verstehe nicht. Ich will nicht verstehen. Mit der Hand versuche ich, sie wegzuscheuchen, wie eine lästige Fliege.

Mit ihrem unnachahmbaren Akzent sagt sie nur ein Wort. Ich wiederhole es, ungläubig, auf Italienisch. Vielleicht habe ich sie falsch verstanden, oder sie wollte eigentlich ein anderes Vokabel verwenden. „Figlia?“, frage ich.
Sie nickt nur. Eine späte Vaterschaft.

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#38 Hannes und die Tiere

29. April 2011 at 17:25 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , )

„Na du“, würde er sagen, „was hat dich denn dermaßen von den Socken gehaut?“ Dann würde er behutsam den auf den Rücken gedrehten zappelnden Käfer mit Daumen und Zeigefinger packen und wieder auf die winzigen Füßchen stellen.

An Regentagen war besonders viel zu tun. Denn sobald es nicht mehr wie aus Kübeln goss, wagten sich die Regenwürmer aus dem feuchten Erdreich, um die Welt zu erkunden. Leider verirrten sie sich dabei allzu oft auf die Straße oder den Gehsteig, wo ihr Leben zerquetscht und plattgedrückt endete. Aber Hannes war ja da. Er scheute sich nicht davor, die Würmer in die bloßen Hände zu nehmen und wieder zur nächstgelegenen Wiese zu transportieren, wo sie sich dankbar wieder zwischen den Halmen ihrer Heimat entgegen wanden.

Obwohl Hannes großes und kleines Getier mochte, hatte er keine Haustiere, weil er es ungerecht empfand, sie so einzusperren. Einige Spinnen durften bei ihm ihre Netze an der Decke schlagen, Asseln und Ameisen waren gern gesehene Gäste. Ab und zu huschte ein Mäuschen über die knarrenden Holzdielen, aber ansonsten hauste Hannes allein in seiner Hütte am Waldrand.

Für Igel, Katzen und andere hungrige Besucher standen stets Schälchen mit Milch, Trockenfutter und anderen Leckereien bereit, die gerne in Anspruch genommen wurden. Diese Fütterungsaktionen wurden von den wenigen Nachbarn in der Umgebung nicht gerne gesehen – sie meinten, er locke damit Tiere an, die in Siedlungsgebieten nichts zu suchen hätten und nur Schaden anrichteten.

Hannes fuhr nicht Auto. Er konnte nicht damit leben, dass Insekten an seiner Windschutzscheibe verendeten und er mit den Reifen, die ihren Weg unbarmherzig über die Straße walzten, Kleingetier zermalmte. Er fuhr nicht einmal Rad. Er ging immer zu Fuß, ganz vorsichtig trat er auf, setzte bedächtig einen Fuß nach dem anderen auf den Boden, um ja keinem Erdbewohner weh zu tun. Er war so leise, dass man ihn nicht kommen hörte. Manchmal schreckten spielende Kinder auf, wenn er sich so anschlich und plötzlich sein Schatten auf die Kleinen herabfiel. Er lächelte sie an, während sie sich von dem Schock erholten, die Jüngsten manchmal den Tränen nahe.

Alle, die ihn kannten, hielten Hannes für einen verrückten Eigenbrötler. Hannes selbst wollte bloß ein guter Mensch sein. Er wusste, dass sich niemals eine der von ihm geretteten und beschützten Kreaturen bei ihm bedanken würde – dafür suchte er sich die falschen aus. Aber eines Tages würde er seinen Körper ja doch zwischen Würmern und anderen Erdbodenbewohnern zur letzten Ruhe betten. Und da war es doch schön, zu alten Freunden zurückzukehren.

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#34 Ausgestorben

2. Februar 2011 at 21:49 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , )

Der Hotel-Schriftzug auf der Fassade des grauen Gebäudes blinkt schon lange nicht mehr. Der Verputz blättert stellenweise ab und hinterlässt schmutzig-weiße Flecken. Anfangs hatten sich noch ab und zu Touristen hierher verirrt und auf die mit „Nachtportier“ gekennzeichnete Klingel gedrückt. Es hatte niemand geöffnet und irgendwann hatten auch die letzten Reiselustigen gemerkt, dass das nicht mehr die Stadt war, die ihnen Freunde vor Jahren zu besuchen empfohlen hatten.

Die Wirtschaftskrise war ebenso schnell und unerwartet gekommen wie damals der Wirtschaftsaufschwung. Die Menschen, die zurückgezogen und niedergeschlagen in ihren Häusern wohnten, konnten sich kaum noch an die Zeit vor den fetten Jahren erinnern. Das beschauliche Leben, das sie vor dem Aufschwung gelebt hatten, war für immer verdorben, nachdem sie einmal vom Luxus gekostet hatten.

Angefangen hatte es mit einer Fabrik. Nichts Großartiges; Fischkonserven. Die Bewohner gaben bereitwillig ihre Jobs im Umland auf, um als Arbeitskräfte in der Fabrik zur Verfügung zu stehen. Sie arbeiteten fleißig, sie waren harte und eintönige Arbeit gewohnt. Die Manager waren zufrieden. Und da die Fabrik Teil einer riesigen Verpackungsfirma war, wurden mehr Arbeitsplätze geschaffen. Eine zweite Fabrik wurde gebaut; Essiggurken. Schließlich eine dritte und letzte; Mais. Die Stadt wuchs, Siedlungen für neu zugewanderte Arbeiter wurden gebaut. Schulen für die Kinder, Einkaufszentren, ein kleiner Vergnügungspark, eine Bowlinghalle, ein Badesee – das hart verdiente Geld musste wieder ausgegeben, die arbeitsfreie Zeit gewinnbringend genutzt werden.

Irgendwann wurde das erste Wohnhaus zu einem Hotel umgebaut, groß und grau, mit einem leuchtenden Schriftzug. Die ersten Touristen kamen zögerlich, dann in Strömen. Der Vergnügungspark erfreute sich größter Beliebtheit, es war der einzige weit und breit und der extra ausgehobene Badesee hatte den landesweiten Status eines Familienparadieses erreicht. Entspannung, man gönnt sich ja sonst nichts. Den Kindern etwas bieten können. Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut.

Mitten im Hochsommer dann ein Kind mit Ausschlag. Von der Sonne, bestimmt. Juckende, verätzte Haut. Ein zweiter Fall, ein dritter, der Badesee wurde gesperrt und die Touristen fuhren nach Hause. Die Arbeiter blieben, die Fabriken waren verlassen. Rückzug, bevor Verbindungen hergestellt werden, wo keine entstehen sollen. Die Fabrikstore öffneten sich am anderen Ende des Kontinents wieder, weit weg von Badeseen.

Zurück bleiben Enttäuschung und Verbitterung, die sich so tief in die Seelen der Bewohner fressen, dass keine Lebensfreude mehr übrig bleibt. Eine Reihe von Selbstmorden, dann nur noch Teilnahmslosigkeit. Die Arbeiten im Umland werden wieder aufgenommen, aber es ist nicht mehr so wie früher. Es fühlt sich nach Ausbeutung an, die Arbeit ist nichts wert, man bekommt nichts für die Anstrengung geboten. Was ist von der Blütezeit der Stadt geblieben…

Der Wind rüttelt an den Fensterläden, eine zerrissene Zeitung wird ein Stück am Gehsteig entlang geweht. Nichts Neues auf der Titelseite, nichts Neues in der Welt. Nur der Straßenkünstler macht unbekümmert weiter. Vielleicht hat er nicht gemerkt, was passiert ist. Seine Kreiden neben sich, ein Bild im Kopf, ein Teil davon schon zwischen Randstein und Hausmauer aufgemalt. Vielleicht ist es ihm auch egal.
Der Hotel-Schriftzug glänzt rot im Abendlicht, fast so als wäre er beleuchtet.

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#31 Jonas und ich

20. November 2010 at 14:48 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , , , , )

Wie jeden Sonntag winkte ich dem roten Auto nach, in dem Jonas wieder in den Alltag zurückkehrte, bis es um die Ecke bog und verschwand. Ich fröstelte, es begann kalt zu werden und die Tage wurden immer kürzer. Ich zog die Weste enger um mich, nahm die Post aus dem Briefkasten und verschwand in meine kleine Wohnung.

Die Sonntage waren immer viel zu kurz. Es gab tausende Dinge, die ich Jonas beibringen und zeigen wollte, es gab so viel zu erforschen, das ihm nicht entgehen durfte. Die Sonntage waren der Lichtblick meiner Woche und die Besuche von Jonas der einzige regelmäßige soziale Kontakt, den ich pflegte. Jonas war mir wichtig, Jonas war schließlich mein Sohn.

Als er auf die Welt kam, hatte ich versprochen, dass alles anders werden würde. Ich würde weniger arbeiten und mehr Zeit für die Familie haben. Ich würde die Forschung erstmalig nicht den vordersten Platz auf meiner Prioritätenliste einnehmen lassen. Ich würde mit den Gedanken nicht mehr im Labor sein, wenn ich nach Hause kam, sondern ganz bei Jonas. Ich würde, ich würde… Natürlich kam es anders.

Es begann mit einem Experiment, das ich noch fertigstellen wollte, bevor ich mich endlich niederließ und häuslich wurde, so wie man das von Menschen in meinem Alter erwarten konnte. Das Experiment war vielversprechend und das Ergebnis umso mehr: Wir waren einen gewaltigen Schritt weiter in der Forschung zur Bekämpfung von Krebs. Wie hätte ich da aufhören können? Wie hätte ich meine jahrelangen Bemühungen an diesem Punkt in die Hände eines anderen Forschers legen können? Ich dachte, ich wäre so kurz vor dem Ziel und in ein, zwei oder auch drei Monaten würde ich die Hände in den Schoß legen können und das Familienleben genießen – nachdem ich ein Verfahren entwickelt hatte, um die bösartig wuchernden Krebszellen dauerhaft unschädlich zu machen.

Doch nach diesem wegweisenden Experiment ging es nur langsam voran. Ein Schritt nach vorne, zwei zurück, das schien das neue Muster zu sein, nachdem meine Forschung ablief. Aus Monaten wurden Jahre. Ich versäumte Jonas erste Schritte, seine ersten Worte und auch seine ersten Experimente (was passiert mit dem Goldfisch, wenn ich ihn im Klo runterspüle und ähnliche Versuche). Dann kamen die Scheidung und der Entzug des Sorgerechts. Was übrig blieb, waren die Sonntage. Die Sonntage, an denen ich versuchte, meinem mittlerweile siebenjährigen Sohn zu zeigen, was ich den Rest der Woche machte und warum ich nicht nach Hause kommen konnte, obwohl ich ihn liebte.

Ich kann nur hoffen, dass er eines Tages, wenn er älter ist, zurückblicken kann und sagt, dass seine Kindheit, obwohl er nicht beide Elternteile stets um sich hatte, gut war. Dass er die Sonntage genossen hat und vielleicht sogar, dass sie ihn dazu motiviert haben, selbst in die medizinische Forschung zu gehen. Und dass er stolz auf seine Mutter ist, die bis dahin hoffentlich einen Weg gefunden hat, die Menschheit von Krebs zu heilen.

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#27 Neuanfang

10. September 2010 at 14:56 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , )

Zurückzukommen war schwierig, schwieriger als ich gedacht hatte. Aber immer noch bei Weitem einfacher, als mich meinen Eltern zu stellen. Drei Jahre hatte ich ihnen Karten von da und dort geschickt, ohne jemals anzurufen und ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, mich zu kontaktieren. Ich hatte Angst vor ihrem Urteil über das, was ich aus meinem Leben gemacht hatte.

Zaghaft klopfte ich an die Tür meines Patenonkels. Ich hatte mich immer gut mit ihm verstanden, seine Frau war wie eine Mutter zu mir gewesen, wenn ich auf Besuch gewesen war, und mit den beiden Söhnen hatte ich Abfangen und Computer gespielt. Ich konnte nur hoffen, dass Robert und Martha die Vermittlerposition einnehmen würden, um meinen Eltern zu erklären, wie es um mich stand.
Die Tür wurde mir geöffnet und Robert stand in Pantoffeln, Jogginghosen und kariertem Hemd vor mir und sah mich fragend an.

„Doreen“, sagte ich und streckte ihm die Hand entgegen. Er schüttelte sie verwundert, unsicher darüber, was ich von ihm wollte.
„Bei unserem letzten Treffen war mein Name noch David.“ Er sah mich immer noch skeptisch an. „David Heckhouse.“

Roberts Blick wanderte nun ungläubig über meine geschminkten Augen und Lippen, das schulterlange Haar, meine Brüste bis hin zu den rot lackierten Zehennägeln, die aus den Sandalen hervorlugten.
„David Heckhouse“, murmelte er und schüttelte dabei den Kopf.
„Du weißt ja, dass ich mich nie richtig wohlgefühlt habe, in meinem Körper?“, setzte ich zu einer Erklärung an.

„Wer ist an der Tür, Schatz?“, rief Martha aus dem Hintergrund.
„Besuch. Wir kommen gleich, Liebling!“, schrie Robert zurück.
„Wissen deine Eltern davon?“, wandte er sich wieder mir zu. Er reihte seine Worte vorsichtig aneinander, so als könnte eine unbedachte Aussage mich dazu bringen, Amok zu laufen.
Ich schüttelte den Kopf. „Ich hatte gehofft, ihr könntet es ihnen vielleicht schonend beibringen?“

Robert nickte langsam. „Gehen wir in die Küche und besprechen wir das mit Martha.“ Er griff nach meiner Tasche, die mit den wenigen Besitztümern, die ich seit meinem Ausbruch aus dem Familienleben angesammelt hatte, gefüllt war.
Unschlüssig blieb ich auf der Türschwelle stehen und zupfte mein T-Shirt zurecht. „Könnten wir vielleicht noch warten, bis wir Steve und Richard davon erzählen?“
Wieder nickte Robert langsam, bevor ich ihm ins Haus folgte.

Auch Martha trug meine Offenbarung mit Fassung. Sie hielt es sogar für eine gute Idee, ihren Söhnen vorerst nicht zu sagen, wer ich wirklich war. Sie sollten mich erst als nette junge Frau kennenlernen, ehe sie erfahren würden, dass ich früher der nette junge Bursche gewesen war, mit dem sie in ihrer Kindheit gespielt hatten.
Wir lachten sogar ein bisschen, als wir eine neue Übergangsidentität für mich erfanden und entschlossen uns schließlich doch dagegen, mich als Doreen aus Aberdeen vorzustellen. Ich würde schlicht und einfach die Tochter einer alten Bekannten von der Westküste sein.

Wahrscheinlich hätte ich stutzig werden müssen, als Richard darauf bestand, mir den Sessel zurechtzurücken und während unserem ersten gemeinsamen Abendessen immerzu mit mir scherzte. Ich fühlte mich geschmeichelt, ich wurde von ihm als Frau akzeptiert und so übersah ich geflissentlich Marthas warnende Blicke.
Wie hätte er auch wissen können, dass ich sein einstiger Spielgefährte war? Ich hatte immer schon einen sehr zarten, eher weiblichen Körperbau gehabt, wegen dem ich in der Schule gehänselt worden war, und die Hormontherapie hatten die letzten Anzeichen von Männlichkeit verwischt.

Ich musste mir außerdem eingestehen, dass ich mich schon immer zu Richard hingezogen gefühlt hatte. Er war zwei Jahre älter als ich, ging mittlerweile zur Universität und spielte im dortigen Football-Team. Er hatte dazu schließlich auch den passenden Körper: groß, athletisch und muskulös. Und nun hatte ich endlich auch den richtigen Körper, um einen kleinen Flirt mit ihm zu wagen.

Ich hätte seinem Werben Einhalt gebieten müssen, als er abends leise an meine Zimmertür klopfte, aber ich hatte zu lange auf diesen ersten Kuss in einem Körper, in dem ich mich wirklich zuhause fühlte, warten müssen. Wie konnte ich auch ahnen, dass Martha, die stets besorgte liebevolle Mutter noch kommen würde, um mir eine gute Nacht zu wünschen?

Früh am nächsten Morgen bat mich Robert mit einem enttäuschten Ausdruck im Gesicht, sein Haus zu verlassen. Er hatte meine Eltern angerufen, das Auto wartete bereits vor der Tür. Der Schritt in mein eigenes, selbstbestimmtes Erwachsenenleben war nicht geglückt. Am Ende war ich wieder ein gescholtenes Kind, das nirgends so recht hingehörte.

Ich fühlte, wie ich in ein tiefes, schwarzes Loch aus Selbstzweifel zu sinken begann. Ich konnte mich meinen Eltern und ihren Fragen nicht stellen, ich konnte nur auf meinem Bett liegen und die weiße Zimmerdecke meiner Kindheit anstarren.
Tagelang brütete ich vor mich hin und tat nur das Nötigste, essen, Zähne putzen, aufs WC gehen. Auf einmal wusste ich nicht mehr, was ich mit dem neuen Leben machen wollte, dass ich mir durch viele Entbehrungen erkämpft hatte.

Am fünften Tag saß Richard plötzlich auf meiner Bettkante. Er beugte sich über mich, um mich zu küssen. Ich drehte den Kopf zur Seite.
„Ich bin keine richtige Frau“, flüsterte ich müde.
„Doch, ich habe nachgedacht und für mich bist du es“, antwortete er und startete einen zweiten Versuch.

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#26 Für immer jung

3. September 2010 at 14:38 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , )

„Pippi!“, rief ich in die Stille des großen Hauses hinein, während ich die Eingangstür hinter mir zuzog. „Wo bist du?“
Ich hörte es leise im Wandschrank kichern und sah durch einen Spalt, wie Leni zwischen Jacken und Mänteln kauerte und sich in die Faust biss, um nicht laut loszuprusten.
„Hmm… Hier ist sie nicht, ich werde sie mal in ihrem Zimmer suchen gehen“, verkündete ich lautstark und trampelte die Treppe hinauf, damit sie wusste, dass sie aus ihrem Versteck kommen konnte.

„Wo ist denn bloß die Pippi?“, wunderte ich mich, als ich ihr farbenfroh dekoriertes Zimmer wieder verließ. Langsam trottete ich die Stiegen wieder hinunter ins Vorzimmer, schaute mal links, mal rechts, bloß nicht geradeaus.
„Dann werde ich wohl wieder gehen, wenn sie nicht da ist…“, überlegte ich laut und war schon fast bei der Tür angekommen, als Leni, die auf der Türmatte gesessen hatte, plötzlich vor mir aufsprang. Ich griff mir ans Herz und tat so, als hätte ich mich fürchterlich erschrocken, bevor ich Leni umarmte und ganz kurz hochhob.
Das alles gehörte zu unserem kleinen Ritual, das sich jeden Donnerstag, wenn ich sie nach der Arbeit besuchen kam, abspielte. Es war mit den Jahren immer schwieriger geworden, sie zu übersehen und mit dem Hochheben hatte ich auch zunehmend Probleme.

Leni nahm mich an der Hand und zog mich in die Küche. Ihre Mutter saß am Küchentisch, wo sie stets ihre Kreuzworträtsel löste und begrüßte mich freundlich.
„Na Mädels, wollt ihr einen Kakao und Kekse?“, bot sie uns an.
„Jaa!“, rief Leni und klatschte in die Hände. Sie holte ihre zwei Lieblingstassen für uns aus dem Schrank, eine mit Winnie the Pooh darauf, die andere zeigte Pippi Langstrumpf.
„Sie hat heute kein Mittagsschläfchen gemacht, es kann sein, dass sie schnell müde wird“, warnte mich ihre Mutter unterdessen leise.

„Und was willst du heute machen?“, fragte ich Leni, während ich vorsichtig das Tablett mit Kakao und Keksen über die Stiegen und hinauf in ihr Kinderzimmer trug.
„Liest du mir vor?“, fragte sie und holte schon ihr Lieblingsbuch aus dem Regal. Pippi Langstrumpf. Ihre Vorliebe für das freche Mädchen mit den rot-orangen Haaren war nicht der einzige Grund, warum wir sie Pippi nannten.

Wir machten es uns auf ihrem großen Bett gemütlich und sie legte den Kopf in meinen Schoß, ihr Lieblingsplüschtier, ein Pferd wie das von Pippi Langstrumpf, im Arm. Ich begann zu lesen und gemeinsam schauten wir die Bilder an, so lange, bis Leni langsam die Augen zufielen.

Ich betrachtete ihr hübsches Gesicht, während sie friedlich schlummerte. Sie war eine gutaussehende junge Frau geworden, in den letzten dreiundzwanzig Jahren. Wir kannten uns praktisch seit unserer Geburt, doch sie war auf dem geistigen Niveau einer Sechsjährigen steckengeblieben.
„Gute Nacht, Pippi“, flüsterte ich, als ich ihre Kuscheldecke über ihren erwachsenen Körper zog und an den Seiten feststeckte, bevor ich das Licht löschte und meine große kleine Freundin schlafen ließ.

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#17 Schuldig

20. April 2010 at 23:16 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , )

Es begann mit einem gefalteten Zettel, der auf meiner Türmatte lag. Ich hob ihn auf und las, was darauf stand: „Wir wissen, was Sie getan haben.“ Die Buchstaben waren in bester Erpressermanier aus der Zeitung ausgeschnitten und nebeneinander geklebt.
Insgeheim hatte ich gewusst, dass dieser Tag kommen würde, der Tag, an dem mich jemand zur Verantwortung ziehen würde. Die letzten Wochen und Monate war ich jedem Menschen mit der Furcht begegnet, dass er derjenige sein könnte, der es wusste, der mich anschreien und fragen würde, was ich mir dabei gedacht hatte. Tagsüber lebte ich in ständiger Angst. Und nachts waren da diese schrecklichen Bilder, das Mädchen, blutüberströmt…
Ich musste mich am Türstock festhalten, mir wurde leicht schwarz vor Augen. Auf zittrigen Beinen wankte ich nach drinnen und verriegelte die Tür fest hinter mir. Ich verließ den ganzen Tag das Haus nicht.

Am nächsten Morgen lag ein neuer Zettel vor meiner Tür. Darauf waren nur vier Worte: „Schämen Sie sich nicht?“ Oh doch, und wie ich das tat. Die letzte Nacht hatte ich kaum geschlafen, die Bilder in meinen Alpträumen waren intensiver als je zuvor. Doch das Schlimmste war dieser flehende Blick des Mädchens, ehe ich mich von ihr abwandte und sie ihrem Schicksal überließ.
Wieder blieb ich zuhause. Wer waren diese Erpresser? Und was wollten sie von mir? Meinen Tod? Oder nur Geld? Ich würde warten müssen, bis sie ihr grausames Spiel auf die Spitze getrieben hatten.

Eine schlaflose Nacht, ein neuer Morgen, ein neuer Brief. „Was haben Sie sich dabei gedacht?“ Ich konnte nicht mehr, ich war am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Ich tat das Einzige, das mein Gewissen erleichten konnte, damit ich diesen Erpressern den Wind aus den Segeln nehmen konnte. Ich stellte mich der Polizei. Wie viele Jahre konnte man für einen Unfall mit Fahrerflucht denn bekommen? Und vielleicht würde ich dann endlich wissen, ob das Mädchen noch lebte…

Am Tag der Einvernehmung lag ein letzter Zettel vor meiner Tür. Was wollten sie denn noch, ich hatte mich doch schon gestellt? Dieser Brief war aber nicht so, wie die anderen. Er war in blauer Tinte und Schreibschrift verfasst:
„Lieber Herr Nachbar! Ich muss mich herzlichst bei Ihnen entschuldigen, eben habe ich meine Söhne dabei erwischt, wie Sie einen weiteren „Erpresserbrief“ für Sie gebastelt haben. Ich hoffe, Sie haben diesen kindischen Scherz nicht allzu ernst genommen! Meine Söhne werden Sie jedenfalls nicht wieder belästigen. Vielen Dank für Ihr Verständnis, mit freundlichen Grüßen, Helga“

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