Adventsgeschichte: Teil 23

23. Dezember 2010 at 09:58 (Adventsgeschichte) (, , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen. 

„Na gut“, fügte Marcel hinzu und hob hilflos die Schultern. Er hasste Abschiede. Er hatte immer Angst, dass die Frauen wie seine Mutter zu weinen begannen. „Dann war’s das wohl. Auf Wiedersehen, Jana.“ Er blickte ihr ein letztes Mal in die braunen Augen.
„Auf Wiedersehen, Marcel“, antwortete sie und hielt seinem Blick stand. Er konnte nicht anders, er musste sich nach vor beugen und sie küssen.
Aber Jana kam ihm zuvor und presste ihm den Zeigefinger auf die Lippen. „Nicht“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Wenn das Schicksal es will, dann werden wir uns wiedersehen. Aber jetzt wartet unser neues Leben auf uns.“

So trennten sich Janas und Marcels Wege nach dem Schneesturm wieder.
Marcel reiste gleich am nächsten Tag ab, um für sich und seine Mutter eine Wohnung in der Stadt zu suchen. Es war Marcels Mutter, die zu Jana und ihren Eltern kam, um ihnen die Hausschlüssel zu übergeben. Jana ließ sich ihre Enttäuschung nicht anmerken.

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#20 Der letzte Zug

20. Mai 2010 at 15:56 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , )

Seit ich mich erinnern konnte, wohnten wir in einem kleinen Häuschen direkt neben dem Bahnhof. Wir waren dort hingezogen, weil mein Vater bei der Bahn arbeitete. Er war dafür verantwortlich, dass aus den Schloten der Züge so schöner schwarzer Rauch herausqualmte. Er schaufelte die Kohlen.
Das Rattern der Züge bestimmte Mamas und meinen Alltag. Jede Stunde hielt ein Zug oder fuhr los. Das Puffen und Pfeifen der alten Züge gefiel mir, es beruhigte mich in seiner Regelmäßigkeit und wiegte mich nachts wieder in den Schlaf, wenn ich schlecht geträumt hatte.

Im Sommer stand ich oft in meinem Sommerkleidchen am Zaun und wartete, bis mein Vater nach Hause kam. Währenddessen winkte ich den Städtern, die in unseren Ort auf Sommerfrische kamen. Manchmal kamen sie heran um mich zu begrüßen, viele redeten in fremdländischen Sprachen mit mir. Ab und zu bekam ich Schokolade oder Bonbons von den Sommergästen zugesteckt.

An meinem siebten Geburtstag verrieten Mama und Papa mir, dass Mama ein Kind erwartete. Ich durfte an ihrem Bauch fühlen, wie es trat und sich bewegte.
Papa war die letzten Jahre kaum zuhause gewesen, er hatte oft gearbeitet, manchmal war er tagelang nicht von seinen Reisen zurückgekehrt. Als das Baby da war, wurde alles anders. Etwas stimmte nicht mit ihm. Es sei krank und könnte sich nicht richtig bewegen, vielleicht niemals gehen, erklärten meine Eltern mir.
Papa war fortan öfter zuhause. Er spielte mit dem kleinen Mädchen, das immer lustig mit den Augen rollte. Ich war traurig. Mit mir hatte Papa nie so viel gespielt. Ich blieb draußen und winkte den Zügen nach.

Meine Schwester und ich wuchsen heran. Nicht nur mit ihrem Körper war etwas falsch, auch ihr Kopf funktionierte nicht richtig, sagte mir Papa. Er verbrachte viel Zeit mit ihr. Er wollte sie wieder gesund machen, mit ihr gehen und reden üben, sagte mein Vater verzweifelt. Mein Vater hatte auf seinen Reisen viel gehört, schlimme Dinge. Er wollte nicht mit uns darüber reden, nicht einmal mit Mama. Er sagte nur, er müsste meine Schwester gesund machen, bevor es zu spät war. Ich war nicht mehr eifersüchtig auf sie.

Der darauffolgende Sommer war seltsam. Statt den fröhlichen Sommerfrischlern blickten verängstigte Menschen aus den Zügen. Sie standen dicht an dicht in zerlumpten Kleidern nebeneinander. Die Züge hielten für gewöhnlich nicht mehr, sondern fuhren durch die Station. Ich winkte, manche winkten verzagt zurück, doch niemand schien sich wirklich zu freuen, Zugfahren zu dürfen.

Eines Morgens flatterte ein Brief in unser Haus. Darin stand, dass meine kleine Schwester in ein Krankenhaus fahren sollte, wo ihr geholfen werden konnte. Mein Vater wurde kreidebleich. Ich verstand nicht, was er hatte – ich hielt das mit meinen elf Jahren für eine gute Idee. Die Ärzte würden ihr vielleicht helfen können. Aber mein Vater weigerte sich, sie gehen zu lassen. Tage späte klopfte es an unsere Tür. Mama öffnete, ich war gleich hinter ihr. Ich war neugierig, denn wir bekamen nur selten Besuch.

Zwei Männer standen da und lächelten nicht. Sie kämen um meine kleine Schwester jetzt abzuholen, für die Kur im Krankenhaus. Mama zitterte. Das Zittern war auch in ihrer Stimme, als sie meinen Vater rief. Er kam, mit seiner Tochter auf dem Arm. Sie rollte lustig mit den Augen.
„Ist das denn wirklich notwendig?“, flehte mein Vater und drückte sein Kind fest an sich. „Sehen Sie sie doch an, sie tut keiner Fliege etwas zuleide…“
„Aber sie ist krank“, gab einer der Männer harsch zurück und streckte die Hand nach dem kleinen Mädchen aus. Mama schluchzte in ihre Schürze hinein.

„Wenn sie gehen muss, gehe ich mit ihr“, erwiderte mein Vater mit fester Stimme.
„Das ist eine Dummheit“, gab der zweite Mann zurück. Ohne ein weiteres Wort zu den Männern beugte sich mein Vater zu meiner Mutter herunter und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Er flüsterte ihr beruhigende und entschuldigende Worte zu.
Dann strich er mir sanft übers Haar und sagte: „Pass gut auf deine Mama auf.“
Ich lief ihm bis zum Zaun nach, sah, wie er aufrecht und würdevoll in den wartenden Zug stieg, der zum ersten Mal seit langem in der Station hielt. Darin saßen die traurigen Menschen. Papa winkte, während eine Träne seine Wange hinunterrollte. Meine kleine Schwester hielt er sicher auf dem Arm.

Er winkte. Ich winkte zurück, während sich der Zug langsam in Bewegung setzte, über die Schienen losratterte, einem unbekannten Ziel zu. Ich winkte und winkte immer noch, als der Zug längst verschwunden war. Es war das letzte Mal, dass ich meinen Vater und meine Schwester sah. Züge sah ich noch viele, doch ich winkte nicht mehr.
Der letzte Zug war abgefahren.

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#3 Der Tod kommt leise

27. Dezember 2009 at 16:17 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - traurig) (, , )

Als ich abends nach Hause kam, begrüßte mich nicht wie üblich der köstliche Duft frisch gekochten Essens. Kein gebratenes Fleisch, kein gedünsteter Fisch. Nichts.
Hilde ließ nach, in letzter Zeit. Wir wurden beide nicht jünger, natürlich. Aber bis jetzt hatte sie meine Wünsche doch immer respektiert. Wie eben meine Vorliebe dafür, mich nach einem langen Tag zu meinem fix und fertig vorbereiteten Essen zu setzen.

Wahrscheinlich war Hilde wieder einmal vor dem Fernseher eingeschlafen. Die Stimmen hallten mir schon entgegen, während ich den Flur entlang ging. Als ich das Wohnzimmer betrat und mich der Couch von hinten näherte, hielt ich kurz inne. Sie zeigten in den Nachrichten gerade, wie eine Katze von der Feuerwehr aus einem brennenden Haus gerettet wurde. Gab es denn nichts Wichtigeres zu berichten?

Der Raum war abgedunkelt, wie immer, wenn Hilde fernsah. Ich hatte das Licht nicht angeknipst, als ich hereingekommen war, versteht sich. Ich wusste ja, wie unangenehm es war, plötzlich von grellem Licht geweckt zu werden. So zuckten nur die bunten Fernsehbilder über den Boden und warfen ihre Schatten an die Wände.

Ich hatte die Couch nun umrundet und da lag Hilde, in ihrer typischen Pose. Den Kopf in die Armbeuge gelegt, die Fernbedienung vor sich, die Augen geschlossen. Ganz friedlich.
Doch etwas war anders als sonst. Ihre Brust hob und senkte sich nicht im Takt ihres Atems. Ich erschrak nicht, als mir das klar wurde, wahrscheinlich war die Realität noch nicht bis zu mir vorgedrungen.
Ich hielt mein Gesicht ganz nah an ihres, berührte sie sanft an der Wange – doch sie regte sich nicht.

Als ich morgens aus dem Haus gegangen war, war es ihr doch noch gut gegangen? Oder hatte ich etwas übersehen?
Nun war sie tot. Und ich wusste nicht, ob sie mit der Gewissheit eingeschlafen war, dass ich sie auch liebte. Sie selbst war ein sehr liebesbedürftiger Mensch gewesen, sie mochte den Körperkontakt und hatte mich regelmäßig liebkost. Aber mir war das manchmal zu viel geworden und ich war einfach gegangen, ohne Erklärung. Und tagelang nicht wiedergekommen.
Ich hatte ihr wohl des Öfteren weh getan. Was für ein Dank für alles, das sie für mich getan hatte.

Im nächsten Leben würde ich es besser machen. Blieben ja noch acht.
Ich miaute zum Abschied leise und verschwand in der dunklen Nacht.

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#1 Abschied

8. Dezember 2009 at 00:42 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , )

Als ich erfuhr, dass ich sterben würde, weinte ich um mein Leben. Das, das ich hatte und das, das ich nie erleben würde. Ich dachte an meine Freunde und meine Familie, an all die Menschen, die ich zurücklassen würde. Ich dachte sogar an die wenigen, die ich nicht ausstehen konnte und ob es jetzt an der Zeit wäre, sich mit ihnen zu versöhnen oder sie wenigstens mit all ihren Macken so gut kennenzulernen, dass es mir unmöglich war, sie zu hassen. 

Gerne würde ich sterben und alles „in Ordnung“ hinterlassen, so dass jeder, der mich gekannt hatte, sagen würde: „Sie war eine fabelhafte junge Frau.“ Doch dann entschied ich mich dagegen – ich würde den Menschen meine Zeit widmen, die mich ohnehin schon liebten. 

In maximal – und maximal heißt, dass es auch morgen schon so weit sein könnte, wie der Arzt mehrmals betonte – in maximal drei Wochen also sollte es zu Ende sein. Die Schmerzen würden zunehmen, von Tag zu Tag ein bisschen mehr oder auch in Schüben. Wenn ich Glück hatte, so sprach der Doktor, würde es kürzer als drei Wochen dauern, schnell und schmerzlos über die Bühne gehen.

Glück nannte er das. 

Nein, ich wollte es auskosten, ich hatte mein Leben bewusst gelebt, also wollte ich auch bewusst sterben. Krank? In der Tat, ich bin krank, darüber besteht kein Zweifel. Lebensmüde? Bestimmt nicht. 

Ich dachte an all die Dinge, die ich noch erleben wollte – oder erleben hatte wollen.
Eine Weltreise machen.
Ein Buch schreiben.
Eine Familie gründen.
Im Lotto gewinnen.
Das Nordlicht sehen.
Von einem Mann auf dem Eiffelturm geküsst werden.
Einen Sonnenuntergang am Meer sehen.
Mit den Delfinen schwimmen… 

Ich hatte aufgehört zu weinen. Kurz schloss ich die Augen und machte meine Weltreise: Ich ging im Central Park in New York mit George Clooney spazieren, trank Tequila in Mexiko mit Männern mit ausladenden Sombreros auf dem Kopf, fuhr fröhlich mit finsteren Mafiosi auf einer Gondel durch Venedigs Kanäle, kletterte mit dem Kaiser von China auf der Chinesischen Mauer, streckte mit Nelson Mandela die Zehen ins Meer vor der Elfenbeinküste… 

Auf meiner Weltreise erledigte ich noch schnell einige andere Dinge auf meiner Liste. Schade war nur, dass ich keine Fotos machen konnte. Aber mit der richtigen Software würde sich da wohl etwas zusammenschneiden lassen.
Ich öffnete die Augen wieder. Ich war etwas müde nach meiner Weltreise, der Jetlag machte mir ein wenig zu schaffen, aber ich war nicht mehr traurig. 

Wenn du weißt, dass du sterben wirst, verlieren die materiellen Dinge an Wichtigkeit. Was zählt, sind die Erinnerungen, die du in der Welt zurücklässt. Da waren Momente, die bleiben würden, auch wenn ich ging. 

Der Abend in Kindertagen, an dem meine beste Freundin und ich uns Geschichten erzählt hatten, bis wir einschliefen, als die ersten Sonnenstrahlen uns an der Nase kitzelten. 

Der Tag, an dem mein Vater mir das Fahrradfahren beibrachte und am Ende erschöpfter war als ich, weil er immer hinter mir her laufen hatte müssen.

Der Morgen, an dem meine Mutter mich weckte, indem sie mir eine kleine Katze aufs Bett setzte, die im Nu ein fixer Bestandteil unserer kleinen Familie war.

Die Viertelstunde, die ich mich an meinen Bruder festkrallte, als er mich letzte Woche in waghalsigem Tempo auf seinem klapprigen alten Moped zum Bahnhof brachte. 

Der Vormittag, als ich mit meiner kleinen Schwester das Lesen übte, mit meinem Lieblingskinderbuch. 

Mein erster Kuss in irgendeinem verrauchten Partykeller mit einem Jungen, der nun schon lange keine Zahnspange mehr hatte. 

Und schließlich der Tag, an dem wir alle zusammen Omas Geburtstag gefeiert hatten, draußen im Garten, und es plötzlich so stark zu regnen begonnen hatte, dass wir alle klatschnass waren und uns vor lauter Lachen nicht mehr einkriegen konnten.

Ob sich meine Liebsten an dieselben Dinge erinnern würden, wie ich? Vermutlich nicht. Es würden andere Momente sein, die sie an mich erinnerten. Vielleicht würden sie an mich denken, wenn sie einen Kirschkuchen buken, einen Spaziergang durch den Herbstwald machten oder sich den Kopf an der Autotür stießen. Wer weiß. 

Ich lächelte. Und lebte glücklich und zufrieden bis an mein Lebensende, weil ich wusste, dass ich in den Gedanken derer die mich liebten weiterleben würde.

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